Graf Friedrich würde einen neuen Busen
finden um Nektar zu schlürfen, dessen war sie sicher,
als sie auf dem gleichen Weg floh, auf dem
die Belagerer offensichtlich ihre Spione in die Burg geschleust hatten.
Sie hatte einige ihrer besten Kleider
zu einem handlichen Bündel geschnürt und versuchte, nackt wie
Gott sie schuf, durch den Latrinenschacht ins Freie zu gelangen.
Mit einem schmerzhaften Plumps landete sie auf dem harten Boden, mitten in den auseinander spritzenden Exkrementen.
Das würde sie diesem feigen Schuft nie
verzeihen.
Bei dem Gedanken, wie er sie getäuscht
und sich selbst in Sicherheit gebracht hatte, schnürte ihr der Zorn
fast die Kehle zu.
Fluchend rappelte sie sich auf, schnappte
das zum Glück weit neben den Latrinenschacht gefallene Kleiderbündel
und lief, die Deckung der hohen Ginstersträuche nützend,
hinunter zum Fluss.
Waffenlärm und Todesschreie aus der Burg
wurden leiser, bis sie ganz verstummten. Sie war entkommen.
Ohne ein Geräusch zu machen, stieg sie
in das klare Flusswasser und reinigte sich gründlich.
In der Sonne liegend, trocknete sie ihr hüftlanges
Blondhaar und wartete die Nacht ab.
Wenn die Eroberer ihren Sieg gebührend
gefeiert hatten, musste es gelingen, in die Stallungen außerhalb
der Burg zu gelangen, in denen ihr Zelter stand.
Zuvor galt es, die hinderliche Kleidung einer
Dame der Gesellschaft so schnell als möglich los zu werden.
Für den bevorstehenden, beschwerlichen
Ritt riss sie kurzerhand die bodenlangen Ärmel ihres weißen
Seidensamt - Houppelande aus, entfernte Rubine und aufgestickte Perlen
und verstaute alles in dem mit Goldmünzen gefüllten Beutel
um ihre Hüften.
Dann kürzte sie ebenso flink den Saum
des Niderkleits.
Es klappte alles. Das Glück der Tüchtigen
war mit ihr.
Die Soldaten lagerten im Burghof und ihre
Anführer lärmten trunken im Rittersaal.
Niemand bewachte die Stallungen und sie konnte
ihrem Pferd ungestört die Hufe umwickeln und es lautlos herausführen.
Weit hinter der Burg schwang sie sich im Herrensitz
auf den Zelter und preschte davon.
Sie fühlte den kühlen Luftzug, roch
die feuchte Erde, den Geruch des nahen Waldes so intensiv wie nie zuvor.
Der Tod, ihr so nahe wie nie, begann seinen
Schrecken zu verlieren, dennoch blieben ihre Sinne aufs äußerste
geschärft.
Die Gefahren die vor ihr lagen ließen
es nicht zu, auch nur einen Moment unaufmerksam zu werden..
Sie musste versuchen, sich nach Rom durchzuschlagen,
der Stadt, in der Kurtisanen ein allseits geachtetes und
einflussreiches Leben führen konnten,
so es ihnen gelang, einen der mächtigen Adeligen oder Kleriker
zu beeindrucken.
Diesmal aber würde sie sich ihren Gönner
sorgfältiger aussuchen.
Durch subtile Erpressung eines Mächtigen
die eigenen Ziele zu erreichen, das
schien noch immer der beste Weg, in dieser
harten Zeit einigermaßen komfortabel zu leben.
Immerhin war sie erst achtzehn und Schönheit hatte noch immer ihren Wert. Ihre Karriere würde nicht dadurch aufzuhalten sein, dass die Burg Hohenzollern gerade gefallen war, der Graf schnöde die Flucht ergriffen und sie den angreifenden Feinden ausgesetzt hatte.
Zuerst allerdings hatte sie eine heilige Pflicht
zu erledigen.
Einerlei, wie sehr sie sich damit in Gefahr
begab, es musste sein.
Sie biss die Zähne zusammen und versuchte,
die aufkommenden Ängste abzuschütteln.
Niemand sollte ihr je Hasenherzigkeit vorwerfen
können.
Ihren feigen Gönner hatten zum Schluss nur noch die Vasallen ihrer Heimatgemeinde Sankt Johannisweihler umgeben, der Rest der Burgbesatzung hatte sich abgesetzt, als deutlich wurde, dass auch die Wagenladung Schwarzpulver, die sie unter Einsatz ihres Lebens durch Feindeslinien geschmuggelt hatte, die Burg Hohenzollern nicht vor dem Fall retten würde.
