Schreibaufgabe aus www.zugetextet.com
T i t e l  Q U A T S C H

Eigentlich ist es ja Quatsch  (oder Winstons Jugendjahre)


 




"Eigentlich ist es ja Quatsch" sagte Kavallerieoffizier Francis Cooper
etwas gequält lächelnd und vermied es, seinen Sprössling anzusehen.
Der hatte nämlich schulisch wieder einmal versagt und frech behauptet, das sei
bei den Genen seiner Ahnen irgendwie unabänderlich.

Cooper beschloß, nicht länger darüber nachzudenken, welche dunklen
Mächte eigentlich entscheiden, ob jemand Mittelmaß wird, oder über sich
hinauswächst.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dann die Vererbungstheorie
bestätigen würde, lag zu nahe.

Stattdessen gedachte er, seine erzieherischen Maßnahmen flächendeckend
auf dem Kasernenhof einzusetzen und wie jeden Morgen beim Appell,
fiel sein mißbilligendes Auge dann auch prompt auf

"Winston Leonard Spencer Churchill!" .

Bei diesem Rekruten sah Cooper es geradezu als Verpflichtung an,
ihn vom Weichei zum Eisenkinn zu schleifen .
.
Er genoß es, wenn dieser etwas dickliche Rekrut, dem die
Maxime *Sport ist Mord* sozusagen auf den üppigen Leib geschrieben
schien, wie ein nasser Sack mitten im Wassergraben landete und sich
beim Übersteigen einer Übungswand so verzweifelt festklammerte, dass
man ihn mittels einer Leiter regelrecht "abpflücken" musste.

Cooper war nicht der Mann, der sich von einem Attest beeindrucken
ließ das dem Rekruten Churchill Höhenangst attestierte, seine
Therapiemethoden waren mörderisch.

Dennoch hatte er immer das fatale Gefühl, dass dieser Kerl sich ihm,
seinem Ausbilder, haushoch überlegen fühlte.

Irgendwann setzte Cooper auf Kalorienreduktion und damit Winston auf
halbe Kost und Leonard Spencer Churchill schien unterzugehen wie ein
leckgeschlagenes Boot.

Er litt tierisch, bis....sein reger Geist bereits drei Tage später
andere Kanäle für seine Verköstigung aufgetan hatte, die Cooper, so
sehr er sich auch bemühte, nie aufdeckte.
Winston Churchill erwarb sich unter Coopers hartem Drill genau die
Eigenschaften, die einen Staatsmann ausmachen. Er hielt es mit Hegel,
der da meint, Talent ist spezifisch, Genie allgemeine Befähigung und
ließ sich mit der Kantinenköchin  auf ein kalorienförderndes Techtelmechtel ein,
das sein Problem auf angenehmste Weise löste.
 

In Blenheim Palace, dem Stammsitz der Churchills, wurde der junge
Winston in die Geheimnisse der Politik eingeweiht.
"Was ist deine Meinung, Winston?" fragte ihn sein Vater gelegentlich,
und tat so, als interessierten ihn die Ansichten des Rekruten.

Dann sog Winston hörbar die Luft ein, formulierte bereits in Gedanken
eine zündende Rede, ehe aber der erste Satz über seine Lippen kam,
erstellte Vater Churchill bereits in geübter Politikermanier eine hinreißende
Argumentationskette nach der anderen, monologisierte was das Zeug
hielt und tat genau das, was seine Zunft mit der Muttermilch
eingesogen zu haben scheint, er stellte Thesen auf, bewies deren
Schlüssigkeit, um sie gleich darauf wie ein geübter Winkeladvokat
genau ins Gegenteil zu verkehren und das ebenso schlüssig.

Danach sah er seinen Ableger freundlich an und sagte, so und jetzt laß mich
Deine Überlegungen hören.

Aber klar, das mache ich sofort, nachdem ich damit fertig bin, das
Rote Meer zu teilen murmelte der und beschloß, seinem Erzeuger
die sonntägliche Freude zu gönnen, seinen Filius mit seiner Beredsamkeit
zu beeindrucken.
Es war sicher frustrierend, Hinterbänkler im Oberhaus zu sein.
 

Hier also wurde der Grundstock zu Winstons Karriere gelegt.
Er konnte sich nur folgerichtig entwickeln.

Armer Winston, er schien eigentlich nirgendwo richtig zum Zug zu
kommen, nicht einmal bei Susanna Selinister, einer hinreißenden Blondine mit
Superbusen, in die er unsterblich verliebt war.
In ihrer Gegenwart wurde Winston zum stotternden Bergbauernbub,
bekam linguistische Ausfälle und seine Glubschaugen traten ihm aus dem
Kopf.
Kurz und gut, Amors Pfeil hatte ihn derart massiv in die Weichteile
getroffen, dass er ab sofort unter feuchten Träumen litt und Cooper
ihn mehr als einmal mit geschlossenen Augen * Susanna* murmelnd die
Latrinen schrubben sah.

Eines Tages aber startete Winston endlich durch, sein Phlegma wich
hektischer Betriebsamkeit und aus dieser wiederum entstand dann eine lyrisch
gedachte Einladung für die schöne Susanna, die er ihr beim
sonntäglichen Kirchgang heimlich zusteckte.

Holde Maid, Traum meines Lebens
ich warte schon so lange vergebens
Erhöre mein flehn heute Abend um zehn
lass uns selbander Schwäne füttern gehn.

