Am Ende des Ablösungsprozesses stand eine dieser absolut unerquicklichen Verbalschlachten,
die niemandem mehr etwas anderes bringen als die Überzeugung, selbst nun wirklich keine
Schuld an dem Zerwürfnis zu tragen, es war doch der Andere, der auf Zerstörung aus war.

"Zellulitis?
Ich muss doch bitten, sowas habe doch ich nicht...das sind kleine Hagelschäden," sagte Irene,
eher amüsiert als entrüstet, "außerdem, wenn wir hier schon gegenseitig unsere Schwachstellen
offen legen mein Spätcasanova, bist Du nicht längst soweit, dass Du eine tägliche Portion
Gingko nötig hast, damit Dir wieder einfällt, wo Dein Viagra liegt?"

Das saß, Hermann war keineswegs gesonnen, das komisch zu finden, er schnappte hörbar ein.
Eigentlich hätte er wissen müssen, dass Irene ihm in der Verabreichung verbaler Buttersäure immer
überlegen sein würde.
Trotzdem ließ er seine schlechte Laune oft genug über diese Erkennntis siegen.

Er verzog höhnisch den Mund," es gibt genug weitaus jüngere Frauen, die mich bitten,
ihr Lover zu werden."

"Die letzte Frau die Dich um etwas gebeten hat, wird wahrscheinlich Deine Mutter gewesen sein,
als sie Dich bat, Dein Zimmer aufzuräumen," Irene lachte noch immer.

Jetzt wollte Hermann nur noch verletzen und warf mit bösartig verzogenem Mund in die Debatte,
dass immerhin er Derjenige sei, der graduiert habe, während sie es in sechzig Lebensjahren zu nicht
mehr gebracht habe, als die versorgte Witwe eines Handwerkers zu sein.

Irene hatte sich schnell gefasst.
"Du bist zwar schon immer emotional unterernährt gewesen, aber sicher gebildet, man kann
Dich also ein habilitiertes Arschloch nennen
Trotzdem rettet Dich Deine Doktorwürde nicht davor, gelegentlich ein Brett vorm Kopf zu
haben, mit dem mein Kamin glatt durch den Winter käme.
Darf ich Dich jetzt auffordern, meine Wohnung zu verlassen."

Das war dann das Ende einer Beziehung, die beiden Seiten angenehm durch die vergangenen
14 Monate geholfen hatte, aber von Beginn an wohl doch nicht auf Dauer angelegt war.

Sinnigerweise hatten Irene und Hermann sich auf dem Friedhof kennen gelernt.
Und das am Totensonntag, an dem Friedhofsbesuche obligatorisch schienen und keinen

Rückschluss mehr darauf zuließen, ob der Besucher seinem Verblichenen nicht doch nur
noch pflichtgemäß die Ehre erwies.
Man kam ins Gespräch, pries zu Beginn die Talente und Vorzüge der Heimgegangenen,
was sich dann im Laufe der Bekanntschaft doch etwas relativierte und fand sich irgendwann
zu gemeinsamen Unternehmungen in einem Tanzcafé, oder im Kino wieder.

Vorsichtig wurden die gegenseitigen Animositäten erkundet.
Die Aussage, man kaufe tunlichst keine Katze im Sack, hat in Seniorenjahren mehr Bedeutung
denn je. Was durchaus auch eine diskrete gegenseitige Erforschung zur Vermeidung etwaiger
Überraschungen auf dem sexuellen Sektor bedingte.

Der erste Beischlaf wurde dann nicht unbedingt zu einem Ereignis, das Irene aus den Schuhen
gehoben hätte, aber der Eindruck war sicher gegenseitig, man hatte eben seine Lebensdellen
erworben, auch wenn die nicht unbedingt auf Zellulitis basierten.
Es war okay und beendete auf beiden Seiten eine Durststrecke von mehreren Jahren, denn auch
für Hermann war sein Revier nicht mehr so, dass er darin hätte Parvorcejagden veranstalten können.

Erwartungen und Ansprüche ans andere Geschlecht waren also auf einem realistischen Level.

Der Grund für die schleichende Entfremdung war etwas viel Konkreteres.

Hermann wollte auf Dauer umsorgt sein und drängte Irene immer öfter dazu, ihren Umzug
in seine Wohnung zu betreiben.
Eine Anforderung, der sie sich nicht länger entziehen konnte, ohne zuzugeben, dass sie weder
sein Haus, noch dessen Einrichtung sonderlich einladend fand.

