Es ist leicht zu verachten - verstehen ist besser
Matthias Claudius

 

Manipulationen
 
 
 

Ich starrte auf seine Nachricht auf meinem Bildschirm .

Seine Erwartungen und Wünsche sprangen mich regelrecht an, auch
wenn er nach wie vor darauf bedacht schien, sie nicht wie Forderungen
klingen zu lassen.

Entschlossen griff ich zum Hörer und rief Greta, meine Psychotherapeutin, an.

Mein Termin war schon drei Stunden später, und die Verfassung, in
der ich bei ihr aufkreuzte, der eines Flachdachbesitzers ähnlich, der
vergessen hatte, das Dach vor dem Herbstregen dicht machen zu lassen.

Greta sah mir mit leicht hochgezogenen Augenbrauen entgegen und
meinte: "Würden Sie bitte die Tür hinter sich schließen, bevor Sie
die erste Breitseite abfeuern?"

Ich war so in Fahrt, daß ich fast auf dem Vorleger neben ihrem Schreibtisch
die Balance verloren hätte.

Wütend hämmerte ich die Mailkopie auf die Glasplatte und zischte:
"HIER, jetzt haben Sie den Beweis."

"Welchen Beweis, wofür und gegen wen?" fragte Greta unbeeindruckt,
offensichtlich nicht gesonnen, sich so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen.

"Na was schon! Die perfekte Manipulation soll hier ablaufen, das ist doch wohl klar!"

"Ach so," sagte Greta ruhig, "meinen Sie etwa die, die Sie gerade
mit mir durchziehen wollen?"

"Ich manipuliere nicht, ich erzähle und erwarte, daß mir zugehört wird."

"Auch gut," sagte Greta, "dafür bezahlt man mich: Also zerpflücken
wir jetzt diesen Internetknaben samt seinen angeblichen Machenschaften?"

"Ach, ich pfeife auf Ihre Spitzfindigkeiten, lesen Sie!" sagte ich etwas
ruhiger, fest überzeugt, daß die gute Greta schon bald meiner Meinung sein würde.

Greta verschob  ihre Schildpattbrille auf der etwas zu kurz geratenen Nase
und glättete zunächst den Brief sorgfältig, während ich mich in den breiten
Sessel vor dem Schreibtisch warf und ungeduldig auf ihre Reaktion wartete.

Sie las, sah dann auf und fragte: "Na und?"

"Na und? Na und? - Aber sehen Sie das denn nicht, der Kerl zieht doch
die gleiche Show ab wie damals Peer, haargenau dieselbe.
Da brauche ich Jahre der Psychoanalyse, um dahinterzukommen,
daß eine Beziehung, in der man manipuliert wird, sofort zu beenden ist,
es sei denn, man liebt es, wie ein Seismograph nur auf die Forderungen
von außen zu reagieren, und nun passiert das wieder und Sie sagen nur... NA UND..."

"Also, ich sehe hier nur, daß dieser Mann auf etwas ungewöhnliche Weise
versucht, seine eigenen Phantasien mit den Ihren zu verschmelzen,
und das ist ja noch nicht strafbar. Sie können ihn ja jederzeit aus
dem Strafraum feuern" sagte Greta gelassen.

"Und das werde ich auch tun, und zwar sofort, nie wieder wird mich ein
Mann derart dirigieren und gängeln, den werde ich verbal in die Eier
treten und nicht lange fragen ob es wehtut!"

Ich war noch immer so wütend, daß ich am liebsten einen Dartpfeil
auf diesen Brief abgeschossen hätte, der nun so harmlos aussehend
auf Gretas Schreibtisch lag.

"Ich denke, wir sollten erneut aufarbeiten, warum Sie dies hier so aus dem
Gleis zu werfen scheint." Greta hatte erkennbar nicht vor, meinen Zornanfall
auch nur zur Kenntnis zunehmen.

"Also," sagte sie streng, "entspannen Sie."

"Aber doch jetzt nicht, ich muß Ihnen doch zuerst die ganze Vorgeschichte erzählen."

"Müssen Sie nicht" sagte Greta und lehnte sich in ihren Stuhl zurück.

"Rekapitulieren wir doch kurz...Sie waren gerade im Begriff, sich per
Internet mit einem Mann anzufreunden, dessen Intellekt Sie fasziniert
hat und auf dessen Gedankenwelt Sie so neugierig wurden, daß sogar
ich mich langsam zu fragen beginne, wieso ich mich noch nicht ins Netz
einwählen kann, das scheint ja eine enorme Spielwiese zu sein."

"Und ob sie das ist!" sagte ich und lächelte zum erstenmal, seit ich den Raum betreten hatte.

"Sie wissen ja, nie wieder einen persönlichen Kontakt, das ist meine Devise,
und dies hier wurde demzufolge meine Welt. Zumindest, seit ich die richtigen
Mailpartner gefunden habe."

"Und einer von denen tanzt jetzt aus der Reihe?" Greta sah mich zweifelnd an.

"Und wie der tanzt, aber er ahnt natürlich nicht, daß durch sehr ähnliche
Erfahrungen bei mir schon beim geringsten derartigen Versuch sämtliche
Alarmsirenen losgehen."

"Und wie waren diese Erfahrungen genau?" hakte Greta sofort nach.

