“Na ja, man ist immer so alt wie man sich fühlt,”
“Ach wirklich,” sagte ich mürrisch, “dann bestelle für
mich schon mal den Abdecker,
das ist heute
nicht mein Tag. Ich fühle mich wie sechs Meilen schlecht geflickter
Zaun.”
Das kurze Gespräch mit meiner Kollegin Britta
hinterließ eher einen faden Beigeschmack.
Sie gefiel sich mal wieder in Allgemeinplätzen und das war bei ihr
das deutliche Zeichen dafür,
dass sie
uninteressiert war, ob an mir oder an meiner Situation, das konnte ich mir im
Moment aussuchen.
Auf alle Fälle sah sie
nicht so aus, als würde sie nach Feierabend meine Matratze
mit mir teilen wollen und ich sah schon einen
weiteren Fernsehabend mit
Alk-Exzess auf
mich zukommen.
Es sei denn, es gelang mir,
die Kleine aus der Postabteilung bis Dienstschluss
davon zu überzeugen, dass ich schon immer scharf auf sie war und
bisher nur zu
schüchtern gewesen sei, sie
anzubaggern.
Um das zu glauben, musste sie
allerdings ihre bisherigen Erfahrungen mit mir aus
der Sparte geiler Yuppie in die Abteilung schüchterner Lover
verlagern
und dazu mochte vielleicht sogar
sie etwas zu clever sein.
Wie schon erwähnt, es war ein beschissener Tag. Mein
Boss hatte mir
gerade die Betreuung eines
Millionen-Werbeauftrages entzogen um ihn
gänzlich unerwartet seinem bescheuerten Neffen zuzuschanzen. Die
Tatsache, dass
ich dennoch derjenige sein
würde, dessen Ideen das Projekt zu einem Erfolg machen
sollten, war auch nicht dazu angetan, meinen Glauben an die
Gerechtigkeit der
Arbeitswelt zu
festigen.
Neffe Friedbert war eine taube Nuss, eines eigenen
Einfalles ungefähr so fähig
wie eine
Magersüchtige zum Schwingen ihrer Hüften.
Dennoch war er diesmal der Projektleiter und mein Ersteinfall, ihn
gnadenlos
auflaufen zu lassen, wich der
logischen Überlegung, dass ich das zwar durchziehen
konnte, aber dann selber auch nicht ungeschoren davonkommen
würde.
Als Trostpflaster der besonderen Art stand Britta also
heute nicht zur Verfügung
und wenn ich
Mimik deuten konnte, war sie gerade dabei, eine Attacke
auf Neffe Friedbert zu starten.
Britta war eine ganz Fixe. Sie brauchte nicht lange um zu
erkennen, dass er die
besseren
Verbindungen zur Firmenspitze aufweisen konnte, was natürlich einem
zwar grenzgenialen, aber promiskuitiven Werbetexter
wie mir, vorzuziehen war.
Zumindest dann,
wenn man bereit war, ein fliehendes Kinn, Basedowaugen und
eine Kastratenstimme zu akzeptieren.
Ganz zu schweigen davon, dass Friedbert
wahrscheinlich eine Wagenladung
Viagra
brauchen würde, um sein Blut durch die verkalkten Adern
in Richtung Penis zu schleusen.
Er gehörte zu der Sorte, die schon alt auf die Welt kommt und
danach waren
auch seine kreativen
Einfälle.
Doch was nützte mir das alles.
Die Weichen für meinen Aufstieg waren - anscheinend unbemerkt von
mir -
in einem imaginären Stellwerk soeben
umgeschaltet worden und wenn ich
nicht
höllisch aufpasste, würde der Zug in dem ich saß
im Nirgendwo enden.
Friedbert meine Einfälle zu verweigern würde also
höchstens mein Arbeitsverhältnis
bei
KRE-DO etwas abrupt beenden und was das heutzutage bedeutete konnte ich mir
ausmalen.
Ich würde mein teures Loft
aufgeben müssen.
Der Ferrari, den böse
Zungen meine Abschleppfalle nannten, wäre ebenfalls nicht mehr zu halten
.
Und die Anzüge von ARMANI mussten
solchen mit dem Label von C&A weichen.
Kurz und gut, der soziale Abstieg wäre vorprogrammiert
Meine Individualität konnte ich mir demzufolge ins
noch volle Haar schmieren,
Friedbert und
sein Gönner saßen am längeren Hebel.
