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Es ist nie zu spät....
"Nietzsche?????" trompetete die fischäugige Bibliothekarin hinter dem Ausleihschalter und sah mich an, als hätte ich sie aufgefordert, mir die Relativitätstheorie zu erklären.
Ruck, die Köpfe der Lesenden in der großen Halle fuhren hoch und ich kam mir vor wie eine Minderjährige bei dem Versuch, das Kamasutra auszuleihen.
"JAAA," sagte ich dann ebenso laut, "das ist der mit der Peitsche."
Unterdrücktes Kichern ringsum.
"Natürlich weiß ich, wer Nietzsche ist," sagte der Fisch indigniert, und die vielen Zischlaute in "Nietzsche" trieben ihr kleine Feuchtigkeitsbläschen auf die Oberlippe, "aber man wird doch mal fragen dürfen."
Na klar, ich wußte ja, bei Erma Bombeck, Simmel und Konsalik hätte sie sich die Frage mit Sicherheit verkniffen, aber Nietzsche und ich, das schien irgendwie ihr Weltbild durcheinander zu bringen.
Meines auch, aber das durfte ich ihr natürlich nicht sagen.
Warum sollte ich zu erkennen geben, dass
ich in dem Teil der Stadtbibliothek, in dem die Dichter und Denker deutscher
Zunge in meterlangen Regalen vor sich hin dösten, noch nie gewesen
war?
Ich bewegte mich durch unbekanntes Gelände
wie ein Späher, jederzeit gewärtig , auf den Feind zu stoßen.
Erst als mir auffiel, dass ich auf Zehenspitzen durch die Gänge huschte, wurde mir die Situationskomik voll bewußt, und ich setzte meine Fersen energisch klappernd auf den blankgewienerten alten Holzfußboden.
Lieber Himmel, war das nicht auch alles bloß Gedrucktes?
Es würde sich schon herausstellen, ob ich zu blöd war, hehre Gedankengänge zu erfassen, oder ob bei Schopenhauers und Platons auch nur mit Wasser gekocht wurde.
Einmal mehr verfluchte ich aber meine komödiantische Ader, denn ohne die wäre ich jetzt nicht hier und versuchte in eine Rolle zu schlüpfen, die mir vielleicht drei Nummern zu groß war.
Was hatte ich denn schon zu verlieren?
Na ja, Einiges...unter anderem den Ruf, eine
unterhaltsame alte Schachtel zu sein, schlagfertig und nie verlegen darum,
ihre Erfahrungen in einen Gesprächskreis zu katapultieren, der aus
den unterschiedlichsten Menschen bestand.
Mit anderen Worten, jenseits der Sechzig war
mein ohnehin nicht unterentwickelter Wagemut regelrecht explodiert, ich
hatte mich zu neuen Ufern aufgemacht und das Internet heimgesucht; und
damit begann ein Abenteuer, das mich pausenlos in Atem hielt.
Am Anfang wars ein gegenseitiges Abtasten. Die Technik und ich miteinander konfrontiert: würde das gutgehen?
Aber da war ja Abelchen, immer bereit, herbeizueilen, wenn ich mal wieder einen Crash gefahren hatte. All das, was dieser junge Mann über die neue Kommunikationstechnik wußte, würde ausreichen, mich zum absoluten Profi umzufunktionieren...dachte ich.
Dachte ich aber nicht lange, denn es war schnell klar, dass es mir völlig schnuppe war, auf welche Weise ich in die Lage versetzt würde, mit Hinz, Kunz und deren Anverwandten in verbal-virtuelle Scharmützel einzusteigen.
Hauptsache, es funktionierte.
Und genau das tat es, ich vergesse nie den ersten Kontakt im Netz, da landete ich rein zufällig mitten im Chat des Frauenforums bei AOL und versuchte, nach drei mitgelesenen Sätzen, auch ein klitzekleines Gedankenblitzchen anzubringen.
Schien keinen zu kratzen, ich wurde überlesen, übersehen, ich schien nicht existent.
WAS???
Doch nicht mit mir! Das war ich ja nun überhaupt nicht gewohnt!
Ich begann mit meinen verbalen Hufen zu scharren und wagte den zweiten Vorstoß.
HURRA, es antwortete mir jemand aus dem Kreis der User ..danach ein zweiter, und ehe ich mich versah, befand ich mich mitten in einem blitzgewitterartigen Sprücheklopfer-Marathon der albernsten Sorte.
Schlagfertigkeit und Wortwitz waren hier die geforderten Kriterien, und das konnten die haben, pardautz!
Aber das blieb nicht lange mein Tummelplatz, ich wollte mehr Intensität.
