Die Föderation




Die Entscheidung fiel unglaublich schnell.

Immerhin standen für die Aufnahme des Erstkontaktes zu Beginn der
intergalaktischen Konferenz ganze 17 Welten zur Wahl.

Die Föderations-Zentrale hatte die nötige Energie für eine telephatische Standleitung
zwischen den Konferenzteilnehmern für eine volle Dekade eingeplant, als bereits zu Beginn
der Begriff "die Erde" auftauchte.
Wellen der Überraschung durchliefen die Versammlung, die per Bildchirm
in direktem Blickkontakt stand.
Wieso ausgerechnet die Erde?
War sie nicht noch in der letzten Besprechung an das Ende der Skala jener Planeten
gerückt, die in absehbarer Zeit in die Föderation aufgenommen werden sollten?

Einhelliges Urteil damals, dieser Planet sei noch mitten in einer archaischen Phase.
Seine kriegerischen Auseinandersetzungen unübersehbar und die Gesamtbevölkerung weit
davon entfernt, reif für den Sprung in die föderalistische Grundordnung zu sein, die
auf ewigem Frieden basierte.
Lady A(mbassador) strich sich eine Strähne des schwarzen Haares aus der Stirn
und ihr Gesicht drückte keinerlei Gefühlsregung aus, als sie ihre
Gedankenströme in die aufnahmebereiten Übertragungsgeräte fließen ließ.

"Es trifft zu," dachte sie ruhig, "dass die menschliche Rasse am Anfang einer
Entwicklungsstufe steht, die ‚aufsteigend‘ ist.
Man könnte also wagen, alle Veränderungsabläufe der Zukunft zu
überlassen; sie würden unter gewissen Bedingungen irgendwann umgesetzt,
ohne dass es dazu unserer jetzigen Einflußnahme bedarf, auch wenn Jahrhunderte
vergehen, bis - nach einer Serie von Rückschlägen - so etwas wie wirklich
humane Wege eingeschlagen werden.

Es ist jedoch zu befürchten, dass die Bewohner des Planeten Erde diese
natürliche Entwicklung nicht mehr erleben werden, weil Ihre Weichen seit
einiger Zeit kontinuierlich in die falsche Richtung weisen.
Alles, was jetzt mit der Hilfe der Föderation verändert werden kann, könnte bedeuten,
dass diese Fehlentwicklung gestoppt wird, bevor sie als ‚nicht mehr umkehrbar‘
bezeichnet werden muß."
Ihre großen, dunklen Augen in dem fast goldfarbenen Gesicht schienen
die Konferenzteilnehmer direkt anzusehen, ein leises Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

"Genau in dieser Situation gab es nun einen ‚Ruf‘ von der Erde."

Sie zögerte kurz und fuhr dann fort: "Jemand entwickelt tagträumend visionäre Phantasien.
Es ist ein männliches Exemplar dieser Spezies, und unsere Ortungssonden registrieren
seine gedanklichen Schwingungen nun seit etwa 5 Jahren und speicherten sie.

Da ich für diesen Teil des Universums zuständig bin, stellt sich jetzt für mich die
Frage, ob die Zeit gekommen ist, die Erde in unsere Erweiterungspläne einzubeziehen.
Früher als vorgesehen, das gebe ich zu, aber unsere Richtlinien besagen,
dass wir bei der drohenden Entartung einer Lebensform das Recht haben,
einzugreifen, wenn dabei die Tarnung unserer eigenen Existenz und der anderer
in dieser Galaxie im weitesten Sinne gewährleistet bleibt."

Sie hielt inne und hoffte, dass niemand die leichten Schwankungen in der Übertragung
bemerkte .
Noch immer galt es, höllisch aufzupassen und gedankliche
Informationsblöcke von dem Teil der Hirntätigkeit abzukoppeln, der zum intimen
Gedankengut gehörte und keiner Fremdsicht zugänglich war.
Es ging diese Entscheidungsträger nichts an, dass sie diesen Ausnahmemenschen
seit mehr als einem Jahr persönlich beobachtete und im Laufe dieses Jahres eine Affinität
zu ihm entwickelt hatte, die sie ernstlich beunruhigte und der sie auf den Grund gehen wollte.
Immerhin war er nur ein Mensch. Es sollte also leicht sein, ihn und sein Wesen
auszuloten; er würde sich ihrer Kontrolle nicht entziehen können.

