Der Test
WOW, er ging mir langsam auf den Geist mit
seiner Lahmarschigkeit.
Was zur Hölle wollte er eigentlich?
Eine gemeinsame Story schreiben, oder Recherchen
betreiben bis zum
jüngsten Tag?
Kam dieser Langweiler und Korinthenkacker
nicht bald zu Potte, dann
würden die Ergebnisse der Forschung
uns längst überholt haben und
damit eine Arbeit, die als fiktive, aber dennoch
nicht
unwahrscheinliche Story aufgebaut werden sollte,
ad absurdum führen.
Um ihm endlich Feuer unterm Arsch zu machen,
hatte ich in den letzten
Tagen sämtliche Meldungen zusammengetragen,
die auch nur ansatzweise
Einfluss auf unsere Arbeit nehmen konnten.
Was heute als Science Fiction begonnen wurde
muß vielleicht schon morgen als Reportage
weiter geschrieben werden
(Norman Mailer)
Ich lauerte buchstäblich darauf, ob dieser
Spruch langsam in sein
Gangliensystem einsickern und ihn auf Trab
bringen würde, aber was kam,
waren erneut ellenlange Mails über seine
persönlichen Lebensumstände,
die noch nie zum Besten gestanden hatten und
nichts anderes bezweckten,
als seine sich mehr und mehr häufenden
Ausfälle bei unserer
Gemeinschaftsproduktion zu erklären.
Was gabs denn da noch zu erklären?
Er war einfach rundum stinkfaul und einer
dieser Männer, die alles
voller Elan beginnen, dann aber vor dem ersten
Hindernis
den Gaul auf dem sie losgaloppiert waren wechseln
und stattdessen
auf dem Rücken einer Schnecke ihren Ritt
fortzusetzen scheinen.
Nun gut, meine Ungeduld verführte mich
nicht zum erstenmal dazu, etwas
mit heißer Nadel zu stricken,
aber wie kam er nur darauf anzunehmen,
dass jede sich daran anschließende
Überarbeitung damit ausgeschlossen war?
Wieso begriff diese pedantische Schlafpille
nicht, dass ich zu der Sorte
gehöre, die in eine Story hineinspringt,
weil sie unbedingt eine Idee
umsetzen muss. Die Logik erst mal gar keine
Rolle spielt und all das,
was er journalistische Feinarbeit nannte,
irgendwann ohnehin lästige
Pflicht wird, nämlich dann, wenn mein
Anteil an diesem Unternehmen
beginnt, mich zu langweilen.
Auf jeden Fall wollte ich. dass das Gerüst
steht.
Das Ausmerzen von holprigen Satzpassagen und
nicht stimmigen
Übergängen war seine Stärke
und diese Arbeit würde ich ihm
bestimmt nicht streitig machen.
Seine Befürchtungen, wegen irgendwelcher
Ungenauigkeiten
gnadenlos verrissen zu werden, waren also
gegenstandslos.
Außerdem, wie war das doch noch?
Dummheit ist, nach Hydrogen, das weitverbreitetste
Element
im Universum.....sagte (Albert Einstein)
Da musste was dran sein, denn allzu oft hatte
ich schon Kritiken
gelesen, die nichts anderes im Sinn hatten,
als die Selbstdarstellung
des Schreibers.
Man konnte diese Gangs ohnehin in der Pfeife
rauchen.
Sich professionell gebende Schwätzer
mit angeblichem Durchblick, die
zumeist wegen irgendwelcher, höchst persönlicher
Erkenntnisse
glaubten, Literatur müsse entweder ein
ständiger Wettbewerb
abgehobener Formulierungen eines noch so trivialen
Sachverhaltes sein,
oder so wirr aufgemotzt, dass der Leser, ob
selbst Autor oder nicht,
je nach Selbstbewusstsein den Drang verspürt,
entweder für diese schreibenden
Knallerbsen eine Psychotherapie zu beantragen,
oder eben auf ewig
zu verstummen.
