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lebt man in den Herzen der Menschen fort die man verlassen muss |
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"Ich möchte aber hier auf dem Dorffriedhof
begraben werden,",
sagte Mutter starrsinnig, ", und zwar da,
wo meine Freundin Beate und
Liese Dümpelfeld liegen!"
"Klar!"
Meine Schwester sog die Unterlippe zwischen
die
Zähne. "Du kriegst einen Sessellift ins
Tiefengrab derer von und zu
Dümpelfeld. Was meinste, was die sich
über den Besuch ihrer
Busenfreundin freuen wird."
"Besuch?" Mutter schnaufte. Die Situationskomik
erhellte verräterisch ihre ansonsten
etwas trüben Augen.
"Da bin ich dann Dauergast, und die verrückte
Dümpelfeld wird das tun,
was sie schon zu Lebzeiten getan hat, nämlich
rumzicken."
Wir lachten alle drei, und das Thema war für
diesen Tag gegessen.
Zwei Jahre später hatte sich die Situation
grundlegend
verändert.
Mutter konnte sich nicht mehr alleine versorgen,
und als sie eines
schönen Wintermorgens, nur mit einem
kurzen Hemd bekleidet, ihre
Katze, die längst das Zeitliche gesegnet
hatte, mitten auf der
Dorfstraße zu suchen begann, war es
klar, sie brauchte eine
Rundumbetreuung.
Sie zog ins Seniorenstift der Stadt,in der
auch meine Schwester wohnte,
so daß beide einander immer sahen, wenn
ihnen danach war....und, es war ihnen
oft danach.
Dort richtete Mutter sich ein, oder besser;
Sie sah sich um und...
dominierte, wie sie das gewohnt war.
Es dauerte nicht lange, und die Schwestern
im Stift begannen ihren
skurrilen Humor zu fürchten.
Was in jüngeren Jahren so oft die gesamte
Umgebung von Mutter zu
Lachanfällen gereizt hatte, wuchs sich
zur Schrulligkeit aus.
Der Verfall begann, und zwar rapide.
Nun hatte Mutter schon seit Jahren jedem, der
es hören oder nicht
hören mochte wollte, erklärt, dass
sie auf jeden Fall neunzig würde.
Das habe niemand aus der Familie bisher geschafft,
aber sie werde es
allen zeigen vor allem der zweiten Ehefrau
meines Vaters. Die
sei immerhin schon weg vom Fenster, obwohl
sie zwanzig Jahre jünger
gewesen sei.
Ich traute meinen Ohren nicht, immerhin war
sie seit achtundvierzig
Jahren von meinem Vater geschieden. Der Beweis,
dass sehr alte Leute
nur noch in der Erinnerung leben, war erbracht.
*
Ihren neunzigsten Geburtstag feierten wir in
einem Café am Rheinufer.
Wir hatten Mutter in ihrem Rollstuhl dorthin
gefahren, und nun saß sie
zusammengesunken mit ihrem weißen Sonnenhütchen
auf der Terrasse
und wollte, gierig wie ein unerzogenes Kind,
alles
gleichzeitig haben:
Sahnetorte mit Kirschen, Vanilleeis und den
Schokoriegel bitte
ebenfalls.
"Schaffst du das denn auch alles?", fragte meine Schwester zweifelnd.
"Wenn nicht, kriegen es die Möwen." Mutter
war nicht gesonnen,
in diesem Leben noch auf irgend etwas zu verzichten.
"Himmel, jetzt stopft sie wieder!" Meine Schwester
dämpfte ihre Stimme
nicht, denn schon lange war Mutter so gut
wie taub, weigerte sich
aber, ein Hörgerät zu tragen. Das
teure Ding lag unbenutzt in der Schublade.
Mutter, so sah es aus, hatte nicht vor, die
Welt je wieder einzulassen
in die selbstgewählte Stille.
Außerdem, und das schien wahrscheinlicher,
tyrannisierte sie allzu gern
ihre Umgebung, sie konnte höchst gelassen
alles überhören, das nicht
in ihre Tagesverfassung passte, und von dieser
Verweigerungstour war dann
so ab und an jeder mal betroffen. Mutter kriegte
sie alle.
