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Nachtgedanken mit Cyrano
Die ersten Tage im Netz entbehrten nicht einer gewissen Komik
Es dauerte, bis ich verinnerlichte, daß
der jeweilige Gesprächspartner
mich nicht sehen konnte, ihm also verborgen
blieb, wenn ich ab und an
kleine Unmutslaute von mir gab, wilde Flüche
ausstieß oder auch nur verächtlich die Achsel zuckte.
Es war arg viel menschlicher Schrott, worauf
ich da bei meinen nächtlichen
Exkursionen stieß, aber es ergab sich
auch eine Menge Heiterkeit und Spaß.
Die Fähigkeit, Menschenkenntnis auch ohne
den direkten Blick, allein
anhand schriftlicher Äußerungen
zu praktizieren, wurde immer ausgeprägter.
Schon nach drei Monaten wußte ich, wann
es sich lohnen würde, nähere Mailkontakte
aufzunehmen, oder weiterzuschlendern wie auf
einer überdimensionalen Spielwiese,
auf der schon hinter der nächsten Ecke
Neues, Innovatives und Spannendes lauerte.
Trotzdem machte ich Fehler.
Ich hielt mich etwas zu lange mit absoluten
Blindgängern auf, verschwendete
meine Zeit mit Geplänkel und merkte zu
spät, dass dies alles bleiben würde,
was von der Gegenseite zu erwarten war.
Im gleichen Moment, in dem ich meinen Wunsch
nach Gedankenaustausch
nicht auf den Austausch von Körperflüssigkeiten
ausdehnen mochte,
verschwanden die jeweiligen Aspiranten durch
einen imaginären Gully in
den Untergrund, wo sie wahrscheinlich auch
hingehörten.
Eine skurrile Bühne, spannend und manchmal erschreckend abstoßend.
Nach kurzer Zeit setzte ich an den Beginn jedes
ernsthaft geplanten Kontaktes
eine Angabe über mein Alter und den Satz
" persönliche Treffen nicht erwünscht".
Wirkte aber nicht immer.
Gott sei Dank, sage ich heute, denn die Menschen,
die trotzdem zu Freunden
wurden, ließen sich davon zum Glück
weder beeindrucken noch abschrecken.
Selbst achtete ich sorgsam darauf, wie lange
eine neue Mailbekanntschaft
brauchen würde, um sich vorsichtig in
die Nähe sexuell gefärbter Statements zu hangeln.
Geschah dies innerhalb der ersten fünf
Mails, war der Aspirant durchgefallen
und wurde unverzüglich ausgemustert.
Brauchte er zehn Mails, schlängelte sich
aber trotzdem von Mail zu Mail
näher in diese Richtung, ließ ich
die Bekanntschaft gelassen versanden und
antwortete irgendwann nicht mehr.
Bis Cyrano auftauchte.
Schon seine erste Mail faszinierte mich, er
plumpste in mein Fach wie ein
Überraschungsei, fröhlich, unbekümmert
und irgendwie nicht auszuloten.
Ich kreuzte die Daumen, hoffend, seine erkennbare
Freude an nächtlichen
Fahrten auf dem Gedankenkarussell mit einer
Unbekannten würde nicht
auch irgendwann der üblichen triebgesteuerten
Soße weichen.
Ich lief zu großer Form auf, dieser Mann war eine Wucht.
Er schien schon zu ahnen, was ich sagen wollte,
da kämpfte ich noch um die
jeweilige unmißverständliche Formulierung.
Ich segelte auch hier nicht unter falscher
Flagge, aber die Tatsache, daß er
eine Generation jünger war als ich, störte
ihn nicht die Bohne, das war's also,
die intellektuelle Chemie stimmte, und die
virtuelle damit auch.
Cyrano, ein schillerndes Paket männlichen Charmes und scharfer Beobachtungsgabe.
Er war ein stetiger Quell intellektueller Anregung
gewesen, schade,
dass es so ausgehen musste. Denn als er begann,
mir angebliche Intimitäten
aus seinem Bekanntenkreis zu berichten, reagierte
ich einfach nur zickig,
und anstatt ihn verbal zu schütteln wie
einen jungen Hund,
beendete ich die Verbindung etwas abrupt.
