
Sie wusste, wie fremd sie in diesem Umfeld wirkte. Nur mühsam das
Gleichgewicht wahrend, stand sie auf zwei wackligen Steinen und in den
rechter Ellbogen stach schmerzhaft die Spitze eines zerbrochenen
Wandbrettes.
Doch was tut man nicht alles für die Kunst.
Zumindest
hatte der Fotograf die Absicht, seine künstlerischen Vorstellungen
damit zu manifestieren, dass er verschiedene Sujets in einem fremden,
möglichst kontrastierenden Umfeld aufnahm.
Sie hatte an diesem
Tag schon in diesem lächerlichen TüTü, das oben herum offensichtlich für
eine weitaus besser bestückte Tänzerin gearbeitet war, auf einer
Eisenbahnbrücke und in einem Hafen mit auslaufenden Schiffen gestanden
und fror inzwischen bis auf die Knochen.
Und jetzt wollte dieser
Möchtegernkünstler sie auch noch in einer vermüllten Gasse hinter dem
Hippodrom aufnehmen und befahl ihr, einen möglichst duchgeistigten
Gesichtsausdruck zu zeigen, schließlich müsse die Differenz zwischen
elfenhaftem Tanz und der Realität einer Gasse im Rotlichtviertel
deutlicher werden.
AHA und wie guckt man durchgeistigt?
Anna
bemühte sich, leidend zu schauen, was ihr angesichts ihres knurrenden
Magens nicht sonderlich schwer fiel.
Sie dachte an Rührei mit
Schinken und eine kalte Cola Ligth und der Fotograf schrie,
durchgeistigt verdammt noch mal, nicht erwartungsvoll.
Hoppla, na
gut, auch das ging vorüber, wie bisher jeder ihrer Gelegenheitsjobs.
Bei
dem Gedanken daran, wie lange es noch dauern würde, bis man ihr eine
Hauptrolle in einer TV Serie anbieten würde, musste sie dann wohl den
verlangten durchgeistigten Gesichtsausdruck gezeigt haben, denn der
Fotograf klopfte ihr anerkennend auf die nackte Schulter.
Nach
Abschluss der Arbeiten ließ er sie dann noch gönnerhaft in die
Tagesausbeute hinein schauen und Anna starrte sinnend auf die Aufnahme
in der sie balancierend auf den Steinen gestanden hatte.
Woran
erinnerte sie das bloß.
Es fiel ihr nicht auf Anhieb ein,
beschäftigte sie dann aber auf dem ganzen Weg nach Hause.
Als sie
ihren Teller abwusch war sie fast schockartig da, die Erinnerung.
Das
war doch das exakte Umfeld von dem ihre Großmutter gesprochen hatte.
Anna
rannte hinüber zu dem Schrank in dem in einem großen Karton alte
Fotografien und Briefe ihrer Familie aufbewahrt waren.
Ja genau, da
war es. Das Plumsklo im Elternhaus ihrer Großmutter und auch der fast
vergilbte Brief mit einer Kindheitsgeschichte.
Sie
las:
Das Gefecht hatte sich im Verlauf der Nacht
gesteigert, von den Rheinhöhen gegenüber feuerte die zurückweichende
deutsche Armee pausenlos aus ihren schweren Geschützen in die kleine
Stadt. Sie war sinnlos, diese letzte verzweifelte Gegenwehr, und traf in
ihrer Brutalität nur noch die eigene Bevölkerung.
Sie saß
zitternd vor Angst und kalt bis in die Knochen auf dem hölzernen Deckel
des Plumpsklos im Hinterhof. Eine laute, streitsüchtige Stimme ertönte
aus dem Kellerraum gegenüber, dessen Fenster zu ebener Erde lagen. Lisa
hielt sich die Ohren zu, aber dieser entsetzlichen Stimme war nicht zu
entkommen.
"Wo ist das Luder?", schrie ihr Vater wütend, und die
ängstliche Stimme der Mutter antwortet etwas, das Lisa von ihrem
unbequemen Platz aus nicht verstehen konnte. Sie wußte, was nun kam und
da waren sie auch schon, brutale, klatschende
Geräusche. Er schlug
Mama wieder, und diesmal hörbar härter, wütender und unbarmherziger als
je zuvor. Und sie, Lisa, war schuld; mal wieder.
Entschlossen
stand die Elfjährige auf, verließ ihren kalten Sitz und rannte hinüber
zum Haus. Das mußte aufhören, sofort! Haß und Wut hatten ihre Vorsicht
beiseite gefegt, sie zitterte nicht mehr, dies war nicht die Zeit, Angst
zu haben. Sie platzte wie ein kleiner Feuerball in ihrem roten
Strickjanker in das enge Kellergelaß, das von einigen im Luftzug
flackernden Kerzen notdürftig erhellt wurde.
Ihre langen, dünne Beine
steckten in übergroßen kratzenden Strümpfen, die faltig über die
knöchelhohen Schuhe fielen. Die klaffenden Sohlen brachten sie auf dem
glatten Betonboden fast zu Fall.
