Da leben wir seit zwanzig Jahren in nichtehelicher
Gemeinschaft.
Glücklich wie ich glaubte...und jetzt
das.
Sie sitzt mir gegenüber und sieht aus,
als sei ihr Himmel eingestürzt.
Und ich der Schuldige
Das fasst man doch nicht.
Die Lippen seltsam verkniffen, das Kinn kampfbereit
nach vorne geschoben
und wahrhaftig die Hände zu Fäusten
geballt, verteidigt sie ihre Sicht der Dinge.
Die allerdings sind dann danach, mir heilige
Gottesfurcht einzujagen.
Ich fühle, wie mein Mund trocken wird.
Mein Pulver ist verschossen und die Balance,
meinen Standpunkt zu vertreten
ohne mein Gegenüber zu kränken,
hat mich ungeheuere Anstrengung gekostet.
Der Angriff war zu plötzlich gekommen.
Ich konnte mich nicht so schnell darauf einstellen,
dass Ilse plötzlich geheiratet werden wollte.
Haben wir nicht noch vor kurzem alle gemütlich
und liebevoll verbunden zusammen in dieser Wohnung
gelebt, Ilse, ich und unsere beiden Kinder
aus erster Ehe.
Eine rundum zufriedene Patchworkfamilie.
Und nun?
Natürlich waren die Kinder inzwischen
nacheinander ausgezogen.
Aber Ilse schien das eher zu begrüßen,
als darunter zu leiden.
Wir hatten schon Pläne gemacht, was wir
alles anstellen würden, denn immerhin
sind 60 und 63 ja noch kein Alter.
Wir fühlten uns im goldenen Herbst unserer
Lebens.
Da war noch eine Menge drin.
Wie soll man diese Frau nur verstehen. Ihr
schien der Gedanke, ledig aller Pflichten
zu sein, absolut nicht zu passen.
Sie hatte schon vor Wochen begonnen die Angel
auszulegen und als ich taub auf
beiden Ohren schien, hatte sie heute Abend
den Grossangriff gestartet.
Meine knubbelige Kleine will plötzlich heiraten.
Meine Gegenargumente schienen selbst mir seltsam
schwach zu klingen.
Mein Innerstes allerdings rebellierte und
ich versuchte, mir meine Panik nicht
anmerken zu lassen.
Wie zufällig wirkende Hinweise darauf,
dass Goethe bis Italien geflohen war,
als Frau von Stein ihm näher als erwünscht
kam, verfingen bei Ilschen nicht.
Ihr Blick wurde immer misstrauischer je länger ich sprach.
„Du bist nicht Goethe“, sagte Ilse,.
Es sieht eher so aus, als glaubtest Du, nichts
mehr beweisen zu müssen,
weil ich Dir auf alle Fälle sicher sei.“
Ihre Stimme zitterte vor Enttäuschung
und sie sah einen Moment aus wie
ein verlassenes Kind.
Mein Herz flog ihr zu.
„Und? Gilt das nicht auch umgekehrt?“
Eigentlich wollte ich sie ja in den Arm
nehmen, aber da war er schon raus dieser blöde Satz.
Ehe er im Raum verklang wusste ich schon,
das war nicht das was sie hören wollte,
ebenso wenig wie es das war, was ich sagen
wollte.
Was wollte ich denn sagen?
Mit dem Schillerzitat
hätte ich Ilse wohl kaum begeistert.
Und dennoch war es genau das, was mir auf
der Zunge lag,
War es nicht schon bezeichnend, dass sie immer
öfter auf dem Sofa, bei laufendem
Fernseher schläft, während ich noch
nachts um zwei Uhr hochbrisante Mails
mit einer Unbekannten im Internet austausche?
Die paar Euro Rente können es doch nicht
sein, die Ilse dazu bringen, unsere
Beziehung plötzlich legalisieren zu wollen.
Berechnend? Meine Ilse?
Vielleicht gar damit rechnend, dass ich vor
ihr den Löffel abgeben werde?
Hatte ich diesen Zug an ihr etwa immer übersehen?
Von wilder Leidenschaft konnte doch zwischen
uns längst nicht mehr die Rede sein.
