
Sie lag mit gespreizten Beinen auf einem verlotterten
Bett und schrie.
Messerscharf durchschnitt der Schmerz ihren
gepeinigten Leib,
schien sie buchstäblich in zwei Teile
zu spalten.
" Es soll aufhören, es soll aufhören,
ich kann das nicht aushalten, ich kann nicht, kann nicht"
ihre Schreie wurden gellend.
"Dat hat noch jede ausjehalten" die fette
Frau mit den aufgerollten Ärmeln
neben dem Bett sah sie verächtlich an.
" Nu halt mal die Fresse Kleene,
ick kann dat Gestöhne nich mehr hörn,
wir habn et ja bald.
"Wo bleibt er denn, er kann mich doch hier
nicht alleine lassen, dieser Schuft,
er muss mir doch helfen, wie soll ich denn
je meiner Familie klarmachen
was geschehen ist," Friedrike schluchzte stoßweise.
"Na dat is vielleicht en hoffnungsfrohes Pflänzchen,"
die Dicke trug eilfertig eine große
Wanne heißes Wasser herbei ,
hielt dann einen Moment inne und beugte sich
prüfend über die Gebärende.
"En ER jibet wohl immer, nur werden die alle
in den seltensten Fällen je
wieda jesichtet," sie lachte rauh und klopfte
Friederike tröstend auf den Unterarm.
"Un wie ick dat sehe, wirste ja nix klarmachen
müssen, ick denke,
dat Kinde wird zur Adoption freijejeben, oder
."
Sie sah Friedrike misstrauisch an. De weeste
doch Kind, dat war die Abmachung.
Wennste dir dat anders überlejst, dann
sach et direkt, dan kannste
nämlich zusehn, wer dir hilft, icke nich.
Ihr Blick war hart geworden.
" Er kommt, er kommt sicher, er liebt mich
und er hat gesagt,
er liebt auch unser Kind, auch wenn es unehelich
geboren wird."
"Klar doch, klar doch, drum hat er dann wohl
och dafür jesorcht,
det de hier niederkommen kannst. Weil er so
stolz druff is."
Jetzt lachte die Alte offen und unter diesem
höhnischen Gelächter
wurde Benjamin geboren.
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Wer seine biologischen Eltern waren erfuhr
er nie.
Er wuchs als Sohn einer begüterten deutschen
Einwandererfamilie in London auf.
Behütet und den traditionellen englischen
Werten verpflichtet.
Niemand weiß, wieso er sich dennoch zum Rebell entwickelt.
In den 20er Jahren schreibt er Romane, die
eindeutig tendenziös sind
und seine Sicht auf die Tagespolitik widerspiegeln.
Das ist ein Novum. Bisher hatte man sich in
Großbritannien zu diesem
Thema eher in mehr oder weniger lancierten
Berichten und
Zeitungsartikeln geäussert.
Benjamin bricht also mit einem Tabu, als er
gesellschaftskritische
und politische Bezüge in Romanhandlungen
aus Liebe, Leidenschaft und Hass einbringt.
Seine Bücher haben einen Riesenerfolg,
bringen sie doch zum erstenmal
auch dem normalen lesenden Bürger einen
klaren Überblick über das,
was in ihrem Land passiert und keineswegs
immer in ihrem Sinne ist.
Er avanciert innerhalb weniger Jahre zum meistgelesenen Autor im englischen Sprachraum. Man sucht seinen Rat, drängt ihn zur Übernahme politischer Ämter und wählt ihn 1837 zum ersten Mal für die Tories ins Parlament.
Mit Gesinnungsfreunden gründet er eine
Erneuerungsgruppe innerhalb
der konservativen Partei und stellt sein Programm
der Öffentlichkeit in
Form einer Roman-Trilogie vor.
Was er für weitaus wirkungsvoller hält,
als politische Vorträge.
Unermüdlich vertritt er seine, für
damalige Zeiten rebellischen Thesen, wie Politik auszusehen habe.
Nie verliert er seine Ziele aus den Augen,
weder beruflich noch privat.
Er hat so gar nichts von seiner eher träumerisch,
naiven Mutter, die ihn unter so ungünstigen Umständen geboren
hat.
Würde er je erfahren haben wie zielsicher
sein biologischer Vater deren
Niederkunft plante, die seine Adoption einschloß,
dann hätte Benjamin
viel von dessem kalt berechnenden Wesen auch
in sich erkannt.
Als er heiratete, war auch das eher eine Allianz.
Liebe etwas,
das man zwar zu kennen behauptete, aber im
Grunde als
*Schwäche der Plebejer* verachtete.
Eine erste Gemütsbewegung sah man ihm
bei der Geburt seines
Stammhalters an, aber es war auch seine letzte,
denn dieser Sohn sollte
später keine der in ihn gesetzten Hoffnungen
erfüllen.
Die Gene einer Großmutter, die er niemals
kennen lernen würde,
hatten sich in ihrem Enkel durchgesetzt.
1848 wird der Ehrgeizling Führer der konservativen
Partei. und ab 1852 Schatzkanzler.
In der Weihnachtszeit desselben Jahres ging
ein Bericht über den neuen
Schatzkanzler, zusammen mit dem Foto seiner
Familie durch die
Londoner Gazetten, das Jahre später,
zweckentfremdet als Einwickelpapier,
im fernen Australien zu einigen sehr spektakulären
Reaktionen führte.
1855
Es hatte die ersten Goldfunde in Victoria
und New South Wales gegeben
und die Abenteurer der ganzen Welt waren hier
gelandet.
Nachrichten aus der Heimat waren selten und
kostbar.
Das Foto wurde von Hand zu Hand gereicht und
gelangte, reichlich zerfleddert,
in Friedrike B.‘s Goldgräberbar in Victoria.
An diesem Abend wurde die Bar, ungeachtet
aller Proteste; bereits lange
vor Mitternacht geschlossen.
Die Inhaberin , Friederike von Bast, sei plötzlich
erkrankt hieß es.
Eingeweihte aber wussten, dass die betagte
New-Australierin tagelang im
abgedunkelten Zimmer verblieb und als sie
die Bar mit einem rauschenden Fest
wieder eröffnete hing direkt über
der Bar, in elegantem Goldrahmen und
unter Glas das Foto der victorianischen Weihnacht.
Das Gesicht des Schatzkanzlers leicht gewellt,
als sei es nicht ganz gelungen ,
die Spuren der langen Reise aus dem Mutterland
wieder zu glätten.
Die Gerüchte aber, es handele sich bei
den Personen auf dem Bild um
Friederike von Bast‘s Bruder mit seinem berühmten
Adoptivsohn Benjamin und
dessen Familie, wollten nie verstummen.
Die volle Wahrheit würde nie jemand erfahren.
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