I  s  a  b  e  l  l



Sie würde ihn am Freitag heiraten, es war endgültig und mir war, als stoße mich
jemand von den Klippen in Acapulco, nur dass ich kein sonnengebräunter Adonis war,
der dort für die sensationslüsternen Touristen Kunststückchen vollführte.

Und das, nachdem ich ihr mich und meine Gefühle buchstäblich seit unserer Kinderzeit
zu Füßen gelegt hatte.

Ich hatte verloren, war abgesoffen gegen einen Kerl, der garantiert beim
Arschlöcher-Kongreß zum Vorsitzenden gewählt würde.
Dabei konnte er mir nicht mal äußerlich das Wasser reichen, das redete ich mir zumindest
ein, wenn ich grimassenschneidend vor dem Spiegel stand und die Eifersucht mich zerriß.

Dieser hakennasige Erfolgstyp hätte dringend eine Nasenkorrektur gebraucht und wenn
ich mir sein fliehendes Kinn betrachtete, kam mir regelmäßig die Idee,
dass ein Schönheitschirurg mehr an ihm zu reparieren haben würde,
als je an der Kölner Autobahn instandgesetzt wurde.

Sie konnte ihn unmöglich lieben die göttliche Isabell.

Wollte sie etwa bis ans Ende ihrer Tage *Gattin* sein und von einem stolzgeschwellten
Industriellen als Aushängeschild von Party zu Party geschleppt werden?

Doch nicht Isabell, meine stolze Inkagöttin.

Na gut, ich hatte ihr nicht annähernd zu bieten, was dieser steife Hanseate vorzuweisen
hatte und über meine Herkunft zu diskutieren erübrigte sich sowieso.

Er dagegen konnte seine Vorfahren bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen .
Da brachte es natürlich nicht so sehr viel, wenn ich behauptete,
die Familiendokumente meiner Ahnen seien leider während der Sintflut untergegangen.

Aber wenn Liebe ein Maßstab war, für was auch immer, dann war ich der Favorit,
der absolute Lover, das musste sie doch einfach begreifen.

Ich hatte sie auch noch nie sagen hören, dass sie sich mit ihrem Gernot je schlappgelacht hatte.
Das waren Vokabel, die ihr nur im Zusammenhang mit mir einfielen.
Leider hatte sie diese ehrlichen Phasen zu selten, als dass sie bei ihren Überlegungen,
ob sie nun Frau Gernot von Eschersleben werden sollte, oder lieber doch nicht, eine Rolle gespielt hätten.

Jedesmal, wenn ich nach den Nächten mit Isabell gesiegt zu haben glaubte,
und sie erschöpft und glücklich in meinen Armen lag, kam der Rückschlag und das
zumeist in Form einer weißen Luxuslimousine, die Isabell zu einem Super-Event abholte,
auf der dann Gernot in Cut, Frack oder einer anderen unsäglichen Mörderuniform
den stolzgeschwellten Zukünftigen der hinreißenden Isabell abgab.

Wer war ICH eigentlich für sie?

Der Junge von nebenan, der Vertraute, der Studienkollege?
Immerhin aber doch Derjenige, mit dem sie bafög-alimentiert die härtesten Zeiten
durchgestanden hatte und auch der Mann, mit dem sie nach Abschluß des Studiums
die städtische Architektur zu dominieren hoffte.
Unsere Zukunftspläne bewegten sich selten unterhalb der Vorstellungen von einem
bekannten Architektenpaar, das gemeinsam sämtliche Renommierbauten der Stadt kreieren würde.

Und all das sollte vorbei sein?
Aufgegeben zu Gunsten eines Millionärs, der noch nichts anderes auf die Leistungskante
gebracht hatte, als Erbe zu sein?

Das konnte sie mir nicht antun.

Das würde sie mir nicht antun, ich würde es zu verhindern wissen.

Das dachte ich noch bis gestern, und dann hatte sie mir mit zitternder Stimme eröffnet,
dass die Würfel längst gefallen waren, noch vier Tage und sie würde Frau von Eschersleben sein.

Ich fühlte mich, als hielte mir jemand die Gurgel zu.
"WAS? Der Spruch ist wohl aus’m Glückskeks oder?" Ich flüsterte nur noch.

Aber sie lachte nicht mehr, ihr schönes Gesicht war seltsam entrückt,
als agiere sie nur noch automatisch und wolle nur noch etwas
schnell hinter sich bringen, bei dem ihr so wohl nicht zumute war.

Aber ich hatte nicht vor, es ihr leicht zu machen.

Ich zwang sie zu einem kompletten Seelenstriptease.
Sie sollte mir ins Gesicht sagen, dass all das, was uns verbunden hatte, plötzlich nicht mehr zählte.
Nicht die Harmonie der Gedanken, nicht unsere Pläne, nicht das gemeinsame Lachen,
nicht der Übermut der Jugend, nicht ihre Lustschreie in meinen Armen,
sie sollte es deutlich aussprechen, genau so.

Sie weigerte sich, flüsterte etwas von nicht wehtun wollen und
man müsse doch endlich erwachsen werden und seine Zukunft angehen,
anstatt sie immer nur zu planen.

