Onkel Konrads Kamera...
Schreibaufgabe aus dem Forum *Webstories*



...Entkommen

"Es muss ein Drehbuch der Superlative werden Krings, nicht das Übliche.
Denke daran, Fantasy-Geschichten sollten tunlichst nicht auf den Intellekt zielen,
oder sie werden nur was für die runde Ablage.
Der Fan will sich nicht nur unterhalten Junge, er will mitfiebern, sich seine eigenen Träume aufpolieren lassen...und...ja, dabei darf es dann getrost jenseits aller eigenen Erfahrungen zugehen.
Der feiste Mann mit der Zigarre im Mundwinkel, die längst ausgegangen war,
klopfte mit allem Nachdruck auf den Tisch und sein Gegenüber zuckte genervt zusammen.
"Fantasy ist aber nun so gar nicht meine Schiene Boss, das wissen Sie doch.
Immerhin haben Sie mich für das Genre Romantik und Gefühle verpflichtet und hier
müsste ich völlig umpolen.
Als Stephen King-Verschnitt könnte ich durchaus eine Bauchlandung machen."
Der junge Mann mit den verträumten blauen Augen sah besorgt aus und seine lange
schlaksige Gestalt nahm in dem tiefen Sessel fast Embryohaltung ein.
Theo Radek schob die erkaltete Zigarre in den anderen Mundwinkel und spuckte
seine Antwort fast in den Raum: "Verdammt nochmal Krings, Sie werden sich von
ihrem esoterischen Arsch erheben und umsteigen. Ein guter Schriftsteller hat jedes Genre
zu bedienen und in diesem Fall gehts um die Erhaltung des Studios.
Wenn wir nicht innerhalb der nächsten sechs Monate einen Knüller landen,
können Sie sich auf dem Arbeitsamt überlegen, welches beschissene Genre Sie
betreiben möchten, nur wirds da keinen interessieren."

Radek schob seine massige Gestalt aus dem Sessel, rannte trotz seines
Gewichtes behende um den riesigen Schreibtisch herum und baute sich
drohend vor seinem Gesprächspartner auf.
"Kapieren Sie endlich, diesmal gehts um unser aller Überleben" knurrte er,
und dann etwas sanfter, "nun mach schon Bernd Junge, so schwer kann
das doch nicht sein. Lass es fetzen und nun ab mit Dir, ich erwarte innerhalb
der nächsten 14 Tage einen kompletten Plot.
Und noch eines, Ziska arbeitet an dem gleichen Projekt, das ist Absicht.
Ihr werdet aber nichts miteinander zu tun haben, es sei denn, keiner von Euch
beiden macht den großen Wurf und wir sind hinterher gezwungen aus beiden
Versionen eine einheitliche Nummer zu stricken."

" Auch das noch, ich in Konkurrenz mit Ziska Marek". Bernd Krings sah aus,
als sei soeben die Apokalypse über ihn hereingebrochen."
" Sie ist gut, das weisst Du und vor allem hat sie es drauf unter Zeitdruck
zu schreiben, das geht Dir ja eher ab.
Es reicht, wenn Du den Storyinhalt in Form eines Exposee notierst, um die
Feinarbeit und Dialoge kümmern wir uns später.
Und jetzt raus hier, wir haben keine Zeit zu verlieren."
Das würde nicht nur ein übler Tag werden, sondern von der Sorte schien sich gleich eine ganze  Serie anzukündigen.
Bernd Krings setzte sich betrübt an seinen Schreibtisch im Gebäude der
Creativ-Film und fühlte sich so leer wie ein ausgetrocknetes Flussbett.
Das war nicht zu schaffen, nicht für ihn. Ziska würde in einem gemeinsamen
Projekt dieser Kategorie mit Sicherheit die Nummer EINS sein, das lag klar auf der Hand.
Fahrig und zutiefst besorgt schaltete er seinen PC ein und stutzte.
Was war denn das?
In riesigen Letter erschien auf dem Bildschirm ein LOGO

Konrads Kamera
Und direkt darunter...

 Handlungsablauf

KARTEIKÄRTCHEN 1:
B hat Vermögen vom reichen Onkel geerbt,
W., sein Bruder, der sich nie um den Onkel
kümmerte, ging leer aus und sinnt auf Rache.

