Januskopf

„Sie sollten lernen, bei
Vereinbarungen die niemand schriftlich fixiert hat,
wie in diesem Fall, immer
dann partiellen Alzheimer zu entwickeln,
wenn sich die Situation
nicht zu unseren Gunsten entwickelt.
Wie ich aber sehe, haben
Sie Westlake den Ausfall in voller Höhe vergütet.
Ihre seltsame Vorstellung
von Fairplay kostet unser Unternehmen volle zwei Millionen,
sind Sie eigentlich noch
zu retten?“
Der Mann am Kopfende des
langen Konferenztisches klopfte mit der Faust auf
die vor ihm liegende Akte
und sein eiskalter Blick traf den Mann
an seiner Seite mit vernichtender
Wut.
Und Sie Mildred, sollten
endlich kapieren, dass diese internen Anweisungen
nicht in das Konferenzprotokoll
gehören, sehe ich also noch einmal,
dass sie sich Notizen machen,
sind sie gefeuert.
Die nicht mehr ganz junge
Dame mit dem feuerroten Haar an der Längsseite
des Tisches zuckte zusammen
und ihr Blick schweifte unsicher zur Seite,
als wolle sie dem Zorn
des Mannes keine weitere Angriffsfläche bieten.
Bernd Heller wandte sich
nun den übrigen Konferenzmitgliedern zu und verzog
wie angewidert den herrischen
Mund.
Es ist unglaublich, dass
Sie allen Ernstes anzunehmen scheinen,
wir machten unsere wirklichen
Geschäfte innereuropäisch.
Weit über die Hälfte
unserer Waffen gehen in den Nahen Osten .
Die fünf Länder
Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate,
Israel und Kuwait haben
seit 1994 weit mehr Waffen importiert als alle
Industrieländer zusammen.
Der mit Abstand größte
Abnehmer der Welt ist Saudi-Arabien,
das im vergangenen Jahrzehnt
rund ein Viertel aller international gehandelten
Waffen kaufte.
Die größten
Waffenimporteure in Asien waren Taiwan und Südkorea und wenn
Sie diese Zahlen noch immer
nicht dazu bringen diese Kontakte zu forcieren,
dann haben Sie in diesem
Konzern nichts zu suchen.
Ich erspare mir hier jede
weitere Auflistung ihrer Pannen.
Keiner von Ihnen hat in
diesem Quartal die in ihn gesetzten Erwartungen auch
nur annähernd erfüllt.
Sie haben auf der ganzen
Linie versagt, das Ostgeschäft sträflich vernachlässigt,
mehr noch, für die
Position, die sie in diesem Haus einnehmen,
sind Sie absolut ungeeignet
und ich bin nicht länger bereit, Ihre Fehlentscheidungen zu tolerieren.
In diesem Zusammenhang
erinnere ich an die Bedingungen unter denen Sie
eingestellt wurden und
fordere Sie auf, Paragraph sieben, Absatz drei ins Auge zu fassen.
Der Konzern hat sich dort
gegen solche Nachlässigkeiten wie sie hier gelaufen sind, abgesichert.
Zwingen Sie mich also nicht,
diesen Punkt Ihres Anstellungsvertrages anzuwenden."
Heller fixierte die Anwesenden
noch einmal und die Verachtung in seinem Blick
war unübersehbar,
daneben aber hätte ein guter Beobachter deutlich das
grausame Vergnügen
erkannt, mit dem er seine Untergebenen in den Staub trat.
"Sie wissen alle, dass
die legalen Waffengeschäfte überall stagnieren, die Weltwirtschaftskrise
killt auch diesen bisher
einträglichsten Punkt unserer Produktpalette.
Wir haben uns also etwas
einfallen zu lassen.
Muss ich Ihnen denn jedes
mal vorkauen, dass wir kein Samariterbund sind.
Wenn es Afrika ist, wo
derzeit die meisten Bürgerkriege toben, dann haben Sie sich dort zu
engagieren.
Dort stagniert zwar der
offizielle Handel wegen der Armut der Länder,
aber illegale Importe,
die in keiner Statistik auftauchen, und gebrauchte
Waffen zu annehmbaren Preisen
sorgen dennoch für Nachschub.
Dieser Nachschub meine
Herren hat aus unserem Hause zu kommen.
Wie Sie das hinkriegen
ist Ihre Sache.
Zudem bringen immer mehr
Söldnerfirmen ihre Ausrüstung vom Gewehr bis hin
zu Panzern und Flugabwehrraketen
selbst mit – auch diese Waffen
entziehen sich jeder Exportstatistik.
Knüpfen Sie diese
Kontakte und bringen Sie uns aus den roten Zahlen.
Etwaige weltanschauliche
Bedenken können Sie bei der Welthungerhilfe
kompensieren, hier erwarte
ich knallharte Ergebnisse im Sinne des Konzerns.“
Endlich rührte sich
einer der Männer, die bisher schweigend und mit gesenkten
Köpfen das Gewitter
über sich ergehen ließen.
„ Wie weit dürfen
wir gehen was die Akquisition betrifft.“?
„Bis zum Vertragsabschluss
Sie Tölpel, ist das immer noch nicht klar?"
„Wer deckt uns?"
Die Frage kam von der anderen
Seite des Tisches und klang, als wage der
Fragesteller kaum, in das
Gespräch einzugreifen.
Sekundenlanges unheilvolles
Schweigen im Raum.
Dann stand Heller auf,
der riesige Mann schien den Raum auf bedrohliche Weise zu füllen.
Seine Attraktivität
hob diese Bedrohung in keiner Weise auf, sie war so effektiv,
dass die Anwesenden noch
mehr in ihren Sesseln zusammen sanken.
