am Heiligenabend

zwei Episoden
 




Sie hatten ihm mal wieder die Aufsichtsbehörde auf den Hals geschickt, aber die
würden - wie immer - auf Granit beißen.
Dabei war der Prozess doch erst für das kommende Jahr anberaumt,
das Ganze hätte also Zeit gehabt bis nach den Weihnachtsfeiertagen.

Doch sie saßen bereits im Vernehmungsraum, als sei er ein Verbrecher,
der keine andere Behandlung erwarten durfte als all die Gauner, die er
während seiner 40-jährigen Dienstzeit verhaftet und der Gerichtsbarkeit zugeführt hatte.

Sie vermuteten die Wahrheit, danach sah es aus, aber es sollte mit dem Teufel
zugehen, wenn sie ihn je dazu brachten, einzugestehen, dass er das Hemd
des ermordeten Jungen in der Mülltonne der Nachbarschaft entdeckt
hatte und nicht - wie es in seinem mit viel Akribie verfassten Bericht stand - im Wagen des Täters.
Dieses idiotische System würde ihn nicht mehr aufs Kreuz legen.
Er war es kotzsatt, dass sich geständige Täter im Prozess auf Verfahrensfehler
oder unerlaubte Ermittlungsvorgänge beriefen und triumphierend
als freie Mitglieder der menschlichen Gesellschaft den Saal verließen.
Inzwischen hatte er seinen Ausweg gefunden. Er hatte sich dem Unrechtssystem
perfekt angepasst und überwand es immer geschickter.

Allzu viel Zeit würden sie ihm diesmal nicht zugestehen.
Es war der Nachmittag des 24. Dezember, alle hatten sich ihren Weihnachtsabend
ganz gewiss anders vorgestellt.
Es konnte also sein, dass sie sich mit ein paar gezielten Fragen
zufrieden geben würden und danach jeder seiner Wege ging.
Hinzu kam, dass sie natürlich alle wussten, er würde im kommenden Frühjahr
pensioniert werden, seine Jahre als Ermittlungsbeamter der Mordkommission,
so hatte sein Abteilungsboss bemerkt, sollten also tunlichst nicht mit einem
Eklat enden, der ihn seine Pension kosten konnte.

Als er den Raum betrat, wandten sich ihm alle Gesichter zu.
Die fünf Personen in dem stickigen viel zu kleinen Vernehmungszimmer
sahen ihn an, als sei er bereits dabei, ihnen die häusliche Weihnachtsfeier
perfekt zu vermiesen.

Ehe einer von ihnen ihn auch nur zum Platz nehmen auffordern konnte,
hatte er sich bereits auf den einzigen noch freien Stuhl gesetzt.
Es war zufällig der, auf dem die jeweiligen Täter ansonsten saßen.
Er lächelte leicht und sprach unaufgefordert.

“ Nein, sie werden wegen mir nicht den Heiligen Abend im Familienkreis
absagen müssen und NEIN, ich hatte keine Durchsuchungsgenehmigung
für die Mülltonnen der Nachbarschaft.
Aber die brauchte ich auch nicht, der verdammte Scheisskerl war so sicher,
nicht erwischt zu werden, dass er sich nicht mal die Mühe gemacht hat,
das blutbefleckte Hemd des Kindes unter der Abdeckung des Reserverades zu entfernen.
Vielleicht hat er auch keine Zeit dazu gehabt, denn wie Sie wissen,
haben wir ihn geschnappt, als er mit dem Zehnjährigen seines Zahnarztes
den Rummelplatz besuchte und das Kind anschließend in seinem Auto
bereits halb ausgezogen hatte.
Was glauben sie wohl, wäre geschehen, wenn es diesen Anlass, sein Auto
zu durchsuchen nicht gegeben hätte?”
Er wartete die Antwort erst gar nicht ab, sondern sprach rasch weiter.
“ In diesem letzten Fall gabs nichts mehr zu bestreiten, und die Tötung
des anderen Jungen gestand er also noch am Ort der Verhaftung,
als wir ihm das Hemd unter die Nase hielten.
Sollte unsere Justiz mehr brauchen als ein Geständnis plus Beweisstück,
muss ich leider passen, zugesehen bei seiner Tat habe ich ihm dann nicht.”
Bei den letzten Worten verzog Lieutenant Miller angewidert den Mund
und seine schiefergrauen Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen geschlossen.

Schweigen im Raum.
“ Wie viele Zeugen hatten Sie Miller, als sie das Hemd gefunden haben?”

“ Einen, ich hatte den Zahnarzt in meinem Wagen, der dabei sein wollte,
als wir den Rummelplatz auf der Suche nach seinem Sohn angesteuert haben. “

“ Und genau das ist das Problem”, der Ermittlungsbeamte der Aufsichtsbehörde
sah aus, als ließe er ihn so leicht nicht davonkommen.
Seine knöchernen Hände lagen gefaltet auf dem Tisch und er hatte den
dürren Hals seltsam grotesk in den viel zu weiten Hemdkragen zurückgezogen.
Jedes Mal wenn er sprach, schnellte sein Kopf wie der einer Natter nach vorne, als wolle er sein Gegenüber festnageln.
“Sie wissen, was Ihnen vorgeworfen wird?”

