Das höchste Glück des Lebens ist die Überzeugung, geliebt zu werden.
Victor Hugo

Nachtgedanken mit Cyrano

Die ersten Tage im Netz entbehrten nicht einer gewissen Komik

Es dauerte, bis ich verinnerlichte, daß der jeweilige Gesprächspartner
mich nicht sehen konnte, ihm also verborgen blieb, wenn ich ab und an
kleine Unmutslaute von mir gab, wilde Flüche ausstieß oder auch nur verächtlich die Achsel zuckte.

Es war arg viel menschlicher Schrott, worauf ich da bei meinen nächtlichen
Exkursionen stieß, aber es ergab sich auch eine Menge Heiterkeit und Spaß.

Die Fähigkeit, Menschenkenntnis auch ohne den direkten Blick, allein
anhand schriftlicher Äußerungen zu praktizieren, wurde immer ausgeprägter.

Schon nach drei Monaten wußte ich, wann es sich lohnen würde, nähere Mailkontakte
aufzunehmen, oder weiterzuschlendern wie auf einer überdimensionalen Spielwiese,
auf der schon hinter der nächsten Ecke Neues, Innovatives und Spannendes lauerte.

Trotzdem machte ich Fehler.

Ich hielt mich etwas zu lange mit absoluten Blindgängern auf, verschwendete
meine Zeit mit Geplänkel und merkte zu spät, dass dies alles bleiben würde,
was von der Gegenseite zu erwarten war.

Im gleichen Moment, in dem ich meinen Wunsch nach Gedankenaustausch
nicht auf den Austausch von Körperflüssigkeiten ausdehnen mochte,
verschwanden die jeweiligen Aspiranten durch einen imaginären Gully in
den Untergrund, wo sie wahrscheinlich auch hingehörten.

Eine skurrile Bühne, spannend und manchmal erschreckend abstoßend.

Nach kurzer Zeit setzte ich an den Beginn jedes ernsthaft geplanten Kontaktes
eine Angabe über mein Alter und den Satz " persönliche Treffen nicht erwünscht".

Wirkte aber nicht immer.

Gott sei Dank, sage ich heute, denn die Menschen, die trotzdem zu Freunden
wurden, ließen sich davon zum Glück weder beeindrucken noch abschrecken.

Selbst achtete ich sorgsam darauf, wie lange eine neue Mailbekanntschaft
brauchen würde, um sich vorsichtig in die Nähe sexuell gefärbter Statements zu hangeln.
Geschah dies innerhalb der ersten fünf Mails, war der Aspirant durchgefallen
und wurde unverzüglich ausgemustert.

Brauchte er zehn Mails, schlängelte sich aber trotzdem von Mail zu Mail
näher in diese Richtung, ließ ich die Bekanntschaft gelassen versanden und
antwortete irgendwann nicht mehr.

Bis Cyrano auftauchte.

Schon seine erste Mail faszinierte mich, er plumpste in mein Fach wie ein
Überraschungsei, fröhlich, unbekümmert und irgendwie nicht auszuloten.

Ich kreuzte die Daumen, hoffend, seine erkennbare Freude an nächtlichen
Fahrten auf dem Gedankenkarussell mit einer Unbekannten würde nicht
auch irgendwann der üblichen triebgesteuerten Soße weichen.

Ich lief zu großer Form auf, dieser Mann war eine Wucht.

Er schien schon zu ahnen, was ich sagen wollte, da kämpfte ich noch um die
jeweilige unmißverständliche Formulierung.

Ich segelte auch hier nicht unter falscher Flagge, aber die Tatsache, daß er
eine Generation jünger war als ich, störte ihn nicht die Bohne, das war's also,
die intellektuelle Chemie stimmte, und die virtuelle damit auch.

Cyrano, ein schillerndes Paket männlichen Charmes und scharfer Beobachtungsgabe.

Er war ein stetiger Quell intellektueller Anregung gewesen, schade,
dass es so ausgehen musste. Denn als er begann, mir angebliche Intimitäten
aus seinem Bekanntenkreis zu berichten, reagierte ich einfach nur zickig,
und anstatt ihn verbal zu schütteln wie einen jungen Hund,
beendete ich die Verbindung etwas abrupt.

Ich vermißte ihn lange Zeit.