Aber wieso reichte ihr eine wohltemperierte
Altersliebe plötzlich nicht mehr?
Und dann kams auch schon:
„ Du liebst mich nicht mehr, wer weiß
ob Du das je getan hast.“
Ihre Stimme bebte und ihre Augen glänzten
feucht.
Oha, da war ich mir aber sicher und beeilte
mich, die Erinnerung an den Morgen
wach werden zu lassen, an dem die Kinder ins
Ferienlager abgereist waren und
wir beide nach einer heißen Nacht vor
Erschöpfung nicht aus dem Bett gekommen waren.
"Pahh," Ilse krauste die Nase. "Seit
wann machst Du denn Liebe an Sex fest.
Außerdem muss ich aber lange nachdenken,
ehe mir eine zweite derartige Begebenheit einfällt."
" Wirfst du mir etwa sexuelle Antriebsschwäche
vor? „
Ich war in meinem Stolz gekränkt.
" Wäre doch ein Grund mehr, sich einen
solchen Versager nicht auch noch
als Ehemann zu wünschen, " sagte ich
spitzfindig und genoss meine Logik.
"Wo immer du deine Sexualität auslebst,
bei mir sicher nicht."
Ilses Konter kam ebenso schnell und leider
ebenso logisch.
Ich schien Boden zu verlieren.
Vielleicht wars doch so, dass die angeblichen
klassischen Männerängste
gerade dabei waren, mich gänzlich zu
besetzen.
An meine Hypochondrie war Ilschen ja schon
gewöhnt, aber wenn sie jetzt auch
noch den Eindruck gewann, die Angst vor einer
legalen Bindung
erreiche neurotische Stärke, dann konnte
ich mich einsargen lassen.
Sie würde mich gnadenlos verspotten.
Ich beschloss, das Gespräch zu vertagen und an meinen geliebten PC auszuweichen.
"Ehemann in spe auf seinem üblichen Fluchtweg
wenns haarig wird,"
höhnte Ilse hinter mir her und dann fiel
der Satz, der mir fast einen Herzkasper beschert hätte.
Ich stand noch in der Tür zu meinem kleinen
Büro als sie bitter sagte;
" Geh du nur und erzähl es deiner virtuellen
Geliebten, die scheint ja neuerdings
nicht nur für deine Gicht und die Arztbesuche
zuständig zu sein,
sondern auf für deine Orgasmen du Heuchler."
WOW, ertappt.
Woher wusste sie?
Ich antwortete nicht.
Als sei der letzte Satz ungehört an mir
vorbeigerauscht,
schloss ich leise die Tür und rannte
dann fast zu meinem eingeschalteten Bildschirm.
Was konnte sie hier gesehen haben, hatte ich
etwa?
Heißer Schreck.
JA, ich hatte.
Das Passwort für den Teil meiner Daten
den ich gegen Fremdsicht abzuschirmen
pflegte, war nicht eingegeben. Um Himmelswillen.
Wie hatte denn das nur passieren können.
Mit den schlimmsten Befürchtungen schaltete
ich die Datei *CAROMIO* ein.
Ich musste mich auf der Stelle überzeugen,
wie die heißen Passagen zwischen
mir und meiner angeblichen Onlineliebe CHRIS
auf meine Lebenspartnerin gewirkt haben mochten.
Verheerend, ich sah es sofort, das sah wirklich
nach virtuellen Sexspielchen aus.
Ilse würde mir nie glauben, dass Chris
mein Co-Autor war und wir seit mehr
als sechs Monaten an einem Roman über
Liebe im Internet schrieben.
Sie aus ihrer weiblichen Sicht und mit dem
Hintergrund, immerhin schon einige
Stories in irgendwelchen obskuren Zeitschriften
veröffentlicht zu haben,
und ich, so gut ich es als Hobby-Prosaist
eben vermochte.
Wir hatten einander in einem Literaturforum
kennen gelernt, in dem es darum ging,
wie man sexuelle Passagen überzeugend
in seine Arbeiten einfließen lässt,
ohne entweder in die Lächerlichkeit abzudriften
oder pornografischen Schund zu fabrizieren.
