Ewig und 3 Tage...oder....die virtuelle Liebe
E.u.3.T ...dieses Geheimzeichen pflegte er unter alle seine Mails zu setzen.
Aber unbefugt Mitlesende hätten nicht
unbedingt mit besonderen
Geistesgaben gesegnet sein müssen, um
dahinter
den Satz **ewig und drei Tage** zu erkennen.
Und es wird die Intelligenz auch nicht übermäßig
beanspruchen,
sich vorzustellen, dass diese allgemein gültige
Floskel, und ähnlich
geartete, Feuer und Leidenschaft auch dann
ausdrücken, wenn der/die SchreiberIn
nicht allzu gewandt darin sein sollte, Gefühle
zu transportieren.
Wahrscheinlich fällt Liebenden selten
etwas ein, das ihren
augenblicklichen Gemütszustand besser
als diese Worte unterstreichen könnte.
Sie scheinen auf jeden Fall ausreichend, sich
zumindest für kurze Zeit
einzubilden, dass diese neue Liebe zwar einen
erkennbaren
Anfang hatte, aber niemals enden wird.
Logik glänzt ohnehin im Zustand der Verliebtheit
durch permanente
Abwesenheit, denn sonst würde wohl auffallen,
wie oft man selbst die Aussage * für
alle Zeiten* schon im Dunst
nebulöser Meinungsänderungen dahinschwinden
sah.
Zu bekannt ist die Tatsache, dass *ewig * zumeist
nicht mal
18 Monate überstehen wird. Das aber nur,
wenn einer
der beiden Beteiligten sich bemüht, dieses
Lieblingswort aller
Verbandelten mit Leben zu erfüllen, und
zwar auch
dann noch, wenn der Andere sich bereits neuen
Zielen zuwendet.
Oder sollte es andere Erfahrungen geben?
Natürlich gibt es die, aber die enden
dann in den Beziehungen,
die man EHE nennt und dann ist man nicht mehr
verliebt, sondern........
Ja was eigentlich?
Eifrig und ernsthaft bemüht?
Den Ernst des Lebens erkennend und Konsequenzen
daraus ziehend?
Na ja, sowas in der Richtung.
War es nicht einer der großen Philosophen,
der einmal
gemeint hat, es gebe zu wenig Freundschaft
in der Ehe?
Das lässt doch darauf schließen,
dass ihm der Begriff Liebe
im Zusammenhang mit *Ehe* erst gar nicht in
den Sinn gekommen ist.
Oder hat der Meister doch eher die Anwesenheit
von zuviel Liebe
und zuwenig Freundschaft in der Ehe beklagt?
Wie auch immer, es scheint nicht vergleichbar.
Ehe, das ist nicht die himmelhochjauchzende
Beziehungskiste,
von der in Liebesbriefen die Rede ist oder
war, sondern eine
gefestigte, den Stürmen trotzende...eine
etwas langweilig abgesicherte eben.
Aber von der soll hier nicht die Rede sein.
Nein, wir wenden uns einer ganz besonderen
Art Liebe zu,
der virtuellen.
Ein Begriff, der vor 10 Jahren so gut wie unbekannt
war,
aber heute jedem Computerfreak dass Herz höher
schlagen
lässt, der sich per E-Mail verliebt hat.
In was verliebt man sich denn eigentlich?
In einen Menschen, den man noch nie gesehen
hat und dem
man, da die jeweiligen Lebensumstände
das zumeist gar
nicht zulassen, auch niemals gegenüberstehen
wird.
Man liebt dennoch kein Phantom, sondern durchaus
eine
reale Person mit allen Vorzügen und Macken.
Man lernt diesen Menschen bis auf den Grund
seiner Seele kennen.
Das ist die feste Überzeugung der Beteiligten
Dennoch darf daran gezweifelt werden, denn
nun tritt ein
Phänomen auf, das man richtig einschätzen
sollte, was aber
im Zustand der Verliebtheit so gut wie unmöglich
ist.
Schreibende Liebe hat einen unschätzbaren
Vorteil, sie steht und
fällt mit der Ausdrucksfähigkeit
der beiden Schreibenden.
Sie muss sich niemals in der Realität
beweisen, sie lässt zu,
dass sich beide Seiten so beschreiben und
zeichnen,
wie sie in Wahrheit niemals sind oder waren,
sondern so,
wie sie ihrer eigenen Vorstellung nach gerne
wären.