Meine Erwartungen waren mal wieder voll auf der
Strecke geblieben, oder gerade
nicht
kompatibel mit denen meiner Umwelt, wie immer man es sah.
Und jetzt?
Aufgeben, mich anpassen, abfinden mit den Gegebenheiten dieser
mörderischen Branche?
Ich doch
nicht.
Immerhin waren meine Erwartungen ja
nicht zum erstenmal baden gegangen.
Ich
war jetzt fünfunddreissig und allzu lange lag die Zeit noch nicht zurück, in
der
ich mich fragte, ob Erwartungen
überhaupt je erfüllt werden.
War es nicht pure Gerechtigkeit, wenn dem nicht so
war?
Denn wie kommt die Welt dazu, meine
Erwartungen zu erfüllen, wenn ich die
ihren in schöner Ignoranz links liegen lasse?
Mit Vierzehn erwartete ich, es würde nicht mehr lange
dauern, und irgend ein
schlauer Kopf
entwickelt innerhalb des Projektes "Jugend forscht" eine Art
Tarnkappe, mit der ich im Mädchenumkleideraum
auftauchen und Verwirrung stiften könnte.
Nur Verwirrung?
Na ja, meine
knabenhaften, frühpubertären Schübe waren damals noch nicht
so weit, sich auf mehr festlegen zu
lassen.
Meine Schwester Lisbeth hingegen,
zwei Jahre älter als ich, hatte da schon
erheblich mehr auf der Pfanne gehabt.
Sie war Cheerleaderin, schmiss ihre wogenden Locken jeden Sonntag
beim
Eishockeyspiel der zweiten Liga
aufreizend über die Schulter, die Beine
fast genauso hoch, und erwartete, endlich einmal von
dem
flachbrüstigen Reporter bemerkt zu
werden.
Der aber war nur gekommen, das
Spiel zu beurteilen.
Eine Schlagzeile im
Sportteil, wäre das nicht der Gipfel aller Erwartungen?
Und in der Zwischenzeit entbrannte sie damals pausenlos für irgend
einen
unterbelichteten Scheisser, einer
pickeliger und unbedarfter als der andere,
und keiner von ihnen schien ihre Erwartungen auch nur annähernd
erfüllen zu können.
Es waren ausnahmslos
hirnlose Vollkretins, die sich die Hände an ihrem
Liebesfeuer wärmen wollten, und das machte Lisbeth irgendwann
aufmüpfig:
Sie beschloß ins Kloster
gehen!
"Weisst du eigentlich," sagte Mutter gelassen am
Frühstückstisch,
"dass man bei den
Ursulinerinnen immer noch die Haare abschneiden muss?
Die erwarten eine völlige Loslösung von weltlichen
Eitelkeiten,
vielleicht solltest du doch
lieber Missionarin in China werden, da kannst du
dann die Haare bis zur Kinnlänge behalten."
Ab diesem Tag war "Kloster" kein Thema mehr, und
Lisbeth`s Erwartungen
an die Zukunft
müssen sich rapide verändert haben, denn sechs Monate später
wurde sie schwanger, heiratete einen Klempner und
stellte ihre Erwartungen künftig an diesen.
Ich war damals siebzehn und wartete darauf, in einem
Jahr zum Bund zu kommen.
Es schien mir
außer Frage zu stehen, dass jemand mit meinen strammen
Einsneunzig, dem durchtrainierten Body eines Brustschwimmers der
Kreisklasse,
nebst der Erwartung,
mindestens Offizier zu werden, nur dort die
wirkliche Karriere machen würde.
Würde...denn bei der Musterung stellte sich dann
heraus, dass ich einen
- wenn auch
geringfügigen - Herzfehler hatte, und Plattfüsse obendrein.
Meine Sicht auf mich selbst erlitt einen rapiden
Einbruch, und ich entschloss
mich etwas
plötzlich, den Kriegsdienstverweigerer zu spielen,
denn meine Invalidität nach aussen zu kehren, also nein, das
konnte nun niemand erwarten.
Zumal ich
gerade die Superblonde aus dem Maritime umwarb und mich
drei Schritte vor ihrer Kapitulation wähnte.
Leider war auch das dann eine Erwartung, die sich
nicht erfüllte.