Die Tatsache, dass er eine außergewöhnliche gedankliche Kraft entwickelte,
sollte kein Hindernis sein.
Ein Gefühl leichter Unruhe überfiel sie, fast der Vorfreude ähnlich,
die sie anlässlich der Föderationsturniere empfand, wenn es galt, den Sieg über
die gedankliche Manipulation sämtlicher Raumkommandanten zu erringen.
Sie hatte noch in keinem Jahr seit ihrer Ernennung diesen Sieg verfehlt.
Und er schien jetzt Früchte zu tragen, denn keine der zugeschalteten Personen
hatte bis jetzt die intensive Verstärkung ihrer Gehirnwellen bemerkt,
die jedes mal dann auftrat, wenn der Begriff "Erde" fiel.

Vorsorglich hatte sie mit der neuen, von ihr entwickelten Modifizierungstechnik
emotional steuerbare " Impulse" eingegeben, die bei einer telepathischen Konferenz
den Teilnehmern neben ihren Gedanken auch das entsprechende, von ihr
beabsichtigte "Gefühl"   übertragen würden.
Skrupel ob dieser Manipulation hatte sie nicht, eben so wenig wie sie vorhatte,
diese neue Technik vorläufig an den Ausschuss für Neuentwicklungen zu übergeben;
sie hatte ihre Pläne, und die wichen gerade wieder einmal von denen der Föderationszentrale ab.

"Stimmen wir ab" sagte der Vorsitzende und sah sie freundlich an.

"Ich denke, dass Lady A. unser aller Vertrauen verdient, und da ihre eigene
Weiterentwicklung eng mit diesem Abschnitt des Universums verknüpft ist,
schlage ich vor, alle notwendigen Maßnahmen, welche die Erde betreffen,
in ihre Hände zu legen".
Er sah sich in der Runde um, und als niemand der Teilnehmer Einspruch erhob,
nickte er zufrieden und schob seinen Stimmzettel in den Auswertungsdekoder.

Schon bald stand das Ergebnis fest:
Es gab -120 JA-Stimmen zu 119 NEIN-Stimmen -.
Die Erde war damit als nächster Föderationskandidat - wenn auch nur mit hauchdünner Mehrheit - akzeptiert.

Befriedigt schloss Lady A. die Übertragungswand und lächelte.

*

Noch am gleichen Abend, die Wogen des smaragdgrünen Meeres brandeten
gegen die Steilküste, auf der ihr Haus stand, ging die Lady daran, ihre Crew
für den Erdkontakt zusammenzustellen.
"Fassen wir zusammen" sagte Lady A. knapp.
"Unsere Gruppe ist für den Abschnitt Milchstraße verantwortlich...
und damit ist der geistig-moralische Aufstieg der Erdenbewohner,
in welche Höhen auch immer, für uns eine Bestätigung unseres bisherigen Lehrprogrammes.

Jede Stufe, welche die Erde auf diesem Wege schafft, bedeutet für ‚unsere Gruppe‘,
dass unser Lehrkonzept stimmig ist und öffnet damit für uns selbst ebenfalls
neue Aufstiegsmöglichkeiten.
Immer vorausgesetzt, es gelingt, eine Richtungsänderung hin zu einer dauerhaften
Friedensbewegung, nur zu unterstützen und anzuregen, nicht aber direkt auszulösen" fuhr sie fort.

"Keine Lebensform wird also auf den ‚WEG‘ gezwungen, sondern Einzelexemplare
haben die Möglichkeit, mit unserer Hilfe bestehende Gegebenheiten zu verändern
und herauszufinden, ob diese verbesserten Abläufe die Menschheit insgesamt
aus ihrer degenerierten Phase herausreißen oder nicht.