Susanna blickte auf, in das hochrote Gesicht des Kadetten und
wollte schon "Quatsch"  rufen.
Aber dann erinnerte sie sich an Winstons einflußreiches Elternhaus
 und flötete; "Meinetwegen".

Ihrer Freundin aber flüsterte sie hinter vorgehaltener Hand zu:
"Bei dem was es auf dieser Welt so alles zu verbessern gäbe, kann
der liebe Gott froh sein, dass die Menschheit keine Sammelklage gegen
ihn erhebt. Gegen den ist ja ein Knäckebrot ein Feuchtbiotop. "

Ahnungslos und hoffnungsfroh strebte Winston  am Abend  zum Schwanenteich,
peinlichst darauf bedacht, kein  Staubkorn auf seine weiße, schnuckelige
Ausgehuniform kommen zu  lassen.

Susanna Selinister hatte inzwischen längst bedauert, ihre göttliche
Ausstrahlung an den etwas dicklichen jungen Kadetten verschwendet zu haben
und beschloß, ihn abzuservieren.
Dennoch sorgsam ihr blondes Haar in verführerischen Locken um den schönen
Kopf frisierend, hatte sie kaltherzig zu ihrer Busenfreundin gesagt;
"Also wenn ich den Knaben so betrachte, kommt mir der Verdacht, ein
Schönheitsoperateur hätte bei dem mehr zu tun, als je an der
Liverpooler Autobahn repariert wurde", aber immerhin, die Familie ist top.

Aber dann kam alles ganz anders.

Da stand er also und wartete.
Seine Basedowaugen fielen ihm fast aus dem Kopf, als er sie sah und
kleine Feuchtigkeitsbläschen bildeten sich in seinen Mundwinkel.

Wie  unappetitlich, dachte Susanna, der Junge sollte sich seinen
ungezügelten Trieb nicht so anmerken lassen, aber geschmeichelt war
sie doch.

Und nun hatte Winston eine seiner Ideen, von denen in ferner Zukunft
die Welt sagen sollte, * Das Land, das Winston als Denker in seinen
Reihen hat, geht goldenen Zeiten entgegen*.

Die Aphorismen sprudelten nur so aus ihm heraus.
Später einmal - so um 1953 herum - sollten sie ihm den
Literaturnobelpreis einbringen, jetzt aber beeindruckten sie Susanna,
die ihm atemlos zuhörte, als er deklamierte:

Eine gute Rede ist eine Ansprache, die das Thema
erschöpft, aber keineswegs die Zuhörer.(Zitat)

Mein Thema aber ist Liebe, ist Sex, ist Hingabe,
Und Du sollst für den Rest meines Lebens mein
einziger Zuhörer sein, der niemals erschöpft ist,
von einem Thema das sich nie erschöpft.

Wenn zwei Menschen immer dasselbe denken,
ist einer von ihnen überflüssig. (Zitat)

Und deshalb Susanna, Susanna, Susanna,
laß mich mit Dir verschmelzen, mich in Dich ergießen,
eins sein mit Dir für immer.

An dieser Stelle, so schien es ihm, kapitulierte die schöne Susanna.

Sie wich mit ausgebreiteten Armen zurück, Winston, restlos davon
überzeugt, dass sie ihm überwältigt zu Füßen sinken
werde, trat noch einen Schritt näher, und das Unheil nahm seinen Lauf.

Ehe er nach ihr greifen konnte, war sie rücklings in den See gestürzt.
Sie ging unter wie ein Stein und er erfuhr nie, dass das abendliche
Kantinenessen, stark mit Knoblauch versetzt, seinem Atem die
Durchschlagskraft eines Presslufthammers verliehen hatte, was die
blonde Susanna panikartig zu dem entscheidenden Schritt in die falsche
Richtung veranlasste.

Niemand fand je heraus, ob Winston in der Lage gewesen wäre,
seinen blonden Traum zu retten, er war Nichtschwimmer.

So endete Winstons erste Liebe also tragisch und von diesem Tag an
hütete er sich, die Früchte seines Geistes an Blondinen zu verschwenden.

Er trat einem Debattierclub bei , hatte ab sofort auf alles eine Antwort und
dass ihm keiner die dazu passenden Fragen stellte, focht ihn nicht weiter an.
Er war restlos glücklich und niemand sagte ihm, dass dies seinerzeit  auch der
Mann behauptet hatte, der das letzte Ticket für die Titanic erwarb.

Kavallerieoffizier Cooper verschwand damit aus seinem Leben wie eine
vom Himmel fallende Sternschnuppe.

Die Welt des Winston Churchill hätte also endlich in Ordnung sein
können.....wenn sie denn real gewesen wäre.

Doch war sie das?

Er hörte aus der Ferne seinen Vater singen: "Alles Quatsch!" und
Francis Cooper spielte die Melodie dazu auf einer Bongotrommel.

Das war der Moment, in dem Kavallerieoffizier Cooper ihn schlafend
über der Latrine fand, deren Säuberung zu seinen Strafexerzitien
gehörte.
Er weckte ihn unsanft mit der Klobürste, indem er auf Winstons Schädel
im Trommelrhythmus God save the Queen intonierte.

So geschah es dann, dass Winston in späteren Jahren Träumen immer
etwas distanziert gegenüber stand.
Zumindest wenn er jäh daraus geweckt wurde, was in einem Politikerleben
nicht selten nach jeder Legislaturperiode zur bitteren Wahrheit wurde.

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Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen
wäre rein zufällig, und außerdem natürlich Quatsch.

Gott schenkt dir das Gesicht, lächeln musst du selber. Irland
 
 





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