KARTEIKÄRTCHEN 2:
Eine alte Kamera, die zur Hinterlassenschaft
des Verstorbenen gehört und die Bruder W.
schon immer haben wollte, spielt eine geheimnisvolle Rolle.
Sie hat ein Eigenleben, das beiden Brüdern nacheinander zum Verhängnis wird.

KARTEIKÄRTCHEN 3:
Verstrickung der Protagonisten bis hin zu Mordplänen
einfügen, Herkunft des Riesenvermögens aufklären.
Lovestory anklingen lassen.
Ein alter Bahnhof spielt eine unheimliche Rolle

Gruss ZISKA

Also, das war ein Hammer, schon wieder war sie dabei ihn zu überfahren,
aber nicht diesmal, wütend knallte er unter den Text:
                Abgelehnt...Bernd

Sein Finger schwebte bereits über der Eingabetaste, als er jäh innehielt.
Total geschockt starrte er auf die Kärtchen, konnte das ein Zufall sein?
Wieso hatte er das denn nicht sofort gesehen.
Die handelnden Personen kamen ihm seltsam bekannt vor.
Konnte Ziska etwa Onkel Konrad kennen? Und hatte sie genau deshalb
einen Plot zusammengeschmiedet, der ihn außer Gefecht setzen sollte.
Immerhin wusste ja jeder, dass sie Konkurrenz nicht immer auf die feine
englische Art auszubooten pflegte.
Sie rechnete wohl damit, dass er die Parallelen zu Werner, seinem Bruder
und Konrad Assauer dem Tycoon des europäischen KA-Optik-Konzerns , sofort
erkennen und sich weigern würde, daraus ein Drehbuch zu zimmern,
von dem sie wohl hoffte, es werde zu einer Art Enthüllungsstory führen.
Dass sie ihn als den mental Schwächeren der beiden Brüder sah, war ihm seltsam klar.
Immerhin war sie noch vor zwei Tagen im Foyer der Oper an Werners Arm an
ihm vorbeigerauscht und hatte ausgesehen wie eine Katze, die gerade erfolgreich
den Sahnetopf erobert hat.
Natürlich...das wars, Ziska kannte Onkel Konrad, obwohl Werner sie ihm
garantiert nicht vorgestellt hatte, denn seit Onkel Konrad dahinsiechte,
hatte Werner sich tunlichst nicht mehr in der kleinen, etwas düsteren
Stadtvilla blicken lassen. Er habe eine Aversion gegen den Geruch von Krankheit,
tönte er und sah aus, als würden ihm täglich diverse Zumutungen von der Seite des alten Assauer präsentiert.
Onkel Konrad hatte diese spürbare Ablehnung seines Lieblingsneffen tief getroffen.
Sie war umso abrupter und verletzender, als beide bisher eher eine verschworene
Gemeinschaft gegen Bernd zu bilden schienen.
Oft genug hatten sie jäh das Thema gewechselt wenn er den Raum betrat,
so als verbinde sie beide ein Geheimnis zu dem sonst niemand den Schlüssel besaß.
Er hatte immer nur Gesprächsfetzen mitbekommen und beide endgültig
ihrer seltsamen Leidenschaft überlassen, als sie sich tatsächlich darüber
ereiferten, ob es möglich sei, dass eine bestimmte Kamera ein Eigenleben
entwickele, das beunruhigend sei.
Sie liefere brillante Bilder von Unfallgeschehen, aber alles andere,
das mit ihr aufgenommen werde, sei Makulatur.
Das gemeinsame Hobby hatte den  Onkel und Werner verbunden.

Dennoch unterschieden sich beide in ihrer Sammelleidenschaft.
Konrad Assauer liebte es, nach Besonderheiten bei den angebotenen
Objekten zu fahnden, ihre früheren Besitzer auszumachen und so den Hintergrund
der alten Stücke auszuleuchten.
Für den alten Assauer lebten diese Relikte früherer Zeiten, er hütete sie wie
seinen Augapfel, sprach mit ihnen und Bernd hatte ihn äußern hören, er sei nicht
verwundert, wenn Uraltkameras eine Symbiose mit ihren früheren Besitzern
eingegangen seien, die es für den neuen Käufer zu respektieren gelte.
Werner dagegen sammelte um zu handeln, preiswert erworbene Stücke teuer zu verkaufen,
und die früheren Besitzer auf jeden Fall kräftig übers Ohr zu hauen.