Dieser visualisierende Mensch, ich glaube, er hat den lächerlichen Namen Lucky,
wird also die Gelegenheit bekommen, Einfluss zu nehmen auf die Geschehnisse auf seinem Planeten.
In seinem Fall wurde aufgezeichnet, dass er ein komplettes Konzept zu Rettung
seines Planeten visuell erarbeitet hat, wir ihm also lediglich die Basis zu schaffen haben,
diese Pläne umzusetzen.
Ohne unser Eingreifen hat er keine Chance, zumal er in seinem Lebenskreis
aufgrund persönlicher Einbrüche als alkoholgefährdet gilt.
Dieser Mann ist für unsere Pläne außerordentlich wichtig, und daher behalte ich mir vor,
ihn nach Aufnahme des Erstkontaktes selbst zu führen."

Auf einer Wand des riesigen Raumes lief soeben eine neue Informationsübertragung
von der Erde an.

**

Zu gleichen Zeit löste sich eines der Teammitglieder von der Übertragungstastatur und
lehnte sich befriedigt zurück.
Das Ereignisfeld war perfekt eingestellt, die Dinge auf der Erde würden genau so
ablaufen, wie er sie auf Lady A.`s Anweisung hin programmiert hatte.
Damit war sein heutiges Pensum erledigt.
Die Einstellungen der Traumfrequenz waren ebenfalls erfolgt, allerdings hatte die
Lady sich vorbehalten, dies für den Mann namens Lucky selbst zu tun.
Diese Anweisung war ungewöhnlich, aber er hinterfragte ihre Befehle nicht, sie war der Boss.

**

Lady A(ambassador) nahm letzte Justierungen an dem Emotions-Überträger vor, den sie
für die Traumfrequenzen unbedingt einsetzen wollte.
Diesmal schien ihr der reine Telepathiekanal nicht ausreichend zu sein,
nicht für ihre Verbindung zu Lucky.
Er war selbst Telepath, wenn auch nicht annähernd mit der gleichen Empfangs- und
Sendestärke ausgestattet, wie sie selbst.
Trotzdem würde er in der Lage sein, fremde Gedanken zu erkennen und sie
möglicherweise abzublocken.
Dem war schon beim ersten Kontakt entgegenzuwirken, was nur gelingen konnte,
wenn sie ihm nicht nur ihre Gedanken suggerierte, sondern zeitgleich auch ihre Emotionen.
Er musste bereits zu Beginn ihre Erregung spüren, ohne aber deren wirkliches
Ausmaß registrieren zu können, sie musste ihn leiten, ohne ihn spürbar zu dominieren.
Er war eine höchst komplizierte menschliche Spezies.
Ihre Signale zu ignorieren würden seine Neugier und sein Forscherdrang nicht zulassen.

Sie betrachtete sein Standbild auf dem riesigen Übertragungsschirm und schickte
als ersten Testversuch ein Gefühl freudigen Erregung durch den Kanal.

Er reagierte sofort.

**

Lucky hatte an Bord des TWA-Fluges nach New York wohl doch allzu reichlich
den so freigiebig ausgeschenkten Drinks zugesprochen, fühlte sich ausgepowert,
unsagbar müde und döste in seinem Sitz vor mich hin.

Da.....da war es wieder, dieses seltsame Gefühl, beobachtet zu werden.
Er kannte es aus vielen ähnlichen Situationen des letzten Jahres.
Eigentlich sollte er sich inzwischen daran gewöhnt haben, immerhin wusste er ja,
es war nur ein Gefühl, das wieder verging, und nicht etwa eine beginnende Paranoia.
Vielleicht hatte es auch etwas mit seinem Alkoholkonsum zu tun, er wusste es nicht.
Fakt war jedoch, dass es umso intensiver spürbar wurde, je angetrunkener er war.
Wie jeder Trinker bildete er sich ein, dass seine grauen Zellen erst ab einem
gewissen Pegel eine absolut bemerkenswerte Tätigkeit entwickelten .
Er fühlte sich dann, als bedürfe es nur noch eines kleinen Anstoßes,
und er würde nicht nur in der Lage sein, vor einer Fachversammlung der
Mathematiker die Relativitätstheorie zu entschlüsseln, sondern ebenso
kompetent die Erschaffung des Universums zu diskutieren.

