Es ist nicht so wie es aussieht.
Tja, da geht man aufs Feld um Blumen zu pflücken und tritt in ein Minenfeld.
"Es ist nicht so, wie es aussieht".
Diesen bescheuerten Satz scheinen sämtliche beim Fremdsex erwischten Zeitgenossen, ob männlich oder weiblich, von sich zu geben.
Dass
damit zu allem Überfluss Demjenigen, der sie in flagranti ertappt hat,
zusätzlich noch das Wahrnehmungsvermögen einer Waldameise und das
Denkvermögen einer Küchenschabe unterstellt wird, scheint ihnen nicht
aufzufallen.
Ob
Tim nur vergessen hatte, dass ich seinen Wohnungsschlüssel besaß, oder
sein Denkvermögen sporadisch von seinen Hormonen gesteuert wurde, ist
nicht mehr zweifelsfrei festzustellen.
Erkennbar
hatte sein Trieb derartige Nebensächlichkeiten über Bord geworfen, denn
ich erwischte ihn mitten im leidenschaftlichen Gefecht mit seiner Ex
Helene, die mir einen triumphierenden Blick zuwarf, als er sich
hektisch von ihr lösen wollte.
Solche Katastrophen hatte ich aber schon oft genug im TV gesehen, ich brauchte also zwischen der Phase *
vom Donner gerührt* und *coolness pur* höchstens zwei Sekunden, ehe
sich mein Gesicht zu einem kühlen Lächeln verzog und meine Stimme
gelassen klang.
"In der Liebe und beim singen
kann man nichts erzwingen",
sagte ich und tat so, als sei es normal, mir angesichts der angetroffenen Szene einen Reim einfallen zu lassen.
Danach trat ich den Rückzug an, ehe das Lächeln auf meinem Gesicht festfrieren konnte.
Dieser
Sturz aus dem Himmel meiner Gefühlswelt ist vielleicht vergleichbar mit
dem Traum eines 20jährigen, der von einer Tour mit seiner Harley auf
der Route 66 geträumt hat und sich unversehens mit Rollator auf der
Fahrt zum Edekaladen an der Ecke wieder findet.
Kurz und gut, ich war drei Tage out of Order, verhalf den Papiertaschentuch-Herstellern
zur Steigerung ihres Umsatzes und schaffte es gerade noch, meinem
Arbeitgeber etwas von massiven Rückenproblemen auf die Mailbox zu
transportieren.
Etwas
schizophren, denn immerhin war ich physiotherapeutische Assistentin und
hätte also in der Praxis erheblich mehr Aussichten gehabt, mein
angebliches Dilemma los zu werden. Was ihm zum Glück aber nicht auffiel.
Die
gleiche Nachricht ließ ich meiner mütterlichen Freundin Ute zukommen
und erreichte damit, dass sie erst am dritten Tag an meine Türe
hämmerte und laut schrie: "Entweder du machst jetzt auf, oder ich komme
mit der Feuerwehr wieder."
"Das
hat gerade noch gefehlt". schrie ich und öffnete so schnell, dass Ute,
die - gegen die Türfüllung gelehnt- offenbar auf eine längere Wartezeit
gefasst war, buchstäblich herein fiel.
Ein Blick auf mich und einer auf die Unordnung in meiner Behausung und sie wusste Bescheid.
"Dieser
imitierte Macho war doch schon immer nur eine Bremsspur in der
Unterhose der Gesellschaft", fluchte sie, "der Teufel weiß, wieso du so
lange gebraucht hast um das zu sehen."
Aber dann nahm sie mich doch tröstend in die Arme.
Ehe bei mir sämtliche Dämme brechen konnten, griff sie aber schon nach meiner Jacke an der Garderobe.
"
Los raus hier, du musst sofort etwas essen, du siehst aus wie Braunbier
mit Spucke. Über Deinen Scheißer unterhalten wir uns, wenn Du aufgehört
hast, dich zu bemitleiden und soviel gesunde Wut aufbringst, ihn
zumindest gedanklich durch die Kanalisation zu spülen.