Als Werner nach der todbringenden Erkrankung seines Onkel ohne jede
Gefühlsregung auf Distanz ging, war der alte Mann maßlos gekränkt und enttäuscht und
schloß sich immer mehr seinem Neffen Bernd an.

Ziska und Werner schienen sich also gefunden zu haben, denn auch sie wusste
zumeist wo ihr Vorteil lag und wie sie ihn erreichte, wenngleich ihr auch
die eiskalte Berechnung Werners abging.
Aber warum war er nur so bekümmert bei der Vorstellung, dass es Werner sein würde,
der Ziska's dunkle Augen leidenschaftlich erglühen lassen,
diese samtweiche braune Haut und das wilde schwarze Lockengewirr streicheln
und die vollen Brüste liebkosen würde.
Nun, das musste man realistisch sehen. Sie war eine Schönheit und es würde
wohl wenige Männer geben, die bei ihrem Anblick keine erotischen Träume entwickelten.
Bernd drückte entschlossen auf die Eingabetaste, die seine Ablehnung an Ziska
weiterleitete und widmete sich der Erstellung einer ersten Plotzusammenfassung.
***
An diesem Abend hatte er wohl einen Absacker zuviel in der Kneipe nebenan konsumiert.
Schwer angeschlagen fiel er - noch angekleidet - auf sein Bett und beschloss,
an diesem späten Abend keinen Gedanken mehr an das Studio und seinen
drohenden Rausschmiss zu verschwenden und die schöne, aber knochenharte Ziska,
die ließ er schon gar nicht mehr in seine Gedankenwelt ein. Soll sie doch
samt Theo Radek zur Hölle fahren, murmelte er wütend, um schon eine
Minute später in einen tiefen berauschten Schlaf zu verfallen.

Die Nacht war von wirren Träumen belastet.
Die Karteikärtchen verfolgten ihn, bliesen regelrecht zum Angriff.
Wie die bekannte Horde wildgewordener Recycelartikel in der Fernsehwerbung
rannten sie, auf Scheunentorgröße mutiert, hinter ihm her, versuchten ihn
zu überholen, ihm den Weg zu verstellen, Action einzufordern.
Er rannte, schwitzend und nur darauf bedacht zu entkommen, über eine staubige
Landstraße , erhöhte sein Tempo, bemüht die schreienden,
angriffslustigen Karteikarten, die sich bedrohlich vermehrt hatten, hinter sich zu lassen.
Doch sie kamen immer näher und würden ihn bald unter sich begraben... da...
hinter der Biegung der Straße ein großes Bauwerk, die Rettung?
Ein riesiges altes Gebäude, das ausreichende Versteckmöglichkeiten zu bieten schien.
Mit letzter Kraft erreichte Bernd den offenstehenden Eingang und schlug die
schwere Flügeltür hinter sich zu.
Wütend hämmerten die Karteikärtchen - nun wieder auf Normalgröße geschrumpft -
gegen die Scheiben und versuchten vergeblich ihm zu folgen.
Außer Atem sah Bernd sich um. Dies hier war ein stillgelegter Bahnhof wie es schien.
Seine Neugier erwachte.
Immerhin, wenn er schon keinen zündenden Beitrag zu einem ebenso
zündenden Plot liefern konnte, dann aber einen hinreißenden Drehort.
Dies hier passte doch perfekt zu Ziskas Karteikärtchen und er wusste, wie schwierig
es immer war, Drehorte zu finden, die sich ohne aufwendige
Restaurierung in die Handlung einbauen ließen.
Radek würde vor Begeisterung sabbern, das sah er schon vor sich.
Verdammt noch mal, siedendheiß fiel ihm ein, dass er schon auf dem besten Weg war,
Ziskas Vorschlag anzunehmen, als sei es sein eigener.
Aber dann beschloss er , darüber später nachzudenken, noch war seine
Kapitulation keineswegs beschlossene Sache.
Prüfend durchstreifte er den alten Bau und geriet in die frühere Gepäckaufbewahrung,
in der auf alten morschen Regalen ein einsamer Koffer lag, aufgeklappt und leer.
Er versetzte dem Kofferdeckel einen Schlag mit der Hand, aber er schloss sich nicht,
schien also doch nicht leer zu sein.
Eine alte Kamera steckte zwischen den Scharnieren, verstaubt und mit brüchigem
Lederüberzug. Daneben ein ebenso altes zerfleddertes Heft voller handschriftlicher ,
datierter Einträge...ein Tagebuch.
Neugierig schlug Bernd die Seiten auf, der Gedanke, dass er damit in die
Intimsphäre einer ihm unbekannten Person eindrang, kam nur eine Sekunde
auf, denn gleich der erste Eintrag verschlug ihm den Atem.

