Scheintot

Schreibaufgabe
Vorgabe :

Aufwachen in einer unbekannten Umgebung.
Fensterlos mit nur einer Tür, die
es zu öffnen gilt.

Alles andere blieb eigenen Ideen überlassen.


Ich erwachte, weil ich jämmerlich fror.
Meine Füße fühlten sich an, als steckten sie in einem Eisblock.

Wo war ich diesmal?

Verzweifelt bemühte ich mich, meine Umgebung wahrzunehmen,
aber meine Augenlider waren schwer wie Blei.
Starr der ganze Körper.

Schwerfällig setzte die Erinnerung ein.
Das kannte ich doch alles, es sollte längst seinen Schrecken verloren haben.
Und dennoch, jedesmal wenn es mir erneut widerfuhr, überrollte mich die Panik
wie eine gewaltige Woge.

Ich musste handeln, sofort.
Konzentration befahl ich dem Teil meines Bewusstseins, das zurückgekehrt war.
Ich sammelte Kraft, mehr und mehr und dann gelang es;
Ich schleuderte mich selbst in den Wachzustand zurück.

Auch diesmal ging es nicht ohne Schmerzen ab.
Das Blut in sämtlichen Extremitäten schoss geradezu durch die Venen und löste die Starre.

Blinzelnd öffnete ich die Lider und eine neue Panikwelle überfiel mich,
denn diesmal war alles anders.
Ich befand mich nicht, wie sonst nach einem kataleptischen Zustand, in meinem Bett.
Diese Umgebung war mir völlig fremd.
Tiefe Dunkelheit umfing mich. Ich lag nackt auf einem harten Untergrund.
Kein Wunder dass ich so erbärmlich fror.
Ich rang nach Luft.

Großer Gott.

Was nützte mir mein Wissen um die medizinischen Zusammenhänge,
wenn im Zustand der Katalepsie nicht einmal ein Lidschlag möglich war,
um der Umwelt zu signalisieren, dass man keineswegs den Löffel abgegeben hatte.

Hatte ich etwa diesmal zulange in dieser Verfassung verharrt  und man hatte mich für tot erklärt?

Mein Zeitgefühl war gestört, es schien unendlich lange zu dauern,
ehe es mir gelang, mich zu bewegen.

Über mir lag ein leichtes Tuch und versperrte mir die Sicht.
Ich riß das Gewebe von meinem Gesicht  und stieß dabei mit den Ellbogen an harte Stahlwände.
Jetzt schrie ich nur noch, laut gellend und in klaustrophobischer Panik.
Niemand schien mich zu hören, die Stille nach meinem Schrei war tödlich.

Umrissartig vor mir war eine schmale Lichtlinie, eine Tür? Eher eine Klappe.

Bei dem Versuch mich aufzurichten, stieß ich schmerzhaft mit dem Kopf gegen
die Decke. Es wurde klar, ich lag in einem engen Behältnis.

Wie oft hatte ich in Gedanken diese Möglichkeit durchgespielt.
Mir perfekte Strategien ausgedacht, wie ich diese Situation angehen und überstehen würde.

Doch jetzt war alles anders. Die Angst umklammerte mein ganzes Denken.
Ich musste mich gewaltsam zur Ruhe zwingen.
Die Anstrengung war ungeheuerlich, verlangte mir alles ab, das ich aufzubieten vermochte.
Schluchzend und undeutliche, verfremdende Laute ausstoßend, packte ich mit beiden
Händen recht und links nach den Wänden meiner Kammer und versuchte,
meine Unterlage schiebend nach vorne zu drücken.

Nichts rührte sich.
Ich saß fest.

So würde es nicht gehen. Meine Vorstellung, dass ich in der Schublade einer
Leichenkammer gefangen war, musste entweder falsch sein, oder aber meine
Schublade war extrem schwergängig .

Ich versuchte, tief und ruhig zu atmen, obwohl alles danach drängte,
panikerfüllt zu hyperventilieren.

Was konnte schlimmstenfalls passieren?
Luft kam ausreichend durch die Spalten der Klappe, hinter der umrißartig
Licht wahrzunehmen war.

Ob ich mich nun selbst befreien konnte oder nicht, in absehbarer Zeit würde
jemand das Behältnis in dem ich lag öffnen müssen.
Entweder um den Inhalt für die Bestattung herzurichten, oder für eine Obduktion,
was sehr viel näher lag, denn ich wusste, wie interessiert die Mediziner daran waren,
herauszufinden, welche genetische Besonderheit Menschen wie ich aufwiesen.

Es bestand keine unmittelbare Gefahr für mich.

Aber jetzt wusste ich, dass es an der Zeit war, Vorsorge zu treffen.
Dies hier durfte nie wieder passieren.
Ich würde künftig bei Auslandsreisen eine Plakette um den Hals tragen müssen,
die meine besondere Disposition in der Sprache des Gastlandes deutlich machte.

In gleichen Moment öffnete sich die Tür zwischen Traum und Wirklichkeit.

Ich erwachte in der Realität eines dämmernden Morgens.... wissend,
der soeben in diesem Alptraum gefasste Gedanke
habe an der Spitze meiner Prioritätenliste zu stehen.

Ich lag in meinem Bett, die Füße waren unter der Bettdecke hervorgerutscht und eiskalt.
Aber ich war in meiner vertrauten Umgebung.
Völlig unbeschädigt, wenn auch mit klopfendem Herzen.

Mein Unterbewusstsein hatte mir träumend  *handeln*  aufgetragen.

Bisher waren diese Art nächtlicher Warnungen das Einzige, das meine Besonderheit
erträglich machte, denn sie bewahrten mich regelmäßig vor drohendem Unheil.
Ich würde mich auch diesmal gegen alle Eventualitäten absichern.

Minuten später schon saß ich vor diverser Lexika und suchte nach den
Entsprechungen für den Begriff   KATALEPSIE   in allen gängigen Sprachen.
Die geplante Reise ins Landesinnere von Guatemala würde stattfinden.
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Copyright L.Warmeling