Sie redete ein Menge dummes Zeug wie ich fand und unterm Strich schien es mir,
als kapituliere sie vor der Ungewißheit eines Lebens mit mir,
um in einen Hafen einzulaufen, der ihr ein Dasein auf einem Luxuskreuzschiff bot.

Meine Isabell , ein solcher Feigling?

Ich musste sie für mich retten und, ich musste sie vor sich selbst retten.

Am Morgen einer durchwachten Nacht stand mein Plan und hektische Betriebsamkeit begann.

Allein konnte ich das nicht schaffen, aber Verbündete fanden sich schnell.
Die Mitbewohner unserer WG waren sofort bereit, eine Verschwörung gigantischen
Ausmaßes zu starten.
Ich glaube, die Vorstellung, dass aus Isabell und mir kein Paar werden könnte,
hatte alle niedergeschmettert, in schöner Solidarität boten sie mir jede erdenkliche Hilfe an,
und ich nahm sie an.

Gregor verschaffte mir über seine Kontakte den Zeitplan der standesamtliche Trauung
und...es gelang ihm, nach einem heißen Flirt mit der Sekretärin des Standesbeamten,
entscheidende Unterlagen auszutauschen.

Luise hatte einen Servierjob bei den von Eschersleben ergattert und Susi tat das,
was sie schon immer zu ihren Lieblingsbeschäftigungen zählte,
sie spielte den Vamp vom Dienst und lauerte Gernot im Tennisclub auf.

Wir agierten unter Zeitdruck ohne festes Konzept.
Es konnte also ins Auge gehen, aber nichts hätte uns stoppen oder das Komplott
verhindern können.

Am Tag der Trauung wurde Luise direkt nach sieben Uhr am Morgen tätig.
Kurz hintereinander sagte sie telefonisch aus dem Hause Eschersleben das Catering ab.
Danach den Pfarrer für die anschließende Haustrauung, und zum Schluß die Band,
die im Park der Eschersleben für die Gäste aufspielen sollte.

Rückfragen nahm sie selbst entgegen und konnte so verhindern,
dass ihr sträfliches Eingreifen zu früh auffiel.

Sie verhinderte die pünktliche Lieferung von Gernots Hochzeitsfrack ebenso,
wie die Abholung der anreisenden Hochzeitsgäste.
Kurz und gut, im Hause Eschersleben brach das blanke Chaos aus.

Susi war inzwischen nicht untätig gewesen und hatte zwei Tage zuvor
den gar nicht so abgeneigten Gernot in eine Absteige dirigiert und davon überzeugt,
dass sie ebensogut im Bett war wie auf dem Tennisplatz.
Die bei diesem Anlaß ausgestoßenen Liebesseufzer des drögen Gernot steigerten sich rapide
und als er ihr nach 2 Stunden schwor, er werde ihr eine Wohnung finanzieren,
wenn sie ihm immer zur Verfügung stehe, waren diese nicht gerade eheförderlichen Absichten
bereits auf einem mitlaufenden Tonband aufgenommen worden.

Es hörte sich an, als lerne Gernot gerade die Höhen käuflicher Liebe kennen, kurz und gut, er
erwies sich beim Liebesspiel mit Susi als kleiner Perversling und sie bediente ihn gekonnt.

Er war schon ein wenig widerlich der gute Gernot.

Ich hatte ihn also richtig eingeschätzt, wusste aber gleichzeitig, dass ich diesen Beweis niemals einsetzen würde.
Es sei denn, Isabell war nicht davon abzuhalten, in ihr Verderben zu stürzen.

Dreissig Minuten vor der standesamtlichen Trauung wollte ich Isabell in einer beigen
Stretchlimousine abholen und zum Rathaus chauffieren lassen.
Die Mietkosten hatten mich endgültig ruiniert, aber das spielte nun auch keine Rolle mehr.

Und dann geschah etwas, das meine Verschwörungsoper zur reinen Farce machte.

Isabell trat aus ihrem Zimmer in der WG und sah in ihrem hellen Kostüm absolut hinreißend aus..

Das Haar wie eine Krone hochfrisiert, schien sie bereits ganz Frau von Eschersleben zu sein.
Sie würdigte mich keines Blickes und schien auch nicht zu merken,
dass unsere Mitbewohner alle durch Abwesenheit glänzten.

Sie schritt zu Tür und ich mußte mich wohl getäuscht haben,
als ich zu erkennen glaubte, dass ihre Augen tränenfeucht waren.

Sie schritt durch den Raum, zögerte, wandte sich an der Tür um und endlich
traf mich voll ihr Blick aus wundervollen schwarzen Augen.

"I'm not in love" hauchte sie, und setzte fast übergangslos hinzu " wenn es richtig ist,
dass von den bekannten 36 Fluchtarten das Davonlaufen die beste ist,
dann laß uns endlich abhauen".

Verschwörer und Opfer haben noch am gleichen Tag geheiratet.

Bis Isabell begriff, dass es ihr ohnehin niemals gelungen wäre,
an diesem Tag Frau von Eschersleben zu werden, dauert es dann etwas länger.

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