Edgar...


Ich mag ihn nicht.

Das weiß ich schon nach den ersten fünf Minuten, in denen er den
Vorsitz in der Runde der AA-Angehörigen führt.

Er sieht verbissen und übelnehmerisch aus und es braucht nicht viel Fantasie,
um hinter seinen engen kleinen Augen einen ebenso engen Verstand zu orten.

Und schon geht's los.

Schuldzuweisungen?

Schon, aber keineswegs klar und deutlich, sondern mit süßlichem Grinsen suggeriert.
So als sei er damit beauftragt, den anwesenden Frauen das Elaborat einer Klassenarbeit
verständlich zu machen.

Ich sehe die zarte junge Frau neben mir in ihrem Stuhl immer kleiner werden.
Das sprichwörtliche Opfer für diese Sorte psychologischer Korinthenkacker.

Die geht ihm voll auf dem Leim.

Ansonsten erkenne ich am Tisch eher Befremden und dann unterdrückte Wut in den Gesichtern.

Oha, das muss wohl erst mal verdaut werden.

Die Herren und Damen Alkoholiker sind also Opfer?

Der Kotzbrocken an der Kopfseite des Konferenztisches sieht jeden Teilnehmer an,
als habe er endlich die tiefere Ursache für die Alkoholsucht ihrer Gefährten entdeckt.

Schuldig also auch die Kleine neben mir, deren Blutergüsse an den Handgelenken
nur unzureichend von dem langärmligen Kleid verdeckt werden?

Was mag sie wohl falsch gemacht haben, dass ihr versoffener und gewalttätiger
Lebensgefährte hier auf clean getrimmt wird?

Unser Gastgeber wirds ihr sicher sagen und damit noch den letzten Rest
Selbstbewusstsein in ihr zertrümmern.

"He Doc, wellste mich vielleich inrede, minne Alde säuft weil he mit mich verhirot es?"

Die korpulente Frau zu meiner Linken protestiert in breitem rheinischen Dialekt.

Dann lacht sie prustend los; " Na dat arme Kerlche, he säuft awer schon dreissig
Johr der Arsch und ech kenne den ers drei Johr.
Wie wellste dann dat erkläre?"

" Na wenn Sie das schon wussten, wieso haben Sie ihn denn überhaupt geheiratet",
die schöne Blondine mit dem harten Mund, mir gegenüber sagt es etwas spöttisch.

" Ech haat nix ze laache Du Schlaui", antwortet die Rheinländerin,
" da hann ich mich gedaacht, langweilig würd et mit dem ganz sicher net
und jenau dat wurd et dann och net".

Und dann informierte sie die Versammlung der AA-Angehörigen munter und
ohne die geringsten Hemmungen über diese drei Ehejahre, in denen sie ihn
sechsmal aus einer Ausnüchterungszelle befreit, zweimal zu einer Entgiftung
begleitet und immer wieder versucht hatte, seine wechselnden Arbeitgeber
vergeblich davon abzuhalten, ihn zu feuern.

"Madam, ohne mech, wär minne Justav längs onner de Erd",
schloß sie und putzte sich energisch die Kartoffelnase.

"Und Ihnen ist nie der Gedanke gekommen, dass es vielleicht gerade ihre Art
ihn immer wieder aufzufangen ist, die ihn glauben lässt, er muss sich ja nicht bemühen,
Sie werden schon alles für ihn richten?"

Der Psychoheini klingt so provozierend als wolle er die clevere Kölnerin
vor aller Augen und Ohren als Despotin entlarven, deren armes Opfer
sich nur in die Entziehungklinik retten konnte.

Seine kleinen, boshaften Augen glitzern.

Aha, die übliche Tour.

Ich kenne das, die Schwachen unter uns sind schuldig, weil sie alles mit sich
geschehen lassen, und die Starken kommen dennoch nicht ungeschoren davon,
sie sind ebenso schuldig, weil sie helfen wollen.

Ich schalte innerlich ab, diesen Abend kann ich nur noch vorübergehen lassen.
Er bringt keinerlei Erleuchtung.
Keine Hinweise, nichts, das sich irgendwie verwerten ließe.
Entweder schafft Karl diesmal den Entzug und bleibt trocken, oder unsere Trennung ist endgültig.

Ich lehne mich zurück .
Die Gespräche rauschen an meinem Ohr vorbei und ich denke mir über
den Widerling im weißen Kittel eine Story aus.
Analysiere ihn, stufe ihn ein und zerlege ihn in seine charakterlichen Einzelteile.

Das Namensschild an seinem weißen Kittel weist ihn als Edgar Stenzel aus
und ich bin sicher, das ist kein Zufall.
Alle miesen Typen in meinem Leben hießen Edgar.
Es scheint da sowas wie ein Gesetz der Serie zu geben.

Es kann nicht anders sein....

Ich träume vor mich hin, beobachte ihn aus den Augenwinkeln
und stelle mir sein Leben vor.

Er ist mitten in der Lebenskrise.

Die einzigen Vorfälle in seinem Leben sind allenfalls noch die seiner Bandscheiben
und wenn er sich entschließt, mal wieder die Sau rauszulassen,
reichts gerade dazu, dem Nachbarn die Sonntagszeitung aus dem Postkasten zu stehlen.

Kein Mensch ist sonderlich erbaut davon, den Kotzbrocken einzuladen
und die einzigen Aufforderungen die er demzufolge bekommt,
sind entweder vom Finanzamt, oder Einladungen zum Elternsprechtag,
wo er sich für seine Brut verantworten soll.

