Schachmatt



"Schau mal das Eichhörnchen ist ziemlich dick," sagte Onkel Alfred und
wies aus dem Fenster auf die baumbestandene Wiese .

"Pah..Eichhörnchen," die Greisin in dem breiten Himmelbett hieb mit
der runzligen Hand erstaunlich kräftig auf die Bettdecke.
Verflucht, es macht mich wütend, von irgendwelche Idioten aufgefordert zu werden, im
Angesichts
des Todes jeden Tag zu loben und vielleicht auch noch das Wunder  eines
Grashalmes zu genießen.
"Kennst Du die beiden aussagekräftigsten Worte in der Geschichte der
menschlichen Zivilisation?
Halt`s Maul ?"
 
Granny war nicht gesonnen, sich ihren Auftritt vermiesen zu lassen.

" Ich hasse es, wenn ich über die Rituale anlässlich meiner Beerdigung
sprechen will, und Ihr Euch benehmt, als sei das ein Ereignis in
weiter Ferne, Ihr verdammten Weicheier."

Sie spielte mal wieder ihr halbjährliches Ritual * meine letzte
Reise*  durch, lag Ermattung simulierend in ihrem Bett und hatte die
halbe Familie um sich versammelt, bereit und willens, große Szenen
abzuliefern, ehe sie sich - wie auch sonst immer  -garantiert mit
ihrem Standardsatz aus den Kissen erheben würde: "alle Leute haben
wunderbare Kinder, ich frage mich nur, wo in meiner Familie all die
entsetzlichen Erwachsenen herkommen".

Bis dahin aber genoss sie es ersichtlich, die Puppen tanzen zu lassen
und obwohl die ziemlich weitverzweigte Verwandtschaft das längst
durchschaut hatte, wagte es niemand, ihrem Schauspiel etwa nicht
beizuwohnen.
Das hätte unweigerlich eine Testamentsänderung zur
Folge gehabt und die mochte niemand riskieren, denn Oma Olga hatte
nicht nur etwas auf der hohen Kante, sondern sie war das, was Onkel
Alfred mit bissigem Humor die verdammt reichste Despotin der
westlichen Hemisphäre nannte.
Allerdings sah er bei diesem Spruch immer so aus, als liebe er besagte
Despotin unverständlicherweise auch dann noch, wenn sie ihm empfahl,
sich doch zum Thanatopraktiker ausbilden zu lassen, damit er
wenigstens anlässlich ihrer Beisetzung nützlich sein würde.

Ich saß auf einem der Stühle die rund um Olgas Bett angeordnet waren und wartete
mit Karin, Anita, Gotthilf und Ulrich - alles Geschwisterkinder von Großtante Olga -
gottergeben darauf, dass sie mal wieder ihre Besitztümer
prophylaktisch reihum verteile, damit wir dann alle wieder auf die
nächste Show warten konnten. Vorausgesetzt, einer der zukünftigen
Erben hatte inzwischen nicht selber den Löffel abgegeben, was Oma Olga
dann  ohnehin als persönlichen Affront einstufen würde.
 
Sicher war, dass Olga gewiss nicht zu der Spezies gehörte, die die Welt
etwas besser verlassen als sie sie angetroffen haben.

Ich war zwar ihr Lieblings-Großneffe, aber meine Bemühungen in der
Literatenszene Fuß zu fassen, pflegte sie mit dem bissigen Ausspruch zu
belegen, ich sei zuweilen ein geistiger Bulemist, nur seien
Diejenigen, die bei jedem zweiten Satz meines  Geschreibsels kotzen
müssten, wahrscheinlich meine Leser.
Sie hatte so gar kein Gespür für meine experimentellen Texte, oder dafür, dass seit
Hedwig Courts-Mahler die Szene deutlich auf anspruchsvolle Literatur setzte.

Auf Oma Olgas Bettkante saß Cousin Ulrich und blinzelte mir verschwörerisch zu,
aber ich war nicht gesonnen, mit meinem bis gestern besten Freund auch nur ansatzweise
zu kommunizieren.
Dieser Arsch hatte mich meine momentane Liebe gekostet.
Na ja, zumindest hatte Rena mich gestern verlassen, als ich per Foto-Handy meine enorme
Verspätung wegen eines wichtigen Meetings erklären wollte.
Er hielt es wohl für einen Witz, sich unbeobachtet hinter mir ins Bild zu drängen und mit
wirrem Haar und aus der Hose gerissenem Oberhemd verzückt seine Hüften zu schwenken,
als sei kein Meeting, sondern eine wilde Party im Gange.
 