Kein Wunder, dass ihm dieser Zustand nur zu gut gefiel, er schien seine Grenzen
aufzuheben und ihn jeglicher Art von Erfahrungen zu öffnen.
Vor allem aber betäubte der Alkohol den brennenden Schmerz, der seit dem
tödlichen Unfall seiner Gefährtin Lorena in ihm tobte wie eine nicht heilende Wunde.

Diesmal war die Intensität des Eindruckes, beobachtet zu werden, ungleich stärker als je zuvor.
Zum erstenmal hatte er das Gefühl, diesen Beobachter lokalisieren zu können.
Es waren Augen, tiefdunkle, sehr große und unglaublich schöne Augen...die Augen einer Frau.
Er konzentrierte sich auf diese Augen, schaltete jeden anderen Gedanken ab.
Ein ein bisher nie da gewesenes Gefühl der Erregung durchströmte ihn.
Ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben ließ.
Es war, als ob ein frischer Windhauch düstere Schleier beiseite blies.
Helligkeit zurückließ, wo seit langem Dunkelheit herrschte.

Für einen Moment gab er sich diesem Gefühl völlig hin.
Der Eindruck einer telepathischen Verbindung verstärkte sich immer mehr.
Verwirrt öffnete er wieder die Augen und betrachtete die anderen Passagiere
um sich herum.
Sie waren jedoch ausschließlich mit sich selbst beschäftigt.
Es gab nicht den leisesten Anhaltspunkt dafür, dass sich die Quelle dieser
seltsamen telepathischen Kraft irgendwo in der Nähe befand.
Fast enttäuscht schloss er wieder die Augen und konzentrierte sich,
versuchte, die Verbindung wieder aufzunehmen – aber es war nichts mehr da...

**

Die untergehende Sonne tauchte die Lower West Side in rötliches Licht,
und der Hudson reflektierte und schleuderte goldene Blitzlichter zwischen
die schwarzen Konturen der Skyline.
Eine angenehm kühle Brise wehte von der Upper Bay herüber und verscheuchte
die brütende Hitze mehr und mehr.
Hier oben auf der Dachterrasse war der Verkehr in den Häuserschluchten Manhattans
nur noch als leichtes Rauschen zu hören.
Lucky und sein Freund Doug saßen auf der Westseite der Terrasse und plauderten
angeregt über die alten Zeiten.
Doug war gerade aufgestanden und wendete die Steaks auf dem Grill.

"So lässt es sich leben, Lucky, ich glaube, ich habe irgendwo sehr viel Glück gehabt,
muss ich ehrlich zugeben. Aber wahrscheinlich bin ich für dich nur ein verwöhnter Snob, was?"

Lucky lachte.

"Das bist du tatsächlich, aber solange ich gelegentlich eine Weile hier
bleiben kann, stört mich das nicht."
Du bist in dem Sinne für mich eine Oase, mag das auch noch so widersinnig klingen.“

"Die ganze Welt ist widersinnig, Lucky, schau sie dir an.
Wenn es irgendwo eine höhere Ordnung gibt, hat sie hier auf der Erde nicht gegriffen.
Betrachte diese Bilder und sage mir, ob du immer noch an eine höherstehende
Ordnung irgendeiner Art glaubst."
Doug schnappte sich die Fernbedienung, die vor ihm auf dem Tisch lag, und zappte
durch die amerikanischen Nachrichtenprogramme.
Der kleine Fernseher auf dem Beistelltischchen zeigte in brutaler Klarheit das Bild
eines höchstens 14jährigen farbigen Jungen, dessen halbes Gesicht von einer
Schrotladung weggeschossen war.
"Die Nachrichten hier sind etwas brutaler als bei euch in Europa," sagte Doug,
"hier siehst du, wie die Welt tatsächlich aussieht.
Das Recht des Stärkeren, Lucky. Immer noch findet eine natürliche
Auslese statt, und die Brutaleren werden überleben.