Mir fehlte seine Fröhlichkeit, der manchmal erbarmungslose Blick auf
die Geschehnisse des Tages, die er mit hintergründigem Witz zu
kommentieren pflegte, seine Belesenheit und das Wissen um die
menschlichen Schwächen, das viel eher zu einem viel erfahreneren
Mann gepasst hätte.

Kurzum, ich trauerte einem Kontakt hinterher, den ich, mit etwas weniger
Angst vor den von allen Seiten heraufbeschworenen Fallen für weibliche Wesen,
leicht hätte in mir genehme Bahnen lenken können, ohne ihn zu verletzen.

Also auf zu neuen Ufern, denn der Mensch, einen Fehler einzugestehen und
die Verbindung wieder aufzunehmen, der war ich nicht, und das wußte ich auch.

Monate vergingen; ich war längst integriert im Netz meines Providers,
hatte eine Menge Spaß, ärgerte mich auch gelegentlich, daß mir der
virtuelle Kragen zu platzen drohte, aber als ich auf die "Literaten" stieß,
alles offensichtlich ebenso Schreibbegeisterte wie ich, war alles in Butter.

Ich konnte fabulieren nach Herzenslust, mich davon überzeugen, daß woanders
auch nur mit Wasser gekocht wurde, und meine Mailkontakte intensivieren.

Es wurde etwas hektisch in meinem "Briefkasten" aber das wars, was ich wollte:
Buntheit zulassen, auch um den Preis, gelegentlich auf Kotzbrocken, Sonderlinge
oder Mimosen zu stoßen, es gab sie alle und es kostete immer weniger Zeit, sie auszumustern.

Heute kann ich behaupten, in zwei Jahren User-Leben mehr über Menschen
gelernt zu haben als in all den Jahrzehnten zuvor.

Und dann veränderte sich alles, der virtuelle Himmel brach über mir zusammen.

Jemand aus dem Kreis der Senioren schrieb mich an, er brauchte Hinweise,
auf welchem Wege man am leichtesten die Newsgroups offline lese und
kommentiere, er war neu im Netz - und schien erkennbar Hilfe zu schätzen.

Dergleichen hatte ich schon öfter gemacht und erledigte die Fragenliste
ziemlich schnell und prompt.

Sein Dank kam auf der Stelle, und zwar in Versform.

Heiter, treffend formuliert und mit dem hintergründigen Witz, den ich so liebte.

Potz Blitz, ich war auf der Stelle hellwach.

Ein Feuerwerk reinster Wortakrobatik war die Folge, der Knabe war
mir über und ich hatte Mühe, seinen Gedankensaltos zu folgen.
Schon bald tanzten wir miteinander den nächtlichen Ideen-Czardas,
dass die Bits und Bytes nur so staubten.

Ich wollte zuerst gar nicht wissen, wer er ist, wie er lebt und was ihn dazu trieb,
jede Nacht Punkt 24 Uhr meinen Organizer mit den tollsten Geschichten zu füllen,
bis der schier aus den Nähten zu platzen drohte.

Ich verglich ihn nicht eine Sekunde lang mit Cyrano, er war völlig anders,
tiefgründiger, fähig, innerhalb kürzester Zeit die Stimmung - und zwar meine -
wie ein hochempfindlicher Seismograph zu erfassen und sich darauf einzustellen.

Was nicht hieß, er hätte mich immer zart angefaßt, bei Gott nicht,
zuweilen erreichte mich eine geharnischte Gardinenpredigt,
und zwar immer dann, wenn er behauptete, ich hätte ein anstehendes
Problem nicht gründlich erfasst. Dann wurde er wild, beschuldigte mich
einer unerträglichen Faulheit des Denkens, die man sich in unserem Alter
nicht mehr leisten dürfe, und das waren dann eigentlich die einzigen
Gelegenheiten, in denen er mir einen kurzen Blick auf sich selbst erlaubte.

"In unserem Alter" - das hieß also, er war ebenfalls über sechzig?
Aber wenn ich gezielt nachfragte, hieß es jedesmal, "Ist das wichtig??"