Sie heiratete ihren Boss,
den Besitzer vom Maritime, und stand ab sofort
nicht mehr hinter der Bar, sondern sauste im roten Ferrari, den
linken Arm
lässig aus dem offenen Fenster
hängend, durch die Innenstadt, hinter sich
eine Wolke von Benzin und teurem Parfüm.
An Herz und Geist gebrochen beschloss ich, mich nun
meinem
beruflichen Aufstieg zu
widmen.
Für den direkten Einstieg - in
was, wusste ich noch nicht - stand die Aussicht,
bald soviel Penunzen zu verdienen, dass ich mir mindestens zwei
Ferraris würde leisten können.
Für eine fundierte Ausbildung sprach der
Rest.
Der Rest gewann, zumal mein Vater
seinerseits seine Erwartungen an mich daran knüpfte.
Wenn ich also das Problem von allen Seiten betrachte,
hatte ich bis dahin
eigentlich doch in
schöner Regelmässigkeit irgendwelchen Erwartungen
entsprochen, kein Wunder, dass ich nach dem Abitur beschloss, der
Welt ab
sofort zu sagen, was ich von ihr
erwartete - und das war nicht wenig .
Ein Scheitern zuzugeben schien also auch jetzt absolut
verfrüht,
meine Stunde würde wieder
kommen. Ich musste mich nur daran erinnern,
dass es unkonventioneller Mittel bedurfte, in der Welt der Werbung
an die Spitze zu gelangen.
Immerhin war ich frech und unbekümmert direkt einen
Tag nach dem
Abitur in das größte
PR-Unternehmen der Hauptstadt getigert und hatte
mich und meine Dienste angeboten.
Und das nicht etwa beim Personalchef des Unternehmens, sondern
beim
Vorstandsvorsitzenden und seinem
Team.
Ein reines Versehen, aber wo wäre man ohne das berühmte Quäntchen Glück?
Ich war einfach hinter der jungen Frau mit dem
beladenen Servierwagen hergetapst,
die im
elften Stock des Hochhauses über den mit flauschigem Belag
ausgestatteten Flur stakste und aussah, als sei sie
der Traum meiner schlaflosen Nächte.
Blond, superschlank und mit Beinen, die einen Eremiten aus
seiner
selbstgewählten Verzichtshaltung
reißen konnten.
Ich war mit meiner sorgsam zusammengestellten
Bewerbungsmappe mitten
in einer
Vorstandskonferenz gelandet und traf auf eine Runde gut gelaunter,
distinguierter Herren, die sich in Erwartung eines
zünftigen kulinarischen
Pausenfüllers
einen Spaß daraus machten, diesen jungen unverschämten
Gipfelstürmer zwischen Champagner und Kaviarhäppchen reden zu
lassen.
Und reden konnte ich.
Eine Chance dieser Art muss man nutzen und das tat ich
und befand mich
zwei Stunden später auf
der Einstellungsliste des Konzerns.
Von da
an gings bergauf, wenn auch noch nicht sofort.
Ich diente mich in Rekordzeit durch die weniger bedeutenden
Abteilungen
des Hauses, den
erwartungsvollen Blick aber immer auf die sogenannte
Kreativschmiede im zehnten Stock gerichtet.
Dahin wollte ich, koste es was es wolle.
Es kostete zwei Jahre hochgespannter Erwartungen. Dann
begriff ich.
Mit der Methode würde ich
wahrscheinlich noch in weiteren zehn Jahren
die Post durchs Haus tragen, oder die Konferenztische
betreuen.
Und an denen nahmen selten genug
Leute Platz, deren Einfallsreichtum
sich
mit meinem messen konnte.
Die meisten
waren Zuträger, nicht übel, aber keine Genies.
Ich handelte.
Schon vierzehn Tage nach meiner plötzlichen Einsicht hatte ich
Thea,
die Sekretärin des Kreativ-Direktors
erobert.
Eine nicht mehr ganz taufrische
Brünette, die in der Folge nicht nur an mir
hing wie eine Klette, sondern mir auch alle Informationen zu
anstehenden Projekten lieferte.
Bedenken, durch die Hintertür Karriere zu machen,
plagten mich keine Sekunde.
Ich fand, wer
Thea fast allabendlich zu Stürmen der Leidenschaft hinriss,
hatte jede Unterstützung auf seinem beruflichen Weg
verdient.
Als Thea dann meinen Entwurf unter die Vorlagen aus
der Kreativschmiede
schmuggelte, hatte ich
bereits alle anderen Entwürfe vorher eingesehen
und wusste worüber der Oberboss und seine Auftraggeber
intensive Besprechungen geführt hatten.