Dass wir dabei gelegentlich stritten wie die
Kesselflicker, das war zwar auch dokumentiert,
aber die Datei hatte Ilse erkennbar nicht
gesehen.
Als zuletzt aufgerufene Datei wurde CAROMIO
angezeigt und das würde mir den Hals brechen.
Chris hatte gerade den innigen Teil in die
Tastatur gehauen , den, der mir nie gelingen wollte .
Wie der auf Ilse gewirkt haben mochte, konnte
ich mir leicht vorstellen,
da stand in Chris unverwechselbarer fetter
Computerschrift:
Geliebter Mann,
.
Geliebte Zwillingsseele, du könntest
wochenlang denselben Brief schreiben:
in dem Augenblick, in dem ich sehe, da ist
etwas von dir im Postkasten,
freue ich mich einfach, bin glücklich!
Er hat an mich gedacht, hat mir geschrieben.
DA IST ETWAS VON IHM!!!!!!!
Du redest vom überwältigenden Gefühlsdickicht.
Wie Recht du hast!!!
Mir fehlen einfach die Worte, dieses Dickicht
zu beschreiben, ich kann nur noch
einmal sagen: diese Liebe zu dir ist unendlich,
ultimativ und das, was mich leben lässt -
und ..wir sind beide reif genug im Herbst
unseres Lebens, richtig mit dieser Liebe
umgehen zu können, wir haben genug erlebt
und wissen.........
...Du redest davon, mich zu suchen – und ich
suche dich ebenso,
möchte das letzte Detail aus deinem Leben
wissen, möchte in dein Herz,
in deine Seele, in deinen Geist hineinkriechen
und sie bis zum letzten
dunklen Winkel erkunden!
Möchte in dich hineintauchen wie ich
möchte, dass du in mich hineintauchst.
Da ist dieser so starke Wunsch nach völliger
Verschmelzung, so,
als ob ich erst dann ein ganzer Mensch wäre,
und ich frage mich heute,
wie ich das Leben bisher ohne dich ausgehalten
habe!!!
Diese Liebe zu dir ist mein Blut, mein Herzschlag,
sie lässt mich leben und schenkt mir Glück,
und ich bin nicht der Mensch, der in Augenblicken
lebt.
Dann unser Gespräch.
Zum erstenmal deine Stimme am Telefon.
Ein Bass, ich ahnte es, er passte zu deinem
Bild ebenso, wie zu meiner Vorstellung von dir.
Ich sehe einen grauen Vollbart, tiefdunkle
Augen , kenne jetzt deine Stimme,
deinen Geist, deine Seele, deine Liebe, und
langsam beginne ich zu ahnen, was in dir vorgeht.
Ich weiß es jetzt mit erstaunlicher Klarheit:
Das dort ist mein Alf, ist mein Mann,
und dieser Mann ist gerade 65 geworden, und
ich liebe ihn mehr als mein Leben.
Er ist so unendlich jung geblieben, und ich
weiß jetzt auch, warum.
Weil er für mich bestimmt ist, und ich
für ihn!
Ich begehre ihn.
Und jetzt bist du da, und ich werde dich nicht
loslassen, ?
Es hat nichts mit dem Augenblick zu tun!
Wir beide gehören zusammen, nicht nur
für Momente des Rausches und der Begierde,
sondern für immer,.
Du forderst eine schrankenlose sexuelle Unterwerfung,
so muss ich das sehen.
Das derart auszuleben, ist neu für mich.
Es bedeutet, dass ich mich dir auf eine Weise
öffnen muss, die mir bisher unbekannt war.
Hab bitte Geduld mit mir.
Ich werde lernen, die Dinge beim Namen zu
nennen, ohne mich zu schämen.
Ich werde erkennen, wann du mich nicht nur
als intellektuellen Gegenpart brauchst,
sondern auch als Auslöserin deiner Orgasmen,
als die Sklavin deiner Begierden.
Und ja, ich bin bereit.
Ein Tag ohne Dich ist ein verlorener Tag
Es darf keinen Tag mehr ohne Dich geben!
Herz, ich liebe Dich unendlich!
Deine CHRIS
B I N G O....da war sie, meine Rettung.
Ilse konnte doch nicht überlesen haben,
dass ich weder Alf hieß, noch gerade 65 geworden war.