NEIN, es war nicht wichtig, es war sowas von schnurzegal, daß ich aufhörte,
überhaupt über ihn als Mann nachzudenken, der absolute Glücksfall harrte
meiner Nacht für Nacht im Organizer. Ich las zuerst alle anderen Mails und
sparte mir die seine auf bis zum Schluß. Damit verlängerte ich meine Vorfreude,
wie ich es früher als Kind vor dem Öffnen meiner Geschenkpakete getan hatte.

Inzwischen spielten sich rings um mich herum andere Schicksale ab.
Freunde aus dem Mailkreis verschwanden wieder, andere gingen reale
Partnerschaften ein, und ich nahm an allem teil, bezog Stellung zu dem,
was da angeflattert kam und fühlte mich oft wie eine der Briefkastentanten
aus dem Illustriertendschungel.

Ich wurde zu einer Art Anlaufstelle für Probleme jeder Art, und niemand ahnte,
dass ich oft ebenso ratlos war wie Jene, die nicht weiter wußten,
aber...ich hatte ja IHN!

Ihn, mit dem ich absolut jedes anstehende Problem besprach und immer
zu einer annehmbaren Lösung kam.

Seinen wirklichen Namen kannte ich nach einem halben Jahr immer noch nicht,
auch das gehörte zu den Dingen, die er unwichtig fand.
Hatte ich nicht gleich nach der ersten Mail gesagt, "Sehen werden wir uns nie",
ein Spruch, den ich immer abließ, denn was ich wollte, war nicht gelebte Realität,
sondern nur die Gedanken und Gefühle eines Menschen,
und dieses Menschen im Besonderen.

Alle meine Mailpartner lernten sich durch meine Vermittlung mit der Zeit
untereinander kennen. Auch da entstanden nach und nach wundervolle
Freundschaften, denn ich achtete bei der Zusammenführung darauf,
daß die Chemie stimmte, es gab keine Fehlschläge.

Aber einen, diesen einen, diesen absolut wundervollen und geliebten Kontakt,
den war ich nicht bereit zu teilen. Diese Verbindung hütete ich wie den
imaginären Inkaschatz, nie drang in anderen Mails ein Wort über IHN nach draußen.

Dann kam die Nacht, in der er mich bat, ihn PUNCH zu nennen.

Warum PUNCH?

Völlig klar, es charakterisierte ihn absolut treffend, es ist im Englischen
sowohl die Bezeichnung für "Hanswurst" oder "Kasper", bedeutet aber
ebenso Schlagkraft, Energie und Schwung; es war perfekt.

Wir kannten uns nun ein volles Jahr. Langsam, unendlich langsam, flossen
immer mehr persönliche Dinge in unsere Korrespondenz ein.

Ich war zwar sicher, daß es dessen nicht mehr bedurfte, denn wir schienen
bereits alles intuitiv voneinander zu wissen. Er nannte mich zuweilen seinen
geistigen Zwilling, und das betraf durchaus auch meine dunklen Seiten,
die zu verbergen mir immer weniger gelang.

Es war einfach nicht nötig, mich vor ihm in acht zu nehmen, ich durfte mich
auf eine Weise gehen lassen, die ich nie zuvor gekannt hatte.

Punch verstand, er reflektiert meine Gedanken auf eine so hinreißende Weise,
daß ich nicht einmal versucht haben würde, ihm etwas vorzumachen.

Dabei ertappte er mich nicht nur jedesmal, sondern es gab dann auch eine
so knochenharte Retourkutsche, dass es mir zuweilen die virtuellen Schuhe auszog.

Ich mußte mich nicht produzieren, ich brauchte ihm nicht zu erzählen,
daß ich in einer Situation eine gute Figur gemacht hätte, Punch wußte,
wann ich angab wie ein Sack Seife, und er ließ es niemals durchgehen.

Irgendwann sah ich mich mit seinen Augen.

Ob mir das immer gefiel, was ich da sah?

Sicher nicht, aber Punch meinte nur völlig ungerührt:
"Das bist du, lerne dich zu lieben, denn anders wirst du nicht mehr."

Bautz....wollte ich das?

Wollte ich nicht viel eher von ihm geliebt werden?

Wann dieser absolut aufregende Gedanke zum ersten Mal auftauchte,
weiß ich nicht mehr so genau. Aber da war er, grinste mich an und hatte
nicht die Absicht, sich zu trollen.