Keine wunderbaren Zukunftsaussichten, auch nicht für deine UNICEF Aktivitäten.
Alter Freund, vielleicht jagst Du lediglich Illusionen nach!"

Lucky antwortete nicht, sein Blick war seltsam abwesend und er überlegte, ob er dem Freund
die seltsamen Wahrnehmungen der letzten Zeit schildern konnte.
Eine seltsame Scheu hielt ihn noch zurück.
Er wollte die möglichen Versuche seines Freundes, für alles eine logischeErklärung zu finden,
nicht an sich heran lassen.

**

Lady A. war leicht beunruhigt, als sie vor ihrem Abflug zum
Centauri-System, von dem aus die Erde am leichtesten zu beobachten war,
eine letzte Konferenz der Crew ansetzte.
"Ich denke,“ begann sie, „wir müssen ab diesem Termin für eine noch festzulegende
Zeitspanne die Ereignisfelder ausschalten".
"Das wiederum bedeutet, wir müssen testen wie die Entwicklung ohne Dirigismus
ausfallen wird. Es gilt, die Chance für diese Menschen zu erhalten,
sich vollkommen anders zu begegnen, als das für unser Projekt wünschenswert wäre.
Das ist ein Risiko, ich weiß, aber es ist ein notwendiges Risiko.
Ich möchte unsere bisherigen Erfolge nicht aufs Spiel setzen, indem aus einer
richtungsweisenden Einflussnahme unausweichliches "Lenken" wird.
Wir wissen ja alle, dass unsere Arbeit damit von der Föderation als "misslungen"
eingestuft wird und das bedeutet, das Projekt ERDE wird uns entzogen und dieser
Planet fällt für unabsehbare Zeit in die jetzige Daseinsform zurück.
Möglicherweise schließt das einen intergalaktischen Aufstieg der gesamten Spezies
für immer aus, das wissen wir nicht". Lady A. schloss besorgt die Augen.

„Verschaffen wir uns doch noch einmal einen genauen Überblick.
Was müssen wir beeinflussen und was entwickelt sich bereits selbständig auf der Erde.?"

Das Team wandte sich der Leinwand zu, auf der, von einer emotionslosen Stimme begleitet,
eine perfekte Darstellung der Erde und ihrer Lebensformen ablief:

"Im Laufe der Evolution ist die Menschheit - genauer, die westliche Welt -
beim absoluten Schutz des Lebens angelangt und wurde damit unfähig,
Fehlentwicklungen der eigenen Spezies entsprechend zu verhindern.
Infolge dieser unlogischen und unsinnigen Vorstellung, Leben sei
- gleich welcher Art und Qualität - in jedem Fall schützenswert,
lassen sie ihre Alten nicht in Frieden gehen wenn ihre Zeit gekommen ist,
sondern reanimieren auch noch über 80-jährige, mit dem einzigen Erfolg,
dass deren Leiden qualvoll verlängert wird.
Könnte man die Leiden der Kreatur, die durch diese Entwicklung unnötig ins
Uferlose gesteigert werden, hörbar machen, würden sie wahrscheinlich
alle anderen Tonquellen auf diesem Planeten überlagern....

In keiner anderen Galaxis betreibt man u.a. diese höchst seltsame Art der Geburtenkontrolle.
Nirgendwo sonst wird bereits keimendes Leben abgetötet.
Eine derartig barbarische Handlung ist außerhalb dieser Milchstraße und darüber
hinaus absolut unüblich, weil sie in sich unlogisch und irrational ist.
In anderen Gesellschaften, deren Wachstum zwangsläufig gedrosselt werden muss,
ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sich die männlichen Exemplare einem kurzen
Eingriff unterziehen, denn die Natur hat es so eingerichtet, dass dies mit den
geringsten Auswirkungen geschehen kann.
Außer ihrer Zeugungsfähigkeit verlieren männliche Lebewesen durch diesen
medizinischen Eingriff absolut nichts und deshalb ist es für Beobachter in dieser
Galaxis unbegreiflich, dass die zahlenmäßige Beschränkung der Erdbevölkerung
seit Jahrhunderten von einer Unzahl medizinisch/technisch höchst fragwürdiger
und komplizierter Manipulationen an weiblichen Lebewesen abhängig gemacht
wird.
Der erste Schritt zur Zeugung wird nicht etwa verhindert,
was logisch wäre, sondern zugelassen, um ihn sodann gewaltsam und blutig abzubrechen.