Graf Friedrich war entkommen, aber sie wusste, der Zorn seines Souveräns würde sich jetzt auf diejenigen richten, die ihm bis zuletzt die Treue gehalten hatten. Und da allseits bekannt war, dass sie sein Bett in der Kemenate geteilt hatte, durfte sie auf keinen Fall den Kaiserlichen in die Hände fallen.
Ihre Familie und mit ihnen die gesamte Gemeinde
Sankt Johannisweihler war ebenfalls in höchster Gefahr.
Sie rechtzeitig zu warnen war eine gefährliche
Mission, denn sie hatte auf ihrem Zelter durch besetztes Gebiet zu reiten,
was nur nachts ratsam war. Tagsüber musste jeweils ein sicherer Unterschlupf
gefunden werden.
Womit sie zu rechnen hatte, wenn man ihrer habhaft wurde, stand angenagelt an allen Kirchentüren:
'Es wird dem Delinquenten von des Scharfrichters
Knechten erstlich mit einem großen, dazu bereiteten Messer ... die
Brust gleich herunter von vorn aufgeschnitten, die Rippen herumgebrochen
und herumgelegt, sodann das Eingeweide samt dem Herzen, Lunge und Leber,
auch alles, was im Leibe ist, herausgenommen und in die Erde verscharret,
anbei wohl dem armen Sünder vorhero aufs Maul geschmissen.
Nach diesem wird derselbe auf einem Tisch,
Bank oder Klotz gelegt, und ihm mit einem besonderem Beil erstlich der
Kopf abgehauen, nach diesem aber der Leib durch sohanes Beil in vier Teile
zerhauen, welche sämtlich, neben dem Kopfe ... an den Straßen
aufgenagelt werden.'
In dieser Nacht ritt sie gen Mössingen, wo der Jude Melchior ihr weiterhelfen würde. Er handelte mit allem, was sich denken ließ. Es würde ein leichtes sein, im Tausch gegen die Rubine Wams und Kopfbedeckung eines fahrenden Sängers zu erwerben und mit der Laute durchs Land zu ziehen. Eine Amalie de Messingen ließ sich nicht unterkriegen.
Sie kam in völliger Dunkelheit in Mössingen
an. Es hatte angefangen zu regnen und sie war durchnässt bis auf die
Haut.
Die Gasse in der Melchiors Haus lag,
war totenstill, sie würde ihn wecken müssen.
Und dann sah sie ihn. Melchior war auf eine
Weise präsent, die ihr den Atem verschlug, sein Kopf war an seine
Ladentür genagelt und er starrte sie mit schreckgeweiteten Augen und
zum Schrei aufgerissenem Mund an.
Sekundenlang war Amalie wie gelähmt vor
Entsetzen und erbrach sich dann in den schmutzigen Rinnstein vor dem Haus.
Jetzt wusste sie, dass die Kaiserlichen schon
einen Vorsprung hatten, es sei denn, sie übernachteten gerade in Mössingen.
Wenn sie sich jetzt nicht überwand, würden
sie vor ihr in Sankt Johannisweihler sein.
Mit abgewendetem Gesicht und kleine Stoßgebete
murmelnd stieß sie Melchiors Ladentür mit einem Stock auf und
lavierte sich an seinem ausgebluteten Kopf vorbei ins Innere.
Obwohl der im Halbdunkel liegende Laden fast
ausgeraubt war, fand sie Wams und Barett eines Minnesängers
und in einer alten Truhe sogar eine Laute.
Erschöpft setzte Amalie sich auf einen Stapel zerrissener Vorhänge, ein paar Sekunden nur, die musste sie sich gönnen, die Vorstellung, erneut an Melchiors Kopf vorbei zu müssen, schreckte sie zutiefst.
Inzwischen graute draußen der Morgen,
sie konnte es sich nicht leisten einzuschlafen..
Schnell zog sie sich um und betrachtete ihre
Verwandlung in dem großen Ladenspiegel.
Nein, so ging das nicht, das Opfer musste
gebracht werden. Entschlossen griff sie zu einer herumliegenden Schneiderschere
bereit, ihr langes Blondhaar bis auf Kinnlänge abzuschneiden.
„Halt“, die männliche Stimme kam aus dem Halbdunkel hinter dem Ladentisch. Amalie hob instinktiv die Schere, bereit sie einzusetzen, gegen wen auch immer
„Aber, aber, wer wird denn, “der Mann, den
sie nur umrissartig sah, lachte spöttisch.