"Der Tinnef, den die in diesem Abstellbahnhof
für Grufties vom Stapel
lassen, könnte vielleicht den Wettbewerb
in einer Idiotenshow
gewinnen!"
So klangen die zuweilen biestigen, aber durchaus
zeitgemäßen Sprüche
meiner Mutter.
"Ein vernünftiger Mensch tut sich das
doch nicht an,".
Mit einem sarkastischen Blick auf ihre Zimmernachbarin
meinte sie
dann, "die ist so blöd, wenn die um die
Ecke kommt, müsste eigentlich
jedesmal eine Kuhglocke ertönen."
Gott, Mütterlein...was ist aus Dir geworden...solche
Sprüche waren
zwar nicht neu, aber früher waren sie
in gemilderter Form eher Teil
ihres bemerkenswerten Witzes, von dem immer
weniger übriggeblieben
war.
Etwas unmotiviert begann meine Schwester, vom
Grab ihres verstorbenen
Mannes zu sprechen, das demnächst neu
bepflanzt werden müsse.
"Also, damit das klar ist, ich hab ja nix
dagegen,
ebenfalls dort bestattet zu werden, aber nur
in einer Urne, soweit als
möglich von ihm weg."
Ich hätte mich fast verschluckt:
"Meinste nicht, das ist auch noch zu nah?"
Ich konnte meine Erheiterung nicht verbergen,
obwohl ich ja wußte, dass diese Rede
jahrzehntelangem Beziehungsstress entsprach.
"Klar," sagte meine Schwester lakonisch, "aber
irgendwohin muß man
ja."
"Ich auch,", trompetete Mutter plötzlich
so laut, dass die Gäste auf
der Sonnenterrasse neugierig herübersahen.
"Wenn du dich verbrennen läßt,
dann möchte ich auch dahin, wo du liegst,
dann liegen da eben zwei
Urnen!
Aber ich habe nicht vor, einen Leichenschmaus
für die Mischpoke zu
geben!"
Sie sah grimmig aus.
"Ach Mama, wenn du da liegst, gibst du gar
keine Einladung mehr,
höchstens wir." Meine Schwester grinste.
"Nein, ihr auch nicht, wehe, ihr macht sowas,
dann kriegt ihr aber ein
Donnerwetter!"
Mutter sah so kriegerisch aus, als wolle sie
uns auf der Stelle mit
Vanilleeis bewerfen.
"Ist ja schon gut, du Superbiene, wir verscharren
dich doch ohnehin am
Rheinufer, wenn keiner hinguckt."
Meine Schwester wandte sich mir zu
und flüsterte: "So ist sie, was sie nicht
hören soll, liest sie von
den Lippen ab, pass also auf."
"Nicht mehr Beate und Liese Dümpelfeld
auch nicht?" Ich sah
Mutter ungläubig an.
"Ach was!" Sie winkte ab. "Der Bus fährt
ja nur einmal am Tag ins
Dorf, wer soll mich denn dort besuchen?
Und außerdem: sonderlich unterhaltsam
war Beate ja nie,
die hat in ihrem ganzen Leben noch nie ein
Buch gelesen, und die
Dümpelfeld, die las zuviel und wollte
immer alles besser wissen, auf
die beiden kann ich verzichten."
Sie kniff die Augen zusammen und trennte sich
kurzerhand von einer
Absicht, die sie immerhin zehn Jahre lang
gehegt und gepflegt hatte.
"Das ist ein Argument,", meinte meine Schwester
und sah aus, als sei
ihr nicht ganz geheuer, "aber wage es nur
nicht, im Familiengrab
jedem, der da liegt, sagen zu wollen, was
er zu tun hat, dann kannste
aber was erleben!"
Wir lachten und beendeten das Thema.
Kurze Zeit später - es war, als habe Mutter
ihr Ziel, neunzig zu
werden, nur noch eigensinnig abgewartet -
starb sie schnell und sanft.
**
Den Tag ihrer Beisetzung wird so schnell niemand
aus der "Mischpoke",
vergessen, und ihre Töchter auch nicht.
Mutter führte Regie - niemand, der sie
gekannt hat, konnte das
übersehen.
Es war ein stürmischer Wintertag im Februar,
dennoch trocken und
sonnig.
Die Urnenbeisetzung war für 12:30 Uhr
am Mittag angesetzt.