"Ich
bin nicht vorzeigbar," Ein Blick in den Spiegel hatte mich davon
überzeugt, dass ich, anstatt ein Restaurant aufzusuchen, lieber eine
Bewerbung für die Geisterbahn abgeben sollte. " Mir reicht die
Hähnchenbraterei vorne an der Ecke," sagte ich mürrisch.
"Hähnchen? Nee, nicht mein Ding.
Da könnt ich mir die Salmonellen ja gleich in die Blutbahn
spritzen lassen. Mir reichen meine chicken wings Oberarme."
"Deine WAS?"
"So,
mein noch knackfrisches Kind, nennt die Dame fortgeschrittenen Alters
das Gehänge unterm Oberarm, das verhindert, dass man in leichter
Sommerkleidung allzu begeistert mit den Armen wedeln sollte." Ute hatte
mal wieder ihren sarkastischen Tag.
"
Los Kleine, schwingen wir die Hufe," Sie klopfte mir aufmunternd auf
die Kehrseite und half mir dann, mein wirres Harr zu bändigen.
Wir
landeten in einer etwas herunter gekommen aussehenden italienischen
Pinte vor einem Riesenteller Spaghetti Carbonara und Ute bemühte sich,
mir zwischen Nudeln und einem süffigen Rosè beizubringen, dass es wohl
doch etwas heftig sei, nach einer missglückten Beziehung
Auswanderungspläne zu wälzen..
Nach dem dritten Glas - satt und leicht angetrunken - fand ich, dass sie Recht hatte und wurde elegisch.
"
Weißt du wie wir uns kennen gelernt haben? Das war die absolut
ehrlichste Masche mit der jemals jemand eine Anmache durchzog." Ich zog
hörbar die Nase hoch.
"Er
hat mir gesagt, er lebe seit ewiger Zeit ohne Sex, habe sich schon aus
lauter Verzweiflung in einer Sprachschule für Ausländer angemeldet, um
dort Jemanden kennen zu lernen, aber das sei dann auch ein Flop
geworden. Dafür könne er aber jetzt den Satz - hau ab du Penner - in 14 Sprachen."
"Na
gut zugegeben, er hatte es gelegentlich drauf." Ute krauste die Nase
und stülpte die Lippen nach außen, was ihr das Aussehen eines Mopses
mit Verdauungsproblemen gab.
"Aber hast Du vergessen, WO du ihn kennen gelernt hast?
Wie
er - respektlos bis zum Kollaps - einer Politesse, die ihn vom
Behindertenparkplatz verscheuchen wollte, einfach gesagt hat, okay ich
bin geisteskrank, meine Zwangsjacke liegt auf dem Rücksitz? Ich habe
dir schon damals gesagt, sei vorsichtig, zwischen Unverschämtheit und
Rücksichtslosigkeit sind die Grenzen fließend."
"Immerhin
habe ich mit diesem Mann in der kommenden Woche eine gemeinsame Wohnung
beziehen wollen. Ausgesucht haben wir sie schon und ich wollte doch nur
rasch Bescheid sagen, wann er seine Umzugskisten bekommt."
Die
Tränen stiegen mir erneut in die Augen, nur wusste ich jetzt schon
nicht mehr, ob bei dieser Gemütsbewegung nicht doch schon mein leichter
Schwips die Steuerung übernommen hatte.
"Ja,
mach du nur so weiter, aber sag Bescheid, wenn du mit der Aufzählung
seiner Schokoladenseiten fertig bist, damit ich dir die entscheidende
Frage stellen kann."
" Welche?" Ich sah Ute tränenumflorten Auges an.
"
Es ist nur eine , ich möchte wissen, mit wem du ihn künftig noch zu
teilen gedenkst. Außer mit seiner Helene versteht sich, denn die
scheint dich ja schon heute gelegentlich zu ersetzen." Ute griff mit
beiden Händen leicht verzweifelt in ihre kurzen, schwarzen Locken und
entschloss sich dann zum Frontalangriff:
"Benutze
Deinen Kopf Lisa. Würde es sich um eine andere Frau handeln, die derart
hintergangen wurde, wie wäre dann dein Rat an dieses weibliche Wesen?"
