Mein Freund Ulrich
"Der erste Knick in meiner Karriere war der 7.4.1948
da wurde ich geboren und es ging richtig los," schrieb
Ulrich
und ich ärgerte mich mal wieder über seine ewige Jammerei, er war nun
mal ein
Hypochonder und hätte er sich nicht oft selber auf die Schippe
nehmen können, wären ihm
jetzt diverse verbale Kopfnüsse um die Ohren geflogen.
Was er wohl ahnte, denn er schrieb weiter; "Aber, wer jammert schon, ich hadere also auch
nur mit meinem Schicksal.
Aber
vielleicht schenkt Gott mir eine Geisteskrankheit, dann kann ich
vielleicht irgendwo
glücklich aus einer Zwangsjacke grinsen."
Auf
meine Mitteilung, zu derselben könne ich ihm aufgrund meiner
Ferndiagnose durch
einen bloßen Anruf bei den zuständigen Stellen
verhelfen, meinte er nur lakonisch;
"Ich weiß, Du gehörst zu den
Gutmenschen, die eine Schnecke auf die andere Straßenseite
tragen, auch
wenn die da gar nicht hin wollte."
Sechzig war er nun und schien
immer noch nicht dort angekommen, wohin er wollte,
wobei ich allerdings
den Eindruck hatte, dieses Ziel hätte er nicht einmal selbst benennen
können, er war der Typ, der sich treiben ließ.
Wenn er dabei auf
dem Gewässer des Lebens in Strudel geriet, oder um Biegungen trieb,
hinter denen er eigentlich nicht so gerne Station machen wollte, dann
landete er zwar
trotzdem, ließ aber seinen
unweigerlichen Frust dann in seine Mails an mich fließen.
"Ich dachte, ich könne mich nützlich machen und meiner Tochter etwas Freiraum verschaffen, schrieb er.
Also ging ich mit meinen beiden Enkeln in den Sandkasten im nahen Park.
Kinder sind doch etwas wundervolles, immerhin unser aller Zukunft.
Allerdings
ist das dann nicht so gut gelaufen, die jungen Mütter auf dem
Spielplatz haben mir
empfohlen, die beiden entweder gegen zwei pflegeleichte Karnickel einzutauschen, oder aber
einen Hilfeschrei bei der RTL Supernanny los zu lassen.
Es sei allerdings zu befürchten, die würde nach zwei Stunden feststellen, dass auch Eltern und
Opa der beiden durchaus einen Crashkurs in Entwicklungshilfe brauchten.
Dabei
hatte Enkel Kevin doch nur einem kleinen rothaarigen Teufelchen etwas
von seinem
Sandkuchen eingetrichtert, zugegeben, etwas gewaltsam,
und Enkelin Sandra hatte sich die
Pampers voll geschissen und - ehe ich
dessen gewahr wurde - deren Inhalt patschhändig
einem durchaus nicht
abgeneigten Dreijährigen auf die Latzhose geschmiert.
Wir
sind dann etwas plötzlich gegangen und meine Tochter meinte, ich sei
als Opasitter genau
so fehlbesetzt wie ich es als Vater gewesen sei.
Eine Bemerkung, die erst einmal zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen geführt hat.
Passiert Dir das auch, dass Deine Tochter Dich für alles verantwortlich macht, was an ihrer
Lebensplanung schief läuft?"
"Klar,
antwortete ich, sie ist heute über vierzig und entdeckt auf einmal,
dass wir ihr mit 14
ihre damals mit eiserner Wut verteidigte Berufswahl
doch hätten ausreden müssen, denn
sie sei schließlich Kind gewesen und habe nicht vorhersehen können, dass das kein Beruf sei,
der ihr später mal eine ordentliche Rente einbringen könne.
Wir
dagegen hätten wissen müssen, dass sie fünfundzwanzig Jahre später
diesen bis dahin heiss
geliebten Beruf nicht mehr ausüben könne, weil der für Leute mit der Neigung zu Bein-Thrombosen
kontraindiziert sei.
Ach
ja und dann hätten wir sie als Kind auch gar nicht oft genug in
den Arm genommen,
weshalb sie unter einem Liebesdefizit leide.
Bevor
sie allerdings dazu kommen konnte, mir ihre angelesenen frühkindlichen
Traumata
unterzujubeln, habe ich ihr reumütig zugesagt, ich werde ihr
dafür dann meine Wechseljahrserfahrungen
schriftlich zukommen lassen, denn das sei die nächste Klippe, die sie zu umschiffen habe.
Ich
fürchte allerdings, mein Kind kann mit meinem Sarkasmus nicht so arg
viel anfangen,
sie hat den unterentwickelten Humor meines EX.
"Wie
schön, dass unsere eigenen Kinder später an ihren Kindern alles richtig
machen können,
schrieb Ulrich, ich denke allerdings, meine Enkel werden
ihrer Mutter einmal vorwerfen, dass
die genossene antiautoritäre
Erziehung sie nicht darauf vorbereitet habe, dass der Umwelt ihre
Bedürfnisse scheissegal seien und sie ihr Anspruchsdenken leider
einstampfen müssten.
