Cousin Ulrich sprengte sie sichtlich die Knöpfe vom Jakett, beflissen
stand er von seinem
Bettkantensitz auf, um dieser hinreissenden Frau Platz zu
machen.
Sie hielt eine dampfende Teetasse in der Hand und sagte mit sanfter,
dunkler Stimme:
"Darf ich die Herrschaften bitten, diesen Besuch abzukürzen, die Patientin
braucht etwas Ruhe."
Ha, da hatte sie wohl voll die falsche Platte aufgelegt.
Tante Olga würde
auf keinen Fall zulassen, dass ihr inszeniertes Erbschleicherdrama
unterbrochen
wurde, dazu sah sie sich zu gerne in der Hauptrolle.
Als Onkel Alfred sich folgsam erhob, um der Aufforderung nachzukommen,
sagte Olga biestig: " man sehe sich diesen Waschlappen an, dass er ein Feigling
sein muss,
war immer zu vermuten, aber jetzt entwickelt er sich unter dieser
Gattung auch noch
zum Anführer," und zu dem Zauberwesen gewandt, " gutes Kind,
wenn ich meine Besucher
lästig finde, sage ich das selber, Sie sind dazu nicht
befugt."
WOW, wenn die Schöne noch Zweifel gehabt haben sollte, ob Tante Olga zu
dirigieren sei,
jetzt wusste sie es besser.
Zu meinem Erstaunen setzte sie ungerührt die Teetasse auf den
Nachttisch und sagte
heiter; " aber sicher doch meine Liebe, rufen Sie bitte
laut, falls sie die nächste
Reanimation brauchen, ich überprüfe inzwischen schon
mal das Sauerstoffgerät.
Sprachs und verließ mit aufreizender Langsamkeit das Zimmer.
Tante Olga
blieb der Mund buchstäblich offen stehen.
" Das war Rebecca", knurrte sie dann, "mir scheint, ich werde ihr noch
beibringen müssen,
wer hier den Ton angibt, sie denkt, sie sitzt am längeren
Hebel, aber den Zahn ziehe ich ihr noch."
Ich war sicher, dass dieses Kräftemessen mit Rebeccas Entlassung enden
würde,
denn Tante Olga ließ grundsätzlich keine Meinung neben der eigenen
gelten.
Umso erstaunter war ich, als Rebecca mir eine Woche später die Tür öffnete.
Das sah danach aus, dass sie Tante Olgas Attacken nicht nur überlebt hatte,
sondern ich mir auch echte Sorgen über deren Zustand machen sollte, denn das
deutete
dann doch schon auf eine bedenkliche Schwäche meiner Erbtante hin.
Sie befand sich jedoch durchaus auf der Höhe ihrer lange geübten Bissigkeit
und
verpasste mir munter die üblichen Breitseiten.
" Na Knut, kommste mal wieder vorbei? Was zieht Dich denn schon heute her,
die Aussicht, bald Universalerbe zu sein, oder ist es Rebecca, die
Eroberungsfantasien
in Dir ausgelöst hat?" Sie grinste gut gelaunt.
Ehe ich zugeben konnte, dass mich beide Aussichten nicht eben unglücklich
machen
würden, sagte Olga spöttisch, " besondere Eroberungstaktiken wirst Du
wohl kaum
haben, hat Dich nicht gerade Deine Gespielin verlassen?
Ich sollte Dir also doch ein paar Tips geben, bevor Du bei Rebecca
abblitzen wirst.
Schon mal was von dem Ausspruch einer klugen Frau gehört
`Für Frauen sind Worte die besten
Aphrodisiaka.
Ihr G-Punkt sitzt in den Ohren. Wer weiter unten sucht,
verschwendet seine Zeit.`
Als Schriftseller wirst Du wenigstens das doch drauf haben,
falls nicht, lies Isabell Allende,
die sagt Dir vielleicht, wie Du ohne
Bruchlandung ans Ziel kommen kannst.
" Mir scheint, Dir geht es ausgezeichnet,"
sagte ich mürrisch.
"Ich kann nicht klagen, zumindest noch
nicht, aber ich muss aufpassen,
dass mir meine Lust am bösen Spiel nicht eines
Tages noch den Garaus macht,
" sagte Tante Olga heiter und etwas
rätselhaft .
"Ich wage aber mal eine Vorhersage a la
Kassandra, ich sage Dir voraus,
dass Du noch heute glauben wirst, das große Los
gezogen zu haben
und jetzt scher Dich hier raus, ich will morgen wissen, ob
meine Vorhersage
eingetroffen ist, ruf mich sofort an, wenn dem so ist.
Vergiss
das auf keinen Fall, ich werde warten."
Kopfschüttelnd verließ ich Tante Olga,
zutiefst enttäuscht Rebecca nicht
angesprochen zu haben. Nach ihr fragen mochte
ich nicht, denn dann würde
mich nichts vor dem erbarmungslosen Spott der alten
Dame retten.