Ich vermißte ihn lange Zeit.
Mir fehlte seine Fröhlichkeit, der manchmal
erbarmungslose Blick auf
die Geschehnisse des Tages, die er mit hintergründigem
Witz zu
kommentieren pflegte, seine Belesenheit und
das Wissen um die
menschlichen Schwächen, das viel eher
zu einem viel erfahreneren
Mann gepasst hätte.
Kurzum, ich trauerte einem Kontakt hinterher,
den ich, mit etwas weniger
Angst vor den von allen Seiten heraufbeschworenen
Fallen für weibliche Wesen,
leicht hätte in mir genehme Bahnen lenken
können, ohne ihn zu verletzen.
Also auf zu neuen Ufern, denn der Mensch, einen
Fehler einzugestehen und
die Verbindung wieder aufzunehmen, der war
ich nicht, und das wußte ich auch.
Monate vergingen; ich war längst integriert
im Netz meines Providers,
hatte eine Menge Spaß, ärgerte
mich auch gelegentlich, daß mir der
virtuelle Kragen zu platzen drohte, aber als
ich auf die "Literaten" stieß,
alles offensichtlich ebenso Schreibbegeisterte
wie ich, war alles in Butter.
Ich konnte fabulieren nach Herzenslust, mich
davon überzeugen, daß woanders
auch nur mit Wasser gekocht wurde, und meine
Mailkontakte intensivieren.
Es wurde etwas hektisch in meinem "Briefkasten"
aber das wars, was ich wollte:
Buntheit zulassen, auch um den Preis, gelegentlich
auf Kotzbrocken, Sonderlinge
oder Mimosen zu stoßen, es gab sie alle
und es kostete immer weniger Zeit, sie auszumustern.
Heute kann ich behaupten, in zwei Jahren User-Leben
mehr über Menschen
gelernt zu haben als in all den Jahrzehnten
zuvor.
Und dann veränderte sich alles, der virtuelle Himmel brach über mir zusammen.
Jemand aus dem Kreis der Senioren schrieb mich
an, er brauchte Hinweise,
auf welchem Wege man am leichtesten die Newsgroups
offline lese und
kommentiere, er war neu im Netz - und schien
erkennbar Hilfe zu schätzen.
Dergleichen hatte ich schon öfter gemacht
und erledigte die Fragenliste
ziemlich schnell und prompt.
Sein Dank kam auf der Stelle, und zwar in Versform.
Heiter, treffend formuliert und mit dem hintergründigen Witz, den ich so liebte.
Potz Blitz, ich war auf der Stelle hellwach.
Ein Feuerwerk reinster Wortakrobatik war die
Folge, der Knabe war
mir über und ich hatte Mühe, seinen
Gedankensaltos zu folgen.
Schon bald tanzten wir miteinander den nächtlichen
Ideen-Czardas,
dass die Bits und Bytes nur so staubten.
Ich wollte zuerst gar nicht wissen, wer er
ist, wie er lebt und was ihn dazu trieb,
jede Nacht Punkt 24 Uhr meinen Organizer mit
den tollsten Geschichten zu füllen,
bis der schier aus den Nähten zu platzen
drohte.
Ich verglich ihn nicht eine Sekunde lang mit
Cyrano, er war völlig anders,
tiefgründiger, fähig, innerhalb
kürzester Zeit die Stimmung - und zwar meine -
wie ein hochempfindlicher Seismograph zu erfassen
und sich darauf einzustellen.
Was nicht hieß, er hätte mich immer
zart angefaßt, bei Gott nicht,
zuweilen erreichte mich eine geharnischte
Gardinenpredigt,
und zwar immer dann, wenn er behauptete, ich
hätte ein anstehendes
Problem nicht gründlich erfasst. Dann
wurde er wild, beschuldigte mich
einer unerträglichen Faulheit des Denkens,
die man sich in unserem Alter
nicht mehr leisten dürfe, und das waren
dann eigentlich die einzigen
Gelegenheiten, in denen er mir einen kurzen
Blick auf sich selbst erlaubte.