"BINGO Bernd", Du hast hiermit alle, in den Karteikärtchen als unabdingbar
aufgeführten Utensilien gefunden. Gratulation.
Ob das Erbe Deines Onkels Dich glücklich machen wird, oder Dein Bruder
Werner Dir in allem den Rang abläuft, das hängt nicht zuletzt davon ab,
wer von Euch beiden mit Ziska Marek eine Familie gründet und mindestens
zwei männliche Nachkommen als potentielle Erben des KA-Optik-Konzerns zeugt.
Tiefer Friede erfasste Bernd, er lächelte selig im Schlaf und beschloss,
später zu entscheiden, ob er zuerst die Karteikärtchen zu Yoghurtbechern
recyceln, oder doch Werner vor den Zug stoßen sollte,
den er in der Ferne drohend pfeifen hörte.

Das Telefon weckte Bernd im Morgengrauen.
Fluchend stieg er aus dem Bett, verstauchte sich den großen Zeh am Bettpfosten,
stolperte über seine Schuhe und hatte Mühe, in den beginnenden Tag zu finden.
Doch die Stimme am anderen Ende der Leitung ließ ihn sofort hellwach werden.
„ Kommen Sie bitte sofort Herr Krings, Ihrem Onkel geht es sehr schlecht,
wir fürchten, er wird den Tag nicht mehr überleben.“
Bernd hätte nachher nicht mehr sagen können, wie er den Weg zu Onkel Konrads düsterem Stadthaus zurückgelegt hatte. Sein alter Opel schoss in halsbrecherischem Tempo durch die noch stille Innenstadt
und hielt mit quietschenden Reifen vor der alten Villa . Dennoch, er kam zu spät, Konrad Assauer war zwei Minuten vorher verstorben und sah im Tod seltsam friedlich aus.
Er wirkte, als sei er einer Welt entkommen, die zuletzt nur noch Leiden für ihn bereitgehalten hatte.
Der Arzt drückte Bernd sein Beileid aus und verabschiedete sich dann schnell.
Die Pflegerin, die den Alten in den letzten Wochen betreut hatte, stand etwas
unschlüssig herum und sagte dann hastig; „ Wenns Ihnen Recht ist Herr Krings,
dann würde ich mich jetzt gerne bei meiner Einsatzstelle verfügbar melden.
Hier gibt es für mich ja nichts mehr zu tun.
Oh, Moment,“ sie griff in die Tasche ihres weißen Kittels,
„Ihr Onkel hat mir in der Nacht noch einen Brief für Sie gegeben,
an dessen Zustellung ihm viel gelegen schien, sie reichte Bernd einen weißen
Umschlag und verließ das Sterbezimmer.
Müde ließ Bernd sich auf dem Stuhl neben dem Bett des Toten nieder,
er bedauerte unendlich, sich nicht von seinem Onkel verabschiedet zu haben,
aber mit diesem schnellen Ende hatte wohl auch Konrad Assauer nicht gerechnet.
Er riss den Umschlag auf und starrte dann verständnislos auf die beiden Worte,
die Assauer in bereits zittriger Schrift auf ein zerrissenes Kalenderblatt geschrieben hatte.

KAMERA    ENTKOMMEN !!!
Mehr stand dort nicht.

Grübelnd starrte Bernd auf das friedliche Gesicht des Toten ;
„ So Konrad, Du bist also entkommen. Was immer das auch bedeuten mag,
ich wünsche Dir von Herzen Deinen Frieden. Aber ich werde jetzt wohl dafür
sorgen müssen, dass Deine Bestattung nach Deinen Wünschen abläuft und vor
allem, Werner benachrichtigen.
“ Seufzend erhob er sich , es gab viel zu tun. Das Gespräch mit Werner verlief
wie Bernd es vorausgesehen hatte.
„ Was soll ich denn dort noch? Du hast doch wohl alles im Griff,“ Werner klang unbeteiligt.
Bernd konnte es sich nicht verkneifen, seine Verachtung für den Bruder hörbar zu machen,
„dann treffen wir uns hoffentlich bei der Beerdigung, ganz sicher aber doch
beim Notar, wie ich annehme“, sagte er spitz und knallte den Hörer auf die Gabel.

