Da ist es wieder, dieses
entsetzliche Fremdgefühl.
Wer ist dieses wütende Gesicht im Spiegel?
Wie wird man von jemandem gesehen, der gerade
eine mehr oder weniger
heiße Nacht mit einem verbracht hat?
Sollte ich mich nicht lieber fragen, wie ich
IHN jetzt sehe?
Tja, du da im Spiegel, dazu fehlt dir wohl
das entsprechende Selbstbewusstsein.
Bist eben trotz aller feministischen Attitüden
zu sehr darin verhaftet,
deine eigene Wirkung kontrollieren zu können.
Ihn auf den Prüfstand zu stellen, lässt
diese Denkweise erst mal nicht zu.
Warum also hast Du dich aus dem Bett gestohlen,
bevor er erwacht?
Um Dir die Zähne zu putzen, zu duschen,
alles abzuwaschen...oder....
Warum ist es dir so wichtig, ihm an diesem
Morgen mit dem Abstand zu
begegnen der in dieser Nacht verloren ging?
Warum diese Hast, diese Distanz wieder herzustellen.?
Nicht zulassen zu können, dass vielleicht
auch das Licht des Tages
Vertrautheit herstellen könnte, eine
Vertrautheit, die möglicherweise Einengung
bedeutet, aber auch menschliche Wärme
, gefühlvolle Nähe.
Überlegenheit? Wessen?
Dominieren wollen? Warum?
Ich hasse mich.
Der Zorn auf diese Person da im Spiegel ist
fast so übermächtig wie die
Angst davor, diesen Groll zu verlieren und
damit verletzbar zu werden.
Diese Wut ist eine Art Selbstschutz, ein Panzer,
der verhindert,
am Morgen danach etwa als unzulänglich
zu gelten, verschlafen, abgeliebt und
etwa noch mit Mundgeruch.
Ich kann sie nicht zulassen diese Nähe,
ich kann es nicht.
Aber greift diesmal das Ritual, dem Gefährten
der Nacht unbedingt
in morgendlicher Frische begegnen zu wollen?
Es war doch in absolut jeder Beziehung anders
diesmal, die Überzeugung
"ER ist Mister Right", so stark, dass
es unnötig erschien, ihm die Perfekte vorzuspielen.
Gefangen in der eigenen Falle, ist es das?
Unfähig, eine selbst erstellte Regel
je zu durchbrechen ?
Ich muss mich meiner Angst stellen, mich selbst
besiegen und auch menschliche
Nähe endlich, endlich zulassen.
*************
Machtwechsel
zweiter Monolog
Ob ich noch die Kraft habe, etwas zu verändern?
Natürlich, jeden Zweifel daran werde
ich diesem verfluchten Idioten austreiben.
Sich mitten in der Konferenz als der Retter
aus allen Finanznöten des
Konzerns profilieren zu wollen, das war die
größte Unverschämtheit, die er sich je geleistet hat.
Dass ich seinen abschätzigen Seitenblick
nicht wahrgenomen hätte,
kann er sich wohl kaum einbilden.
Es war allzu deutlich, dass er allen Anwesenden
suggerieren wollte,
dass meine Zeit als Vorstandsvorsitzender
abgelaufen sei.
Er der Aufsteiger, der sie alle aus dem Jammertal
führen wird und ich die
ausgebrannte Hülle, dieser elende Intrigant.
Er wird schmerzhaft lernen müssen, dass
meine Seilschaften noch funktionieren
und dass er gut daran getan hätte, mich
nicht vor aller Augen auf diese Weise zu brüskieren.
Der erste Newcomer, der auf meinen Sessel
schielt, ist er ohnehin nicht.
Ich werde ihn ebenso an die Wand quetschen,
wie alle vor ihm in den letzten fünfundzwanzig Jahren.
Noch gewinne ich meine Kriege, die selbst angezettelten
ebenso wie die,
die mir aufgezwungen wurden.
Er hätte meine diesbezügliche Firmen-Vita
vorher studieren sollen,
dann wäre sein Angriff nicht so
unverhüllt und vor allem nicht so siegessicher
ausgefallen.
Siegessicher?
Welche Aktiva hat er, kann er haben?
Was weiß er von meinen geheimen Verträgen
mit den Konkurrenten?
Von dem Stillhalteabkommen mit den Gewerkschaften?
Ist er einer dieser jugendlichen Stürmer,
die mit Idealen aufwarten,
wo es doch nur darum geht, die schlimmsten
Einbrüche durch Kompromisse zu umgehen.
War ich nicht genau so.... damals....
Was mich jetzt aus dem Spiegel anblickt, scheint
eher das Gesicht
eines Mannes zu sein, der resigniert hat.
Wieso sehe ich erst heute diese Kerben rechts
und links von einem Mund,
der diesem Gesicht eine Härte verleiht,
die viel zu absichtlich erscheint um echt zu sein.
Sie sind vorbeigerast die Jahre
wie ein führerloser Truck.
Nebel verbirgt woher er kam
wohin er fährt.
Die Grenzen verwischen sich.
Angekommen?
Stehen gelassen ?
Irgendwo am Straßenrand? Ich weiß
es nicht mehr.
Wahrheit hat ihre Zeit.
Vielleicht holt sie mich ein
Irgendwann.
J E T Z T ?
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