Intentionen
Sie war mal wieder M.E.G.A.P.E.I.N.L.I.C.H.
Georgina, eine Egomanin der Extraklasse, thronte in der Damenrunde und sprach – über sich.
Klärchen Pielsticker, ansonsten auch nicht
eben mit übermäßiger Bescheidenheit gesegnet, hatte es
die Sprache verschlagen.
Sie kam nicht zu Wort und das wollte was heißen.
Thema des heutigen Treffens der St. Germania
Frauengruppe waren
die neuesten Erscheinungen der Frankfurter
Buchmesse.
Aber jetzt sprach erst einmal Georgina Bitz-Hausmann.
Und das konnte dauern.
Sie hämmerte der Gruppe gerade ein, dass
nur jemand mit ihrer sprachanalytischen
Uni-Ausbildung die Gegenwartsliteratur fachfraulich
bewerten könne.
Mit einem abwertenden Blick in die Runde, ließ
Georgina uns wissen,
dass diese Ausbildung immerhin bei einem berühmten
Philosophen stattgefunden habe.
Das war dann der Moment, in dem Klärchen
ihre Sprachlosigkeit überwand.
Mit süffisantem Lächeln tippte sie
die molligen Händchen, Beifall simulierend,
gegeneinander und meinte: "Eine tolle Performance
Georgina, ewig schade,
dass es Dir nicht gelungen ist, aus dieser
Vorlage auch eine Serie von Erfolgstoren zu basteln.
Eine echte Verschwendung von Ressourcen, wenn
soviel Talent dann lediglich
in einer Diskussionsgruppe der katholischen
Frauenbewegung zum Zuge kommt."
Nora Oster kicherte schadenfroh, schlug die
schlanken Beine übereinander
und ihr schönes Gesicht ähnelte
dem einer Katze, die gerade mit
allen Vieren im Sahnetopf gelandet war.
"Wat soll de janze Schiss?"
Liesel Schellenbach war nicht gesonnen aus
ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen.
Wie immer brachte sie ihre Meinung ziemlich
abrupt auf den Punkt.
"Experte is doch sowienoch de Leser, also
ich. Wenn et mir net jefällt, kannste
off dinne Scheiss verhungere, isch les de
Krom net, also koofe isch dat Boch och net."
" Nun, ich denke, mit dem, was Du in Deinem
Leben für Bücher aufgewendet hast,
könnte der jeweilige Autor nicht mal
seine Rasiercreme bezahlen."
Ingrid Schneppenheim lächelte Liesel
gutmütig an.
Die beiden waren mal wieder ein Herz und eine
Seele.
Annemarie Leverberg, unsere Diskussionleiterin,
fand es an der Zeit einzuschreiten:
"Meine Damen, darf ich Ihre Aufmerksamkeit
auf die Kurzgeschichtensammlung
Intentionen
zurückführen.
Es geht darum, verschiedene Stories zu bewerten,
denn hier hat der
Verlag testweise die verschiedenen Erzählperspektiven
in einem Buch erfasst.
Ziel war es wohl, den Liebhabern jeglicher
Stilrichtung etwas zu bieten.
Es mag sein, dass das Ganze ein einmaliges
Experiment bleiben wird, das ist offen.
Die Frage an Sie lautet; was halten Sie von
dem Ergebnis und würden Sie
es in ihrem Bücherschrank haben wollen?"
Sie sah sich aufmunternd um und ließ
die blonde Mähne mit der ihr eigenen
ruckartigen Kopfbewegung über die Schultern
fließen.
"Enä, isch net", trompetete Liesel, "denn
rein reschnerisch möst isch ja dann
für wat bezahle, dat isch janitt lese
will.
Immerhin sinn in dem janze Werk jenau dri
Stories, die mir jefalle, de Rest es Kokolores."
" Sagst Du!" Georgina schien nicht gesonnen,
die Meinung einer
Liesel Sch. auch nur annähernd in Betracht
zu ziehen.
"Was Du rein intellektuell nicht aufnehmen
kannst, kann für andere Leser
aber durchaus eine Bereicherung sein."
Ingrid kam ihrer Freundin sofort zur Hilfe.
Mit einer entschiedenen Bewegung griff sie
nach dem schmalen Bändchen
auf dem langen Konferenztisch.
" Du willst doch nicht etwa behaupten, dies
hier aufzunehmen bedürfe
einer gesteigerten geistigen Anstrengung?"
Mit erhobenem Zeigefinger dozierte sie:
Zitat Anfang
Deine kleine verfickte Traumwelt
voller verschissener Elfen, die sich
gegenseitig Zauberstäbe der
Harmonie und Einfalt in die Ärsche
schieben.....