Sie war sowieso ein Ass darin, die Schwachstellen ihrer Mitmenschen
aufzudecken
und die Chance, meine erotischen Träume gegen mich zu verwenden,
wollte ich ihr nicht freiwillig bieten.
Dann aber wurde das alles auf einen Schlag
völlig bedeutungslos.
Rebecca stand in der Halle, ihre Schönheit
verschlug mir erneut den Atem.
Diesmal jedoch galt ihre volle Aufmerksamkeit nur
mir.
Lächelnd kam sie auf mich zu und sagte,"
sind wir moderne Menschen?"
Dann fast übergangslos, " ich hasse es Zeit
zu verlieren,
wenn meine Wünsche so offensichlich mir denen meines Gegenübers
übereinstimmen, wohin gehen wir also, zu mir, oder zu Dir?"
Wir gingen zu mir und ich erlebte die
Erfüllung aller Begierden,
den offen geäußerten ebenso, wie jenen, von denen ich
bisher nicht einmal
geahnt hatte, dass ich sie hatte.
Diese Frau war eine Granate.... im Bett...ob
auch als Partnerin,
das herauszufinden, war ich fest entschlossen. Ich würde sie
nicht wieder
von meiner Seite lassen.
Sie war eine Traumfrau und das ließ ich mir
nicht einmal von Papagei Remuald
vermiesen, der erstaunlicherweise wild
flatternd seine Abneigung gegen Rebecca äusserte.
Sie verließ mich erst am nächsten Morgen um
ihren Dienst bei Olga anzutreten.
Fünf Minuten nachdem sie gegangen war, rief
Olga an.
" Na, hatten wir nicht abgemacht, dass Du mich sofort anrufst,
wenn
meine Vorhersage eingetroffen ist," fauchte sie durchs
Telefon.
" Das wollte ich doch gerade tun," log ich.
" Aber wieso wusstest Du?.
Hat Rebecca bei Dir erkennen lassen, dass sie sich
für mich interessiert?"
" Für Dich, Du Traumtänzer?" Großtante Olga
lachte heiser.
Aber nicht doch Kerlchen, Goldgräberinnen
interessieren sich selten für Menschen,
sondern nur für deren
Besitz.
Das Mädchen hat keine Zeit verloren.
Als
sie wusste, Du wirst mein Universalerbe, wars für mich klar, wem sie
ihre Gunst
schenken wird, wenn meine Vermutung zutrifft.
Tut mir leid, dass ich Dir die Vorstellung
rauben muss, dass Du unwiderstehlich
bist Kleiner, aber sei mir lieber dankbar,
dass Du es überhaupt erfährst.
Sowas ist eine gute Lehrstunde in
Menschenkenntnis, ich habe sie, Du leider nicht."
" Du alte Hexe," schrie ich durchs Telefon,
und dann ritt mich der Teufel, und ich
sagte höhnisch, "hast Du schon mal drüber
nachgedacht, was passieren kann,
wenn Deine Einschätzung zutrifft und Dein
elendes Mißtrauen sich bewahrheitet?
In dem Fall solltest Du um Dein Leben
fürchten, denn was nütze ich ihr,
wenn Du nicht drei Klafter unter der Erde
liegst?
Pass lieber auf Deinen Morgentee auf,
sollte er anders riechen als Du es gewohnt bist,
rufe rechtzeitig Deinen
Hausarzt." Wütend knallte ich den Hörer auf die Ladestation.
Wenn Du die Augen schließt und verzweifelt
um etwas bittest, dann ist Gott der Kerl,
der Dein Gejammer
ignoriert.
Meine Traumfrau erreichte ich an diesem Tag
nicht mehr, sie rief weder an,
noch kam sie zum verabredeten romantischen Date
im Seehotel.
Stattdessen erreichte mich eine SMS von
Großtante Olga:
`habe wie beiläufig erwähnt, dass ich
beabsichtige, mein Testament zu
Gunsten von Ulrich zu verändern` Du bist
gerettet Kleiner, sei dankbar.
Ulrich und Rebecca heirateten sechs Wochen
später.
Tante Olga hat längst eine routinierte
Pflegerin mittleren Alters,
die stoisch ihre Launen erträgt und sagte anlässlich
der nächsten
Erbschleicherversammlung munter; "Kinder, Ihr habt sicher
Verständnis dafür,
dass ich mich entschlossen habe, dieses unwürdige Gerangel um
mein
Erbe zu beenden.
Ich teile Euch also mit, dass alles was ich
besitze, zu gleichen Teilen an die Stiftung
* Tiere in Not* und das
Kinderhilfswerk überschrieben wurde,
wenn Ihr mich also künftig besuchen werdet,
dann in einem Haus,
in dem ich nur noch das Wohnrecht bis zu meinem Tode
behalten habe.
Ehe ich dazu kam, diese Nachricht
einzuordnen, fiel mein Blick auf Vetter
Ulrichs junge Ehefrau Rebecca und
entschädigte mich für alles,
was mir bisher widerfahren war und für etwaige
kommende Einbrüche gleich mit.
Nichts hebt die Laune mehr, als der Anblick
eines betrogenen Betrügers.