Rena, warf mich samt Papagei Remuald aus ihrer Wohnung und so sah ich mich in einer
Situation,
die ich seit der Beziehung mit ihr überwunden glaubte.
Ich würde erneut *Suchender*  werden und an die Zeit, als es durchaus vorkam, dass ich
mit einer Frau aufwachte, deren Namen mir nicht einmal mehr einfiel, erinnerte ich mich
eher
mit einem gewissen beschämten Überdruss.
 
Doch hatte nicht schon mal Jemand sehr witzig bemerkt, dass man sich mit Prognosen
vorsehen solle, 
besonders wenn sie in die Zukunft zielen?
 
Die meine schien sich gerade von einem Moment zum nächsten total zu verändern.
Mir war, als tauche Jemand meine seit gestern eher schwarz/weiße Welt innerhalb einer
Sekunde
in herrlich bunte Farben.
 
Großtante Olgas neue Pflegekraft hatte den Raum betreten und urplötzlich schien
der Raum
geschwängert mit Testosteron in Überdosierung.
Sogar Onkel Alfred wirkte, als sei ihm nicht nur gerade eine sehr angenehme Erinnerung
gekommen,
sondern er durchaus fähig , selbige auf der Stelle aufleben zu lassen.
 
Ich weiss nicht, ob dieses Zauberwesen auch nur annähernd wusste, wie sie wirkte.
Sie schwebte buchstäblich durch den Raum.
Fleischgewordene Versuchung für jedes männliche Wesen, dass noch nicht von der
 Hüfte abwärts funktionslos war.
Schwarzes Haar, das in einem schweren glänzenden Zopf bis zur Taille reichte.
Die grünen Augen beherrschten das zart gebräunte Gesicht, ein Mund geschwungen
wie die teuflichste aller Versuchungen und die Figur einer Göttin.
Unter dem engen, weißen Kittel zeichneten sich deutlich die vollen, prallen Formen ab
 und ich hätte schwören mögen, dass ihre Brustwarzen zuvor per Eiswürfel stimuliert wurden,
denn sie stachen fast durch den dünnen Stoff,
Diese Frau musste unter ihrer Arbeitskleidung nackt sein.

Cousin Ulrich sprengte sie sichtlich die Knöpfe vom Jakett, beflissen stand er von seinem
 Bettkantensitz auf, um dieser hinreissenden Frau Platz zu machen.
Sie hielt eine dampfende Teetasse in der Hand und sagte mit sanfter, dunkler Stimme:
"Darf ich die Herrschaften bitten, diesen Besuch abzukürzen, die Patientin braucht etwas Ruhe."
 
Ha, da hatte sie wohl voll die falsche Platte aufgelegt.
Tante Olga würde auf keinen Fall zulassen, dass ihr inszeniertes Erbschleicherdrama
 unterbrochen wurde, dazu sah sie sich zu gerne in der Hauptrolle.
Als Onkel Alfred sich folgsam erhob, um der Aufforderung nachzukommen,
 sagte Olga biestig: " man sehe sich diesen Waschlappen an, dass er ein Feigling sein muss,
 war immer zu vermuten, aber jetzt entwickelt er sich unter dieser Gattung auch noch
 zum Anführer,"  und zu dem Zauberwesen gewandt, " gutes Kind, wenn ich meine Besucher
lästig finde, sage ich das selber, Sie sind dazu nicht befugt."
 
WOW, wenn die Schöne noch Zweifel gehabt haben sollte, ob Tante Olga zu dirigieren sei,
 jetzt wusste sie es besser.
Zu meinem Erstaunen setzte sie ungerührt die Teetasse auf den Nachttisch und sagte
 heiter; " aber sicher doch meine Liebe, rufen Sie bitte laut, falls sie die nächste
Reanimation brauchen, ich überprüfe inzwischen schon mal das Sauerstoffgerät.
Sprachs und verließ mit aufreizender Langsamkeit das Zimmer.
Tante Olga blieb der Mund buchstäblich offen stehen.
 