Zitat Ende
" Na ja, immerhin hat der Autor doch zumindest
versucht, Maßstäbe zu setzen,
auch wenn es nur seine eigenen sind". Georgina
gab nicht auf.
Ingrid grinste spöttisch.
"Mir kommts eher vor, wie das spätpubertäre
Gekeife eines Möchtegernsexomanen,
dem Mami früher für solchen Kram
das Maul mit Seife ausgewaschen hat.
Er versucht deshalb wohl gerade, seinen frühkindlichen
Schaden literarisch zu beheben. "
Ingrid schob die Unterlippe vor und sah aus,
als sei mindestens einer aus der
Gilde dieser verachtenwerten Spezies in ihrem
eigenen Umfeld zu finden.
"Ich stelle mir unter dem Autor einer Geschichte
zudem keinen Schreibautomaten vor."
Dahinter steckt eine Person, die in die Welt
des Lesers hinein möchte.
Es stimmt zwar, dass Bösartigkeit, so
sie denn überzeugend formuliert ist,
einen makaberen Reiz ausüben kann.
Aber in diesem Fall reizt es wenig, den Verfasser
in die eigene Welt einzulassen,
weder in die geistige, noch in die reale.
Achte einmal auf den Gesamtzusammenhang dieser
Art Geschreibsel.
Der Autor demaskiert sich selbst auf eine
Weise, wie es kein noch so exaktes
Psychogramm je könnte.
Man braucht also nicht mal Psychologie studiert
zu haben um zweifelsfrei zu erkennen,
der Knilch ist ein frustrierten Versager.
Die Sorte glaubt, in allem was weiblich ist,
einen Gegner aufbauen zu können,
gegen den man endlich mal gewinnen kann."
Ingrid hatte sich regelrecht in Rage geredet.
" Nur klappt das allerdings auch nicht immer.
Es muss diesem Verbal-Psychopathen also reichen,
seinen Unrat stoßweise
zu Papier zu bringen.
Und diesmal hat er einen Verlag gefunden,
der die Literaturgattung Schund
zumindest testweise zulassen will.
Wer weiss, vielleicht haben die Verlagsleute
auch nur eine etwas seltsame
Vorstellung von Subkultur.
Ingrid warf das Buch mit einem verächtlichen
Schwung wieder auf den Tisch.
" Und wie halten wir es mit experimentellen
Texten?"
Annemarie Leverberg fragte es eher zögernd,
als seien die Antworten ihr ohnehin schon klar.
" Das kommt darauf an, wie neugierig der Einzelne
darauf ist, Wort-Experimenten
seine Aufmerksamkeit zu schenken," Klärchen
Pielsticker blies eine dunkle Haarlocke aus der Stirn.
"Solche literarischen Klimmzüge werden
im günstigsten Fall zu einem Spiel mit der
Sprache, deren Ergebnis nicht unbedingt Brillanz
verspricht.
Eher eine Art mißglückter Test,
an dessen Ende der Leser erkennt,
was sprachlich alles möglich wäre.
Natürlich nur, wenn er davon abweicht,
Lesevergnügen und Unterhaltung für sich
als unabdingbar zu beanspruchen."
Klärchen hörte sich leicht bockig
an.
Ihre dezidierte Meinung gegen die unserer
selbsternannten Literatur-
Expertin Bitz-Hausmann zu setzen, war ihr
wohl nicht ganz geheuer..
" Unterhaltung?" Georgina schnaubte verächtlich,
"
sollte Literatur nicht einen höheren
Anspruch erfüllen?"
Jetzt mischte sich Ursel Kasper ein, ihr Apfelbackengesicht
sah wie immer
freundlich und harmlos aus.
" Das kommt darauf an, aus welchem Grund Du
überhaupt
ein Buch in die Hand nimmst.
"Ich habe noch keine Statistik über Lesegewohnheiten
gesehen, die nicht
Unterhaltung als oberstes Kriterium enthalten
hätte.
Da bilden wohl nur die Leser von Lexika oder
Sachbüchern eine Ausnahme.
Und über die reden wir ja hier nicht."
"Dat es mir janz ejal.
Isch weijere misch auf jeden Fall, zeürst
bei dem Autor nozefrore,
wat he mir denn eijentlich erzälle will.
Wenn der dat net schafft, sinne sojenannte
Intention schon op de ürste Sit
deutlich ze mache, kann er mir den Nache deue
.
Isch hann net die geringste Lust, mir dem
sein verkorkstet Innelewe anzedonn.
