Rosebud

Und wenn der Engel nichts anderes wäre als
ein Echo?
Hervorgerufen durch eine geistige Projektion?
Im gleichen Moment, in dem diese Zweifel
beginnen, löst sich das Gebilde,
das mich wie ein rosa Nebel zu umgeben scheint,
langsam, aber unaufhaltsam auf.
Tödliche Kälte erfasst mich und ich spüre, wie
das Leben - ebenso langsam und unaufhaltsam -
aus mir flieht.
Kalkül?
Nützt es etwas, wenn ich meine Zweifel an der
realen Gegenwart eines
Schutzengels bewusst unterdrücke?
Mich einfach dem Gedanken überlasse, dass da
jemand ist, der mich begleitet?
Ich muss es versuchen, oder ich bin verloren.
Verloren zwischen dem Schrott meines schweren
Mercedes, der auf der nächtlichen
A3 mit einem von der Autobahnbrücke
geschleuderten Gegenstand kollidiert war.
Eingeklemmt in meinem Gefährt und unfähig
mich zu bewegen,
sehe ich entfernt die Lichter der
vorbeifahrenden Wagen.
Ich weiß, es wird mich vor dem Morgen niemand
finden, denn der Unfallgegenstand
kann keinen anderen Fahrer mehr gefährden.
Er steht jetzt, seltsam verbogen, auf meiner
zertrümmerten Motorhaube.
Es ist der Einkaufswagen eines Supermarktes und
eine Sekunde lang streift
mich der abstruse Gedanke, dass ich immerhin auf
skurrile Weise zu Tode kommen werde.
Wer sonst wird schon via Aldi-Einkaufswagen ins
Jenseits befördert.
Wenn SIE geht, werde ich einsam sterben.
SIE? Sind Schutzengel weiblich?
Oder ist es nur meiner, dessen feminine
Gegenwart ich spüre,
seit ich ganz aus meiner Bewusstlosigkeit
erwacht bin.
Sie drängt sich nicht auf.
Ich weiß, sie wird mich verlassen, wenn meine
kritischen Gedanken
alles sind, was ich zu bieten habe.
Ich springe.
Hinein in eine mir bisher unbekannte Welt.
Bewusst und mit dem mir eigenen und nicht einmal
in dieser verzweifelten
Situation zu unterdrückenden Kalkül.
Rosebud, Rosebud, verlass mich nicht.
Es ist nur ein verzweifelter innerer Ruf, ich
bin zu schwach,
meine Stimme kann niemanden mehr erreichen.
Woher ich weiß, dass ich meinem Schutzgeist
einen Namen geben muss,
um ihn an mich zu binden, das weiß ich nicht.
Ebenso unerklärlich ist mir die Wahl dieses
Namens,
er ist in meinem Kopf wie eine altbekannte
Melodie.
Ich höre auf, rationale Überlegungen
zuzulassen.
Ich kann sie mir nicht mehr leisten diese
Zweifel.
Niemand außer diesem Lichtwesen, das jetzt
zögernd innehält
und sich mir erneut zuwendet, wird meine Ängste
auffangen können.
Ich scheine an der Oberfläche des
Bewusstseins zu treiben.
In einer Art Zwischenexistenz, in der eine
gnädige Einrichtung wohl verhindert,
dass die Schmerzen mich zerstören.
Oder sollte ich etwa? Panik erfasst mich.
Heißt es nicht, bei durchgetrenntem Rückenmark
erlischt jedes Schmerzgefühl?
Werde ich gelähmt aus dieser Horrorsituation
herauskommen, eine lebende Tote sein?
„Möchtest Du nicht in erster Linie gerettet werden?“
Für einen Moment glaube ich, Selbstgespräche
zu führen.
Doch dann merke ich, diese Frage erreicht mich –
stimmlos -
aus der Richtung des nebulösen Gebildes,
das sich flureszierend neben mir niedergelassen
hat.
„Nicht für ein Leben im Rollstuhl.“
Ich möchte es schreien, aber es bleibt bei
diesem angsterfüllten Gedanken,
der dennoch von meinem Gegenüber aufgenommen
wird.
Die Verbindung zwischen uns scheint keiner
Stimme zu bedürfen.
„Ich bin hier, bei Dir.“
Meine erste Reaktion ist totale Entspannung,
ich gebe mich und mein
Schicksal bedingungslos in die Hände von
Rosebud.
Doch schon Sekunden später überfallen mich
erneut massive Zweifel .