Er traf Werner tatsächlich erst bei der Testamentseröffnung wieder .
Der Beerdigung war Werner mit der Ausrede fern geblieben, dass er einen
unaufschiebbaren Auslandstermin einzuhalten habe, von dessen Verlauf alles
für seine Firma abhänge und niemand würde das besser verstehen als
Onkel Konrad,der immerhin die KA-Optik mit gleichem Einsatz aufgebaut habe.

Das Testament war von bemerkenswerter Kürze.
Der Notar las es mit unbeteiligter Miene vor. Konrad Assauer hatte seinen
gesamten Besitz ohne jeden Abzug seinem Neffen Bernd Krings hinterlassen.
Sein Neffe Werner habe seinen Pflichtteil bereits bei der Gründung seines
Verlages als Darlehen erhalten, dessen Rückzahlung ihm hiermit erlassen sei.
Außerdem verfüge er, dass  Werner sein Stadthaus nicht mehr betreten dürfe.
Seine Kamerasammlung habe unangetastet zu bleiben.
Kein Stück daraus habe jemals in die Hände seines Neffen Werner zu gelangen.

Werner sah aus, als treffe ihn der Schlag.
Er kniff mit bösartig verzogenen Lippen die Augen zusammen und sagte kalt;
„Na das hat ja dann geklappt, hast Dich doch noch tüchtig eingeschleimt bei dem
Alten, aber verlass Dich drauf, da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden.“
Wütend knallte er die Tür der Kanzlei hinter sich zu.
Bernd blieb ein Weilchen wie erstarrt auf seinem Stuhl sitzen.
Erst als der Notar sich vernehmlich räusperte, stand er langsam auf, sah den Anwalt
düster an und sagte ,“ das war eine Schnapsidee von meinem Onkel,
er hätte wissen müssen, dass ich jetzt meines Lebens nicht mehr sicher bin,
oder wer erbt nach mir?“
„ Falls Ihnen etwas zustoßen sollte, ihr Bruder „ antwortete der Notar und sah
ihn an,als leide sein Besucher an Verfolgungswahn.
„Eben“, sagte Bernd seltsam tonlos und verließ den Raum.

Er beschloss, an diesem Abend zuerst die Hinterlassenschaft seines Onkels
im Stadthaus durchzusehen, Papiere zu sortieren, Akten einzusehen und
sich erst dann auf das Gefüge des Konzerns zu konzentrieren.
Für ihn stand fest, dass er zwar wissen wollte, wie die KA Optik funktionierte,
dann aber die Leitung einem kompetenten Team überlassen und weiter seinem
geliebten Beruf als Drehbuchautor nachgehen würde.
Davon würde ihn nicht einmal Radeks letzter, auf Zwangserfolg ausgerichteter Auftrag abhalten.
Er hatte zudem nicht vor, Ziska aus den Augen zu verlieren.
Er redete sich zwar ein, dass er ihr nicht die Genugtuung verschaffen wollte,
vor der Aufgabe zu kneifen, doch gezielt darüber nachzudenken,ob der Kontakt
zu Ziska nicht doch etwas war, das er sich aus seinem Leben nicht mehr
wegdenken wollte, das vermied er tunlichst.
Es war fast Mitternacht, als er gähnend die Schreibtischlampe im Stadthaus
löschte und total verkrampft beide Arme reckte.
Jetzt einen kleinen Schlaftrunk und dann würde er in einem der Gästezimmer
die Nacht verbringen, es war viel zu spät noch nach Hause zu fahren.
In dem riesigen Kühlschrank war jedoch weder etwas Essbares, noch fand er
Onkel Konrads herrlichen Burgunder in der kleinen Bar vor.
Schnell stieg er in den Keller hinunter, die Weinregale - das wusste er -
würden gefüllt sein, der alte Assauer hatte eine landesweit bekannte Weinsammlung hinterlassen.
Prüfend las er die Etiketten und öffnete genießerisch eine verstaubte Flasche.
Ein herrliches Gesöff, voller Vorfreude ließ er sich in einen alten Ledersessel fallen,
der zwischen den Regalen stand, schnalzte kennerhaft mit der Zunge und trank
in langsamen, genussfreudigen Schlucken.