"In unserem Alter" - das hieß also, er
war ebenfalls über sechzig?
Aber wenn ich gezielt nachfragte, hieß
es jedesmal, "Ist das wichtig??"
NEIN, es war nicht wichtig, es war sowas von
schnurzegal, daß ich aufhörte,
überhaupt über ihn als Mann nachzudenken,
der absolute Glücksfall harrte
meiner Nacht für Nacht im Organizer.
Ich las zuerst alle anderen Mails und
sparte mir die seine auf bis zum Schluß.
Damit verlängerte ich meine Vorfreude,
wie ich es früher als Kind vor dem Öffnen
meiner Geschenkpakete getan hatte.
Inzwischen spielten sich rings um mich herum
andere Schicksale ab.
Freunde aus dem Mailkreis verschwanden wieder,
andere gingen reale
Partnerschaften ein, und ich nahm an allem
teil, bezog Stellung zu dem,
was da angeflattert kam und fühlte mich
oft wie eine der Briefkastentanten
aus dem Illustriertendschungel.
Ich wurde zu einer Art Anlaufstelle für
Probleme jeder Art, und niemand ahnte,
dass ich oft ebenso ratlos war wie Jene, die
nicht weiter wußten,
aber...ich hatte ja IHN!
Ihn, mit dem ich absolut jedes anstehende Problem
besprach und immer
zu einer annehmbaren Lösung kam.
Seinen wirklichen Namen kannte ich nach einem
halben Jahr immer noch nicht,
auch das gehörte zu den Dingen, die er
unwichtig fand.
Hatte ich nicht gleich nach der ersten Mail
gesagt, "Sehen werden wir uns nie",
ein Spruch, den ich immer abließ, denn
was ich wollte, war nicht gelebte Realität,
sondern nur die Gedanken und Gefühle
eines Menschen,
und dieses Menschen im Besonderen.
Alle meine Mailpartner lernten sich durch meine
Vermittlung mit der Zeit
untereinander kennen. Auch da entstanden nach
und nach wundervolle
Freundschaften, denn ich achtete bei der Zusammenführung
darauf,
daß die Chemie stimmte, es gab keine
Fehlschläge.
Aber einen, diesen einen, diesen absolut wundervollen
und geliebten Kontakt,
den war ich nicht bereit zu teilen. Diese
Verbindung hütete ich wie den
imaginären Inkaschatz, nie drang in anderen
Mails ein Wort über IHN nach draußen.
Dann kam die Nacht, in der er mich bat, ihn PUNCH zu nennen.
Warum PUNCH?
Völlig klar, es charakterisierte ihn absolut
treffend, es ist im Englischen
sowohl die Bezeichnung für "Hanswurst"
oder "Kasper", bedeutet aber
ebenso Schlagkraft, Energie und Schwung; es
war perfekt.
Wir kannten uns nun ein volles Jahr. Langsam,
unendlich langsam, flossen
immer mehr persönliche Dinge in unsere
Korrespondenz ein.
Ich war zwar sicher, daß es dessen nicht
mehr bedurfte, denn wir schienen
bereits alles intuitiv voneinander zu wissen.
Er nannte mich zuweilen seinen
geistigen Zwilling, und das betraf durchaus
auch meine dunklen Seiten,
die zu verbergen mir immer weniger gelang.
Es war einfach nicht nötig, mich vor ihm
in acht zu nehmen, ich durfte mich
auf eine Weise gehen lassen, die ich nie zuvor
gekannt hatte.
Punch verstand, er reflektiert meine Gedanken
auf eine so hinreißende Weise,
daß ich nicht einmal versucht haben
würde, ihm etwas vorzumachen.
Dabei ertappte er mich nicht nur jedesmal,
sondern es gab dann auch eine
so knochenharte Retourkutsche, dass es mir
zuweilen die virtuellen Schuhe auszog.