Wie hätte sie außerdem deutlich machen können, dass die Vorstellung, nicht einmal mehr
zeitweise in die eigenen vier Wände entkommen zu können, ihr den Angstschweiß auf die Stirn trieb.

Die gegenseitigen Vorstellungen, wie das Alter auszusehen habe, schienen sich immer weiter
voneinander zu entfernen und das nicht zu Irenes Gunsten, die immer mehr begriff, dass sie selbst diese Rundumversorgung weder brauchte noch selbst anbieten wollte..

Je mehr sie zögerte, umso unleidlicher wurde Hermann.

Er warb nicht weiter um sie, sondern begann damit, gezielt ihr Selbstbewusstsein zu zerstören.
Zuerst nur mit versteckten Andeutungen über Frauen ihres Alters, die wohl kaum noch sonderlich
begehrt auf dem Heiratsmarkt seien, während Männer immerhin noch bis ins hohe Alter die Wahl hätten.

Solche Attacken überspielte sie lächelnd mit dem Ausspruch, sie empfinde es ebenfalls als
äusserst glückhaft, diesbezüglich im Status einer - seiner - Auserwählten leben zu dürfen.
Danach aber steigerten sich seine Bosheiten bei jedem Treffen und führten letztlich zu massiver
Kritik an ihrem Äußeren und dessen Wirkung auf Männer im allgemeinen und auf ihn im Besonderen.

Vor dieser letzten entscheidenden Aussprache hatte Irene es daher an der Zeit gefunden, ein paar
Dinge grundsätzlich zu klären.
Sie hatte ihm eine leidenschaftliche Nacht angekündigt, davor aber solle er bei einem Spiel
mitmachen, das sie arrangieren werde.
Die Aussicht auf ein erotisches Abenteuer zog bei Hermann immer, er war nur zu gerne bereit,
Hahn im Korb zu sein.

Die Absprache war, im Ballhaus beim Tanz der einsamen Herzen getrennt zu erscheinen, um dann
 - erstes Kennenlernen simulierend - einen rasanten Start in einen one night stand zu betreiben, wobei es
natürlich an Irene liegen würde, seine Fantasie so anzuheizen, dass er ihr willfähriger Sklave werde.

Das war absolut nach Hermanns Geschmack, hätte er allerdings gewusst, dass Irene den Schlussstrich
auf ihre Weise vollzog, hätte er wohl kaum mit erwartungsfroher Miene das Ballhaus geentert.

Irene erschien 10 Minuten nach ihm, große Robe, unterstützt durch eine Rundumbehandlung
bei der Kosmetikerin.
Sie sah aus, wie die Sünde persönlich, nicht mehr taufrisch, aber ungeheuer erfahren.

Vor allem aber trug sie an den manikürten Händen vier Brilliantringe die jeder Betrachter für
absolut lupenrein halten musste.

Sie suchte sich einen Tisch in der Mitte, gut einsehbar von allen Seiten.
Saß dort wie auf dem Präsentierteller und verströmte Eleganz plus sex appeal aus allen Poren.

Es wirkte, die Kapelle hatte nicht einmal die ersten Takte gespielt, schon wurde sie zum Tanz
aufgefordert.
Die Herren, ob nun an ihr oder an ihrem vermeintlichen Reichtum interessiert, wetteiferten darin,
sie zum Tanz oder an die Bar zu führen.
Sie wirbelte mit einem Tanzpartner nach dem anderen über die blanken Dielen und Hermann
kam erst gar nicht dazu, auch nur in Sichtweise ihres Tisches zu gelangen.
Irene tat nichts, ihm dazu eine Gelegenheit zu bieten.

Es wurde eine rauschende Ballnacht, aber...nicht für Hermann, der endlich zu begreifen schien,
dass die Frau, der er in seiner betont gönnerhaften Großmut trotz Zellulitis und leichtem
Übergewicht einen Platz in seinem Haus zugedacht hatte, sich durchaus noch aussuchen konnte,
welche Daseinsform sie für sich akzeptierte.

Die Aussichten waren nicht übel, zumal Irene nicht daran dachte, für einen etwaige Kandidaten
die treusorgende Gefährtin abzugeben.

Lückenbüßer zu akzeptieren, das gehörte nicht zu den Vorstellungen die sie vom Rest ihres
Lebens hatte.

Wesentlicher aber war, dass der nächste Mann in ihrem Leben jemand sein würde, für den auch
sie kein Lückenbüßer war.