La Gondola
Die älteste erhaltene Darstellung eines
Bootes, das eindeutig als Gondola
identifiziert werden kann, stammt nicht einmal
von einem Venezianer.
Der Überlieferung nach soll es Bernhard
von Breydenbach, ein Pilger,
gewesen sein, der dieses eigentümliche
Wasserfahrzeug im Jahre des
Heils 1483 per Holzschnitt illustrieren ließ.
Die künstlerische Überlieferung war
sehr viel umfangreicher als die technische.
Erste Bauanweisungen - noch völlig ohne
Zeichnungen - fehlten noch 1686.
Die klassische Gondola dürfte im späten
17.Jahrhundert entstanden sein
und zeigt mit kleinen Abweichungen die heute
noch übliche Form des Bootes.
Die Gondola wurde in der Folge DAS Wasserfahrzeug
für Staatsgäste und Patrizier,
deren Prunk und Prachtentfaltung hinreißende
Schaustellungen für die
staunenden Venezianer abgab.
Gold, Samt, Seide und edle Hölzer wurden
verarbeitet und aus La Gondola
wurde eines der Wahrzeichen Veneziens.
***
"Zum Teufel", schrie der alte Mann, "geht es
nicht in Deinen Kopf,
dass wir einen Ruf zu verlieren haben?
Wir sind *DIE TRAMONTIN* Du verdammter Ignorant.
Ich lasse mir doch von Dir nicht erzählen,
wie Gondeln gebaut werden.
Mit allem was ich darüber weiß,
kannst Du künftige Generationen ausbilden,
aber dazu solltest Du erst mal selbst in die
Tiefen der technischen Pläne einsteigen.
So schwer kanns doch nicht sein, Bewährtes
zu erhalten.
Deine neumodischen Ideenblitze kannst Du anbringen,
wenn Dir jedes Teil
einer venezianischen Gondel in seiner Funktion
und Haltbarkeit so im
Hirn verankert ist, wie die Geschichte Venedigs,
oder hat Dein Studium auch da versagt?"
Also setz Dich auf den Hosenboden und lerne."
" Schon gut", murrte der junge Mann, aber dann
machen wir ein Geschäft,
ich darf während meiner Lehrzeit bei
Dir mein Gesellenstück fertigen.
Du stellst Material und Helfer und ich darf
meine eigenen Ideen verarbeiten."
Luigi Tramontin warf seine schwarzen Locken
angriffslustig in den Nacken
und seine dunklen Augen hefteten sich beschwörend
auf den Großvater.
" Gar nicht dumm", sagte der Alte und schien besänftigt. Also gut, ich bin einverstanden, aber...
"Nichts aber, unterbrach ihn Luigi und seine
Augen blitzten, ich beziehe mit meiner
Mannschaft den Schuppen auf der unteren Werftseite,
der wird sowieso nicht benutzt
und Du garantierst mir, dass während
der gesamten Bauzeit keiner aus Deiner Gondelbauer-Gilde
dort aufkreuzt.
Ich regele alles selbst, einschließlich
des Einkaufs der Materialien.
Du hälst Dich raus und Vater auch.
"Nun mal langsam junger Mann", der alte Nedi
lächelte.
Dann verlange ich, dass Du Dir zuvor die Kostenpläne
für die gängigen Gondeln ansiehst.
Sie dürfen bei keiner Neuentwicklung
überschritten werden, bei absolut keiner.
Schaffst Du das nicht, ist Dein Projekt gestorben,
ehe es auf der Übungsstrecke
zu Wasser gelassen werden kann, ist das klar?"
****
Herbst über der Lagunenstadt.
Ein nebelverhangener Morgen des Jahres 1893.
Der riesige Schuppen der unteren Werft öffnet
sich.
Die Flügeltüren klappen kreischend
nach außen .
Unter lauten Rufen und gebrüllten Anweisungen
an die Gondelbauer springt
Luigi Tramontin vor der sich langsam zum Kanal
bewegenden Transporteinrichtung hin und her.
Stolz und schwarz thront die Gondel auf dem
Untersatz. Weithin leuchtet
das brokatbezogene Innere.
Die Intarsienarbeiten an den Lehnen der Sitzbänke
stellen die Geschichte Venedigs dar.
Ein Juwel der Gondelbaukunst bewegt sich unendlich
langsam aufs Wasser zu.
Stapellauf der Lukrezia Canaletto.
Und dann ist es soweit.
Jetzt muss es sich zeigen.
Eine wohl einmalige konstruktive Veränderung,
die asymmetrische Rumpfform,
muss es bringen, oder Luigis Vorstoß
in die Zukunft der Gondolieri erweist sich als Flop.
Würde auch dieses neue Modell die gleiche
Steuer-Ungenauigkeit aufweisen,
wie die derzeitigen Gondeln, dann war sein
ehrgeiziges Projekt gescheitert.
Inzwischen hat das milchige Licht des scheidenden
Sommers über der Lagunenstadt
den Nebel verdrängt. Die Stadt war erwacht.
Sanft gleitet die Gondel ins Wasser und Luigi
springt ans Steuer.
Lauter Ansporn der Bootsbauer-Mannschaft am
Ufer begleitet die Jungfernfahrt.
Es ist ein phantastischer Anblick.
Glanz und Stolz Veneziens gleitet in unbeschreiblich
lässiger Lautlosigkeit durch die Kanäle.
Unter der Seufzerbrücke hindurch, auf
den geflügelten, goldenen Löwen zu, ins Herz von Venedig.
Verfolgt von überraschten Schreien der
Fußgänger ...... der Ruf "Viva Tramontin"
pflanzt sich fort entlang der Kanalufer, begleitet
die eleganten, unvergleichlich mühelos
wirkenden Ausweichmanöver der Gondel.
Noch ehe das Gefährt den Canale Grande
erreicht, öffnen sich die
über dem Wasser liegenden Fenster der
großen Palazzi, deren Besitzer begeistert
die Fahrt der *schwarzen Lukrezia* verfolgen.
Luigi schwenkt seine bebänderte Gondolierimütze.
Sein Gefährt nähert sich sanft wiegend
der Rialtobrücke.
Der alte Nedi steht hoch über dem Kanal
am Fenster seines Büros und sein
zerfurchtes Gesicht ist unbeweglich.
Aber die Augen sprechen vom Stolz einer Gilde,
die durch ihre Arbeit
das Rückgrat dieser wundervollen Stadt
bildet.
Er weiß, sein Enkel hat soeben den Namen
TRAMONTIN endgültig in der
Geschichtschreibung über die Gondelbauer
Venedigs unsterblich gemacht.
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