Keine Vorverurteilung bitte. Hier wird nicht
gelogen oder
bewusst betrogen.
Beide Liebenden sind fest davon überzeugt,
die reine
Wahrheit über sich zu berichten, sie
sind genau so,
wie sie sich nun darstellen, denken sie.
Dennoch darf das bezweifelt werden. Bei einer
Schilderung
der eigenen Person zählt, abgesehen von
den körperlichen
Vorzügen, die ja allenfalls noch per
Foto auf ihren Wahrheitsgehalt
zu prüfen wären, bei den charakterlichen
Eigenschaften
die Reflektion, die von der Gegenseite kommt.
Wie könnte man also die Erwartungen, die
so deutlich gemacht
werden, durch eine realistischere Beschreibung
der eigenen
Person schnöde unterlaufen?
Ausgeschlossen, der/die Geliebte sieht in uns
einen wahren
Ausbund von Vortrefflichkeiten, ist fest
überzeugt,
wir sind das, was er seine Zwillingsseele
nennt und schon
beginnen wir, uns ebenso zu sehen.
Sollte das etwa heißen, die Zukunft gehört
der virtuellen Liebe,
denn sie wird sich niemals im Alltag beweisen
müssen?
Losgelöst von den Anforderungen des täglichen
Lebens kann
sie vielleicht sogar neben einer gelebten
Beziehung
bestehen, ohne diese zu beeinträchtigen?
Wirklich?
Oder ist das Ganze eher doch eine gigantische
Manipulation
auf Gegenseitigkeit?
Was dann bedeuten würde, jeder der Beteiligten
sitzt zitternd
vor Erwartung vor seinem PC und harret der
wundervollen
Worte die da auf die Festplatte geflossen
kommen, um danach
seinerseits ein Feuerwerk von Liebesbeweisen
loszulassen,
alle natürlich vollkommen ehrlich gemeint
und dennoch...
Ist nicht längst jeder der beiden in eine
Rolle geschlüpft,
die ihm vom virtuellen Partner suggeriert
wird?
Versuchen nicht beide Seiten, den hochgespannten
Erwartungen
des anderen zu entsprechen und das auch dann,
wenn gelegentlich
leise Zweifel aufkommen, ob man denn in Wahrheit
so vortrefflich ist,
wie der andere einen sieht?
Zugegeben, diese Zweifel sind selten, umso
seltener, falls man
vielleicht schon immer eine gestörte
Sicht auf seine eigenen
Fehler hatte, aber ganz zu unterdrücken
wären sie wohl nur bei
einer absolut narzißtischen Person und
wer ist das schon.
Was passiert da also mit uns?
Wir möchten gefallen, natürlich.
Wir möchten uns unbedingt
dieser Liebe würdig erweisen.
Aber wohin mit dem, was man den gesunden Menschenverstand
nennt?
Noch nie war er so überflüssig, so gänzlich störend wie hier.
Er scheint die junge Liebe zu torpedieren,
sie aus den
Angeln heben zu wollen.
Wir werden uns seiner erinnern, irgendwann,
später, sehr viel später.
Aber nicht jetzt, bitte nicht jetzt.
Jetzt sind wir doch damit beschäftigt,
der hehren Vorstellung
des Mailpartners absolut zu entsprechen und
das mit einer
Begeisterung, die ihresgleichen sucht.
Wir sind alles, was Er/Sie in uns zu sehen
glaubt, ein wahres
Chamäleon der Liebe, wandlungsfähig
und formbar,
bereit der Teppich unter seinen/ihren Füßen
zu sein.
Gleichzeitig Lady und Hure, Vagant und verläßlicher Partner.
W I R S P I E L E N !!!
Natürlich würden wir jeden erschlagen,
der das behauptet,
wir schienen niemals aufrichtiger.
Und das sowohl aus der eigenen Sicht wie aus
der
des liebenden Gegenparts.
Edelmut schlägt Purzelbäume. Nie
waren wir eines
unedlen Gedankens weniger fähig als in
dieser Phase
der reinen Verliebtheit.
Wir würden für Ihn/Sie die Sterne
vom Himmel holen und das ohne Leiter.
Romeo und Julia im virtuellen Dschungel. Getrennt
durch
die Unerbittlichkeit der Realität und
einander dennoch so
nahe, wie sich zwei Menschen nur sein können.