"Na, das wissen Sie doch, Peer, dieser Mistkerl, hat den ganzen Schmus
der Eroberung durchgezogen, nur um mir fünf Minuten vor dem Fall
sämtlicher Barrieren zu suggerieren, daß er, bis dahin der coolste Mann
aller Zeiten und die absolute Größe in meinem biederen Kleinstadtleben,
von mir dominiert werden möchte."

"AHA," Greta tat so, als sei ihr das Ganze neu, "und das wollten Sie nicht?
Und wenn Sie es nicht wollten, warum haben Sie das nicht einfach gesagt
und sind ihrer Wege gegangen?"

Ich stutzte und schwieg.

"Kanns etwa sein, daß Ihre biedere Hülle reine Fassade war und er
das mehr als ahnte?"
Greta sah leicht diabolisch aus.

"Sogar wenn, es war meine Fassade, und er hatte sie nicht zu durchbrechen!"

"Nun immerhin," sagte Greta, "Masochisten orten Menschen mit dominanter
Wesensstruktur sehr prompt, und sie irren sich selten.
Gab Ihnen das nicht zu denken?"

"Ja, ja, schon gut," fuhr sie fort, "er hat übersehen, daß Sie niemals
zulassen würden, von irgendwelchen dunklen Trieben beherrscht zu werden,
aber immerhin, den Versuch wars doch wert."

"Wessen Psychoanalytikerin sind Sie eigentlich?" Ich sah Greta wütend an.
"Ich will nicht wissen, was Peer in mir zu entdecken glaubte, das war damals
offensichtlich, ich will wissen, weshalb ich mich kurze Zeit auf sein Spielchen
einließ, obwohl ich es zutiefst gehaßt habe."

"Na," Greta sah mich aufmunternd an, "weshalb glauben Sie denn?"

Schweigen.

Ich kaute wütend an meiner Unterlippe, aber die Antwort lag
so offen zu Tage, daß ich sie schließlich doch aussprach:
"Na gut, es war neu, es war faszinierend, und es zeigte mir Seiten von mir,
die ich nicht kannte, und ich war immerhin schon dreissig damals."

"Und?" Greta schien nicht gesonnen, dies als einzige Erklärung zuzulassen.

"Aber ich haßte es!" Mein Ton war noch immer aggressiv und hitzig.

"Ja, aber WAS haßten Sie denn eigentlich so?" Greta stocherte weiter.

"Ich haßte es, Manipulationsobjekt zu sein, denn ich muß nicht unbedingt
Psychoanalyse oder Sexualwissenschaft studiert haben, um wahrzunehmen,
daß ich für diesen Mann im gleichen Moment absolut uninteressant geworden
wäre, in der ich seinen Erwartungen, sich unterordnen zu dürfen,
nicht entsprochen hätte" sagte ich laut.

"AHA...also haben Sie entsprochen, und nur das? Wirklich nur das?"

Greta sah zweifelnd aus. "Und wann haben Sie aufgehört zu entsprechen?"

Das Schweigen im Raum wurde fast greifbar.

Ich war sehr ruhig geworden, ich wußte, es war an der Zeit, mich nicht länger
vor mir selbst zu verstecken.

Endlich sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen: "Also gut, er hatte recht,
diese Dominanz war in mir und ich sah sie als etwas Dunkles, Gefährliches,
das ich kennenlernen wollte, um es dann für immer auszurotten."

"Und das haben Sie dann doch auch getan oder?"
Greta sah mich lächelnd an.

"Ja, habe ich," sagte ich entschlossen, "und um so mehr wirft es mich jetzt aus
der Bahn, den gleichen Ansatz in diesem Brief meines Mailpartners zu erkennen.
Diesen Mann habe ich nie gesehen und ich werde ihn auch nicht sehen,
diese Verbindung ist eine rein virtuelle und er kann nichts von mir wissen,
es ist also völlig unmöglich, daß er mich sozusagen als sich selbst
wesensentsprechend, rein sensitiv geortet hätte."

"Und wieso sollte das nicht möglich sein? Wenn ich das recht sehe, geht es
hier ja nicht um sexuelle Beherrschung, sondern um eine rein geistige.
Er erhebt Sie - seinem Wesen entsprechend - auf einen Sockel und möchte,
daß Sie diese seine Sicht bestätigen., damit er sich Ihnen unterordnen kann.
Er möchte also was?" Greta sah mich auffordernd an.

"Völlig klar, und deshalb widerstrebt es mir ja auch so, daß ich seine Briefe am liebsten in
meinem Mailfach abfackeln würde, so das möglich wäre. Ich will einfach solche
Erwartungen nie wieder erfüllen, sogar dann nicht, wenn es mir leicht fallen würde!"

Greta hob die Hand und fiel mir ins Wort:

"Es fiele Ihnen also leicht?"

"Ja, ich fürchte, das ist so," sagte ich, nun vollkommen ruhig geworden,
"ich kann mit ihm und seiner Gedankenwelt spielen wie auf einer Klaviatur.
Die Töne, die für mich hörbar werden, sind auf eine faszinierende Weise direkt,
lebendig und aufregend, aber...sie sind auch gefährlich, denn ich hasse es,
von etwas beeinflußt zu werden, das man als moralischer Mensch einfach
nicht zu empfinden hat."

"Und was genau ist das?" Greta`s Basedowaugen ließen mich nicht los.

"Die pure Lust an der Manipulation" sagte ich, stand auf und verließ
den Raum ohne ein weiteres Wort.
 

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