Vielleicht schreibt er in einer öffentlichen Newsgroup, ja, das könnte passen.

Dann tippselt er garantiert Erbauliches voll vermeintlichem Tiefsinn in seine Tastatur.

Sowas wie...."Ach ja, wir alle sind Maiskörner", diese Art verbalen Schwachsinns
traue ich ihm zu.

Allerdings ist er selber eher ein Popcorn.
Knallt garantiert pausenlos aus der Pfanne und versaut die ganze Küche.
Leider ist es zumeist nicht die eigene.
Er scheint der typische vom Leder ziehende Userschreck zu sein.

Wie alle Feiglinge schnüffelt dieser Typ wahrscheinlich zuerst wie ein
preisgekröntes Trüffelschwein und stürzt sich dann auf die Person,
die er für das schwächste Glied in einer Diskussionskette hält.

Genau so, wie er im Moment auf die kleine verschüchterte Frau neben
mir losgeht, die ihm absolut nicht gewachsen ist.

Aber ich höre nicht wirklich zu, ich zerlege ihn gerade sinnend
genüßlich in hübsche Streifen.

Ab und an wird ihn der fatale Wunsch packen, seine geistige Potenz flächendeckend
ins Usenet zu ergießen....

Dann schwingt er sich garantiert zu irgendwo aufgelesenen Satz-Splittern aus der
Kunstszene auf, palavert über die postmoderne Begrifflichkeit von Ästhetik
und hält wahrscheinlich den Atem an vor Besorgnis,
es könne vielleicht eine kompetente Antwort kommen.

Es ist immer so anstrengend die Suchmaschinen zu frequentieren,
was aber zur Erstellung eines einigermaßen sachkundig klingenden
RE‘s absolut unerlässlich wird.

Der Weißkittel macht’s hier gerade ähnlich, haut ein paar medizinische
Fachbegriffe ins Gespräch, wohl wissend, dass ihn keiner der Anwesenden
fachlich widerlegen kann und sieht dabei aus, als betätige er sich ohnehin
völlig unter seinem Niveau.

Ich träume weiter und die Stimmen im Raum erreichen mich nicht mehr.

Ich habe den Fiesling gedanklich in eine NG katapultiert und sehe zu...

Wie er mal wieder in die Runde tönt, der Beitrag eines Users habe ihn in
die eigene Tastatur kotzen lassen. Stelle mir vor, dass wahrscheinlich einige
daraufhin die Kindersicherung einschalten und der Rest der Lurker und
Schreiber sich wohl zu fragen beginnt, ab welcher Demonstrationstiefe
Prolligkeit wohl noch zu steigern sei.

SEX.... ich schrecke kurz auf.
AHA, jetzt kommt hier die Voyeur-Tour, auch allseits bekannt.
Unser Vorsitzender versucht, in die Intimsphäre seiner Gäste einzudringen
und sieht aus, als habe er die Absicht, sich einen preisgekrönten
Porno zu Gemüte zu führen.

Um die Runde aufzulockern, lässt er überdeutliche Anspielungen auf sein
eigenes unerfülltes Sexualleben fallen wie ein Hund die stinkende
Socke seines Herrchens und die Runde schweigt betreten,
in der vergeblichen Erwartung, es möge ihm endlich einmal etwas rundum peinlich sein.

Stattdessen fühlt er sich eher aufgerufen, sein unerquickliches Beziehungskistendrama
breitflächig aufzurollen.
Schweift kurz ab zu einigen Attacken gegen Alice Schwarzer und deren Anhängerschaft
und als eine der Frauen mutig Partei ergreift für die weibliche Emanzipation,
quittiert er diese Dreistigkeit mit einer überheblichen Tirade gegen Lesben
und solche die es nur deshalb nicht seien, weil ein echter Mann sie mal
so ordentlich rangenommen habe.

Niemand – auch ich nicht – stellt die Frage. in welchem Umfang er sich wohl
selbst liebend gern an dieser Art Hilfsdiensten beteiligen möchte.

Völlig klar, diese Sorte uriniert grundsätzlich im Stehen.
Schließlich erweist sich der Mann erst als solcher bei einem Mindestabstand
von 50 Zentimetern zwischen Klobrille und schüttelbereitem Einzelteil.

Sollte sich jemals die Frage ergeben, ob gelebtes Leben einen Charakter nicht
zumindest ansatzweise verändern könne, hier wird sie beantwortet:

Nichts verändert jemals Männer wie Edgar !!

Jedes Atom seines Seins unterliegt offensichtlich schon seit Generationen
einem degenerativen Schub nach dem anderen, was seine Umgebung nur
noch verzweifelt auf die Erkenntnisse der Genforschung hoffen lässt.

Eine Umkehrreaktion könnte hier vielleicht noch für seine Nachkommen
Abhilfe schaffen, für ihn aber scheint der Zug abgefahren zu sein.

Und dann geschah es.

Die Rheinländerin sprach...und damit sie diesmal auch jeder verstand,
in reinstem Hochdeutsch;
" Also ich habe heute Abend nur eine Erkenntnis gewonnen",
sie sah ihn kriegerisch an;
Ihr Einfühlungsvermögen wird zwar kaum je über Ihre hier demonstrierte
Denkweise siegen, aber die Vorstellung, dass Sie irgendwann im
Altersheim sitzen und das Einzige, was sie noch hochkriegen Ihre
Augenbrauen sind, wird ab sofort zu meinen Lieblingstagträumen gehören."

Amen, sage ich laut.....und erhebe mich..... "wir leben alle von Visionen."
 
 

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L.Warmeling - Januar 2002