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...koche nicht, ich mach mir Salat
Das war der Warnruf von Paul und bedeutete nichts anderes, als daß eine seiner Abmagerungskuren mit YoYo-Effekt eingeläutet wurde.
Kurzes, verdutztes Innehalten meinerseits: Ach Gott, wars schon wieder so weit?
Aber ja doch, seine halbjährliche Routineuntersuchung stand unmittelbar bevor, und bei diesen Gelegenheiten pflegte mein Göttergatte jeweils 14 Tage vorher eine rege Betriebsamkeit an den Tag zu legen.
Da lagen die Kalorientabellen aufreizend auf dem Küchenbord, und die Waage im Bad stand demonstrativ mitten im Raum, anstatt, wie üblich, ein eher unbeachtetes Dasein unter dem Wäscheregal zu fristen. Grünzeug aller Kategorien stand in gewässerten Behältern herum und harrte seiner Verwendung, alles in allem: Paul lief zu großer Form auf.
Und das hätte ja nur die Hälfte gebracht, wenn sich nicht zeitgleich der Rest der Familie, die aus mir und unseren beiden Haustigern bestand, ebenfalls kasteien würde.
Dieser Anspruch hat zwar noch nie funktioniert, aber Paul versuchte es trotzdem immer wieder, wenn denn schon keine Loyalität in der großen Welt, dann doch aber bitteschön in seiner kleinen, überschaubaren.
Ich überlegte kurz, was mit dem hinreißenden Rinderbraten zu geschehen habe, der an diesem Tag auf dem Speiseplan stand. Einfrieren ging nicht mehr, ich hatte ihn ja gerade vor Pauls Schlachtruf aufgetaut, also mußte er auf jeden Fall seiner Bestimmung zugeführt werden.
Zudem, was sollte dieser hirnrissige Blödsinn, wen wollte er denn eigentlich beeindrucken?
Unseren alten Hausarzt? Vergebliche Liebesmüh, der war von mir längst darüber informiert, daß die tollen Blutwerte meiner listigen Ehehälfte nur zustande kamen, weil er jeweils vor der Blutabnahme 14 Tage lang eine strenge Diät einhielt, danach aber, wie von allen Fesseln befreit, wieder so zuschlug, daß die Meßskala im Labor, falls es eine solche geben sollte, wahrscheinlich beim Anzeigen seiner Werte ausgeflippt wäre.
Mit anderen Worten: Mein Mann konnte mit Fug und Recht der arglistigen Täuschung bezichtigt werden, wobei es kaum eine Rolle spielte, daß er sich selber ebenfalls reinlegte.
Ich warf noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel, wohl wissend, daß dieses verhaßte Grünzeug auch bei mir nicht eben schlecht gewirkt hätte, und legte meinen Braten gelassen ins erhitzte Fett.
Innerhalb kürzester Frist roch es im Haus derart appetitanregend, daß nur ein Asket mit lebenslanger Verzichthaltung hätte widerstehen können.
Immerhin, ich hatte ja nur ein wertvolles Lebensmittel vor dem Verderb gerettet, das mußte schließlich auch Paul begreifen.
Der Blick, der mir daraufhin von meinem Ehemann zugeworfen wurde, hätte es mit der täglichen Giftproduktion einer Schlangenfarm aufnehmen können, er haßte mich und meinen Bratentopf zutiefst.
Trällernd wendete ich das bereits tief
gebräunte Stück und nuschelte mir etwas
von "keiner muß müssen" in den
Bart.
Daraufhin kam aus seiner Ecke ein wütendes
Zischen, und die Feststellung, irgendwann werde mal jemand den Zusammenhang
zwischen seelischer Grausamkeit und Ehegattenmord statistisch erfassen
müssen.
Doch ehe ich, mit Spießgabel bewaffnet,
in Verteidigungshaltung gehen konnte, verließ mein Paulchen wutschnaubend
die Wohnung in Richtung Bastelkeller.
Lilli und Leo, die beiden vierbeinigen Haustyrannen, saßen wenig später geduldig wartend vor der Küchentür, denn es konnte ihrer Meinung nach kaum angehen, daß ich den Braten in die Röhre befördert hatte, ohne ihren Teil abzuzweigen.
Na ja, murmelte ich, ihr müßt ja nicht zur Untersuchung, keine Sau kümmert sich um eure Zuckerwerte, und ob der Cholesterinspiegel ausflippt, kratzt auch niemanden, also her mit der "läßlichen Sünde" für Katzenkinder.
Zufrieden schmatzend verleibten sich beide ihren kulinarischen Ausrutscher ein und lagen schon kurze Zeit später satt und zufrieden in ihren Körbchen.
Auch mein Braten ruhte, nämlich in einer köstlichen Rotweinsoße, und nun stellte sich die Frage aller Fragen:
Sollte ich ihn mitsamt seiner Tunke für bessere, weil diätlose Zeiten, einfrieren und damit den Hausfrieden retten?
Sollte ich die Solidarität der besten aller Ehefrauen demonstrieren, obwohl ich von der Überzeugung erfüllt war, daß mein Paulchen gelegentlich ganz sicher seine unterbelichteten Phasen hatte, was ihn dann total unfähig zu machen schien, die Sinnlosigkeit seiner Täuschungsmanöver zu kapieren?
Mit anderen Worten: Sollte ich vor dem offenkundigen Wahnsinn kapitulieren?
Gedankenverloren rührte ich in der Soße, als die Tür aufging und Paul seinen Lockenkopf durch die Öffnung steckte:
"Mein Gott, wie lange dauert denn das heute, es ist doch schon 12.30 Uhr, ich hoffe, du hast Rotkohl zum Rinderbraten gemacht."
Ehe ich auch nur den Mund wieder zubekam, setzte er hinzu: "Übrigens hat Dr. Thielen gerade anrufen lassen, er ist die nächsten drei Wochen im Urlaub, meine Routineuntersuchung wurde bis August verschoben."
Langsam begann es mich zu interessieren, wieviel Ehegattenmorde es denn eigentlich alljährlich überhaupt im Zusammenhang mit Diäten geben mochte.
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