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Manipulationen
Ich starrte auf seine Nachricht auf meinem Bildschirm .
Seine Erwartungen und Wünsche sprangen
mich regelrecht an, auch
wenn er nach wie vor darauf bedacht schien,
sie nicht wie Forderungen
klingen zu lassen.
Entschlossen griff ich zum Hörer und rief Greta, meine Psychotherapeutin, an.
Mein Termin war schon drei Stunden später,
und die Verfassung, in
der ich bei ihr aufkreuzte, der eines Flachdachbesitzers
ähnlich, der
vergessen hatte, das Dach vor dem Herbstregen
dicht machen zu lassen.
Greta sah mir mit leicht hochgezogenen Augenbrauen
entgegen und
meinte: "Würden Sie bitte die Tür
hinter sich schließen, bevor Sie
die erste Breitseite abfeuern?"
Ich war so in Fahrt, daß ich fast auf
dem Vorleger neben ihrem Schreibtisch
die Balance verloren hätte.
Wütend hämmerte ich die Mailkopie
auf die Glasplatte und zischte:
"HIER, jetzt haben Sie den Beweis."
"Welchen Beweis, wofür und gegen wen?"
fragte Greta unbeeindruckt,
offensichtlich nicht gesonnen, sich so schnell
aus der Ruhe bringen zu lassen.
"Na was schon! Die perfekte Manipulation soll hier ablaufen, das ist doch wohl klar!"
"Ach so," sagte Greta ruhig, "meinen Sie etwa
die, die Sie gerade
mit mir durchziehen wollen?"
"Ich manipuliere nicht, ich erzähle und erwarte, daß mir zugehört wird."
"Auch gut," sagte Greta, "dafür bezahlt
man mich: Also zerpflücken
wir jetzt diesen Internetknaben samt seinen
angeblichen Machenschaften?"
"Ach, ich pfeife auf Ihre Spitzfindigkeiten,
lesen Sie!" sagte ich etwas
ruhiger, fest überzeugt, daß die
gute Greta schon bald meiner Meinung sein würde.
Greta verschob ihre Schildpattbrille
auf der etwas zu kurz geratenen Nase
und glättete zunächst den Brief
sorgfältig, während ich mich in den breiten
Sessel vor dem Schreibtisch warf und ungeduldig
auf ihre Reaktion wartete.
Sie las, sah dann auf und fragte: "Na und?"
"Na und? Na und? - Aber sehen Sie das denn
nicht, der Kerl zieht doch
die gleiche Show ab wie damals Peer, haargenau
dieselbe.
Da brauche ich Jahre der Psychoanalyse, um
dahinterzukommen,
daß eine Beziehung, in der man manipuliert
wird, sofort zu beenden ist,
es sei denn, man liebt es, wie ein Seismograph
nur auf die Forderungen
von außen zu reagieren, und nun passiert
das wieder und Sie sagen nur... NA UND..."
"Also, ich sehe hier nur, daß dieser
Mann auf etwas ungewöhnliche Weise
versucht, seine eigenen Phantasien mit den
Ihren zu verschmelzen,
und das ist ja noch nicht strafbar. Sie können
ihn ja jederzeit aus
dem Strafraum feuern" sagte Greta gelassen.
"Und das werde ich auch tun, und zwar sofort,
nie wieder wird mich ein
Mann derart dirigieren und gängeln, den
werde ich verbal in die Eier
treten und nicht lange fragen ob es wehtut!"
Ich war noch immer so wütend, daß
ich am liebsten einen Dartpfeil
auf diesen Brief abgeschossen hätte,
der nun so harmlos aussehend
auf Gretas Schreibtisch lag.
"Ich denke, wir sollten erneut aufarbeiten,
warum Sie dies hier so aus dem
Gleis zu werfen scheint." Greta hatte erkennbar
nicht vor, meinen Zornanfall
auch nur zur Kenntnis zunehmen.
"Also," sagte sie streng, "entspannen Sie."
"Aber doch jetzt nicht, ich muß Ihnen doch zuerst die ganze Vorgeschichte erzählen."
"Müssen Sie nicht" sagte Greta und lehnte sich in ihren Stuhl zurück.
"Rekapitulieren wir doch kurz...Sie waren gerade
im Begriff, sich per
Internet mit einem Mann anzufreunden, dessen
Intellekt Sie fasziniert
hat und auf dessen Gedankenwelt Sie so neugierig
wurden, daß sogar
ich mich langsam zu fragen beginne, wieso
ich mich noch nicht ins Netz
einwählen kann, das scheint ja eine enorme
Spielwiese zu sein."
"Und ob sie das ist!" sagte ich und lächelte zum erstenmal, seit ich den Raum betreten hatte.
"Sie wissen ja, nie wieder einen persönlichen
Kontakt, das ist meine Devise,
und dies hier wurde demzufolge meine Welt.
Zumindest, seit ich die richtigen
Mailpartner gefunden habe."
"Und einer von denen tanzt jetzt aus der Reihe?" Greta sah mich zweifelnd an.
"Und wie der tanzt, aber er ahnt natürlich
nicht, daß durch sehr ähnliche
Erfahrungen bei mir schon beim geringsten
derartigen Versuch sämtliche
Alarmsirenen losgehen."
"Und wie waren diese Erfahrungen genau?" hakte Greta sofort nach.