Sich dieser Horde mit unserer Arbeit auszusetzen,
war zwar unumgänglich,
denn immerhin schrieben wir im Rahmen eines
Wettbewerbes,
aber hatten wir uns nicht schon mehr als einmal
scheckig darüber gelacht,
welche eigentlich auf der Hand liegenden Unstimmigkeiten
diesen
Phrasendreschern erst gar nicht aufgefallen
waren und wie sie sich
stattdessen an angeblichen Brüchen festbissen,
die keine waren?
Mehr noch.
Was war es doch für eine tolle Nummer
gewesen, die Probe aufs Exempel zu
machen.
Wenn ich es recht überlege, war das überhaupt
erst unser Ausgangspunkt
zu einer geplanten Zusammenarbeit in größerem
Rahmen geworden.
Wir hatten bis dahin wenig miteinander zu tun
gehabt in der schreibenden
Internetvereinigung.
Aber irgendwann waren uns die *Experten*
in dem Kreis derart
auf den Senkel gegangen, dass wir beschlossen,
gemeinsam einen
fundamentalen Gag zu starten.
M. erinnerte mich per PM spöttisch an
das Verhalten sogenannter
Kunstexperten auf Vernissagen.
Wie sie da höchst beeindruckt und
wichtig herumstehen und Intentionen
und/oder Gefühle in ein Bild hinein interpretieren,
die den Maler
wahrscheinlich höchst erstaunt hätten,
denn der erwies sich zum Schluß
als Schimpanse.
Etwas sehr Ähnliches sollte auch mit den
Kritikastern aller
Hobbyliteraten gelingen.
Wir machten uns also ans Werk, und wandten
uns aus verständlichen
Gründen, dem Genre SF. zu.
Das, es lag auf der Hand, war am wenigstens
nachprüfbar, stand reichlich
zur Verfügung und es war sicher, dass
diese Schar würdiger
Grammatikjongleure, die aber durchaus
über die richtige Schreibweise
von Shakespeare stolperten, den Bluff niemals
orten würden.
Es wurde ein Spaß der Superlative.
Wir sandten uns gegenseitig aus Uralt SF-Literatur
die beeindruckendsten
Passagen zu.
Sie wurden hin und her gewendet, passend befunden
und hintereinander
aufgeschrieben.
Wenn ich mich recht erinnere, wurden bei der
Zusammenstellung ungefähr
65 ehemals bekannte SF Literaten schnöde
abgekupfert.
Das passte dann natürlich nicht zusammen
und nun begann unsere Arbeit.
Mühsam, aber unter stetem Gelächter
verbanden wir diese Passagen mit
einer Rahmenhandlung, die aber so stringent
wie möglich ausfiel.
Der Spaß war enorm und wieder einmal
zeigte sich, dass wir beide nicht
zu der Sorte gehörten, die sich jemals
berufen fühlen würde, die lesende
Welt mit orgiastischen Satzkonstruktionen
heimzusuchen, die alle
klangen, als habe sie sich der gequälte
Literat mühevoll und blutig von
der leidenden Seele gerissen.
Wir wollten unterhalten und...wir wollten unterhalten
werden – wie
wahrscheinlich 95% aller lesenden Mitbürger.
Der Rest konnte dann durchaus, sich gegenseitig
beweihräuchernd,
versuchen, Abnehmer für ihren verquasten
Scheiss zu finden. Die
Aussichten, jemals irgendeine dieser Arbeiten
in einer Buchhandlung
anzutreffen war ohnehin minimal.
Natürlich musste die fertige Story dann
von jemandem
eingereicht werden, der bisher niemals mit
besonderem
Können aufgefallen war, sonst könnte
der Schuss
doch noch nach hinten losgehen.
Wir beide fielen aus, denn wir hatten zumindest
schon ansatzweise
Lesbares produziert. Wenn auch nicht mehr.