Die Schmetterlinge im Bauch, sie tauchten auf, als wir uns bereits seit
achtzehn Monaten schrieben...und...sie blieben, hartnäckig flatternd,
nicht bereit, sich im Geringsten davon beeinflussen zu lassen, welche
realistischen Einwände ich gegen sie aufmarschieren ließ.

Großer Gott, was nun?

Dergleichen hatte man einfach in meinem Alter nicht mehr zu fühlen,
absolut idiotisch, sowas passierte MIR doch nicht!

Auf der Stelle versuchte ich, den Kontakt abzuwürgen, ich meldete mich
wegen einer Kurzreise bei Punch für eine Woche ab und dachte intensiv nach.

Es gab keinen einzigen Anlaß, ihm gegenüber je meine Gefühle,
derer ich mir nicht einmal sicher war, auch nur zu erwähnen, das war real.

Im Gegenteil, sie nicht zu verschweigen konnte bedeuten, etwas unsäglich
wundervolles zu verlieren...wirklich?

Befürchtete ich das?

Aber war ich nicht jemand, der offene Fragen niemals offen lassen konnte?

Würde ich nicht todunglücklich sein, nicht mit letzter Sicherheit zu wissen,
ob meine Gefühle erwidert wurden, mehr noch, wußte ich nicht ganz genau,
daß ich nicht eher aufgeben würde, bis ich genau dies herausgefunden hatte?

Das Spiel konnte beginnen, das Kreisen und Tändeln, das Suchen und Hervorlocken,
jede Frau kennt es und wendet es an.

Aber ich war in einer beschissenen Lage, all das konnte ich nicht bei einem
realen Gegenüber einsetzen, sondern ich würde es schriftstellerisch
umsetzen müssen, eine virtuelle, verbale Verführung also.

Also nein, das war doch nun absolut nicht mein Stil...war es nicht?

War ich denn je in einer solchen Situation gewesen?

Natürlich nicht, also Neuland, muss auch mit neuen Mitteln erobert werden. Basta.

Als ich nach Hause kam, stürzte ich zum PC, er würde doch....

Ja, da war eine Mail von ihm, aber nur eine.

Mein Herz schlug wie wild, aber ich rief sie nicht zum "Lesen" auf, diese Mail,
sie schien sehr kurz zu sein, was man zumeist schon feststellt,
wenn sie vom Kurierdienst in den Organizer übertragen wird.

Eine ganze Woche Enthaltsamkeit und nur eine Mail von Punch,
das schien mir kein gutes Zeichen.

Ich packte meine Reisetasche aus, und jedesmal, wenn ich im Vorbeigehen
etwas in Schublade oder Schrank einräumte, fiel mein Blick auf den Monitor,
auf dem sich längst der Bildschirmschoner eingeschaltet hatte.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, murmelte etwas von "blöde Gans"
und "alte Scheunen brennen am heftigsten" in mich hinein und drückte
entschlossen den "Öffnen"-Button.

Es war nur ein Satz, den Punch in übergroßen Buchstaben hinterlassen hatte
- und das mit dem Datum des Tages meiner Abreise.

Da stand in Riesenlettern:
 

Wieso brauchst Du solange um endlich zu begreifen, daß wir uns lieben..

Cyrano, genannt Punch


Wir trafen uns zwei Wochen später.
Ein stürmischer, eiskalten Dezembertag und ich stand vor Kälte zitternd auf dem Bahnsteig, um den Mann meiner Träume abzuholen.
Der Wind trieb mir die Tränen in die Augen und ich war sicher, dass mir bald die tiefgefrorene Nasenspitze abfallen würde, sonderlich attraktiv fühlte ich mich nicht.

Und da war er, ich sah ihn über die ganze Länge des Bahnsteiges auf mich zukommen als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Als sei ich unter den vielen Menschen die einzige Person, die ihn erwarten könne.
Und dann ...öffnete er den dicken Wintermantel, ich konnte gerade noch das Fellfutter erkennen, und schon kam er mit weit geöffnetem Armen und einem ebenso weit geöffneten Mantel auf mich zu und schloß mich in
Arme und Mantel ein, warm, unendlich vertraut.

Der männliche Duft von BRUT umfing mich, ich fühlte mich auf eine Weise angekommen, wie ich sie nie zuvor kannte.

 
 

Copyright LWarmeling