Gut, auch ich hatte einen graumelierten Vollbart,
aber Chris hatte darauf bestanden, dass
sie sich bei ihren Ergüssen einen lebenden
Menschen vorstellen musste,
sonst würden ihr die gefühlvollen
Passagen nicht gelingen.
Sie waren ihr gelungen, wie ich fand.
Und insgeheim war ich dann doch ein bisschen
stolz darauf,
dass mein Foto sie derart inspiriert hatte.
Na gut, wir flirteten ein wenig zuviel in letzter
Zeit, wohl wissend,
das war ein Spiel ohne Bedeutung, denn sie
war ebenso gebunden wie ich.
Dies hier war also durchaus harte Arbeit,
dem ich nun sexuelle Fantasien entgegenzusetzen
hatte, was mir auch nicht unbedingt leicht
fiel .
Aber ich hatte versprochen, die harten Sexpassagen
zu übernehmen,
sie müsse mich nur informieren, ob die
geeignet waren, auch bei einer Frau Erregung
auszulösen, oder ob beide Geschlechter
mal wieder völlig aneinander vorbei fantasierten .
Ihre letzte Mail allerdings hatte dann schon
gereicht, mir schlagartig klarzumachen,
dass wir uns anscheinend schon zu gut kannten.
Sie hatte mit ungeheurem Einfühlungsvermögen
herausgefunden,
was mich antörnte und war sofort auf
das Spielchen eingestiegen.
Ich wusste, dass sie in Wahrheit eine zielbewusste,
kühle Macherin war,
weit davon entfernt, sich je einem Mann und
seinen sexuellen Wünschen
sklavisch zu unterwerfen, aber....sie hatte
es virtuell getan.
Sie spielte mit einer Virtuosität auf
der Skala männlicher Begierden,
die zutiefst beunruhigend war.
Sie begann MICH zu beunruhigen.
Ich spürte die Gefahr.
Dass wir einander zu nahe kamen und damit das
eigentliche Ziel,
einen verdammt guten Roman zu schreiben, immer
mehr aus dem Auge verloren,
war durchaus gegeben.
Ich hatte es zu lange treiben lassen.
Es war besser, wenn das Projekt CHRIS auslief,
bevor es begann, mich in einen Strudel
von Aktivitäten zu reißen, die
ich irgendwann nicht mehr zu steuern vermochte.
Es wurde Zeit, in bewährte ruhige Gewässer
zurückzurudern.
Was würde meine rebellischen feuchten
Träume eher beenden als die
Rückkehr in die Normalität mit Ilse?
Die Dinge mussten ihre Ordnung haben, nichts
schien dazu geeigneter als die Ehe.
Ilse würde ihren Willen bekommen und
hoffentlich nie erfahren, was zu meinem
Sinneswandel geführt hatte.
Mein Entschluss stand fest.
Ich würde ein weiteres mal versuchen,
mit der Kraft der Worte ein gekränktes Herz
zu versöhnen und war sicher, Ilse würde
dieser Offenlegung meiner Gefühle nicht widerstehen können.
Komm Geliebte, wir schreiben ein Sonett
Vom Herbst, Sonne, dem Rausch der Farben
erinnere Dich, wie wir einander umwarben
von heißer Liebe schwärmten im
Duett
Zeigen wir der Welt wie feurig unser Sommer
war.
Gefühle im Czardas-Rhythmus brannten.
Verlangend glühte Dein dunkles Augenpaar
Leidenschaft weckend, die ich zuvor nicht
kannte.
Erzählen wir die Geschichte unserer ersten
Nacht,
voll Taumel, Raserei, Trunkenheit und Lust
vom Morgen, als erschöpft wir aufgewacht
mein Mund liebkosend Deine Brust
Jeder des anderen Atem spürte auf der
Haut
Sag mir, wann wirst Du meine Braut.
Endlich war ich auch gefühlsmäßig
in den Hafen zurück gekehrt, der mir Sicherheit
und die Wärme einer beständigen
Liebe versprach.
Auch der Herbst mit Ilse wird noch schöne,
leidenschaftliche Tage bringen, ich muss es nur zulassen.
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