Also suchten wir uns einen Verbündeten.
Der, ein heiteres altes Haus, mit mehr Sinn
für Komik als für
Literatur, in der Vergangenheit immer wieder
von unserer Kritikergilde
der puren Clownerie und gänzlicher Talentlosigkeit
beschuldigt,
war nur allzu bereit, sich einbinden zu lassen.
Unser Machwerk bestand aus 90% der Passagen
ehemals hochdotierter,
aber nicht mehr ganz so bekannter SF Literaten
und 10% verbindender
Texte, die das Ganze logisch zusammenfügten.
Und dann platzte die Bombe.
Sie gingen uns voll auf den Leim ...ALLE.
Unser Strohmann wurde zusammengeschissen, dass
es eine Pracht war.
Was fiel ihm denn da nur ein, er und SF, das
war ein Sakrileg, eine
Perfidie, eine Unbotmäßigkeit der
Superlative. Dass sie den armen Kerl
nicht geteert und gefedert auf die Landstraße
jagten war erstaunlich.
Und natürlich wurden alle Passagen genau
besprochen, angeblich
unstimmige Abschnitte auseinandergeplückt,
Satzkonstruktionen
durchleuchtet und verworfen, es blieb mal
wieder kein literarischer Stein
auf dem anderen, der Verriß war allumfassend.
Und das wars dann.
In einer Schnellaktion wurden alle beanstandeten
Absätze den
tatsächlichen Autoren wieder zugeordnet.
Die Blamage der
Experten war perfekt, zudem es sich ergab,
reiner Zufall sicher, dass
von unseren eingefügten Verbindungstexten
keiner bemängelt wurde.
Weder die Plagiate, noch die verbindende Konstruktion
derselben waren
entdeckt worden und das Ende vom Lied, eine
etwas unrühmliche Auflösung
der Literatengruppe, war dann eher zwangsläufig.
Fazit und Ende.....
Die Gruppe Schreibender hat sich natürlich
erneut formiert, denn etwas
hatten die Übriggebliebenen gemeinsam,
den Spaß an ihrer Arbeit
und die Freude daran, endlich zu wissen, was
Kritiker zumeist wirklich tun.
Es ist nichts, das den wirklich Schreibbegeisterten
jemals entmutigen
sollte.
Sie sind, wenn man sie den Gutwilligen zuordnen
kann, allenfalls
Vertreter einer Geschmacksrichtung, zumeist
aber geht ihr wirkliches
Bestreben nur in eine Richtung:
Den hoffnungsfrohen Aspiranten anhand eines
scharf formulierten und in
vielen perfiden Aktionen geschulten *denmachichfertig
Ablaufs*
am Boden zu zerstören.
Nichts gibt anscheinend größere
Befriedigung, als ausgeübte und
perfektionierte Selbstdarstellung .
Falls das Thema unserer Gemeinschaftsarbeit
den Leser noch interessiert,
soll ihm sogleich Aufklärung widerfahren:
Der US Soziologe Charles Murray behauptet:
daß die „Intelligente Elite“
die In-Validen (Menschen mit nicht perfekten
Genen) mit
Sozialprogrammen unterstützt, damit die
Ungleichheit erhalten bleibt
(und die Armen nicht aussterben)
Nach der Idee meines Mitautors schafft es der
In-Valide in unserer Story
Astronaut zu werden.
Sein Traum war stärker als die Gene.
Natürlich konnte er die Technik nicht
überlisten. DIE ist perfekt und
emotionslos. Es war ein anderer Mensch, der
seinen Traum mitgetragen
hat. Die Lösung lautet: Nächstenliebe,
Solidarität.
Unser aller Trost, die Natur ist nicht vollkommen,
sie duldet
Unvollkommenes.
Sogar Kritiker....:-)
Copyright LWarmeling
September 2000