S E L B S T G E S P R Ä C H E




Sie hatte schon über Stunden hinweg die intensivsten Selbstgespräche geführt,
ohne zu einem Ergebnis zu kommen.

Es wurde Zeit.
Zeit für eines der oft so schmerzlichen, aber immer aufhellenden Gespräche mit Helen
Entschlossen griff Karla zum Telefonhörer.

Doch dann schien ihre Welt endgültig aus den Fugen zu geraten.
 

Helen, seit der gemeinsamen Kinderzeit engste Freundin und Vertraute,
sie würde nie wieder erreichbar sein.

Die kalte Stimme am anderen Ende der Leitung teilte kurz und bündig mit,
Helen Schmiedes sei am Morgen ihrem Krebsleiden erlegen und falls erwünscht,
werde ihr der Beerdigungstermin später mitgeteilt.

Karla saß neben dem Telefon und rührte sich nicht.
Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, starrte sie wie blind in den Spiegel
an der gegenüberliegenden Wand, ohne wahrzunehmen, was sie darin sah.

Das wars also. Eine Tür schloß sich für immer und sie schloß sich nicht
völlig unerwartet.
Es hatte Vorwarnungen gegeben, aber immer wieder hatte Helen ihr
Leiden besiegt, wenn auch nie endgültig.
 

Die letzten Wochen waren eher von der Hoffnung geprägt, dass es diesmal
gelingen könnte, dem jahrelangen Schrecken ein Ende zu setzen.
Aber dieses Ende? Für Karla kam der Schlag unbarmherzig hart und unerwartet.
Oder etwa doch nicht?  War sie in letzter Zeit nicht allzu bereit gewesen,
Helen's beschwichtigenden Worten nach ihrem Befinden Glauben zu schenken,
ohne diese heiter klingenden Erklärungen  gezielt zu hinterfragen?

Hatte sie sich oberflächliches Hinhören vorzuwerfen, oder was noch schlimmer war,
hatte sie ihre eigenen Probleme in den Vordergrund gerückt, ohne der
Freundin Gelegenheit zu geben, negative Veränderungen deutlich zu machen?

Verzweiflung durchflutete sie wie eine alles erstickende schwarze Woge,
als ihr schlagartig der eigene Verlust klar wurde.
Nie mehr diese dunkle warme Stimme über Tausende von Kilometern
Entfernung, nie mehr die bissigen und doch so lebenserfahrenen Sprüche ,
unweigerlich gefolgt von diesem leicht heiseren Gelächter,
das so unglaublich ansteckend war.

Karla fühlte, wie die Bitternis eines überwältigenden Schmerzes sie überrollte,
stoßweise schluchzend quälte sie sich hoch und versuchte, ihrem Spiegelbild
zu entrinnen, es erschien obszön, sich selbst in diesem Zustand wahrnehmen
zu müssen.

Dieses schmale leicht gebräunte Gesicht gegenüber hatte jede Attraktivität
eingebüßt, schien um Jahre gealtert, und drückte nackte Angst aus.
Angst vor einer seelischen Einsamkeit, deren Ausmaß sie schon zu ahnen begann.

Stunden vergingen, ehe es ihr gelang, sich einigermaßen zu fassen, sie fühlte
sich ausgelaugt, tränenlos und leer.
Unendlich erschöpft schlief sie endlich , von wirren Träumen geplagt, ein.

"  Ja, ich erinnere mich!"

Karla schreckte hoch, was war das, wer hatte hier gesprochen?
Es war ihre eigene Stimme, die sie aufgeweckt hatte.
Erinnern? An was?

Sie wußte es plötzlich, erhob sich schnell und stürzte zu dem kleinen Sekretär
im Nebenzimmer.
Hektisch begann sie, den Inhalt zu durchsuchen, warf schließlich alles ungeduldig
auf den Boden und fluchte wild, als sich die Papiere auf den blanken Dielen häuften,
ohne dass sie gefunden hätte, was sie suchte.
Hier wars nicht, aber wo sonst?
Plötzlich schien ihr Leben davon abzuhängen, fündig zu werden.
Sie saß inzwischen in all der angerichteten Unordnung mitten auf dem Fußboden und
versuchte, sich zu konzentrieren.

Wo hatte sie Helen's Brief nur hingetan, diesen so besonderen Brief,
der plötzlich eine so ungeheure Bedeutung erlangt hatte, dass er ihr
wie ein Vermächtnis der toten Freundin erschien.

Lebensweisheiten, das war's, wie konnte sie das nur vergessen.
Sie hatte diesen Brief, der ihr so unendlich erfahren und weise
erschienen war, doch genau wegen dieser Lebensklugheit gesondert aufbewahrt.
Er steckte hinter dem Bild im Silberrahmen, das auf der Anrichte stand
und die beiden Freundinnen, einander zugewandt, im intensiven Gespräch zeigte.

Lächelnd und unendlich erleichtert entfernte Karla die Rückwand des Fotos,
da war er.