Kurzum, mein Entwurf entsprach genau den daraus
resultierenden Erwartungen.
Sieg auf der
ganzen Linie.
Schon zwei Tage später räumte ich meinen Schreibtisch
im Großraumbüro
und zog in ein schönes
eigenes Nest im zehnten Stock, rechts und links neben
mir all die bisher nur aus der Ferne bewunderten Ideenlieferanten
des Hauses KRE-DO.
Die Liaison mit Thea hielt noch ein ganzes
Jahr.
Dann fand ich mich etabliert, saß
fest im Sattel und wurde zu den Gartenfesten
meines Bosses eingeladen.
Es war an der Zeit mir auch eine entsprechende
weibliche Begleitung zuzulegen.
Nachdem
dieser fette Knilch mir jedoch diese wechselnden Retortenschönheiten
immer öfter auszuspannen pflegte, wozu er nicht
selten Grosseinkäufe beim
Juwelier starten
musste, achtete ich darauf, mit keiner mehr eine längere
Beziehung einzugehen.
Ich warf mein eroberungsbereites Auge stattdessen auf
seine Ehefrau Tilda,
eine wunderschöne
Rothaarige mit Bernsteinaugen.
Gefährlich?
Das sah ich erst
einmal nicht so.
Aber nach Lage der Dinge
konnte ich jetzt nicht mehr ausschließen,
dass mein Boss dahinter gekommen war und die Beförderung
von
Friedbert seine Antwort darauf war,
dass Tilda nicht mehr mit ihm schlief.
Feuern konnte er mich nicht, denn meine Gönner im
Vorstand würden ihm
derartige Alleingänge
nicht durchgehen lassen.
Ich hatte in den Jahren meiner Firmenzugehörigkeit
einen fast legendären
Ruf als sprudelnder
Ideenlieferant der Sonderklasse erworben und
verdammt noch mal, den hatte ich mir auch redlich
verdient.
Der Vorstand jedenfalls würde
nicht zulassen , dass der neue Millionenauftrag
durch die illegale Verstrickung unser beider Liebesleben gefährdet
wurde.
Am Ende dieses ereignisreichen Tages fühlte ich mich
auf bisher unbekannte
Weise ausgepowert
und beschloss, meine exzessive Lebensweise etwas zu drosseln.
Ich würde es mir in meinem großzügig eingerichteten
Loft behaglich machen,
vielleicht mal
wieder selber kochen. Eine zünftige Pasta, ein bisschen Rotwein
und der Fernseher, das musste für heute
reichen.
Und dann saß ich doch nur noch erschöpft auf dem
weißen Designersofa und
fühlte mich zu
nichts mehr aufgerufen.
Keine Pasta, kein
Rotwein, mir war, als sei eine Sommergrippe im Anmarsch.
Ich würde mit zwei Aspirin ins Bett gehen und diesen beschissenen
Tag verschlafen.
Er war ohnehin gelaufen
und ich nicht gerade der Tagessieger.
Ich erwachte mitten in der Nacht und es dauerte zwei
Sekunden ehe mir bewusst war,
was mich
aufgeweckt hatte.
Ein infernalischer
Schmerz im linken Brustbereich.
Schweißausbruch, Panik.
Stöhnend wälzte ich mich aus dem Bett in Richtung
Telefon, absolut sicher,
dass ich auf der
Stelle Hilfe brauchen würde.
Es gelang mir
noch den Notruf zu aktivieren, bevor ich beim Öffnen meiner
Lofttür zum Fahrstuhl jede Orientierung
verlor.
Leider öffnete sich die Tür als der Lift noch zwei
Etagen unter meinem
Lofteingang
stand.
Die Mechanik fiel zum wiederholten
mal aus, etwas, das ich schon lange beheben lassen wollte.
Ich stürzte in den Schacht und landete auf dem
Liftdach. Meine Lichter gingen aus.
***
Wie aus
weiter Ferne drangen Stimmen an mein Ohr, ohne dass ich zunächst
fähig gewesen wäre, den Sinn der Gespräche zu
erfassen.
Ich war absolut schmerzfrei und
tiefe Dankbarkeit erfüllte mich.