„Meine Liebe, Ihr werdet doch nicht annehmen,
ich hätte Euch nicht längst überwältigt, wenn ich das
vorgehabt hätte. Als Ihr nackt wart, wäre mir das doch ungleich
leichter gefallen, meine Schöne.“
Er trat aus dem Schatten.
Ohne sie aus den Augen zu lassen verbeugte
er sich elegant, als sei er bei Hofe.
„Gnädigste gestatten, Francois Villon.“
Er war ein großer, kräftig gebauter
Mann, der aussah, als müsse er Schaftstiefel und die Kleidung eines
Landjunkers tragen. Stattdessen aber war er in die feinste burgundische
Herrenmode gekleidet. Sein schwarzes, lockiges Haar fiel ihm bis
auf die Schultern. Der dunkle Oberlippenbart betonte beim Lächeln
kräftige, weiße Zähne. Stahlblaue Augen waren von beneidenswert
dichten Wimpern umgeben und trotzdem wirkte er keine Spur weibisch.
Er sah sie aufmerksam an.
„Ich schließe aus Eurer Verkleidung,
dass es gute Gründe gibt, als Minnesänger durchs Land zu ziehen,
auch wenn ich eher davon ausgehe, dass eine schöne Frau ungleich mehr
Möglichkeiten hat, sich durchzuschlagen. Die Risiken dürftet
Ihr aber wohl überdacht und Euch für diese Rolle entschieden
haben.“ Er sah Amalie fragend an.
„Das ist nicht Euere Sache,“ sagte sie schnippisch.
„ Sagt das nicht, vielleicht können wir
einander von Nutzen sein. Ich brauche ebenso wie Ihr eine perfekte Tarnung.
Sollten wir also dieselbe Richtung haben,
könnt Ihr Euch mir anschließen. Ihr reist ungleich sicherer
und ich kann als Euer Mann ebenso unbehelligt durchs Land ziehen.
Ich schlage Euch also vor, verschont Euer
wunderschönes Haar und vertraut Euch mir an.
„Wie komme ich dazu, Euch zu vertrauen, was
tut Ihr hier, was ist Euer Ziel und vor wem habt Ihr Euch zu verstecken?“
Amalie sah den eleganten Fremden misstrauisch
an.
„Unsere Geschichte können wir uns unterwegs erzählen, jetzt müssen wir hier weg, oder wir finden uns ebenfalls an irgendeine Holztür genagelt wieder und dann habt Ihr nur noch wenig davon, zu wissen, woher ich komme und wohin ich gehe Madame,“ er verbeugte sich und grinste sie verwegen an.
Amalie sog überlegend die Unterlippe zwischen die Zähne, ihre Stirn krauste sich, „in welche Richtung gedenkt Ihr Euere Reise fortzusetzen,“ sagte sie dann zögernd.
„ Seit man in diesem Land nicht auf einen Abtritt
gehen kann, ohne dass ein kaiserlicher Anhänger sich bemüßigt
fühlt, die Pisse der Majestät zu preisen, läuft man wohl
Gefahr, sich unvermittelt an eine Kirchentür genagelt wiederzufinden,
wenn man als Ziel die Burg Hohenzollern nennt.
Es hat zudem keinen Sinn mehr für
mich, diesen Ort noch erreichen zu wollen.
Graf Friedrich von Hohenzollern hatte mich
zu einem Dichtertreffen eingeladen.
Aber derzeit besteht erkennbar kein Bedarf an derb-zynischen
und zugleich ehrlichen Balladen.
Vagantendichtung ist mit ziemlicher Sicherheit nichts, womit die
Hohenzollern im Moment allzu viel anfangen können.
Sie sind offensichlich dabei ihre Haut zu retten.
Ich gedenke also, mich über die Grenze abzusetzen, der Versuch, in
dieses Land so etwas wie Kultur zu bringen, kann wohl als gescheitert
betrachtet werden.“ Villon lachte spöttisch.
„Ihr seid das“, Amalie trat einen Schritt näher
und legte die Schere aus der Hand.
„ Habt Ihr Euere Werke nicht unter dem Titel
„Le grand testament“ veröffentlicht?
Und hat nicht der oberste Gerichtshof Euch
wegen Bandentätigkeit für zehn Jahre aus Stadt und Grafschaft
Paris verbannt?“
Als sie seine Überraschung sah, setzte
sie lächelnd hinzu, „Friedrich hat genau dieser Widerspruch
gereizt, er ließ
Euch kommen um festzustellen, ob Ihr für
seine Zwecke einsetzbar seid, denn wie man weiß, beherrscht Ihr exzellent
wie niemand sonst die Verächtlichmachung eines Gegners in Liedern,
Traktätchen und Schauspielen.