" Das war Rebecca", knurrte sie dann, "mir scheint, ich werde ihr noch beibringen müssen,
wer hier den Ton angibt, sie denkt, sie sitzt am längeren Hebel, aber den Zahn ziehe ich ihr noch."
Ich war sicher, dass dieses Kräftemessen mit Rebeccas Entlassung enden würde,
denn Tante Olga ließ grundsätzlich keine Meinung neben der eigenen gelten.
 
Umso erstaunter war ich, als Rebecca mir eine Woche später die Tür öffnete.
 Das sah danach aus, dass sie Tante Olgas Attacken nicht nur überlebt hatte,
 sondern ich mir auch echte Sorgen über deren Zustand machen sollte, denn das deutete
dann doch schon auf eine bedenkliche Schwäche meiner Erbtante hin.
 
Sie befand sich jedoch durchaus auf der Höhe ihrer lange geübten Bissigkeit und
verpasste mir munter die üblichen Breitseiten.
" Na Knut, kommste mal wieder vorbei? Was zieht Dich denn schon heute her,
die Aussicht, bald Universalerbe zu sein, oder ist es  Rebecca, die Eroberungsfantasien
in Dir ausgelöst hat?" Sie grinste gut gelaunt.
 
Ehe ich zugeben konnte, dass mich beide Aussichten nicht eben unglücklich machen
würden, sagte Olga spöttisch, " besondere Eroberungstaktiken wirst Du wohl kaum
haben, hat Dich nicht gerade Deine Gespielin verlassen?
 Ich sollte Dir also doch ein paar Tips geben, bevor Du bei Rebecca abblitzen wirst.
Schon mal was von dem Ausspruch einer klugen Frau gehört 
 
 `Für Frauen sind Worte die besten Aphrodisiaka.
Ihr G-Punkt sitzt in den Ohren. Wer weiter unten sucht, verschwendet seine Zeit.`
 
Als Schriftseller wirst Du wenigstens das doch drauf haben, falls nicht, lies Isabell Allende,
die sagt Dir vielleicht, wie Du ohne Bruchlandung ans  Ziel kommen kannst.
 
" Mir scheint, Dir geht es ausgezeichnet," sagte ich mürrisch.
 
"Ich kann nicht klagen, zumindest noch nicht, aber ich muss aufpassen,
dass mir meine Lust am bösen Spiel nicht eines Tages noch den Garaus macht,
" sagte Tante Olga heiter und etwas rätselhaft .
"Ich wage aber mal eine Vorhersage a la Kassandra, ich sage Dir voraus,
dass Du noch heute glauben wirst, das große Los gezogen zu haben
und jetzt scher Dich hier raus, ich  will morgen wissen, ob meine Vorhersage
eingetroffen ist, ruf mich sofort an, wenn dem so ist.
Vergiss das auf keinen Fall, ich werde warten."
 
Kopfschüttelnd verließ ich Tante Olga, zutiefst enttäuscht Rebecca nicht
angesprochen zu haben. Nach ihr fragen mochte ich  nicht, denn dann würde
mich nichts vor dem erbarmungslosen Spott der alten Dame retten.
Sie war sowieso ein Ass darin, die Schwachstellen ihrer Mitmenschen aufzudecken
und die Chance, meine erotischen Träume gegen mich zu verwenden,
 wollte ich ihr nicht freiwillig bieten.
 
Dann aber wurde das alles auf einen Schlag völlig bedeutungslos.
Rebecca stand in der Halle, ihre Schönheit verschlug mir erneut den Atem.
Diesmal jedoch galt ihre volle Aufmerksamkeit nur mir.
Lächelnd kam sie auf mich zu und sagte," sind wir moderne Menschen?"
Dann fast übergangslos, " ich hasse es Zeit zu verlieren,
 wenn meine Wünsche so offensichlich mir denen meines Gegenübers
übereinstimmen, wohin gehen wir also, zu mir, oder zu Dir?"
 