Ich
kämpfte mich mehr und mehr an die Oberfläche meines Bewusstseins und
nun
konnte ich, obwohl meine Augen noch
geschlossen waren, zumindest hören was gesprochen wurde.
“ Armer Kerl,” sagte eine weibliche Stimme, “der ist
wohl fertig.
Professor Klittel gibt ihm
wenig Chancen.
Der Schlaganfall war gar
nicht so bedeutend, aber bei dem Sturz auf das Liftdach hat er sich eine
Rückgratverletzung zugezogen.
Die Gefahr
einer Querschnittslähmung ist noch nicht ausgeschlossen.”
“Dann erwarte ich aber, dass der Professor dem
Patienten diese Nachricht selbst beibringt.
Ich bins leid, immer seine Arbeit zu übernehmen, während er sich
als der große
Helfer und Heiler bewundern
lässt.” Der männliche Sprecher klang ungeduldig und aufgebracht.
Nein, da konnte nicht von mir die Rede sein.
KEINESFALLS.
Mühsam öffnete ich die Augen
und starrte die beiden Personen neben
meinem Bett wütend an.
Die
weibliche Person war ungefähr in meinem Alter, vollschlank aber nicht
dick,
sondern das, was Männer als
*handfest* zu bezeichnen pflegen.
Die
Formen unter dem weißen Kittel schienen mir durchaus ansprechend,
schön aber waren Augen und Haare.
Der weizenblonde Zopf hing schwer und glänzend bis
zur Hüfte und die
tiefblauen Augen sahen
mich unangenehm überrascht an.
Der Mann war klein, mickrig und das übelnehmerisches
Gesicht schien Standard
bei ihm zu sein.
Auch er wandte sich mir eher überrascht zu, als habe er nicht
erwartet, mich schon wieder unter den Lebenden zu
finden.
Die Ärtzin fasste sich zuerst. Freundlich lächelte sie
mich an und die schönen
Zähne in dem
leicht gebräunten Gesicht blitzten .
“
Hallo Herr Grünert, da sind Sie ja wieder, wie fühlen Sie
sich”.
“Top wäre gestrunzt,” antwortete ich...NEIN, ICH
WOLLTE ANTWORTEN.
Aber undeutliches
Gestammel kam aus meinem ausgetrockneten Mund.
Ich versuchte es erneut, während Panik bereits alles in mir
überflutete.
“ Langsam, langsam,” sie
griff nach meiner linken Hand.
Jetzt flippte ich völlig aus, denn ich sah zwar, dass
sie meine Hand hielt,
aber ich fühlte es
nicht.
Der Schreck war gewaltig und ich unfähig, ihn in Worte
zu fassen.
Mit einem unartikulierten Laut
des Schreckens griff ich mit der Rechten hinüber
und riß meinen linken Arm hoch, der an mir hing wie etwas, das
nicht zu mir gehörte.
“ Er weiß Bescheid “, die Ärztin zog blitzschnell eine Spritze auf, die sie mir geschickt und rasch injizierte.
Unvermittelt schien
alles, was um mich herum geschah, bedeutungslos zu werden.
Mein Bewusstsein wehrte sich noch kurz dagegen, auf
diese Weise
ausgeschaltet zu werden, aber
der Kampf ging verloren, ich trat weg.
„Was ist Aphasie?“
Das war die Stimme meines Bosses, die da gedämpft an mein Ohr
drang.
Ich kehrte zurück aus dem Land der
Sorglosen.
„Aphasie ist Verlust der normalen Sprachfähigkeit
durch Schlaganfall oder Unfall.
Es kann
allgemein mit dem Wort "Sprachlosigkeit" übersetzt werden .
Dieser Begriff wird aber nur für Sprachstörungen
verwendet, wenn der
Betroffene seine
normale Sprachfähigkeit durch einen Schlaganfall oder
einen Unfall verloren hat. Es gibt sehr große
Unterschiede.
Störungen bei Aphasie können
massiv und bleibend, aber auch reparabel sein.
Oft sind sprachliche Fähigkeiten lediglich eingeschränkt, z. B.
das Finden der richtigen Wörter.
Es ist
aber auch möglich, dass das gesamte Sprachverständnis verloren
ging.
Aphasiker sind nicht geistig behindert.
Die Sprache ist gestört, nicht das Denken und Wissen
der Betroffenen.
Aphasie hat nichts mit
geistiger Behinderung zu tun.