Hatte nicht schon immer Helen's Weitblick, ihre Wärme und die Fähigkeit,
sich einfühlen zu können, dazu geführt, dass sie in klärenden Gesprächen
mit der Freundin so etwas wie die Fortführung von Selbstgesprächen sah?

Helen pflegte auf den Punkt zu bringen, was sie selbst zuvor in oft quälenden,
ebenso oft aber auch leichtsinnig bagatellisierenden Selbstgesprächen
als umsetzbar erarbeitet zu haben glaubte.
Helen als letzte Instanz vor der Handlung.
Ein Spruch, über den sie beide oft genug gelacht hatten.

Karla legte den Brief sorgsam auf den kleinen Tisch neben der Couch.
Sie war jetzt ganz ruhig.
Sorgsam beseitigte sie die Spuren ihrer ungezügelten Suche.
Dann ging sie hinüber in die kleine Küche und kehrte mit einer dampfenden
Kaffeetasse zurück, bereit, sich allem zu stellen, was an Erinnerungen
auf sie einstürmen mochte.

Sie wußte, der Brief würde einen Fingerzeig enthalten, mehr noch, sich jetzt
an ihn erinnert zu haben, das war schon die Lösung ihrer offenen Lebensfragen,
ebenso, wie es ein letzter Gruß von der Freundin sein würde.

Wie war das doch damals gewesen.
Die Beziehung mit Mart, bis zu diesem Zeitpunkt eng, herzlich und von
tiefer Liebe geprägt, begann, sich unmerklich zu verändern.
Er entglitt ihr, ohne dass sie es hätte aufhalten können.

Gewiss, es kamen die üblichen Beteuerungen, all seine Briefe enthielten
die intimen Geheimzeichen, die in Kürzeln bestanden, wie tief seine Liebe sei,
aber sie wurden seltener, weniger informativ, oberflächlicher.
Er schien nicht mehr auf ihre Briefe einzugehen, griff nicht mehr auf was sie sagte,
als habe er bei den immer länger werdenden Abständen bereits vergessen,
was sie geschrieben hatte.

Sie erkannte die Anzeichen, ein gemeinsamer Traum verwehte und nichts
würde diese Entwicklung aufhalten können.

Es war Helen's Sicht der Dinge gewesen, die ihr damals Halt gegeben
hatte und ihr halfen, den Kummer zu ertragen ohne den Mann den sie liebte,
durch immer wieder neue Versuche davon überzeugen zu wollen,
dass dieser Traum es wert sei, erhalten zu werden.

Sie gab beides auf, Mart und den Traum und damit etwas, das sich ihr
ohnehin unaufhaltsam entzogen hätte.
Und sie lernte es, mit dieser Entscheidung etwas Unabänderliches hinzunehmen,
und dennoch ohne Resignation zu leben.
Der Fluß des Lebens würde weitergehen.

Da stand es;

Ohne die Liebe sind wir Vögel mit gebrochenen Flügeln, hatte Helen geschrieben
Aber auch, sich von Erlebnissen zu lösen, ist wichtig.
Lerne, Dich zu lösen, die Buddhisten sagen, klammere Dich nicht an Dinge oder Menschen.
Alles ist vergänglich.
Um Dich von Gefühlen lösen zu können, musst Du sie durchleben. Du lernst was Schmerz ist,
was Liebe ist, du lernst was Kummer ist.

Alter heißt auch, zu wachsen. Jedes Alter ist ein Teil von mir.
Ich bin zugleich drei Jahre, fünf Jahre, siebzehn Jahre und 6o Jahre alt.
All das war ich schon einmal. ich weiß also wie das ist.
Ich bin gerne kindlich, wenn es angemessen ist und ich bin gerne eine
weise alte Frau, wenn es angemessen ist, eine weise alte Frau zu sein.

Und zum Schluß brach dann Helen's unvergleichlicher Humor durch.

Hallo Kleine, jetzt erstirb nicht in Bewunderung für deine weise alte Freundin.
Das, was ich Dir hier schreibe, ist zwar genau das, was ich denke, aber,
es ist keinesfalls auf meinem geistigen Humus gediehen.

Es war der Philosoph Morrie Schwartz, selbst unheilbar krank, der
die Fähigkeit hatte, meine und, wie ich sicher weiß, auch deine Gedanken
zum richtigen Zeitpunkt in die richtige Bahn zu lenken.

Tränenüberströmt schloß Karla den Brief und befestigte ihn erneut hinter dem Foto.
Der Rat, den sie gesucht hatte, hier war er und würde unvergessen bleiben.

"Bin ich jetzt weise, wenn ich beschliesse, einer Liebe, die sich gerade
erneut von mir entfernt, nicht nachzutrauern und auch nicht
zu versuchen, sie zu erhalten?"
Ist es das, was *Weisheit*  bedeutet?  Ist es das, was * Schmerz * ausmacht, ihn
hinzunehmen und mit ihm weiterzuleben?"
 

Copyright L.Warmeling