Un zum Rätselrote hann ich sinne Mist
och net jekooft."
Liesel Schellenbach sah kampfbereit aus.
" Und Du sagst nichts Gisela", Annemarie sah mich auffordernd an.
Nein, ich sagte nichts.
Ausserdem hatte Georgina nicht vor, ihre Selbstdarstellung
unterbrechen zu lassen.
Den Kopf in den Nacken gelegt, um das unübersehbare
Doppelkinn zu verbergen,
ließ sie die staunende Runde wissen,
dass in ihrem Elternhaus immerhin schon
Beuys und Bert Brecht verkehrt hätten.
Mit Literatur aufzuwachsen führe unweigerlich
zu einem symbiotischen
Verhältnis zu allen Künsten.
Zudem sei Böll ein enger Freund ihres
verstorbenen Mannes gewesen.
Daraus ergebe sich zwangsläufig eine
besondere Nähe zu anspruchsvoller Literatur.
Sie schloß mit einem triumphierenden
Kiekser in der Stimme und der für uns
alle sensationellen Aussage, dass sie an einer
Biografie ihres Vaters arbeite.
Interessierte Verleger seien bereits gefunden.
"WOW!" Diesmal war Klärchen Pielsticker
ebenso beeindruckt wie der Rest
der weiblichen Versammlung, "wo wird das Werk
denn erscheinen?"
" Das ist noch nicht spruchreif. Ich prüfe
noch die Bandbreite des Verlagsangebotes.
Immerhin haben sich doch erstaunlich viele
Unternehmen in letzter Zeit
auf Schund und leichte Kost verlegt, in einem
solchen Umfeld möchte ich meine Arbeit nicht sehen."
Georgina sah aus, als sei die Wahrscheinlichkeit,
dass sich die gesamte
Literaturszene glücklich schätzen
könne, eine künftige Pulitzerpreiskandidatin verlegen zu dürfen,
durchaus gegeben.
Ihre spitze Nase zitterte ekstatisch.
" Und jetzt Du Gisela?" Annemarie ließ nicht locker.
Ich zögerte, " Nun ja, ich habe mich natürlich
auch auf unser heutiges Thema vorbereitet.
Ingrid, als Leiterin unserer Bücherei,
hat mir freundlicherweise aufgelistet welche Bücher von welchem Personenkreis
in den letzten drei Monaten ausgeliehen wurden.
Vielleicht verlesen wir jetzt kurz das Ergebnis."
"Das mache ich."
Ingrid sah aus, als ließe sie sich dieses
Vorrecht nur unter Androhung schwerer Folter entreißen.
Also nickte ich nur grinsend, denn ich kannte
das Ergebnis ja schon.
"Mädels, Ihr wisst ja, auf Grund des Datenschutzes
kann ich die Namen
der Ausleiher nicht anführen, aber durchaus
den repräsentativen
Querschnitt der Berufe dieser Kunden:"
Sie griff nach einem Blatt, das vor ihr auf dem Tisch lag, spitzte die Lippen und säuselte:
"Ob Angestellte oder Selbständige,
Arbeiter, Schüler oder Studenten,
das Ergebnis war, von unwesentlichen Schwankungen bei den Studenten abgesehen, für alle gesellschaftlichen Schichten dasselbe:
Ausgeliehen wurden
85% Belletristik
15% Sachbücher und Lexika
Die sogenannte avantgardistische Literatur
wurde in unserem Bezirk
nicht frequentiert, obwohl wir einige neue
Bände angeboten haben.
Daraus darf wohl geschlossen werden, dass
das Bedürfnis nach Unterhaltung
nach wie vor der Hauptgrund für die Leser
aller gesellschaftlicher Klassen ist,
die Türklinke einer Bücherei oder
Buchhandlung überhaupt in die Hand zu nehmen.
Das Ergebnis dieser von Gisela angeregten Recherche
beweist also,
dass Jung-Autoren gut beraten wären,
diesen Fakt nie außer Acht zu lassen,
falls sie je von ihrer Schreiberei leben wollen.
Liegt das aber nicht in ihrem Interesse, sind
sprachliche Experimente durchaus
geeignet einen gewissen, eher kleinen Interessentenkreis
zu erfreuen."
Ingrid legte das Blatt wieder aus der Hand,
sah amüsiert über den Rand ihrer
Lesebrille und ihre Stimme schwankte leicht,
als sie betont harmlos hinzufügte:
" Übrigens ist Lady Chatterley
immer noch im Umlauf Georgina,
aber Du bist immerhin schon an die
erste Stelle der Warteliste gerückt."
© L.Warmeling