Wir gingen zu mir und ich erlebte die Erfüllung aller Begierden,
den offen geäußerten ebenso, wie jenen, von denen ich bisher nicht einmal
geahnt hatte, dass ich sie hatte.
Diese Frau war eine Granate.... im Bett...ob auch als Partnerin,
das herauszufinden, war ich fest entschlossen. Ich würde sie nicht wieder
von meiner Seite lassen.
Sie war eine Traumfrau und das ließ ich mir nicht einmal von Papagei Remuald
 vermiesen, der erstaunlicherweise wild flatternd seine Abneigung gegen Rebecca äusserte.
 
Sie verließ mich erst am nächsten Morgen um ihren Dienst bei Olga anzutreten.
Fünf Minuten nachdem sie gegangen war, rief Olga an.
 " Na, hatten wir nicht abgemacht, dass Du mich sofort anrufst,
wenn meine Vorhersage eingetroffen ist," fauchte sie durchs Telefon.
 
" Das wollte ich doch gerade tun," log ich. " Aber wieso wusstest Du?.
Hat Rebecca bei Dir erkennen lassen, dass sie sich für mich interessiert?"
 
" Für Dich, Du Traumtänzer?" Großtante Olga lachte heiser.
Aber nicht doch Kerlchen, Goldgräberinnen interessieren sich selten für Menschen,
sondern nur für deren Besitz.
Das Mädchen hat keine Zeit verloren.
Als sie wusste, Du wirst mein Universalerbe, wars für mich klar, wem sie
 ihre Gunst schenken wird, wenn meine Vermutung zutrifft.
Tut mir leid, dass ich Dir die Vorstellung rauben muss, dass Du unwiderstehlich
bist Kleiner, aber sei mir lieber dankbar, dass Du es überhaupt erfährst.
Sowas ist eine gute Lehrstunde in Menschenkenntnis, ich habe sie, Du leider nicht."
 
" Du alte Hexe," schrie ich durchs Telefon, und dann ritt mich der Teufel, und ich
sagte höhnisch, "hast Du schon mal drüber nachgedacht, was passieren kann,
wenn Deine Einschätzung zutrifft und Dein elendes Mißtrauen sich bewahrheitet?
In dem Fall solltest Du um Dein Leben fürchten, denn was nütze ich ihr,
wenn Du nicht drei Klafter unter der Erde liegst?
Pass lieber auf Deinen Morgentee auf, sollte er anders riechen als Du es gewohnt bist,
rufe rechtzeitig Deinen Hausarzt." Wütend knallte ich den Hörer auf die Ladestation.
 
Wenn Du die Augen schließt und verzweifelt um etwas bittest, dann ist Gott der Kerl,
der Dein Gejammer ignoriert.
 
Meine Traumfrau erreichte ich an diesem Tag nicht mehr, sie rief weder an,
noch kam sie zum verabredeten romantischen Date im Seehotel.
Stattdessen erreichte mich eine SMS von Großtante Olga:
 
`habe wie beiläufig erwähnt, dass ich beabsichtige, mein Testament zu
Gunsten von Ulrich zu verändern` Du bist gerettet Kleiner, sei dankbar.
 
Ulrich und Rebecca heirateten sechs Wochen später.
 
Tante Olga hat längst eine routinierte Pflegerin mittleren Alters,
die stoisch ihre Launen erträgt und sagte anlässlich der nächsten
Erbschleicherversammlung munter; "Kinder, Ihr habt sicher Verständnis dafür,
dass ich mich entschlossen habe, dieses unwürdige Gerangel um mein
Erbe zu beenden.
Ich teile Euch also mit, dass alles was ich besitze, zu gleichen Teilen an die Stiftung
 * Tiere in Not* und das Kinderhilfswerk überschrieben wurde,
wenn Ihr mich also künftig besuchen werdet, dann in einem Haus,
in dem ich nur noch das Wohnrecht bis zu meinem Tode behalten habe.
 
Ehe ich dazu kam, diese Nachricht einzuordnen, fiel mein Blick auf Vetter
Ulrichs junge Ehefrau Rebecca und entschädigte mich für alles,
was mir bisher widerfahren war und für etwaige kommende Einbrüche gleich mit.
 
Nichts hebt die Laune mehr, als der Anblick eines betrogenen Betrügers.
Schachmatt.