Ich mußte mich nicht produzieren, ich
brauchte ihm nicht zu erzählen,
daß ich in einer Situation eine gute
Figur gemacht hätte, Punch wußte,
wann ich angab wie ein Sack Seife, und er
ließ es niemals durchgehen.
Irgendwann sah ich mich mit seinen Augen.
Ob mir das immer gefiel, was ich da sah?
Sicher nicht, aber Punch meinte nur völlig
ungerührt:
"Das bist du, lerne dich zu lieben, denn anders
wirst du nicht mehr."
Bautz....wollte ich das?
Wollte ich nicht viel eher von ihm geliebt werden?
Wann dieser absolut aufregende Gedanke zum
ersten Mal auftauchte,
weiß ich nicht mehr so genau. Aber da
war er, grinste mich an und hatte
nicht die Absicht, sich zu trollen.
Die Schmetterlinge im Bauch, sie tauchten auf,
als wir uns bereits seit
achtzehn Monaten schrieben...und...sie blieben,
hartnäckig flatternd,
nicht bereit, sich im Geringsten davon beeinflussen
zu lassen, welche
realistischen Einwände ich gegen sie
aufmarschieren ließ.
Großer Gott, was nun?
Dergleichen hatte man einfach in meinem Alter
nicht mehr zu fühlen,
absolut idiotisch, sowas passierte MIR doch
nicht!
Auf der Stelle versuchte ich, den Kontakt abzuwürgen,
ich meldete mich
wegen einer Kurzreise bei Punch für eine
Woche ab und dachte intensiv nach.
Es gab keinen einzigen Anlaß, ihm gegenüber
je meine Gefühle,
derer ich mir nicht einmal sicher war, auch
nur zu erwähnen, das war real.
Im Gegenteil, sie nicht zu verschweigen konnte
bedeuten, etwas unsäglich
wundervolles zu verlieren...wirklich?
Befürchtete ich das?
Aber war ich nicht jemand, der offene Fragen niemals offen lassen konnte?
Würde ich nicht todunglücklich sein,
nicht mit letzter Sicherheit zu wissen,
ob meine Gefühle erwidert wurden, mehr
noch, wußte ich nicht ganz genau,
daß ich nicht eher aufgeben würde,
bis ich genau dies herausgefunden hatte?
Das Spiel konnte beginnen, das Kreisen und
Tändeln, das Suchen und Hervorlocken,
jede Frau kennt es und wendet es an.
Aber ich war in einer beschissenen Lage, all
das konnte ich nicht bei einem
realen Gegenüber einsetzen, sondern ich
würde es schriftstellerisch
umsetzen müssen, eine virtuelle, verbale
Verführung also.
Also nein, das war doch nun absolut nicht mein Stil...war es nicht?
War ich denn je in einer solchen Situation gewesen?
Natürlich nicht, also Neuland, muss auch mit neuen Mitteln erobert werden. Basta.
Als ich nach Hause kam, stürzte ich zum PC, er würde doch....
Ja, da war eine Mail von ihm, aber nur eine.
Mein Herz schlug wie wild, aber ich rief sie
nicht zum "Lesen" auf, diese Mail,
sie schien sehr kurz zu sein, was man zumeist
schon feststellt,
wenn sie vom Kurierdienst in den Organizer
übertragen wird.
Eine ganze Woche Enthaltsamkeit und nur eine
Mail von Punch,
das schien mir kein gutes Zeichen.
Ich packte meine Reisetasche aus, und jedesmal,
wenn ich im Vorbeigehen
etwas in Schublade oder Schrank einräumte,
fiel mein Blick auf den Monitor,
auf dem sich längst der Bildschirmschoner
eingeschaltet hatte.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, murmelte
etwas von "blöde Gans"
und "alte Scheunen brennen am heftigsten"
in mich hinein und drückte
entschlossen den "Öffnen"-Button.
Es war nur ein Satz, den Punch in übergroßen
Buchstaben hinterlassen hatte
- und das mit dem Datum des Tages meiner Abreise.
Da stand in Riesenlettern:
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