„Potztausend Madame Ihr seid ausgezeichnet
informiert. Heißt das, Ihr habt bei Hofe gelebt und Friedrich hat
Euch in seine Pläne eingeweiht?“ Er trat so dicht an sie heran, dass
sie seinen Atem spürte.
„ Wo hatte ich denn nur meine Augen, Ihr seid
Amalie de Messingen, aber ja, Ihr müsst es sein, Das Gerücht
über Euere Schönheit und Eueren Mut ist bis Burgund gedrungen
und ich habe sogar in diesem Halbdunkel sehen dürfen, dass zumindest
Euere Schönheit kein Gerücht ist.“ Er verbeugte sich galant.
„Nachdem feststeht, dass Ihr Euch den Weg zur Burg sparen könnt, gehe ich davon aus, ihr werdet durch die Alb gen Westen zur französischen Grenze reisen,“ sagte Amalie, “ das ist auch meine Richtung, ich werde jedoch einen Zwischenaufenthalt in Sankt Johannisweihler einplanen müssen, danach aber eine Reisegelegenheit nach Rom suchen.“
„ Bestens Madame, dann schließt Euch
mir an und steigt wieder aus diesem lächerlichen Wams heraus. Als
Dame der Gesellschaft seid Ihr in meiner Begleitung geachtet und so sicher,
wie das in dieser Zeit nur möglich ist. Ich habe eine Kutsche hinterm
Haus, aber leider nur ein Pferd, das andere hat man mir sozusagen unterm
Hinterteil weg geschossen.
Euer Zelter draußen ist also hochwillkommen.“
„ Ich bin einverstanden, werde aber die Zügel selbst führen , ich kenne jeden Winkel der Schwäbischen Alb und wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn die Kaiserlichen erst das Terrain bis zur Grenze erobert haben, kommen wir nicht mehr aus dem Land und enden wie Melchior, der sich garantiert nicht mehr hat zuschulden kommen lassen, als seinen Geschäften nachzugehen. Wie man aber sieht, erkennbar mit den falschen Leuten.“
„Das kommt nicht in Frage, ihr könnt
gerne neben mir auf dem Kutschbock sitzen und mir den kürzesten Weg
weisen, aber ich werde unser Gefährt lenken, das ist nichts für
Euere zarten Hände.“
Er klang so entschlossen, dass Amalie schwieg.
Die Gewissheit, sich verlässlichen Händen zu übergeben,
war so stark, dass sie nicht länger zögerte und hinter den Ladentisch
huschte, um sich erneut umzuziehen.
Villon schirrte inzwischen den
Zelter an, der sich nach anfänglichem Scheuen in sein Schicksal ergab
und sich nicht mehr gegen den kräftigen Braunen wehrte, der zusammen
mit ihm die Kutsche ziehen sollte.
Als die Sonne aufging entrollte Villon mit äußerster Sorgfalt eine Landkarte und verschaffte sich die nötige Orientierung. Er gedachte die Grenze nach Burgund auf dem schnellsten Wege zu erreichen.
Der Regen hatte nachgelassen und es versprach eine angenehme Fahrt zu werden.
Diese Erwartung aber wurde bereits beim ersten
Siedlungsflecken hinter Mössingen jäh zerstört.
Durchdringender Qualm lag über dem Ort
und Villon hielt das Gefährt unter drei hohen dichtbelaubten Eichenbäumen
an.
„Wartet“, sagte er , „ich will herausfinden,
ob der Gegner den Flecken bereits gebrandschatzt hat."
Er war sehr schnell wieder zurück.
„Um diesen Ort haben die Kaiserlichen einen
Riesenbogen gemacht und das werden wir jetzt auch tun. Was da brennt sind
die Scheiterhaufen des schwarzen Todes. Die Pest hat diese Siedlung
ereilt, betete Madame, dass Flucht da noch viel nützen wird."
Sie hielten den ganzen Tag nicht an und das
war auch nicht ratsam, denn der Geruch des Todes lag über der ganzen
wundervollen Landschaft wie ein unsichtbares Leichentuch.
Irgendwann aber waren die Pferde zu Tode erschöpft.
Mensch und Tier brauchten Ruhe. Villon hielt auf einer kleinen Lichtung
weit ab von jeder Siedlung und nun erwies sich, dass er ein umsichtiger
Mensch war. Es dauert nicht lange und er hatte ein kleines Feuer entzündet,
die Pferde versorgt und sein Reisegepäck enthielt zu Amelies Entzücken
alles, was hungrige Reisende sich nur wünschen konnten.