Er hatte die Flasche fast leer und war in beschwingter Stimmung, als er aus dem
anliegenden Raum ein Geräusch hörte, dessen Ursprung er nicht sofort einordnen konnte.
Vielleicht eine Maus? Neugierig öffnete er die schwere Tür und stand in
einem völlig leeren Kellergelass. Nein, doch nicht so leer...ein ihm bekannter Koffer
mit offenem Deckel lag in der Mitte auf dem Steinboden und noch ehe er
hineinschauen konnte, wusste er mit absolute Sicherheit, was er finden würde.
Da war sie, die Kamera aus dem Traum der letzten Nacht....und sie war in Betrieb.
Blitzlichte erhellten den niedrigen Kellerraum, zauberten seltsam verformte
Schatten an die feuchten Wände und die Kamera klickte, klickte und klickte,
als schieße sie in wahnsinniger Hast Bilder eines ganz bestimmten Objektes.
Und dieses Objekt war er.
Doch weit und breit war niemand zu sehen, der das Gerät hätte bedienen können.
Er war allein mit diesem Ding, dass sich zunehmend aggressiv gebärdete.
Die Kamera verfolgte jede seiner Bewegungen, als sei er ein Model auf dem Laufsteg und sie werde von unsichtbaren Händen bedient.
Und dann geschah es.
Er fühlte sich magisch von dem Kameraobjektiv angezogen, näher immer näher zog es ihn hinüber.
So sehr er sich auch bemühte die Tür zu erreichen, um zu fliehen, vergebens.
Mit einem entsetzten Schrei nahm er gerade noch wahr,
dass die Kamera sich gigantisch bis unter der Kellerdecke aufblähte, ehe er in das Innere gesogen wurde.
***
„Die Anzeige hat das Notariat Bügler gestellt, das müssen wir wohl ernst nehmen.
Wenn diese Leute behaupten, Ihr Klient sei einen Tag nach Bekanntwerden
der Erbfolge spurlos verschwunden und davor habe es mit dem nicht
erbberechtigten Bruder eine schlimme Auseinandersetzung gegeben,
dann werden wir uns der Sache unbedingt annehmen müssen.“
Oberkommissar Krächel schnaubte in ein überdimensionales Taschentuch
und sah nicht so aus, als begeistere ihn dieser neue Fall sonderlich.

„ Werner Krings wurde bereits vernommen.
Wie zu erwarten hat er behauptet, nichts mit dem Verschwinden seines Bruders
zu tun zu haben. Der Streit sei kein solcher gewesen, er habe sich lediglich
maßlos geärgert, dass er völlig leer ausgegangen sei und das habe seinen
Grund durchaus darin, dass sein Bruder Bernd ein echter Schleimscheißer sei,
der den Onkel pausenlos zu seinen Gunsten beeinflusst habe.“
Kommissar Lidel sah seinen Vorgesetzten mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Für mich siehts nach den eingeholten Erkundigungen allerdings so aus,
als habe der alte Krings zwar bis zu seiner Erkrankung mehr auf seinen Neffen
Werner gesetzt, aber als er sein schweres Krebsleiden bekam, war es Bernd Krings,
der sich intensiv um ihn kümmerte.
Der bisherige Lieblingsneffe Werner dagegen hat jeden Kontakt mit seinem
kranken Onkel abgebrochen. Kranke Menschen machten ihn depressiv.
Es hieß, er habe immer wieder Ausreden gefunden, sich nicht im Stadthaus blicken zu lassen.
Kein Wunder, dass der Alte daraufhin sein Testament geändert hat.
Erbschleicherei hats da also mit Sicherheit nicht gegeben.
Allerdings ist der Satz,

*da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden,
                 verlass Dich drauf *,

aber auch keine ernstzunehmende Drohung, aber der Verschwundene scheint
sie so aufgefasst zu haben, denn er hat den Notar gefragt, wer nach seinem Tod
erbberechtigt sei und das ist nun mal sein Bruder Werner.“