Die
Betroffenen können Zusammenhänge begreifen und
die Realität wahrnehmen, sie haben lediglich die Fähigkeit
verloren, sich
sprachlich
mitzuteilen.
Dies wird oft als "Kerker der
Sprachlosigkeit" beschrieben und ist für die
Betroffenen besonders quälend.
Sie denken, verstehen und fühlen, können sich aber nicht
mitteilen.
Sprechen Sie also mit dem
Patienten, wie sie es tun würden, wenn er sich
nur ein Bein gebrochen hätte.“
Die blonde Ärztin sprach, als sei es ungeheuer
wichtig, meinem Besucher die Art meiner Erkrankung zu
verdeutlichen.
Na fein dachte ich wütend, und versuchte die beiden
Personen, die neben
meinem Bett standen zu
ignorieren.
Ich hielt die Augen weiter
geschlossen, nicht bereit, meinem Boss mehr zu gönnen,
als den Anblick eines schlafenden Mitarbeiters.
Es kam ja gar nicht in Frage, dass er mich als
stammelndes und weitgehend
bewegungsloses
ETWAS wahrnahm.
Ich würde meine Situation
zunächst einmal für mich zu klären haben, ehe ich zuließ,
dass die Leute aus meinem beruflichen Umfeld Mitleid
oder Schadenfreude raushängen ließen.
Das
würde je nach Veranlagung und meiner Beziehung zu ihnen durchaus
unterschiedlich sein, aber was Rottenhuber, meinen
Boss betraf, war mir völlig klar,
dass er
triumphieren würde.
Er war mich
losgeworden, ohne sich mit dem Vorstand anlegen zu müssen.
Zumindest wähnte er sich gerade in dieser
begrüßenswerten Situation.
Ein kurzes
Blinzeln und ich erkannte seinen satten zufriedenen Gesichtsausdruck.
Wenn der Ärztin anhand der Apparaturen, an die ich
angeschlossen war,
mein Erwachen nicht
entgangen war, dann ließ sie sich das nicht anmerken.
Sie komplimentierte meinen Besucher mit dem Hinweis,
ich brauchte in aller erster Linie Ruhe, freundlich
aber entschieden aus dem Krankenzimmer.
“Nun, denken Sie nicht es wird Zeit, sie stellen sich dem Leben”?
Sie stand neben meinem Bett und ihre Stimme war nicht
etwa einfühlsam und
aufbauend, sondern
eher aggressiv, mit einem deutlichen Unterton von Verachtung.
Die Dame war wohl aus der Gilde der
Kasernenhofschleifer .
Ich öffnete ein Auge und war ihr einen mörderischen
Blick zu.
Dann winkte ich aufgebracht mit
dem gesunden rechten Arm und machte
ein
paar Schreibbewegungen. Sie verstand sofort und reichte mir Block und
Kugelschreiber.
"Wenn Sie einen zum Essen einladen, kann man aber
wirklich sicher sein,
Sie scheuen keine
Ausgaben,"schrieb ich etwas krakelig auf den Block und als sie
mich verständnislos ansah, wies ich auf die am Halter
baumelnde Flasche, deren Zuleitung in meiner
linken Armvene lag und kniff ein Auge zu.
Sie lachte laut los und dann setzte sie sich auf den
Bettrand.
” Gott sei Dank, Sie begreifen,
wie wichtig es ist, jetzt nicht die Nerven zu
verlieren, es würde Ihnen keinen Schritt weiterhelfen.
Im Gegenteil, depressive Aufgabe wird ihren Zustand
nur verfestigen.
Wenn Sie da wieder
rauskommen wollen - und glauben Sie mir, es ist möglich -
dann müssen Sie sofort damit anfangen, es darf keine
Sekunde ungenützt vergehen.
Sie nahm meine gesunde Rechte, drückte sie und hielt
meinen Blick fest,
als wolle sie mich
hypnotisieren.
“Ich werde Ihnen zur Seite
stehen. Das hier müssen Sie nicht allein bewältigen.
Ich werde da sein, wann immer Sie mich brauchen, wir schaffen
das.”
Dessen war ich sicher, denn alle meine Erwartungen
waren auf diesen
einen Punkt gerichtet und
ich verschwendete keinen Gedanken daran,
wie sehr sich dieses neue Ziel von jenen unterschied, die ich noch
24 Stunden
vorher so ehrgeizig und
zielsicher angestrebt hatte.
Ich würde zu
kämpfen wissen.
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