Dies liegt natürlich an den maskulinen Machtverhältnissen auf diesem Planeten, die anscheinend
nicht umkehrbar sind...noch nicht.
Daraus resultieren dann auch noch viele andere inhumane Abläufe, die eigentlich
abzustellen wären.
Kriege, Gewaltverbrechen und, außer der Vernichtung der
eigenen Brut auch die Ausrottung anderer Gruppen mit der typisch menschlichen Begründung,
die eigene Art müsse vor Überfremdung geschützt werden und, so dies nicht zu erreichen scheint,
müsse man Andersdenkende und Andersgläubige entweder gewaltsam überzeugen oder töten.

An dieser Stelle, wird klar, wieso der Planet ERDE in der Einschätzung unserer
humangenetischen Beobachter nicht einmal einen Mittelplatz einnimmt.
Die Entscheidung, helfend einzugreifen, wurde dennoch anlässlich der letzten
intergalaktischen Konferenz beschlossen, wenn auch nur mit einer einzigen Stimme Mehrheit,
dafür aber ausdrücklich mit der Kennzeichnung

"bis auf Widerruf".

Lady A. unterbrach die Darstellung und richtete mit ein paar Handgriffen
die Beobachtungsinstrumente auf eine irdische Laboreinrichtung.

Ein großer, breitschultriger Mann in weißem Kittel saß vor einer riesigen
Computerwand auf der in schneller Reihenfolge eine Serie medizinischer Daten ablief:

"Dies hier,“ sagte die Lady befriedigt, „ist eine eigene irdische Entwicklung.
Wir haben zu keiner Zeit auf diesen Forschungszweig Einfluss genommen und
werden es auch nicht tun. Der Mann an der Spitze, der Bio-Ingenieur und Allroundforscher
Alfred Sabel, arbeitet aus eigenem Antrieb in unserem Sinne.

Dies ist die irdische Medizin der Zukunft.
Das Ganze ist zwar noch in der Testphase, wird aber in aller Kürze auf Bereiche
ausgeweitet werden, von denen der Mann an der Computerwand nicht einmal ahnt,
dass sie für seine innovativen Ziele in Frage kommen".

Sie justierte die Kameras auf Optimalübertragung.

Der Sprecher schaltete sich wieder zu und begann mit seinen Erklärungen;
"Derzeit im Test....computerüberwachte Patienten.
Ein Team von Bio-Ingenieuren überwacht in diesem Institut Schlaganfallpatienten aus der Ferne.
Den Patienten wurde ein Chip in den Arm transplantiert und ein Ultraschall-Blutdrucksensor
am Arm angebracht, damit ist er ans Computernetz dieser Klinik angeschlossen.
Wo immer er sich aufhält, seine medizinischen Daten werden per Funk an die Klinik übertragen.

Das System funktioniert auch in die umgekehrte Richtung.
Ein computergesteuertes Überwachungssystem teilt dem Patienten mit,
wann er welche Medikamente nehmen muss.
Diese Fernbetreuung ist zwar nur ein auf 2 Jahre befristetes Experiment,
aber da es bereits existiert, darf die Föderation die Weichen stellen.“

Hier unterbrach die Lady den Sprecher erneut und wandte sich an ihre Crew:

"Unsere Einflussnahme geht also dahin, dass wir diese Forschergruppe mit dem
uns zugewiesenen Erdenmenschen Lucky, zum Zweck gemeinsamer Aktionen
zusammenführen müssen, was in diesem Fall keinen erweiterten Plan braucht,
weil Lucky ein bekannter Journalist im medizinisch, technischen Bereich ist.“

"Liege ich richtig, wenn unser Auftrag darin besteht, diese medizinische
Innovation auch anderen Zwecken zuzuführen"?
Das Teammitglied Lea sah die Lady aufmerksam an

"Genau das tun wir nicht, die Gruppe um diesen jungen Forscher arbeitet
nicht nur auf dem medizinischen Sektor, es sind Genetiker, Philosophen,
Umweltschützer, Zukunftsforscher und Soziologen dort zusammengeschlossen.
Es ist ein Netz von engmaschig miteinander kooperierenden Menschen,
die eingesehen haben, dass die Entwicklung der Menschheit an einem Punkt angelangt ist,
an dem nur noch eine radikale Kehrtwendung den Untergang dieser Zivilisation verhindern kann."