„Mit Vermutungen kommen wir nicht weiter, hat der Verdächtige ein Alibi?“
„ Allerdings, er soll mit einer gewissen Ziska Marek den Abend und wahrscheinlich
auch die Nacht verbracht haben.
Aber das sollte man anzweifeln, die Dame sah etwas überrascht aus,
als sie mit seiner Aussage konfrontiert wurde.
Die beiden haben zwar gemeinsam im Ratskeller zu Abend gegessen,
aber was danach war, wissen nur die Beteiligten.
Ich bin sicher, da müssen wir noch einmal ansetzen.
Das Notariat hat übrigens beantragt, bis zur Klärung der Vermisstenanzeige,
die Geschäfte der KA-Optik beaufsichtigen zu lassen und Werner K. auf jeden
Fall zu hindern, die Leitung des Konzerns als potentieller Erbe zu übernehmen.“
„ Das versteht sich wohl von selbst, so schnell schießen die Preussen nicht,
der Mann muss von jedem Verdacht befreit sein, ehe er in der Firma aufzutauchen hat,“
sagte der Oberkommissar und sah aus, als habe er die Absicht,Werner Krings
gegebenenfalls höchstpersönlich zu stoppen.
***
Bernd Krings durchlitt inzwischen die grauenvollsten Panikattacken seines Lebens.
Gefangen im Inneren der Kamera liefen anscheinend alle Bilder, die dieser
vorsintflutliche Apparat je aufgenommen hatte, pausenlos vor ihm ab.
Und...es handelte sich anscheinend ohne Ausnahme um  spektakuläre Unfälle
aus den Dreissiger Jahren.
Die Kleidung der Beteiligten passte in jene Zeit.
Er hatte keine Möglichkeit, diesen Bildern zu entgehen, sie stürmten auf ihn ein,
verbunden mit den bei Unfällen entstehenden grauenhaften Geräuschen.
Es krachte, splitterte, knirschte, lärmte, dröhnte und polterte ohne Unterlass,
dazwischen waren die Todesschreie der Unfallopfer zu hören.
Und dann sah er es, eines dieser Unfallopfer war er selbst als kleiner Junge.
Eine heranrasende Lok überfuhr ihn.
Im gleichen Moment schwenkte die Kamera zurück an den Rand des Bahnsteiges
und hielt genau auf das Gesicht von Werner, der hämisch grinsend an der
Bahnsteigkante stand, die Hände, mit denen er Bernd vor den Zug gestoßen hatte,
noch halb erhoben.
Schreiend vor Entsetzen verlor Bernd das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, war es grabesstill in dem Kellergelass und er wusste,
wenn er nicht all seine Intuition aufbieten konnte, diesem grauenhaften
Ort zu entkommen, würde das sein Ende sein.

* KAMERA   ENTKOMMEN*
hatte das nicht auf dem Zettel gestanden, den der Onkel ihm hinterlassen hatte,
von dem er so unbedingt wollte, dass er Bernd, ihn auch wirklich erhielt?
Onkel Konrad konnte nur diese Kamera gemeint haben.
Er hatte ihn warnen wollen, das lag auf der Hand, aber wie war ein Entkommen möglich?
Er musste rational an die Sache herangehen, oder er war verloren.
Es gab also einen Ausweg aus dieser tödlichen Falle, aber welchen?
Es stand fest, dass diese grauenvollen Unfälle nicht wirklich geschehen sein konnten.
Waren es Morde, die noch geschehen sollten?
Denn immerhin lebte er ja noch und sollte er seinem Gefängnis tatsächlich entkommen,
würde er sich natürlich hüten, je mit Werner in die Situation zu geraten,
gemeinsam auf einen Zug zu warten.
Er musste seinem Mörder also zuvorkommen, nur wie?
Im Moment war er innerhalb der Kamera zumindest vor jedem potentiellen
Mörder sicher, dachte er fatalistisch.
Er schlief erschöpft ein.

Kurze Zeit später ging das Licht im Keller an und eine Gruppe Menschen
- unter ihnen Werner - kamen aus dem Weinkeller herüber. Polizeibeamte. Sie suchten ihn.
Verzweifelt hämmerte er gegen die Linse , wusste aber, sie würden ihn nicht sehen.
Niemand verschwendete auch nur einen Blick in die Richtung der Kamera.
Und sein verzweifeltes Klopfen schien nicht nach aussen zu dringen.
Man überzeugte sich nur davon, dass der Raum leer war und dann schloss sich die schwere Tür erneut.
Nein, doch nicht.
Werner.
Er kam zurück.
Bernd hielt den Atem an.
Werner sah sich zuerst vorsichtig um, als wolle er sich überzeugen, dass niemand
sein absonderliches Verhalten sah und beugte sich dann tief herunter zu der
harmlos aussehenden Kamera.
Er blickte mit einem zusammengekniffenen Auge durch das Objektiv, grinste diabolisch und lüsterte;
„Hallo Bernd, na, habe ich Dir nicht versprochen, bei der Verteilung des Erbes habe
ich auch noch ein Wörtchen mitzureden.?
Soll ich Ziska von Dir grüßen Kleiner?"
Der Triumph in seiner Stimme war unüberhörbar.