Der muffige Raum, in die Reste der
alten Stadtmauer eingelassen, war feucht und kalt, es roch nach
Mäusedreck und Schimmel. Ein unwirtlicher, abstoßender Ort. Aber die
Mauern waren dick und boten mehr Schutz als normale Kellerwände.
Ich
bin hier", schrie Lisa, "hier bin ich und ich werde nicht dahin gehen,
ich gehe nicht, nicht, nicht!" Ihre Stimme überschlug sich, sie war
außer sich vor Wut, und der drahtige Mann ließ überrascht von seiner
verschüchterten Frau ab, die er gegen die Wand geschleudert hatte. Als
er sich wütend dem Kind zuwandte, hatte Lisa sich zum Schutz vor den
erwarteten Schlägen schon hinter das Kopfende der kleinen Chaiselongue
gedrückt, die hier für die kalten Bombennächte aufgestellt worden war
und fast den gesamten winzigen Raum einnahm.
"Du gehst, und zwar auf
der Stelle", schrie er, "und wage es nicht, ohne Tauschware
wiederzukommen, oder ich werde euch allen zeigen, was es bedeutet, mir
zu widersprechen!"
Verzweiflung überfiel das Kind, wie eine schwarze,
jeden Atem erstickende Decke. Sie begann zu keuchen. Nicht jetzt, auf
keinen Fall durfte sie ausgerechnet jetzt einen Asthmaanfall bekommen,
oder sie war verloren. Nicht zum erstenmal hatte ihr der Vater den Weg
zu dem rettenden Inhalationsapparat versperrt, um ihren Willen zu
brechen - bitte nicht heute!
Der Mann sah sie aus zusammengekniffenen
Augen an: jetzt hatte er sie.
Es gelang Lisa mit fast
übermenschlicher Anstrengung, den drohenden Anfall aufzuhalten, sie
ergab sich nicht, aber jetzt flüsterte sie nur noch: "Diese Männer dort,
das sind alles Verbrecher, sie zwingen mich Schnaps zu trinken, ehe sie
mir die Ware geben wollen und sie fassen mir zwischen die Beine", sie
schluchzte wild auf "... und niemand kommt jetzt bei dem Beschuß über
die Rheinwiesen."
"Hab dich nicht so, Fräulein", sagte der Vater
höhnisch, "noch hat dich ja keiner vernascht, außerdem kann keiner
rennen wie du. Wer der Polizei entkommt, wird doch wohl diese fetten
alten Säcke austricksen, strenge dich an, oder gehe unter, die Welt ist
nicht für Feiglinge gemacht..."
"Ist sie doch, ist sie doch..!" Lisa
schrie es wieder, "Sonst wärst du längst tot, tot, tot, tot..." Ihre
Stimme überschlug sich erneut, und die Tränen rannen über das blasse
Gesicht.
"Das hättest du wohl gern", er sah sie bösartig an, und
dann, fast überredend, "sie schießen nicht auf Kinder."
Sie wußte,
daß das nicht stimmte. Immerhin hatte ihre Freundin Carola gestern noch
gelebt, und heute war dort, wo das Nachbarhaus gestanden hatte, nur noch
Schutt und Asche. Sie antwortete nicht, sondern preßte die Arme fest an
den Körper, wie um sich selbst den Schutz zu geben, den niemand sonst
ihr zugestand.
Plötzlich warf sich der Vater nach vorn, ergriff einen
ihrer dicken blonden Zöpfe und zog sie daran erbarmungslos aus der
schützenden Ecke. Sie schrie vor Schmerz und trat wild um sich. Im
gleichen Moment zerbarst ihre Welt zu einem Chaos aus Staub, Steinen und
krachend herabstürzenden Balken.
***
Es dauerte einige Zeit
bis sich der Staub lichtete und ein verirrter morgendlicher Sonnenstrahl
durch eine Lücke in der eingestürzten Decke zu Mutter und Tochter
drang, die eng umschlungen und staubbedeckt unterm Türrahmen kauerten.
Etwas
abseits lag der Mann, die Beine eingeklemmt unter einem schweren
Deckenbalken. Steinquader aus der alten Stadtmauer waren auf seine Brust
gefallen.
"Helft mir", stöhnte er, und blutiger Schaum sickerte aus
seinem Mundwinkel. "Hilfe, Hilfe..." Die Stimme wurde schwächer ...
Doch
die Frau schirmte die Tochter mit ihrem Körper ab. Beide Hände auf den
Ohren des Kindes, sperrte sie diese Stimme aus, unerbittlich und
haßerfüllt, bis sie gänzlich erlosch.
Anna faltete die Seiten
erschüttert zusammen und es wurde ihr einmal mehr bewusst, wie
privilegiert ihr Leben doch war und dass sie hoffentlich nie in die
Versuchung kommen würde, durch bewusste Verweigerung ein anderes Leben
ohne Bedauern verlöschen zu sehen.