"Was für eine barbarische Sitte!" Meine
Bereitschaft, mich an
Konventionen zu halten, war nie sonderlich
groß gewesen, und den
sogenannten Leichenschmaus fand ich unterste
Schiene.
"Geht aber doch nicht anders, meinte meine
Schwester, Mama würde
allerdings vom Kronleuchter springen wenn
sie wüßte, dass diese Leute,
die sie in zwei Jahren nicht einmal im Seniorenheim
besucht haben,
dort blöde Betroffenheitsreden schwingen."
Die kleine Feier in der Friedhofskapelle verlief
würdig und still, das
hätte Mutter gefallen.
Ich hatte nicht die geringste Mühe, mir
vorzustellen, daß sie
zufrieden das Geschehen verfolgt hätte,
denn für mich war sie in den
wenigen Tagen seit ihrem Tod fast realer geworden
als zuvor.
Ich wußte jetzt, was Menschen empfinden,
die Jemanden verlieren,
der ein Leben lang ihren Weg begleitet hat:
man schließt ihn nicht aus
seinem Leben aus.
Es verändert sich nur die Sichtweise,
der geliebte Mensch aber bleibt
in Kopf und Herz verankert, als gebe es TOD
überhaupt nicht.
Hier hatte Traurigkeit keinen Platz.
Mutter war sehr alt geworden und gegangen,
als sie es an der Zeit
fand.
"Sie hat schon immer ein Gespür für
Timing gehabt", flüsterte meine
Schwester neben mir, als ahnte sie meine Gedanken
. Wir sahen uns an
und lächelten.
Die Trauergäste schoben sich nach der
kurzen Ansprache des Pfarrers
zum Ausgang.
Die Familie, etwas unschlüssig, was denn
nun passieren wird -
schließlich geht man ja nicht jeden
Tag zu einer Beerdigung - folgte
der rot-weißen Soutane des Geistlichen
und einem voranschreitenden,
sehr großen Mann in schwarzer Kleidung,
der in beiden Händen die Urne
trug.
Der Weg sollte quer über das gesamte Friedhofsgelände
zum Familiengrab
führen.
Gemessenen Schrittes, wie es sich gehört.
Wir traten alle ins Freie, und die Flügeltüren
der Kapelle wurden
hinter uns geschlossen.
Der letzte Trauergast hatte sich gerade der
Gruppierung
angeschlossen, als innerhalb von Sekunden
die Welt um uns herum
pechschwarz wurde.
Eine dicke schwarze Wolke hatte sich vor die
Sonne geschoben,
und übergangslos brach die Hölle
los!
Es regnete Eisschlossen vom Himmel, ein wahrer
Wolkenbruch ging
nieder. Der Wetterwechsel war blitzartig.
Jemand oder etwas hatte sämtliche Schleusen
geöffnet, bereit und
willens, diese Versammlung zu ersäufen.
Die wenigen Schirme, die mitgeführt wurden,
reichten nicht aus, auch
nur die Hälfte der Trauernden einigermaßen
zu schützen.
Verzweifelt wurde versucht, das Tempo zu beschleunigen,
einer meiner
Neffen war unter meinen Schirm gekrochen,
die Haare hingen ihm ins
Gesicht, er schlotterte vor Kälte.
Unerschütterlich, den starren Blick geradeaus,
schritt der
Bestattungsbeauftragte mit der Urne vor uns
her, ohne sein Schrittempo
zu erhöhen.
Das Wasser rann ihm über die Glatze in
den Kragen.
Seine Schuhe, nach einigen Schritten vor Wasser
überquellend,
quietschten penetrant, und der Pfarrer hinter
ihm bemühte sich
verzweifelt, einen geliehenen Damenschirm
dazu zu bringen, nicht
dauernd vom Sturm umgeschlagen zu werden.
Der arme Mann sah aus, als
treffe ihn gleich der Schlag.
Wir hatten keine Chance dem Fiasko zu entkommen,
und der Urnenträger
vor uns gab immer noch das Tempo - sein Tempo
- an.
Ein Weg von zehn Minuten lag vor uns, und es
war schon nach wenigen
Metern völlig klar: wenn sich nicht jemand
entschloss, den Weg
abzukürzen, würden wir wohl alle
zur Grabstätte schwimmen müssen.
