Spießbürgers Zivilcourage



Pfff...eigentlich würde ich lieber über den Begriff diskutieren,
anstatt ein Essay darüber zu schreiben, das ohnehin nur erbringen
kann, dass etwas, das ich für mutig halte, vielleicht doch nur
ziviler Ungehorsam ist.

Zivilcourage....das hat so einen leichten Touch von Heldentum.
War ich das jemals, ein Held?

Ganz sicher nicht.

Der Typ, der sich in der S-Bahn irgendwelchen rüpelnden Punkern in den
Weg stellt, werde ich schon allein deswegen nicht mehr, weil es
reichlich dämlich wäre, nicht vorhandene Wehrhaftigkeit als
Drohgebärde zu praktizieren.

Die Fähigkeit, auch nur einen Zwölfjährigen zum Stolpern zu bringen,
kam mir schon vor etlichen Jahren abhanden.

Na klar, ich habe schon mal mutig der Kassiererin an der
Supermarktkasse gesagt, dass ich nicht vor habe, mich von ihr beim
Einpacken so scheuchen zu lassen, dass ich Gefahr laufe, samt dem
Wechselgeld aus der Tür zu fallen.

O ja, und neulich, da habe ich in der NG einem nervigen Poster
heimgeleuchtet, dass sich die Bites und Bytes bogen.

Hat mir glatte 2 Stunden ein Gefühl von Tapferkeit vor dem Feind
verschafft.

Aber natürlich war es eher ein ungleicher Fight, denn das Kerlchen war
mir weder grammatikalisch, noch in der Produktion literarischer
Buttersäure gewachsen.

Soll das heißen, man bringt Zivilcourage nur immer auf, wenn man sich
auf der Gewinnerseite wähnt?  Gehört etwa zur Entwicklung von
Zivilcourage die Erwartung, sofort danach die Aura einer
Lichtgestalt zu verbreiten?
Hm, hm.

NEIN, so wollen wir das ja nun auch nicht abqualifizieren.

Ich bin noch bei einer anderen Gelegenheit mutig,
dann nämlich, wenn die Wut meine Vorsicht eliminiert.

Zuletzt demonstriert an einem höchst ereignisreichen Wochenende.

Dank des mir angeborenen starken Willens und vieler bunter
Pillen, Salben , sowie der etwas unwilligen Fürsorge meiner
Angetrauten: "willste hier noch lange rumjammern",
landete ich an einem Ort, an dem Zivilcourage eher
zweitrangig wird.

Wenn große Schmerzen, dann sollten diese sich nie an
einem Freitag Abend einstellen, oder man gerät in die Gefahr,
sehr schnell zum unerwünschten ETWAS mit dem Hang
zur Hypochondrie abgestempelt zu werden.

Die Schmerzen kamen in der Nacht und auf den Punkt genau im
rechten Oberarm und ließen die Nacht nicht nur zum Tag werden,
sondern scheinbar auch nicht enden.

Da kommen dann Gedanken auf wie:
"War's das, Woher, Warum... und ..wieso ausgerechnet ich?
Ich habe doch gar nichts getan".

Bei den so jammernden Wesen handelt es sich natürlich,
um Hypochonder.
Leidend schon bei der bloßen Vorstellung, was ihnen widerfahren
*könnte* und völlig unbeeindruckt davon, dass ärztliche Hilfe
an einem Freitag Abend etwa zu einem unbilligen Verlangen
mutieren könne.

Bis zu der Einsicht sollte es allerdings noch dauern.
Jetzt, in Ruhe zurückblickend, kann ich die Gelassenheit meiner
Umgebung durchaus verstehen.

Wer die Notaufnahme erreicht, ohne unterwegs die
Dienste eines Pflegers samt Trage beanspruchen zu
müssen, der kann nicht krank sein, der ist allenfalls leicht indisponiert.

Wahrscheinlich hatte man Besucherparkplatz und Notaufnahme so weit
auseinandergelegt, um die ernstlich Erkrankten bereits beim Anmarsch
von den Simulanten unterscheiden zu können, denn Letztere erreichten -
wie ich - immerhin noch auf den eigenen Beinen das rettende Ufer.

Gut getarnt, versteckt hinter winziger Beschilderung, unzähligen Türen
und nur direkt mittels einer Treppe im ersten Stock erreichbar, ließ
mich wohl nur meine gestählte Gesundheit durchhalten
- erst später bemerkte ich die direkte Auffahrt für den Notarztwagen.

Vor dem Menschen kommt die Prüfung seiner Solvenz durch die
Scheckkarte, danach die Frage was ich denn nun noch möchte...
falls es freundlicher klang, ist mir das entgangen.

