|
Joubert |
Zu spät .
Schicksalhafte Worte?
Auf jeden Fall schienen sie mein Leben zu bestimmen,
auch wenn sie auf Niemanden weniger zutrafen,
immerhin
konnte man doch die Uhr nach mir stellen hieß
es oft.
"Liese, "Du mußt mich nicht immer so
antreiben",
sagte Enkel Tim und grinste genervt, "diese
jüdische Hast geht mir auf den Senkel,
ich komme schon nicht zu spät, wirst
es sehen."
Ja ich sah es, denn natürlich war sein
Begriff von Pünktlichkeit mit
dem meinen absolut nicht kompatibel und mit
dem der meisten anderen Leute auch nicht.
Was er durchaus gelassen sah.
"Ich verpasse schon nichts, das wichtig wäre",
tönte er und legte die
langen Beine hoch, um kurz vor seinem Einstellungsgespräch
noch mal
zu relaxen wie er neudeutsch erklärte.
Verdammt noch mal, ich sah mir das an, die
Ameisen in meinem Bauch tanzten
Czardas und dann zog ich ihm mit einem Ruck
den Sessel unter den Beinen weg,
so daß seine Füße mit einem
hörbaren Plumps auf dem Teppich landeten.
"Das mußt Du verstehen Junge, die etwas
zittrige Stimme meiner nun
90-jährigen Mutter klang heiter; "Deine
Oma Liese weiß eben,
daß "zu spät kommen" das Leben
kosten kann.
"Na das wüßt ich aber", knurrte
Tim unwillig, "diese extreme Angst,
zu spät zu was auch immer zu kommen,
die ist doch nicht normal."
Mir war nicht ganz klar, weshalb ich ihm am
liebsten Feuer unterm
Allerwertesten gemacht hätte, aber irgendwie
hatte ich das unwiderstehliche
Bedürfnis, ihn mit einer Mistgabel vor
mir herzutreiben.
Diese No- Future-Generation schien mir nichts
notwendiger zu haben,
als ein paar gezielte Tritte ins Heck.
(Hier erwarte ich gezieltes Lob aus der Leserschaft
für mein gelungenes Bemühen,
das durchaus gängige Wort ARSCH erneut
zu umschreiben)
Meine Mutter kicherte, "weißt Du Junge,
im Januar 1945 hat sich auch
Dein Leben entschieden, wäre Deine Oma
Liese damals nicht zum richtigen
Zeitpunkt am richtigen Platz gewesen, würdest
Du heute Dein
Einstellungsgespräch gar nicht wahrnehmen
können, denn es gäbe Dich überhaupt nicht."
"Was`n das wieder für ne Story Granny," Tim sah nicht sonderlich interessiert aus.
"Na ja, damals wurden die Wehrmachtsbestände
aufgelöst, weil der Krieg
verloren schien und die deutsche Armee sich
absetzte",
meine Mutter sah aus, als habe sie mal wieder
einen längeren
Rückblick in unsere Vergangenheit vor.
"In diesen Hallen waren die Kisten mit Lebensmitteln
bis unter die Decke
gestapelt und wir alle, immerhin dem Verhungern
nahe, stürmten diese Lager,
alles überrennend, das sich uns in den
Weg stellen wollte."
Mutter sah ihren Urenkel, der jetzt endlich
zuzuhören schien, aus ihren
etwas wässrigen weisen Augen an und ein
ganz kleiner Anflug der damaligen
Kampfbereitschaft schien kurz in diesen alten
Augen aufzuleuchten.
"Na und?" Tim tat noch immer etwas uninteressiert.
"Na ja, Deine Oma Liese und ich, wir waren
die Schnellsten bei dieser Aktion,
wir haben ganze 12 Kisten mit Fleisch und
Teigwaren beiseite schaffen können,
ehe wir von der nachfolgenden Menschenflut
überrannt werden konnten.
"Und jene, die glaubten, es sei besser, sich
lieber die Reste zu sichern,
nachdem die Lager geplündert waren, die
gehörten zu denen, die diesen
Winter nicht überlebt haben, denn es
gab keine Reste."
"Deine Oma Liese und ich aber, uns gelang es,
mit genau diesen Kisten bis
zum Mai 1945 auszuharren, als die Amerikaner
in die Stadt einfielen, und
die größte Not ein Ende hatte."
"Ja, ja, Granny," Tim tätschelte seiner
Urgroßmutter liebevoll die Wange,
"hast ja recht, Oma Liese ist ein Produkt
ihrer Zeit",
lächelnd nahm er seine Jacke auf und
schlenderte zur Tür hinaus.
Mutter und ich sahen uns an und dann meinte
Mutter ebenso lässig;
"Siehste Kind, so macht man das, der kommt
nicht zu spät und wir
beide können jetzt darüber nachdenken,
ob es immer so sinnvoll ist,
pünktlich zu sein, denn zumindest für
mich ist die letzte Verabredung
ja nicht mehr so arg lange hin."
Copyright LWarmeling