Der verehrte Leser wird erkannt haben, dass
es sich bei
dieser Art der Zweisamkeit natürlich
nicht um eines dieser
schnellen Abenteuer handelt, die irgendwann
in einem
oder auch mehreren Dates enden, oder gar um
die
Zusammenlegung zweier Interessen, die dann
durchaus auch
in der Zeit der Onlinekommunikation zur Ehe
führen können.
Nein, dies hier ist der fantasievolle Ausweg
aus einer
gelebten Realität, die zumeist nicht
so ist, wie wir sie uns wünschen.
Es ist der Traum aller Träume, es ist d a s p e r f e k t e S p i e l.
Aber wenn wir soweit sind, dies zuzugeben,
ist der Traum
bereits dabei, sich zu verändern.
Die Zeit, dieser unerbittliche reißende
Fluss, ist uns in
die Parade gefahren.
Natürlich ahnten wir, dass die Dinge nie
so bleiben wie sie sind,
gaben diesem Gedanken auch schon einmal Raum
und meldeten unsere Furcht an.
Aber schon kam aus der Richtung des virtuellen
Partners
ein Schrei der Entrüstung.
Wie konnten wir denn nur zweifeln, woran denn
nur?
An seiner Treue und Verläßlichkeit,
oder etwa doch an der
Tiefe der eigenen Gefühle?
Und nun sind wir selbst an der Reihe, ein entrüstetes
NEIN zu rufen;
WIR doch nicht, niemals!!!
Kurze Zeit kehrt Ruhe ein, alle Vorbehalte
scheinen nur auf
andere Beziehungen zuzutreffen, niemals aber
auf etwas,
das den Anspruch erhebt, ewig und drei Tage
zu halten.
Aber in Wahrheit, wir ahnen es in tiefster
Seele, beginnt
der Ablöseprozeß und das ebenso
unaufhaltsam und
unausweichlich, wie zuvor die Verliebtheit
begonnen hatte.
Ein Entkommen ist nicht möglich.
Die EMails werden kürzer, sie sind keine
Antworten
mehr auf das, was man selbst geschrieben hat,
sondern
eher die Pflichtübung eines Absenders,
der verzweifelt
versucht, sich als weiterhin zuverlässig
zu erweisen.
Die innere Beteiligung aber ist nur noch in
Ansätzen
vorhanden und man beginnt, nach dem zu suchen,
das
einmal so unendlich wichtig erschien, dass
man glaubte,
keinen Tag auf diese Zeilen verzichten zu
können,
ohne dass es ein verlorener Tag war.
Schweigen tritt ein. Verstockt und übelnehmerisch.
Man schreibt nicht mehr und wenn doch, werden
die
Mails nicht mehr abgeschickt, man wartet.
Aber...die andere Seite wartet auch......denn
noch
ist sie ja dabei, die Loslösung zu bestreiten.
Und nun geschieht es.......erste ungute Gedanken
gewinnen Raum.
Hat Er/Sie nicht in dieser oder jener Situation
damals
nicht doch recht seltsam reagiert, gar nicht
so,
wie wir es erwartet haben, eigentlich eher
kleinkariert?
Und hat Er/Sie nicht doch gelegentlich Ansichten,
die man von jemand anderem erst gar nicht
akzeptieren würde?
Und außerdem, sooo edelmütig war
Er/Sie doch in diesem
oder jenem Fall nun auch wieder nicht, eigentlich
eher egoistisch.
Wo zum Teufel hatte man denn nur die ganze
Zeit seine Augen?
Dieses Schweigen jetzt war doch typisch, diese
Mißachtung unerhört.
Es passiert.
Der Traum weicht hässlichen Überlegungen,
entstanden
aus einer Zusammenballung von gekränktem
Stolz und verratener Liebe.
Man leidet.
Und...man scheint allein zu leiden, denn war
es nicht der andere,
der diese Situation ausgelöst hat?
Vorbei, ausgelaufen wie ein alter Rennwagen
mit Motorschaden.
Passiert uns natürlich nie wieder, absolut nie.
Sollte uns jemand je wieder seine angeblich
aufrichtigen
Gefühle zu Füßen legen wollen,
oder etwa *e.u.3.T.*
unter eine Mail schreiben, werden wir natürlich
dem/der Betreffende(n) in die Parade fahren,
dass es staubt.
Keine Chance mehr für die Ewigkeit.
Wirklich???? ****
Copyright L.Warmeling