"
Schon gut, ich habe ja nicht Deine psychologische Ausbildung, deshalb
wäre mein Rat, emotional, logisch und sicher deshalb auch richtig.
Ich
würde der Betrogenen also sagen, schieß ihn in den Wind, denn die
Wahrscheinlichkeit, dass er dir fortan treu wäre, kannst du bei Null
ansiedeln. Aber jetzt weiß ich, dass man das einer Betrogenen so nicht
hinhauen kann, sie ist noch zu sehr damit beschäftigt, sich diese
bisher lupenreine Liebe aus dem Schädel zu schlagen."
"
Genau Lisa, diese Einsicht ist ein Prozess, der sich entwickeln muss.
Wichtig ist also, dass erst einmal überhaupt keine Entscheidungen
getroffen werden, weder für noch gegen den Sünder. Du musst dir darüber
klar werden, was du vom Leben erwartest.
Wenn
das Ergebnis so ausfallen sollte, dass du glaubst. lieber den Charakter
dieses Mannes in Kauf zu nehmen, als dein Leben - ohne ihn - auf eine
gesündere Basis zu stellen, dann muss das ein Entschluss sein, der alle
möglichen Rückschläge - denn die wird es mit ihm zweifelsohne geben -
einbezieht und akzeptiert.
Stelle
also für dich und nur für dich, eine Pro-und Kontra-Liste auf. Bist du
hart genug im Nehmen, und realistisch genug, einzusehen, dass du seiner
niemals sicher sein kannst, dann pfeife auf Dinge wie Würde und
Selbstachtung und halte das fest, was du als Glück empfindest. Die
Grenzen deiner Leidensfähigkeit kennst nur du, also entscheidest auch
nur du, wann sie überschritten sind.
Erst
wenn das alles klar ist, wirst du merken, welche Alternativen es gibt
und wie du dich möglicherweise sogar ganz aus deinem jetzigen Umfeld
absetzen könntest. Das alles geht nicht hier und heute. Tiefgreifende
Ereignisse im Leben erfolgen in einer Art chronologischem Ablauf, einer
Entwicklung und dazu gehört auch der Schmerz.
Steh ihn durch und wachse."
Wir trennten uns an diesem Abend sehr spät. Ich schlief tief und traumlos.
Am
anderen Morgen folgte ich Utes Rat, eine gehörige Distanz zwischen Tim
und mich zu legen, löschte alle seine Nachrichten auf dem AB ohne sie
abzuhören und zog in die Einliegerwohnung in Utes Haus.
Die endgültige Entscheidung, das Kapitel Tim unter `gemachte Erfahrungen`abzuhaken, fiel drei Monate später.
Ute
hatte die psychotherapeutische Praxis ihres Onkels in der Nachbarstadt
übernommen und entschloss sich, dieser eine moderne
physiotherapeutische Abteilung anzugliedern, die ich voller
Begeisterung übernahm.
Okay,
ich hatte mich für die Einrichtung verschuldet wie noch nie in meinem
Leben, wusste aber, dass es der richtige Weg war, mein lädiertes
Selbstwertgefühl über meine Arbeit aufzubauen und nicht über Männer.
Der erste Klient, der mein Sprechzimmer betrat war
Dr. phil. Kurt Liebermann...
WOW dachte ich, ein Doktor-Titel, wo doch sein strammer Hintern schon ausgereicht hätte.
An selbigen setzte ich dann ein Tensgerät an und befreite ihn in vielen Sitzungen von einem Ischiasanfall.
Dr. Liebermann wurde 6 Monate später mein lieber Mann.
Wir
sind seit August 2007 verheiratet und wenn ich auch nicht zu den
Exhibitionisten gehöre, die ihren nackten Babybauch in eine Kamera
hängen müssen, um ihre Lebensleistung zu präsentieren, so trage ich ihn
doch - wenn auch haute-couture- getarnt - fröhlich und auch ein
bisschen stolz vor mich her.