“ Ich kanns mir denken, aber Sie wissen ja, unser Gesetz sagt;
Im Zweifel für den Angeklagten.
Sie können es sich also einfach machen und entweder einem geständigen
Mörder und Kinderschänder glauben, oder einem renommierten Zahnarzt
und einem ebenso unbescholtenen Lieutenant, eine andere Wahl werden Sie wohl nicht haben.”
Er stand auf und wandte sich zur Tür.
“Frohe Weihnachten meine Herren, “, er sah kurz über die Schulter
zurück und fügte hinzu “ keine Sorge, die Ermittlungsakten sind einwandfrei,
dieser Kerl wird sich an keinem Kind mehr vergreifen und ich hoffe,
das erhellt dann trotz all unserer idiotischen Gesetze letztlich doch ihren
Weihnachtsabend entscheidend.
Sanft zog er die Tür hinter sich ins Schloss, bereit den nächtlichen Hafen
aller Einsamen in der Weihnachtsnacht anzusteuern.
Es würde nicht das erstemal sein, dass er die Feiertage in der Kneipe
*Eremite* verbrachte, man kannte ihn dort.
Er würde im Kreis all derer sein, die es - auch welchen Gründen auch immer -
nicht geschafft hatten, irgendwo in dieser Nacht in Liebe aufgenommen zu sein.

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Es würde eine anstrengende Nacht werden.
Sanitäter Bill Teacher - Student der Medizin - kannte diese Nächte,
in denen die Stadt eigentlich in tiefem Weihnachtsfrieden liegen sollte,
stattdessen aber die Einsätze Schlag auf Schlag kamen.
Mürrisch saß er in dem Einsatzfahrzeug und steuerte den Wagen über
die menschenleeren Straßen Detroits, neben ihm der Notarzt,
der schnell noch den Inhalt seiner Tasche überprüfte.
“Es wird schnell gehen,” meinte er dann, “bei der alten Dame war ich schon einige Male,
sie braucht nur Morphium.
Letztes Stadium Lungenkrebs, da ist nicht mehr viel zu machen”.
Er sagte es seltsam unbeteiligt und Bill sah ihn wütend von der Seite an,
nicht zum erstenmal ärgerte er sich über diesen kaltherzigen Idioten und hoffte,
nie so zu werden.
Es mochte unprofessionell sein, als Arzt das Elend der Welt allzu nahe an sich
heranzulassen, aber in seinen Patienten nicht mehr zu sehen,
als ein reparaturbedürftiges Stück menschliches Fleisches erschien ihm seltsam pervers.

Als sie das stickige überhitzte Schlafzimmer in Haus 144 der  43. Straße betraten,
kämpfte die alte Dame in dem breiten Messingbett gerade mit einem Erstickungsanfall.
Keuchend und schwitzend rang sie nach Luft, den Mund weit geöffnet zu
einem lautlosen Schrei aus Angst und Schmerzen.

Bill blieb wie angewurzelt am Fußende des Bettes stehen, außerstande
dem Notarzt die notwendigen Handreichungen zu machen.
Das war doch...... ja, kein Zweifel, die todkranke Frau in dem Bett war Hermine Lederer,
seine Englischlehrerin bis zur matriculation.
Die Frau, die sein Leben entscheidend beeinflusst hatte.
Sie war es, die ihn vor fünf Jahren aus dem Drogensumpf herausgezogen
und seinem Leben eine entscheidende Wendung gegeben hatte.
Er hatte ihr alles zu verdanken.
Nach dem Unfalltod seiner Eltern war er in einen Abgrund der Verzweiflung
gestürzt und untergegangen wie ein Stein.
Sie war die Einzige, die ihn nie aufgegeben hatte, ihn stützte und forderte und als
er gar nicht wieder auf die Beine kommen wollte, auch hart und unnachgiebig anfasste.
Herminchen. Wie konnte es nur geschehen, dass er sie so aus den Augen verloren hatte.
Liebevoll nahm er ihre Hand und erst jetzt erkannte sie ihn.
Die angstvollen Augen weit aufgerissen sah sie ihn mit einem Ausdruck an,
den er sofort zuordnen konnte, begegnete er ihm doch nicht zum erstenmal
in diesem knallharten Beruf.
Sie erwartete etwas von ihm, das er nicht geben konnte. Erlösung !!!

Dann lief alles nach Schema ab.
Morphium und ein Entkrampfungsmittel ließen sie kraftlos in sich zusammenfallen,
aber seine Hand hielt sie fest umklammert.
Als der Notarzt kurz das Zimmer verließ um sich die Hände zu waschen,
flüsterte sie “ hilf mir, um Himmelswillen hilf mir”.

“ Ich komme wieder,” sagte er beschwichtigend, “heute Abend noch,
sobald meine Schicht endet Hermine.

“Lass mich nicht im Stich Junge, ich brauche Dich”.

Kurz vor 23 Uhr in der Weihnachtsnacht, stieß Student Teacher die Schwingtür der
Kneipe * Eremite* auf. Er hoffte mit allen Fasern, jemanden anzutreffen,
mit dem er die Ereignisse dieser Nacht notfalls ertränken konnte.

Dennoch war er seltsam zufrieden als er am Tisch seiner Kneipenbekanntschaft,
Lieutenant Miller, Platz nahm.
Der alte Herr würde verstehen, dass Menschenliebe etwas war,
das man aus Feigheit und Gesetzestreue nicht einfach ablegen konnte.
Das dankbare Leuchten in Hermines Augen hatte jeden Zweifel beseitigt,
dass er das Richtige getan hatte, als er ihr half, eine Welt, die nur noch unsagbares
Leiden für sie bereit hatte, zu verlassen.

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