"Mein Arm...aua..Herzinfarkt..." so ich, worauf sie einen Zettel
ausfüllten und mich/uns an eine weitere Adresse verwiesen.

"Durch diesen Gang, die letzte Tür rechts, Teppe hoch und
die zweite links, hieß es, worauf ich mich prompt verlief.

Gegen 6 Uhr morgens war wohl die Anzahl um mein Wohl
bemühter Menschen in diesem Umfeld ohnehin begrenzt
und Diejenigen die man findet, sind meist schlechter
dran an man selbst.

Ich überlebte nur dank meines unbändigen, eisenharten Willens
und wohl auch,weil meine Ehehälfte mein Gejammer nicht mehr
hören konnte, mir einen herumstehenden Stuhl unter den
Allerwertesten schob und auszog mir den Ort der Endhilfe zu suchen.

In der Zeit in der sie suchte, fanden sich andere Nachtfalter ein, die
mich schon rein optisch diagnosemäßig weit in den Schatten stellten.

Mit meinem Aussehen konnte ich hier keinen Blumentopf gewinnen...
Soforthilfe, Verständnis und lindernde Worte, das alles schien mir
nicht zuzustehen.

Zuerst aber kam meine Frau zurück, die mich an den Ort meiner
geplanten Erstversorgung verfrachtete.

Unterwegs begegneten wir mehreren belegten Brötchen, plus Kaffee incl.
der dazugehörigen Begleitperson.

Wir warteten, nach knapp einer halben Stunde kam die Begleitperson,
nun allerdings ohne Brötchen und Kaffee und winkte mir, immer
noch kauend: "Da rein!".

Im Behandlungsraum wurde ich dann der sogenannten Anamnese ausgesetzt.
Ein sicher nötiger Vorgang, aber die Fragestellerin hatte die störende
Gewohnheit, sich dabei die Reste des Brötchenfrühstücks schnalzend aus
den Zähnen zu saugen und schien an mir und meinem Arm ungefähr so
interessiert wie an dem berühmten Reissack in China.

Worauf ich dann, da ja Zivilcourage und Wut nun mal eine unheilige
Allianz bei mir einzugehen pflegen, explodierte.
Die Zahnsaugerin absoluter Unprofessionalität in Verbindung mit
persönlicher Lahmheit beschuldigend, rief ich lautstark nach einem
Arzt, mit der Androhung, wenn der sich jetzt nicht sofort, dann würde
ich aber.....der Rest blieb im Dunkel.

So schnell habe ich noch nie einen Weißkittel aus dem Hintergrund
auftauchen sehen.

"Mir tut mein Arm, ....vielleicht Herzinfarkt aua....", naja hatten
wir wohl schon.

Kein Blut zu sehen, nichts geschwollen, keine Einschränkung der
Beweglichkeit....ansonsten Typ Wohlstandsbürger, gut genährter,
urlaubsbrauner body.... ich war vollends auf der Verliererseite
angekommen.

Mit fünf harmlos aussehenden Pillen und dem Hinweis, dass man hier
nichts mehr für mich tun könne, war ich entlassen.
Getröstet allenfalls durch die Worte, dass ich bereits am Montag damit
meinen Orthopäden nerven, aehmm konsultieren könnte.

Wie? Was?

Was das alles mit Zivilcourage zu tun hat?

War's etwa nicht mutig, im Sinne von zivilcouragiert, die Bande dort
kräftig aufzumischen?
Oder wann haben Sie zum letztenmal die Klingen mit jemandem gekreuzt,
der sie mittels einer Spritze mit Leichtigkeit hätte aus dem Verkehr
ziehen können?
Na also !!!

Ansonsten aber hat sich erwiesen, dass Zivilcourage eine enorme
Bandbreite hat.

Sie kann sich durchaus im Widerstand gegen die Unbill alltäglicher
Ereignisse beweisen. In meinem Fall dann leicht abgeschwächt durch
meine subalterne Ehefrau, die glaubte, sich für ihren aufbrausenden
*Helden* dann doch die Absolution des Klinikarztes erbitten zu müssen.

Ich werde diese rückgratlose Umfallerin nie wieder mitnehmen.

Die Einsicht, dass die Version vom strahlenden Helden mir wohl nicht
auf den Leib geschrieben sei, stellte sich dann aber doch ein.

Und so begnüge ich mich von Zeit zu Zeit damit, mich vor dem Spiegel
aufzubauen, Entschlossenheit im stählernen Blick und leise zu
murmeln.... "denen hab ich's aber mal wieder gegeben."

(C) L.Warmeling