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Erste Liebe und ihre Hindernisse
Da lag ich in einem mir völlig fremden
Bett und kotzte mir über den
Bettrand hinweg die Seele aus dem Leib - völlig
unfähig zu begreifen,
wie ich hierher gekommen war, und nur noch
einen Gedanken im Kopf:
Um Himmelswillen, wann endlich würden
die Wände dieses Zimmers aufhören,
unablässig nach hinten wegzukippen?
Es reichte doch nun wirklich, dass dieses bescheuerte
Bett,
wie eine Schiffschaukel schwankend, meinen
Magen zu wilden Sprüngen veranlasste.
Und was, zur Hölle, wollte dieser Kerl
hier, der dauernd versuchte,
mir den Kopf zu halten und Samariter zu spielen?
Energisch stieß ich ihn weg und übergab
mich erneut, absolut sicher,
das könne nun nur noch ein Reflex sein,
denn da war nichts mehr,
das sich noch hätte in die Schüssel
neben dem Bett entsorgen lassen.
Nicht, daß ich mich zu dem Zeitpunkt
gewundert hätte, das kam erst später,
jetzt litt ich, und wie.
Stöhnen, würgen und meinen Helfer
verwünschen war alles,
wozu ich noch fähig war, und die Geduld,
mit der er dies hinnahm,
festigte die Überzeugung in mir, dass
er an meinem Zustand nicht so ganz unschuldig war.
Klar ich hatte den ersten Rausch meines jungen
Lebens.
Dass es auch der letzte sein würde, war
ebenso klar.
Ich pflegte ab sechzehn zumeist schon aus
gravierenden Fehlern
zu lernen, und dies hier war einer von der
Sorte, den ich gern ungeschehen gemacht hätte.
Dabei hatte alles so toll angefangen!
Ich, aus der Stadt kommend, auf einer Dorfkirmes.
Umschwärmt von der gesamten männlichen
Jugend dieses Eifeldörfchens,
für die ich sowas wie ein Paradiesvogel
war mit meinen langen blonden Haaren
und dem weitschwingenden, feuerroten Glockenrock
über braungebrannten langen Beinen.
Die Dorfgockel umlagerten mich regelrecht.
Ich erntete zunehmend düstere Blicke
von einigen Dorfschönheiten, die so aussahen,
als kriegten sie gleich ein Problem damit,
mich in ihrem Revier wildern zu sehen.
Meine Freundin, die mich überredet hatte,
sie in diesem Nest zu besuchen,
stieß mich aufgeregt in die Seite:
"Das ist Erich, denen gehört der größte
Hof im Ort, toller Mann was?"
Mann? Na ja, ich schätzte ihn auf ungefähr
zwanzig,
womit er dann wirklich auch aus meiner Sicht
zu den Erwachsenen gehörte.
Er war groß und breitschultrig, sein
Jägeranzug saß wie eine zweite Haut;
ein Dorfbeau, aber schon imponierend.
Es interessierte mich zwar absolut nicht, wer
hier im Ort zur Prominenz
gezählt wurde, aber der hier war schon
einen zweiten Blick wert.
Ich kam mir vor wie in dem Musical "West Side
Story".
Da kreiste der Obermacker auch um die Erwählte
und zeigte
dem Rest der Bande, daß er Anspruch
auf sie erhob.
Genau so ging der blonde Erich vor.
Langsam, aber zielsicher, schob er sich in
meine Richtung vor.
Machte hier ein Späßchen , nahm
dort einen Schluck aus einem
hingehaltenen Bierglas, er hielt regelrecht
Hof.
Der Kronprinz des weitum größten
Anwesens versicherte sich
der Gefolgschaft seiner Untertanen.
Genauso gut hätte er der Bandenführer
einer Großstadtgang sein können.
Er wurde auf eine Weise respektiert und hofiert,
die schon etwas
Lächerliches an sich hatte, zumindest
für mich.
Ich begann mein eigenes Spielchen.
Wohl wissend, daß er mich insgeheim nicht
aus dem Auge ließ,
bewegte ich mich von ihm fort.
Was er auch tat, um die Entfernung zwischen
uns zu verringern,
ich wandte mich jedesmal wie zufällig
ab und spann mein eigenes Garn.
Ich wußte damals noch nicht, ob sowas
weiblicher Instinkt ist.
Aber irgendwie hat mir nie jemand sagen müssen,
dass knisternde Erotik
durchaus im Sich -Verweigern, im Zögern
und sogar in einer gewissen
Ablehnung liegen kann.
Ich spielte das ganze Repertoire durch, ohne
mir dessen bewusst zu sein.
Toll ,dieses Gefühl, Macht zu besitzen. Ich liebte es.
"Er will mit dir tanzen".
Meine Freundin raunte es mir hinter vorgehaltener
Hand rasch zu.