„Berger, Szinner, Legner,
raus hier“
Der Befehl kam knallhart
und schnell und die Angesprochenen beeilten sich,
ihm nachzukommen, man sah
ihnen die Erleichterung, diesem Strafgericht
entkommen zu sein, deutlich
an.
Als sich die gepolsterte
Tür hinter den Genannten schloss, wandte Heller sich
den drei übrigen Männern
und Mildred Trotzki zu, die ihn besorgt ansahen.
Er setzte sich nicht, sondern
beugte den Oberkörper so weit nach vorne,
dass die Anwesenden leicht
zurück wichen, als bedrohe er sie körperlich.
„ Sie werden eine Truppe
für den Sudan zusammenstellen.
Klinner, Sie nehmen den
Kontakt zu der Söldnertruppe auf, die uns bereits
in Somalia gute Dienste
geleistet hat.
Von Lehberg, Sie finden
heraus, wo derzeit unterschwellige ethnische Konflikte
am stärksten sind
und Sie Husner sorgen dafür, dass genau dort Waffendepots
eingerichtet werden, die
zur Verfügung stehen, wenn die Söldner dort landen.
Und jetzt raus hier.“
Die Männer erhoben
sich widerspruchslos und verließen den Raum.
„Mildred“, die Rothaarige
sah verschreckt hoch.
„ Welche Termine stehen heute
noch an?“
„Nur noch einer, man erwartet
Sie 14 Uhr im Rathaussaal, die Ehrung durch den
Repräsentanten der
Welthungerhilfe.
Hillerich hat bereits Ihre
Dankesrede fertig,“
Sie reichte ihm beflissen
eine eng beschriebene Seite, die er unbeeindruckt ins Jackett steckte.
„Ich habe ausrichten lassen,
dass Sie unbedingt um 16 Uhr Ihren Flug nach
New York erreichen müssen,
man ist also darauf vorbereitet,
dass Sie kurz vorher die
Feier verlassen werden.“
„Gut gemacht, wir haben
also noch genau fünf Minuten Zeit, worauf wartest du noch?“
Er öffnete seine Hose
und die Frau kniete sich gehorsam nieder.
......................................
Den Mann, der kurz vor 16
Uhr animiert und freundlich lächelnd den Rathaussaal verließ,
hätte niemand zu dem
bedenkenlosen Konzernchef in Beziehung gesetzt,
der gewohnt war zu beherrschen,
zu manipulieren und zu korrumpieren.
Seine Geltungssucht war
an diesem Nachmittag voll bedient worden.
Presse und Fernsehen hatten
der Ehrung beigewohnt und übereinstimmend
sein soziales Engagement
für die Hungernden Afrikas anerkannt.
Sie würden ihn erneut
der Öffentlichkeit als einen Mann präsentieren,
ohne den die Hilfsorganisationen
in diesem Land sehr viel weniger effektiv
sein würden und der
die Spenderszene mit seiner Großherzigkeit seit Jahren dominierte.
Er warf sich aufatmend
in den Fond der dunklen Limousine.
„Nach Hause“, befahl er
kurz und schloss die Augen.
Er kennt sie, die seltsame
Verwandlung, die jetzt einsetzt und genießt sie in vollen Zügen.
Je näher sein Arbeitstag
sich der für ihn magischen Grenze von 16 Uhr genähert hatte,
umso mehr verlor er das
Interesse an seiner Umgebung, schien den Gesprächen immer
weniger zuzuhören
und auch jetzt umspielte seinen Mund ein Lächeln, das man nur
als freudig erregt beschreiben
konnte.
Aufhalten kann er diese
Verwandlung nicht, sie ist auf erregende Weise an die Uhrzeit gebunden,
weshalb er seit vielen
Jahren daran gewöhnt ist, wichtige Geschäfte unbedingt bis
16 Uhr unter Dach und Fach
zu bringen.
Er beginnt zu transpirieren,
als sei er ein Pennäler auf dem Weg zum Abschlussball,
die Erregung schnürt
ihm buchstäblich die Kehle zu.
Er spricht nicht mit dem
Fahrer, sondern scheint sich in die weichen Polster zu verkriechen.
Kleiner zu werden, unsicher
und hektisch.
Als er aus dem Wagen steigt,
zögert er leicht, wendet sich an seinen Chauffeur
um die Anweisungen für
den kommenden Tag zu erteilen und der könnte wetten,
dass die ansonsten tiefe
befehlsgewohnte Stimme seines Chefs sich seltsam in die Höhe geschraubt
hat.
Er spricht wie ein Knabe
vor dem Stimmbruch, räuspert sich als ihm dies bewusst
wird und murmelt etwas
von - schon wieder erkältet – aber das alles eher,
als fühle er sich
durch die Abwicklung der täglichen Routine unnötig aufgehalten.
Er sieht praktisch durch
seinen Fahrer hindurch und seine Hände zittern.
Der Fahrer nickt nur, denn
er kennt diese Prozedur seit vielen Jahren.
Schon 3 Minuten später
werden aus dem ersten Stock der Villa in der
Harvestehuderstraße
1, die harten Klänge des River-Kwai-Marsches zu hören sein,
unterbrochen von der schneidenden,
befehlsgewohnten Stimme der Hausherrin
und dem devoten Gestammel
eines ihr sklavisch ergebenen Mannes,
der darum bettelt, geschlagen
zu werden.
„ SIE lädt ihm seine
Batterien auf,“ sagt die Köchin im Souterrain verächtlich
und nimmt sich erneut vor,
dieses Haus bei nächster Gelegenheit zu verlassen.
Copyright LWarmeling