Die Neugier auf die Denkweise anderer Leute, und dazu noch solcher, die ich nicht in den eigenen vier Wänden bewirten musste, war unerschöpflich, und was sich da alles bewegte, unglaublich.
Zuerst zog ich zwei Zauberwesen an Land, mit denen ich nach nun fast fünf Jahren immer noch den gegenseitigen Seelenmüll sortiere, und dann landete ich - die Vorsehung meinte es wohl gerade an diesem Tag besonders gut mit mir - mitten in einem Weihnachtsgeschichtenwettbewerb.
Ich stöberte; hmm, ach ja, konnte ich das nicht auch?
Immerhin waren meine Schulaufsätze doch bemerkenswert gewesen, ob mangels Konkurrenz, das würde sich jetzt erweisen. Was sollte es schon ausmachen, wenn ich mit meinem Pfunden literarisch zu wuchern begann, und das genau fünfzig Jahre nach Schulabschluss?
Vorsichtig las ich mich durch die bereits eingegangenen
Wettbewerbsgeschichten: nicht übel.
Aber so toll, dass es mich in den Untergrund
aller verkannten Talente verscheucht hätte, wars nun auch wieder nicht.
Also ran an die Tastatur, es konnte allenfalls ein literarischer Crash werden, ich selber unter "ferner liefen" landen, und da würde ich ja nicht allein sein.
Ich war an einen Platz im guten Mittelfeld gewöhnt, und meiner eigenen Einschätzung nach würde ich mich auch diesmal dort bewegen, also kein Grund auszuflippen oder sein Licht, so es eines gab, unter den Scheffel zu stellen.
Platz drei war der Lohn für den Mut, und ich freute mich mächtig.
Eine schwache Ahnung, daß die Jury wahrscheinlich drei Tage vor dem Fest in Eile gewesen sein musste, verließ mich allerdings nie ganz..
Falls das hieß, daß man, mit Dartpfeilen bewaffnet, auf die einzelnen Stories gezielt und zufällig meine an die virtuelle Siegerwand genagelt hatte, wars mir egal, ich wurde verwegen.
Fest davon überzeugt, dass ich sehr viel besser kritisieren als selbst schreiben könne, verstieg ich mich zu der Bewertung einer ganz besonderen Story am Pinboard der Literaten. Das ist jener öffentliche Cyberspace-Pranger, an dem jedermann sich blamieren kann, so gut er es vermag, warum also nicht auch ich?
Und damit begann etwas höchst Erstaunliches.
Ich hatte, den hinreißenden Stil und den dramaturgisch exzellenten Aufbau einer bestimmten Story sehr wohl erkennend, meinen Beifall ans AOL-Brett geheftet, aber nicht vergessen zu bemerken, dass diese Geschichte meiner Meinung nach absolut nicht in einen Weihnachtswettbewerb gehörte.
Sie war wundervoll, aber sie wirkte hier deplaziert.
Der Autor reagierte prompt, und er reagierte erstaunlich.
Irgendwie schien er an dezidiertes Eingehen auf seine Arbeit nicht gewöhnt zu sein, stand doch direkt vor meiner eigenen Pinwandnotiz die fast peinlich schmalztriefende Lobhudelei einer anderen Userin, die sich anhörte, als beabsichtige die Absenderin, demnächst Anlauf zu nehmen und unserem Autor nicht nur virtuell auf den Schoß zu hüpfen.
Kurz und gut, es schien klar: Was immer mich getrieben hatte, seine Story zur Kenntnis zu nehmen, er fand es wohl wert, sich mit dem Absender - der zunächst nicht als weiblich zu erkennen war - zu beschäftigen.
Und so nahm alles seinen Lauf.
Heute sind wir ein Team, wie es unterschiedlicher nicht sein kann, aber mit dem gleichen Ziel. Wir schreiben an einer gemeinsamen Story der Superlative, zumindest vom geplanten Umfang und vom Aufwand her betrachtet.
Sollte sie je fertig werden, bevor wir uns die Köpfe eingedonnert haben in dem Bestreben, die Eigenheiten des anderen nicht unbedingt mit Hurrarufen zu kommentieren, - dann wird es sich gelohnt haben, heute Nietzsche aus seinem Jahrhundertschlaf zu wecken.
Immerhin hat mich der Ausflug in die Stadtbibliothek befähigt, meinem Co-Autor, der sich als absoluter Nietzsche-Freund outete, gelegentlich seine frechen Sprüche in den Hals zurückzustopfen mit Geisteseruptionen wie dieser:
Nah hab den Nächsten ich nicht gerne;
Fort mit ihm in die Höh' und Ferne!
Wie würd' er sonst zu meinem Sterne?
Nietzsche sei Dank: ich kann Paroli bieten!
Es ist eben nie zu spät.
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