Wo zur Hölle war dieser Schutzgeist während der
bisherigen Einbrüche in meinem Leben?
Wieso hat er sie nicht verhindert?
„Sie zu verhindern hätte bedeutet, einen
Lernprozess zu unterbrechen,
der für deine geistige Entwicklung notwendig
war.“
Rosebud hat die Kommunikation zwischen uns wieder aufgenommen.
„Na klar, das würde ich auch antworten,
zumindest würde eine solche Antwort
verhindern, dass man als Schutzengel seine
Machtlosigkeit zugeben muss.“
Nicht einmal in dieser hoffnungslosen Situation
kann ich meinen Sarkasmus völlig ausschalten.
„Denkst Du das wirklich?“
Rosebud zögert einen Moment und plötzlich
spüre ich, wie eine Abfolge
von Bildern mein Hirn durchflutet.
Ich sehe mich in den hoffnungslos erscheinenden
Lebenssituationen der Vergangenheit.
Der Scheidung von Kurt, dem Tod meiner Mutter,
der psychischen Erkrankung,
die mich über viele Monate lahm legte, dem
Zusammenbruch meiner kleinen Blumenhandlung.
Die damaligen Gefühle überrollten mich ein
zweites mal und meine Verzweiflung
steigerte sich sekundenlang ins Unermessliche,
um danach zurückzuweichen wie
die Fluten des Meeres zur Ebbe.
Ich sehe.... in einer Klarheit, wie ich sie
bisher nicht gekannt habe.
Aus all diesen Katastrophen meines Leben war
etwas entstanden, das mich
entscheidend weitergebracht hatte.
Mit der Trennung von Kurt war ich einer
Beziehung entkommen,
die mich Stück für Stück zerstört und in die
seelische Isolation getrieben hatte.
Der Tod meiner Mutter hatte dazu geführt, dass
ich aufhörte,
bei jeder Kalamität den Heimathafen anzusteuern.
Ich lernte es endlich, meine Dinge selbst zu
ordnen.
Aus der Pleite des Blumenladens erwuchs die
Notwendigkeit, mich beruflich
anders zu orientieren.
Ich war frei von Zwängen und versuchte mich
endlich an dem,
was ein Leben lang zu meinen unterdrückten
Sehnsüchten gehörte.
Ich begann zu schreiben.
Dieses Hobby wiederum rettete mich aus der
emotionalen Empfindungslosigkeit
eines Daseins, das keine Höhepunkt mehr zu
kennen schien.
Und heute?
Mein Mund war ausgetrocknet und ich versuchte
vergeblich,
mit der pelzigen Zunge die trockenen Lippen zu
befeuchten.
„Sags mir, welcher Sinn kann darin liegen,
auf dem Weg zur
Frankfurter Buchmesse, auf dem endlich,
endlich meine erster Roman
vorgestellt wird, auf diese Weise zu
scheitern?“
Falls Rosebud antwortete, nahm ich es nicht
mehr auf.
Ich fiel erneut in eine tiefe Bewusstlosigkeit.
Das Erwachen ist schmerzgepeinigt und martervoll.
Ich liege, in blendende Helligkeit getaucht, in
einer Art Korsett aus Gips in einem Klinikbett.
Jemand tätschelt meine Wange und eine
professionelle und irgendwie
unbeteiligte Stimme sagt eilig;
„Na also, da ist sie ja wieder. Glück gehabt
meine Liebe, das wird wieder."
„Rosebud,“ höre ich mich flüstern.
Meine Augen erfassen nur die direkte Umgebung
und nirgendwo ist etwas
zu erkennen, das außergewöhnlich wäre.
„Rosebud, wer ist das? Ein Angehöriger? Sollen wir jemanden benachrichtigen?“
Die Schwester hält für einen Augenblick meine Hand.
„Es wird alles wieder gut.
Diese Autobahnterroristen haben noch in der
Nacht den Rettungsdienst
alarmiert, als sie sahen was sie angerichtet
haben.
Sie kommen wieder ganz in Ordnung.“
"Ich werde dich nie verlassen, Ich werde immer bei dir sein, bis ans Ende deiner Zeit."
Es ist das Letzte was ich bewusst wahrnehme,
bevor ich,
von tiefer Wärme durchdrungen, in einen tiefen,
erholsamen Schlaf falle.
Rosebud wird mich begleiten, wohin ich auch gehen werde.
Copyright L.Warmeling