Bernd stockte das Blut in den Adern. Werner kannte das Geheimnis der Kamera.
Er hätte es ahnen können, Onkel Konrad und Werner hatten immerhin über
Jahre ihr Hobby gemeinsam betrieben, wenn es im Zusammenhang mit dieser
Kamera also Absonderliches, Außergewöhnliches gab, dann wusste Werner es mit Sicherheit.
Das Ganze war eine vorbereitete Falle gewesen und er hineingetappt wie ein Greenhorn.
Eine grenzenlose Wut erfasste ihn, das war einfach nicht gerecht.
Schon wieder einmal sollte Werner siegen, ihn wie einen ausgemachten Narren
zurücklassen, ebenso wie das in ihrer Jugend oft genug der Fall gewesen war.
Das konnte, durfte nicht geschehen, diesmal nicht, diesmal nicht, NEIN, NEIN.
Es brach aus ihm heraus, wie glühende Lava aus einem Vulkan,
„ Du Verbrecher, Mörder, Dieb, Ausgeburt der Hölle, irgendwann einmal
wirst Du an meiner Stelle leiden und wenns erst im Jenseits ist.
Du wirst spüren was ich spüre, leiden was ich erleide.
Du wirst gefangen sein wie ich, ausweglos verdammt auf ewig,“ schrie er wild.
Werners Gesicht, eben noch hämisch grinsend schien plötzlich auseinander zu fließen,
sich zuerst zu einer teuflischen Fratze zusammenzufügen, um danach seine,
Bernds Züge, anzunehmen.
Und dann passierte es, die Kamera schien Bernds Bewusstsein buchstäblich
auszuspucken und sog an seiner Stelle etwas Dunkles, Undefinierbares,
das sich schreiend aber vergeblich wehrte, ins Innere.

In dem Moment öffnete sich die Kellertür erneut und Oberkommissar Krächel stand im Rahmen.
„ Wir können gehen Herr Krings“, hier ist Ihr Bruder auf keinen Fall,
die Suche wird jetzt ausgeweitet und Sie wissen ja, bevor er nicht für tot erklärt
wurde, haben Sie kein Recht sich hier aufzuhalten“.
Bernd stockte der Atem, aber er war doch nicht......oder doch.....?
Ohne zu antworten stieg er mit dem Polizeibeamten die Treppe empor und sein
erster Blick galt dem Spiegel in der Halle.
Er konnte nur in letzter Sekunde einen Schrei unterdrücken, das Spiegelbild von
Werner sah ihn an.
Es war alles da, die breiten Schultern, das tief gebräunte Piratengesicht,
die dichten schwarzen Locken, die hochgewachsene elegante Gestalt.
Ein Switch hatte stattgefunden, Persönlichkeitsaustausch.
Die Kamera hatte zwar den Körper ihres Gefangenen nicht preisgegeben,
aber sie hatte sein Bewusstsein freigelassen und dafür das seines potentiellen Mörders eingefangen.

Zwei Jahre später!

Für die Öffentlichkeit war es Werner Krings, der das Erbe des alten Tycoon antrat,
nachdem sein verschwundener Bruder Bernd für tot erklärt wurde.

Ziska Krings, beborene Marek hatte - hochschwanger -
einen Fantasyroman ihres Mannes, der ein Bestseller geworden war und die
Geschichte einer geheimnisvollen Kamera erzählte, als Regisseurin in den
Creativ Studios verfilmt und bereitete sich jetzt auf die Geburt ihres ersten Sohnes vor.

Tief im Gewölbe der Familiengruft, direkt neben Onkel Konrads Sarg aber lag eine
alte halb verrottete Kamera.
Es würde keinen neuen Besitzer mehr geben, dessen mörderische Absichten sie aufnehmen konnte.
Sie würde nie wieder das Licht des Tages erblicken

Copyright L Warmeling