Wir haben diesen Leuten lediglich die Verbindung zu dem Medienstar Lucky zu ebnen.
Sein innovatives Denken wird erreichen, dass den Soziologen klar wird. wie perfekt dieses
neue medizinische Testprogramm sich dafür eignen wird, den kriminellen Teil
dieser Spezies und darunter in besonderem Maße den nicht resozialisierbaren,
auszuschalten.
"Nach ausgedehnter Forschungsarbeit wird also der Chip entwickelt, der die perfekte Überwachung und
Reglementierung dieser Elemente zulässt.
Damit werden diese barbarischen Einrichtungen, die man Gefängnisse nennt
und die eine Brutstätte immer neuer krimineller Aktivitäten sind, wegfallen.

Die Chips werden eine ansteigende Gewaltbereitschaft der überwachten Person
nicht nur bereits in der Entstehung aufzeigen, sondern auch perfekt lokalisieren
und verhindern.
Prävention in einem Ausmaß, wie es bisher auf der Erde nicht bekannt war.
Die Milliardenbeträge für die Erhaltung der Anstaltsbauten werden frei und in die Forschung fließen"

Die Lady schloss befriedigt die Übertragungswand.
"Morgen treffen wir uns also an dieser Stelle um diese irdische Entwicklung
durch perfekte Einstellung der Ereignisfelder zu unterstützen".
Sie erhob sich und verließ den Konferenzraum .

**

Lady A. transpirierte, unmerklich für ihre Umgebung, aber auf dem
medizinischen Messgerät, das nur sie selbst im Blickfeld hatte, deutlich zu erkennen.
Sie musste dringend die Konzentration erhöhen, sonst würde ihr Gegner,
der bullige Kommandant der Starlight, der sie schon im letzten Jahr mehr als
erwartet bedrängt hatte, ihren Gedankenfluss umkehren, ihn gegen sie einsetzen
und damit den diesjährigen Wettkampf für sich entscheiden.
Sie brauchte dieses körperlich-geistige Training, es ersetzte ihr die derzeit nicht zu
realisierenden Urlaube im Alpha-System.
Sie konnte sich kein Nachlassen ihrer telepathischen Fähigkeiten leisten

Zum Glück konnte ihr Trainigspartner nicht verfolgen, wie sehr ihre Kräfte beansprucht wurden,
ebenso wenig, wie sie seine medizinischen Daten einsehen konnte.
Man war, was Schwächen des jeweiligen Gegners betraf, darauf angewiesen,
die nachlassenden gedanklichen Strömungen rechtzeitig wahrzunehmen und sie für sich zu nutzen.

Ihr schönes Gesicht zeigte keinerlei Regung, als sie plötzlich einen unbekannten
Widerstand bemerkte. Was war das?
Etwas schien sich sekundenlang in die Gedankenübertragung zwischen ihr und
Captain Shantai zu drängen und sofort auszuweichen.

Sie war augenblicklich hellwach und sandte fast zeitgleich ein Warnsignal an ihren Gegner.

"Achtung" Mutant ausgemacht".

Shantai schien nicht zu reagieren, aber sie merkte an dem plötzlichen Zucken seiner
Gedankenströme, dass er sie verstanden hatte und seinerseits mindestens 50%
seiner Fixierung auf den Kampf in das Abtasten seiner Umgebung umwandelte.

"Jetzt" sie löste sich blitzschnell aus dem Hirn ihres Herausforderers, vereinigte
ihre gedankliche Übertragungskraft mit der seinen und beide stürzten sich auf
die unbekannte Kraft in ihrer Umgebung.