"Na, das wissen Sie doch, Peer, dieser Mistkerl,
hat den ganzen Schmus
der Eroberung durchgezogen, nur um mir fünf
Minuten vor dem Fall
sämtlicher Barrieren zu suggerieren,
daß er, bis dahin der coolste Mann
aller Zeiten und die absolute Größe
in meinem biederen Kleinstadtleben,
von mir dominiert werden möchte."
"AHA," Greta tat so, als sei ihr das Ganze
neu, "und das wollten Sie nicht?
Und wenn Sie es nicht wollten, warum haben
Sie das nicht einfach gesagt
und sind ihrer Wege gegangen?"
Ich stutzte und schwieg.
"Kanns etwa sein, daß Ihre biedere Hülle
reine Fassade war und er
das mehr als ahnte?"
Greta sah leicht diabolisch aus.
"Sogar wenn, es war meine Fassade, und er hatte sie nicht zu durchbrechen!"
"Nun immerhin," sagte Greta, "Masochisten orten
Menschen mit dominanter
Wesensstruktur sehr prompt, und sie irren
sich selten.
Gab Ihnen das nicht zu denken?"
"Ja, ja, schon gut," fuhr sie fort, "er hat
übersehen, daß Sie niemals
zulassen würden, von irgendwelchen dunklen
Trieben beherrscht zu werden,
aber immerhin, den Versuch wars doch wert."
"Wessen Psychoanalytikerin sind Sie eigentlich?"
Ich sah Greta wütend an.
"Ich will nicht wissen, was Peer in mir zu
entdecken glaubte, das war damals
offensichtlich, ich will wissen, weshalb ich
mich kurze Zeit auf sein Spielchen
einließ, obwohl ich es zutiefst gehaßt
habe."
"Na," Greta sah mich aufmunternd an, "weshalb glauben Sie denn?"
Schweigen.
Ich kaute wütend an meiner Unterlippe,
aber die Antwort lag
so offen zu Tage, daß ich sie schließlich
doch aussprach:
"Na gut, es war neu, es war faszinierend,
und es zeigte mir Seiten von mir,
die ich nicht kannte, und ich war immerhin
schon dreissig damals."
"Und?" Greta schien nicht gesonnen, dies als einzige Erklärung zuzulassen.
"Aber ich haßte es!" Mein Ton war noch immer aggressiv und hitzig.
"Ja, aber WAS haßten Sie denn eigentlich so?" Greta stocherte weiter.
"Ich haßte es, Manipulationsobjekt zu
sein, denn ich muß nicht unbedingt
Psychoanalyse oder Sexualwissenschaft studiert
haben, um wahrzunehmen,
daß ich für diesen Mann im gleichen
Moment absolut uninteressant geworden
wäre, in der ich seinen Erwartungen,
sich unterordnen zu dürfen,
nicht entsprochen hätte" sagte ich laut.
"AHA...also haben Sie entsprochen, und nur das? Wirklich nur das?"
Greta sah zweifelnd aus. "Und wann haben Sie aufgehört zu entsprechen?"
Das Schweigen im Raum wurde fast greifbar.
Ich war sehr ruhig geworden, ich wußte,
es war an der Zeit, mich nicht länger
vor mir selbst zu verstecken.
Endlich sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen:
"Also gut, er hatte recht,
diese Dominanz war in mir und ich sah sie
als etwas Dunkles, Gefährliches,
das ich kennenlernen wollte, um es dann für
immer auszurotten."
"Und das haben Sie dann doch auch getan oder?"
Greta sah mich lächelnd an.
"Ja, habe ich," sagte ich entschlossen, "und
um so mehr wirft es mich jetzt aus
der Bahn, den gleichen Ansatz in diesem Brief
meines Mailpartners zu erkennen.
Diesen Mann habe ich nie gesehen und ich werde
ihn auch nicht sehen,
diese Verbindung ist eine rein virtuelle und
er kann nichts von mir wissen,
es ist also völlig unmöglich, daß
er mich sozusagen als sich selbst
wesensentsprechend, rein sensitiv geortet
hätte."
"Und wieso sollte das nicht möglich sein?
Wenn ich das recht sehe, geht es
hier ja nicht um sexuelle Beherrschung, sondern
um eine rein geistige.
Er erhebt Sie - seinem Wesen entsprechend
- auf einen Sockel und möchte,
daß Sie diese seine Sicht bestätigen.,
damit er sich Ihnen unterordnen kann.
Er möchte also was?" Greta sah mich auffordernd
an.
"Völlig klar, und deshalb widerstrebt
es mir ja auch so, daß ich seine Briefe am liebsten in
meinem Mailfach abfackeln würde, so das
möglich wäre. Ich will einfach solche
Erwartungen nie wieder erfüllen, sogar
dann nicht, wenn es mir leicht fallen würde!"
Greta hob die Hand und fiel mir ins Wort:
"Es fiele Ihnen also leicht?"
"Ja, ich fürchte, das ist so," sagte ich,
nun vollkommen ruhig geworden,
"ich kann mit ihm und seiner Gedankenwelt
spielen wie auf einer Klaviatur.
Die Töne, die für mich hörbar
werden, sind auf eine faszinierende Weise direkt,
lebendig und aufregend, aber...sie sind auch
gefährlich, denn ich hasse es,
von etwas beeinflußt zu werden, das
man als moralischer Mensch einfach
nicht zu empfinden hat."
"Und was genau ist das?" Greta`s Basedowaugen ließen mich nicht los.
"Die pure Lust an der Manipulation" sagte ich,
stand auf und verließ
den Raum ohne ein weiteres Wort.
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