Als Ulrich dann plötzlich mit mir über Sinn und Unsinn der Dignitas Organisation zu mailen
begann, wurde ich hellwach.
Meinen
Hinweis, die seien für Depressionen nicht zuständig, da müsse man also
doch schon mit
dem Kopf unterm Arm des Weges kommen um sich einen
8000.- teuren Giftcocktail kredenzen
zu lassen, beantwortete er
grämlich damit, dass alles im Leben seinen Preis habe, die Leute
dieser
Sterbehilfeorganisation also sicher auch.
Das war dann
Alarmstufe EINS, dem Manne musste geholfen werden und es schien immer
unwahrscheinlicher, dass mir das mit E-Mails gelingen würde.
Irgendwer hat mal gesagt, der Mensch liebt die Gesellschaft, und sollte es nur die von einem
brennenden Rauchkerzchen sein.
Dass
Ulrich an genau diesem Defizit litt war unverkennbar, die Gesellschaft
seiner nervenden
Enkel würde kaum ausreichen, ihn aus seinem Tief zu holen, der Mann brauchte ein Weib,
dringend....und...schnell.
Mich da selbst aktiv ins Geschehen zu werfen schien mir eher kontraproduktiv.
So
weit, Ulrichs Dauertiefs Haut an Haut auffangen zu wollen, ging mein
Altruismus nun auch
wieder nicht. Außerdem war ich laut Spiegel -
durchaus meinem eigenen - aus dem Alter heraus,
in dem ich mir
zugetraut hätte, männliche Wesen durch meinen bloßen Anblick vom Hocker
zu reissen.
Es musste also etwas her, das Ulrichs Bedürfnisse
exakt abdeckte. Ein ansehnliches weibliches
Wesen, mit einem leichten
Touch Opferbereitschaft, das bereit und willens war, Ulrichs
Stimmungsschwankungen edelmütig und auf Dauer aufzufangen..
Ich
fühlte mich durchaus in der Lage, eine solche Rarität ausfindig zu
machen und stürzte mich
todesmutig in die Internet-Single-Szene.
Natürlich
musste ich Ulrich in mein Unternehmen einbinden, das allerdings, ohne
deutlich zu
machen, dass er selbst das Objekt weiblichen Bemühens sein
würde.
Er sah sich als zufälligen - und höchst unterhaltsam
- eingebundenen Vortester für eine Kolumne,
die ich angeblich
über Singlebörsen schreiben wollte.
Erst widerwillig, dann immer
interessierter, verfolgte er meine Recherchen, gab sein okay zu
näherer
Kontaktaufnahme mit einzelnen Kandidatinnen und mailte entrüstete
Abneigung ,
wenn eine der Damen im Austausch seine intellektuellen
Vorstellungen unterschritt.
Mit anderen Worten, ich hatte ihn
durchaus aus seiner Lethargie gerissen und das gänzlich ohne
dass er
irgendwo hätte aktiv agieren müssen.
Er sah sich als Beobachter einer Szene, die ihm bis dahin ebenso fremd gewesen war wie mir.
Die Dinge spitzten sich zu, als in meinem Auswahlverfahren genau zwei Damen im Netz blieben.
<font;_bold>Irene und Elsie.</font>
Irene
50, energisch, lebenslustig, garantiert nicht botoxgespritzt und auch
nicht fettabgesaugt,
war sie der Prototyp einer gestandenen Frau.
Ansehnlich, mit beiden Beinen auf der Erde und gewiss nicht dumm, schien sie mir perfekt zu
Ulrich zu passen.
Elsie,
30, ein Seelchen, wenngleich das auch nur gespielt sein konnte, den
jedesmal, wenn die
Unterhaltung kontrovers wurde, verstand sie es
durchaus, die rotlackierten Krallen auszufahren.
Sie war bildhübsch und
fest davon überzeugt, dass sich jedes männliche Wesen glücklich
schätzen könne,
sie für sich zu gewinnen.
Der Meinung war dann
auch gleich der liebe Ulrich, meinen Einwand, sie sei doch etwas sehr
jung,
beantwortete er mit der Aussage, "für
wen."
Tja, ehe ich mir dafür eine gute Ausrede einfallen lassen konnte, schrieb er:
"Du denkst doch nicht etwa, dass ich mich von Deiner Betriebsamkeit hätte täuschen lassen.
Du
bist eine gemeingefährliche Intrigantin und verdienst es, dass ich mit
Elsie Direktkontakt
aufnehme, ihr eine Weltreise anbiete und
Weihnachten in der Südsee verbringe.
Aber Du hast Glück, ich
habe die Weltreise zwar bereits geplant, aber meine Begleiterin
solltest
Du sein, da bin ich zumindest sicher, nicht mit drei Packungen
Viagra auf die Reise gehen zu müssen.
Du kannst in der
Zwischenzeit darüber nachdenken, wieso Du mich einerseits unbedingt an
die
Frau bringen willst, andererseits aber keinesfalls eine
Dreissigjährige an meiner Seite akzeptieren kannst.
Ich hoffe, wenn Du das endlich herausgefunden hast, kann ich endlich unseren Flug auf die
Malediven buchen.
Dein amüsierter Freund Ulrich."