Zivilcourage war gefragt! Wer geht jetzt nach
vorne und erklärt diesem
Vollidioten, daß es der Würde nicht
abträglich ist, wenn er eine
Abkürzung wählt, von mir aus querfeldein?
Mutter wärs egal, und der Rest der Versammlung
würde wahrscheinlich
heilfroh sein, sich nicht noch einen Kälteschock
zu holen.
Neben mir begann meine Schwester zu kichern,
und meine Nichte sagte
mit zusammengebissenen Zähnen: "Scheiße,
Oma, deine Witze haben kein
Niveau."
Ich versuchte, mich an dem Pfarrer vorbei nach
vorne zu schmuggeln,
aber der sah mich nur verständnislos
an: Eine Hinterbliebene, die
nicht bereit schien, einem Verstorbenen notfalls
halb ersäuft die
letzte Ehre zu erweisen, war ihm wohl noch
nicht untergekommen.
Hinter uns hatte sich die Schlange der Trauergäste
bereits erheblich
gelichtet, die Intelligenten hatten ihr Heil
in der Flucht gesucht,
der Rest litt stumm vor sich hin.
Ich fuhr schwereres Geschütz auf:
"Können Sie dem Mann da vorne nicht sagen,
er möge schneller gehen
oder eine Abkürzung nehmen, oder wollen
Sie sich eine Lungenentzündung
holen?"
Der Geistliche reagierte nicht, stoisch schritt
er fürbaß und sah aus,
als sei ein Temperatursturz von mindestens
acht Grad innerhalb von
Minuten etwas, das durchaus zu seinem Berufsrisiko
gehörte.
Die beiden schafften mich. Ich konnte doch
niemandem in den
Allerwertesten treten, um seine Gangart zu
beschleunigen.
Allein einen kürzeren Weg zu suchen,
schien mir nicht ratsam.
Leider verfügte ich über den Orientierungssinn
einer Brieftaube mit
Demenzerscheinungen.
Hinter mir begann nun auch meine Schwägerin,
halb erstickt zu kichern.
Wir sahen alle aus wie die letzten Überlebenden
der Sintflut, und
Noahs Arche schien weit.
Ich hätte schon randalieren müssen,
um an dieser lächerlichen
Situation etwas zu ändern.
Also ergab ich mich in mein Schicksal und kam
endlich auf die Idee,
meinen Neffen den Griff meines Regenschirmes
halten zu lassen, bevor
er wegen seiner gebückten Haltung noch
einen Hexenschuss bekam.
Wir kamen an der letzten Ruhestätte an.
Zerzaust, naß bis auf die Haut und kalt
bis ins Gedärm.
Dann ging alles ganz schnell.
Man hatte eine kleine, urnengerechte Vertiefung
ausgehoben, diese mit
Kunstgras umgeben und mit den gelieferten
Blumenschalen geschmückt; es
sah wirklich gut aus.
Und nun sorgte dieser uneinsichtige Urnenträger
für den letzten Gag in
dieser Unwettershow.
Er wollte das Gefäß in die Mulde
hinunterlassen, wie es seine Pflicht
war, und in seiner Hast, dem Fiasko nun doch
zu entkommen, rutschte
ihm die Urne aus den pitschnassen Handschuhen
und plumpste etwas
schwer in die Vertiefung.
Diese lief aber bereits vom immer noch sturzbachartig
fließenden
Regenwasser über, und so tanzte die Urne
für Sekunden fröhlich
auf dem Wasserbad, ehe sie langsam nach unten
rutschte.
Der Pfarrer kapitulierte; ich glaube nicht,
daß er je in seinem Leben
einer solchen Beisetzung das religiöse
Ambiente verliehen hatte
- er war Mutters skurrilem Humor nicht gewachsen
-.
Hastig bekreuzigte er sich, wandte sich ab
und hastete davon.
Das Häuflein Aufrechter, das sich danach
im Rathauscafé wiederfand und
versuchte, anhand ausgeliehener Handtücher
einigermaßen trocken zu
werden, war einhellig der gleichen Ansicht:
Mutters Regie an dieser exzentrischen Nummer
war nicht zu übersehen.
Sie hätte es genossen...sie hat es genossen!
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