Ich lachte nur. "Meine Tanzkarte ist voll, soll sich hinten anstellen."
"Welche Tanzkarte?" Meine Freundin hatte nicht viel übrig für Wortwitz.
Er würde sich schon etwas mehr anstrengen
müssen, ich war voll
und ganz Weibchen, und ich genoß es.
Ich saß keinen Moment, wirbelte mit einem
Tänzer nach dem anderen
über die blankgewienerten Dielen und
sorgte dafür, dass ich am Ende
eines Tanzes möglichst weit von ihm,
aber noch in Sichtweite, anhielt.
Herrliches Spiel der Kräfte.
Jung-Siegfried hing an der Angel, und der
ganze Saal merkte es.
Leider, denn irgendwie schien ich plötzlich
meine Anziehungskraft
als tolle Tänzerin aus der Stadt zu verlieren.
Die männliche Dorfjugend machte Platz
für den Leitwolf.
Wo gerade noch geflirtet wurde, dass sich die
Balken bogen,
breitete sich etwas ähnliches wie eine
epedemieartige Sprachlosigkeit aus.
Ich wurde respektiert, offensichtlich aber
nicht als die Person die ich war,
sondern als wortlos erklärtes Eigentum
dieses Mannes,
der nun wie selbstverständlich auf mich
zukam, den Arm um mich legte
und mit aufreizender Selbstsicherheit sagte:
"Heute Abend tanzt Du mit keinem anderen mehr."
WOW...
Ich war viel zu jung, um das Gefühl, das
mich sekundenlang fast hätte
kapitulieren lassen, richtig einzuordnen.
Erst viel später wußte ich, dass
es genau in diesem Augenblick um ein
Jahrtausende altes Ritual ging.
"Mann" erklärt seine Inbesitznahme, und
"Frau" unterwirft sich willig.
So hätte es also an diesem Abend laufen sollen.
Ich spürte es, dieses Gefühl süßer Lähmung, aber nur sekundenlang.
Hier ging es um viel mehr als eine erste Liebe,
der ich mich in genau
diesem Augenblick für mein Leben gern
ausgeliefert hätte.
Nie habe ich mich so schwach gefühlt,
meine Knie zitterten, und der Arm,
der fest um meine Taille lag, dirigierte mich
wie selbstverständlich auf die Tanzfläche.
Verflucht, konnte der Kerl tanzen! Ich war verloren.
Sämtliche Alarmklingeln in meinem Kopf läuteten gleichzeitig.
Der Traummann, war er das?
Befehlsgewohnt und ebenso sicher, dass seinen
Wünschen entsprochen wurde.
An diesem Abend wollte er die Blonde aus der Stadt, und er pflegte zu kriegen, was er wollte.
Ich hätte wegrennen können...wirklich, hätte ich?
Völlig ausgeschlossen, und ich wußte es.
Ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung, und ich
hätte die Situation
mit weitaus größerer Souveränität
überstanden, aber ich war fasziniert.
Meine Versuche, mich aus diesen Armen zu winden,
hoffnungslos;
Mein Spiel war zu Ende, ich würde dieses
Gefühl, paralysiert zu sein,
nicht rechtzeitig genug überwinden können,
um mich in Sicherheit zu bringen.
Zudem, in welche Sicherheit?
In diesem festen, besitzergreifenden Griff
schien alle Sicherheit,
zu liegen, die ein Mädchen sich wünschen
konnte .
Ich musste mich nur fallenlassen.
Ich hätte in dem Moment wahrscheinlich
nichts dringender gebraucht
als einen Kübel Eiswasser, vehement über
meinem Kopf entleert.
Und dann nahte die Rettung aus einer Richtung,
aus der ich sie zuallerletzt erwartet hätte.
Ein total betrunkener Tänzer warf seine
Partnerin mit einem wilden
Rock`n Roll-Schwung über die halbe Tanzfläche.
Mein Traummann stolperte, riß mich mit
sich, und schon lagen
mindestens vier Tanzwütige, zu einem
wilden Knäuel verschlungen,
auf dem Boden.
Ich zuunterst.
Etwas hatte sich äußerst schmerzhaft
in mein rechtes Fußgelenk
gebohrt und ich schrie laut.
Herbeistürzende Helfer richteten mich
vorsichtig auf und trugen
mich zu einem der Tische.
Im Fußgelenk baumelte ein riesiger Holzsplitter
und wippte
bestialisch schmerzend auf und ab.
Erich umschwirrte mich aufgeregt.
Nichts mehr von überlegener Souveränität.
Er war nur noch ein besorgter junger Mann,
der von Erster Hilfe keine Ahnung hatte.
Sanitäter, schrie er, hierher.
Ich kam mir vor wie ein von Granatsplittern
verwundeter Frontkämpfer.