Dieser Mann verstand es zu leben.
Satt und müde rollte sie sich in eine Decke ein und wartete, bis er das Feuer abgedeckt hatte.
„Das Geistesleben in Burgund ist mehr als lebhaft,
Ihr solltet es dem römischen Lotterleben vorziehen Madame,“ sagte
er plötzlich, als sei es ihm gerade in den Sinn gekommen, wohin die
Reise seiner schönen Begleiterin gehen sollte.
„Dorthin kommen sie alle einmal, die
Größen unserer Zeit, dagegen ist Rom ein dekadenter Platz, nicht
wirklich bemerkenswert.
Sogar Euer Kunsttheoretiker Albrecht Dürer hat sich mit verschiedenen
Gleichgesinnten in Burgund getroffen.
Hier sieht es so aus, als seien die Siege
der Kaiserlichen nur noch ein letztes Aufflackern. Es ist durchaus möglich,
dass es die Stände in den Städten sein werden, welche die Zukunft
des Landes bestimmen.
In Burgund geht man davon aus, dass Friedrich
III der letzte sein wird, der die Kaiserkrone vom Papst erhalten
hat. Die Macht Roms neigt sich dem Ende zu.
Graf Friedrich von Hohenzollern könnte
also in absehbarer Zeit durchaus wieder auf seine Burg zurückkehren.“
Er sah Amalie forschend an.
„Pahh,“ sie stieß verächtlich die Luft aus, „dem sei wie es wolle, er wird sich für seine Nächte einen Buhlknaben suchen müssen. Meine Wege führen nicht zurück zu einem Mann, der ohne mich die Burg schon viel früher hätte aufgeben müssen und der dann, als er die Sache verloren sah, bei Nacht und Nebel das Weite gesucht hat und alle die Menschen zurück ließ, die ihm über Jahre die Treue hielten. Mein erstes Ziel ist Sankt Johannisweihler, alles andere wird sich finden, Gute Nacht Villon.“
Sie kamen am Spätnachmittag des folgenden
Tages in Sankt Johannisweihler an und es war die erste Siedlung auf ihrem
Weg, über der nicht der Hauch der Pest schwebte.
Hier war die Welt noch in Ordnung, Doch
wie sehr es Amalie auch drängte, sich auszuruhen, Pest und Kriegswirren
hinter sich zu lassen, es galt zu handeln und zwar ohne Aufschub.
Schon einen Tag später zogen auch über
Sankt Johannisweihler die typischen schwarzen Rauchwolken verbrannter Leichen
auf, die jeden Herannahenden abhalten sollten sich dem Ort zu nähern.
In Wahrheit jedoch wurden die Gehöfte
von ihren Besitzern niedergebrannt, sie trieben ihr bestes Vieh vor sich
her, hatten ihre ganze bewegliche Habe auf Karren verladen und ihre Spur
verlor sich in den Kriegswirren jener Zeit.
Zwei Tage später mussten die Schergen
des Kaisers ihren Rachefeldzug unverrichteter Dinge abbrechen.
Sankt Johannisweihler und seine Bewohner,
so wurde den Kriegsführenden von denen berichtet die der Pest entkommen
waren, seien bereits vom schwarzen Tod gerichtet worden.
Gott, der selbstverständlich mit den
Kaiserlichen sei, habe das Rebellennest höchstselbst ausgeräuchert.
Sankt Johannisweihler wurde in der Geschichtsschreibung
als der Ort erwähnt, der einem Gottesurteil zum Opfer gefallen sein
müsse. Außer Asche sei nichts vom ihm geblieben.
Fünfzehn Jahre später.....
1495, drei Jahre nach der Entdeckung Amerikas,
verließ ein Auswandererschiff den Hafen von Marseille.
An Bord ein bekannter französischer Schöngeist
namens Villon mit seiner hinreißenden Gattin Amalie und ihren drei
halbwüchsigen Söhnen.
Ach senliches leiden
meiden neyden schaiden das tut we
besser wer versunken jn dem see
zart minnikliches weib
dem leib mich schreibt und treibt gen josophat
hertz mut syn gedanck ist worden mat
es schaidt der tod
ob mir dem gnad nicht hellfen wil
auss großer not
mein angst ich dir verhil
dem mundlin rot
hat mir so schier mein gier erwecket vil
des wart ich genaden an dem zyl
(Oswald von Wolkenstein)
Copyright L. Warmeling