Der Schmerz trieb mir die Tränen in die
Augen.
Und dann ging alles ganz schnell.
Jemand stürzte mit einem Rot-Kreuz-Köfferchen
herbei und begann
mit äußerster Vorsicht, den Fremdkörper
aus meinem Fuß zu entfernen.
Von hinten wurde mir ein gefülltes Bierglas
mit der Aufforderung gereicht,
ich sollte doch besser trinken, denn jetzt
werde es etwas wehtun.
Wenns denn half.
Ich stürzte den Inhalt des Glases hinunter
und merkte sofort:
Kornschnaps der brutalen Sorte, und das auf
fast leeren Magen.
Er wirkte wie ein Vorschlaghammer, ich merkte nicht mehr, was um mich herum ablief.
Die Schmerzen ließen nach, die Wunde
wurde versorgt und ein Verband angelegt.
Ich saß, etwas töricht kichernd,
noch immer auf dem Tisch der Dorfkneipe,
inzwischen bereit, die ganze Welt nur noch
komisch zu finden,
einschließlich Erich, dessen blonder
Schopf seltsam verschwommen
vor mir auftauchte und wieder zu verschwinden
schien.
Ich war blau wie eine Strandhaubitze, und der Zustand gefiel mir.
Meine Freundin Ina stützte mich von einer
Seite und Erich von der anderen,
wogegen ich mich mit rudernden Armen wehrte.
"Jesses, die ist hinüber," sagte Ina, "wie kriegen wir sie denn jetzt zu mir nach Hause?"
"Wer hat einen Wagen mit?"
Niemand, wie es aussah.
Wer geht schon zur Dorfkirmes mit fahrbarem
Untersatz?
Wenigstens einmal im Jahr wollte man die Sau
rauslassen,
da wäre ein Gefährt nur hinderlich
gewesen.
Jetzt sah es allerdings so aus, als würde
außer mir keiner die Sau rauslassen.
Ich sang inzwischen wilde Lieder, jedenfalls
erzählte Ina mir das einen Tag später,
denn selbst hatte ich längst aufgehört,
mich zu beobachten.
Die Kontrolle war mir entglitten.
"Wir tragen sie" sagte Erich, sah aber so aus,
als begeistere ihn dieses
Vorhaben nicht sonderlich.
Ich war wohl auf dem besten Wege, seinen Siegeszug
auf dem
dörflichen Eroberungsfeldzug rüde
zu unterlaufen.
Ich wurde getragen, und zwar von zwei kräftigen
Burschen,
auf deren verschränkten Armen ich saß
wie Kleopatra in
ihrer Sänfte beim Einzug in Rom.
Hinter mir Erich, der meinen Kopf hielt, der
seinerseits das Bedürfnis
zu verspüren schien, etwas haltlos hin
und her zu pendeln.
Immerhin, mein Traummann plagte sich noch mit
mir ab.
Er ließ mich nicht schnöde im Stich,
obwohl er das leicht hätte tun können,
denn ich war gerade ins zweite Stadium der
Besäufnis eingetreten,
was hieß, ich wurde spitzzüngig.
Die "Hau-den-Lukas-Phase" habe ich das später
immer genannt.
Das ist der Zeitabschnitt, wo der Alkohol
die Zunge geschmeidig macht,
die dann ihrerseits Sprüche abläßt,
die ausreichen würden,
sich eine Serie von Beleidigungsklagen zuzuziehen.
Ich saß also auf den starken Burschenarmen und gab dem Affen Zucker.
Irgendwie muss ich dann aber doch in Inas Bett
gelandet sein,
denn das Nächste, woran ich mich erinnere,
war, dass ich mein Innenleben
von mir gab, Erich meinen Kopf hielt und ich
am liebsten in der Erde versunken wäre.
Leider tat sie sich nicht auf.
Irgendwann muss ich wohl erschöpft eingeschlafen sein.
Ina weckte mich in der Frühe um fünf
mit den Worten:
" Hi du, willst du wirklich den ersten Bus
in die Stadt nehmen,
oder doch auf Erich warten, der fährt
dich gegen zehn hinunter?"
Nie im Leben würde ich dem je wieder unter
die Augen treten.
Ich war so rasch auf den Füßen,
wie es meine Verletzung erlaubte.
Die erste, höchst ernsthafte Attacke auf
meine Jungfräulichkeit war
damit erfolgreich abgewehrt.
Doch meinen eigenen, höchst kargen Anteil
daran,
den wollte ich noch Jahre später nicht
so genau untersucht wissen.
Nur die Narbe an meinem Fuß erinnert
daran, wie bereit ich damals war,
mich dem Jahrtausendritual "Ich Tarzan, du
Jane" völlig gedankenlos zu unterwerfen.
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