Ein hartes Ringen begann, unerwartet stark wurden die beiden Raumschiffkommandanten
gefordert und Shantei begann schon zu stöhnen, seine Kraft schien zu stagnieren.
Auch die Lady spürte ein überraschendes Nachlassen ihrer gedanklichen Energie.
Die Überraschung, auf einen ebenbürtigen, wenn nicht sogar überlegenen Gegner
gestoßen zu sein, nahm ihr fast den Atem.

Sie hatte innerhalb von Sekunden das weitere Vorgehen zu entscheiden .
Ein solcher Mutant durfte nicht entkommen, oder der Föderation würde
unermesslicher Schaden entstehen, weil absolut unklar war, wielange sich dieser Spion
bereits in ihrem und Captain Shantei`s Gehirn befunden und seine Daten
an die Gegner der Föderation gemeldet hatte.

Ein Griff und sie schaltete ihren geheimen Emotionsüberträger ein.
Es spielte keine Rolle mehr, ob Shantei dessen Einsatz bemerken würde,
hier zählte nur noch, der Gegner musste gefasst werden.

Die Lady drückte blindlings die "Ergebenheitstaste" und atmete auf.
Der geistige Widerstand des Mutanten ließ augenblicklich nach, er gab seine Sperre innerhalb von
Sekundenbruchteilen auf und ließ sie anstandslos den Inhalt seiner Datenspeicher erforschen.
Shantei, der sich immer noch nicht von ihrem Übertragungsfeld gelöst hatte,
schickte einen erleichterten Impuls zu ihr.

Alle Daten, die der Mutant bereits aus ihrer beider im Kampfzustand offenen Hirne
entzogen hatte, waren noch vollständig in seinem Speicher vorhanden und
eine Weitergabe an die Feinde der Föderation im letzten Moment verhindert worden.

Beide Kommandanten erschraken zutiefst, als sie den Umfang dieser Datenspionage
erkannten, nur ein Bruchteil dessen, was der Mutant abgezogen hatte,
würde ausgereicht haben, die Föderation und ihr Bemühen um den ewigen Frieden
in den Galaxien für Jahrhunderte zurückzuwerfen.
Sein Speicher enthielt den gesamten Informationsstand über die geplante Einbeziehung der Erde
in die Föderation, vor allem aber die Erdkoordinationen.

"Amber, wie hast Du das gemacht", Shantei benutzte in seiner Verblüffung ihren Privatnamen..

"Ich, Du willst wohl sagen wir. Einfach Glück gehabt alter Junge.
Diese Missgeburt war nicht schnell genug", sagte die Lady kühl und drückte auf ihrem
Übertragungsfeld auf die Taste "Glaubwürdigkeit" und "Egostärkung" gleichzeitig.

Shantei reagiert sofort, sein Gesicht strahlte Stolz und Genugtuung aus und er nickte zufrieden.
"Wir sind schon ein tolles Team, weshalb kämpfen wir eigentlich in diesem blöden
Turnier immer gegeneinander, wir sollten endlich darauf bestehen, nur noch
gemeinsam eingesetzt zu werden, was hältst Du davon".

"Dasselbe wie im vergangenen Jahr, nichts", sagte Lady A. lakonisch und trennte
die Verbindung zu seinem Gehirn unsanft und endgültig.
 

**

Der Morgen graute schon, als Lucky sich endlich stöhnend aus dem Liegestuhl
auf Doug`s Dachterrasse hievte und leicht schwankend ins Gästezimmer stolperte,
um noch ein bisschen Schlaf zu finden.

Doug war in keinem besseren Zustand.
Keiner der beiden würde diese Nacht so schnell vergessen.
Es war ein Marathon der Gedankenblitze geworden,.
Wie immer waren zuerst die Bälle etwas ziellos provozierend zwischen beiden
hin und her geflogen, um vom Gegenüber aufgefangen, inhaltlich abgeklopft und fast
spielerisch zurückgeschleudert zu werden.

Beide liebte diese Art der Kommunikation.
Alles was der Andere sagte wurde fast intuitiv aufgesaugt, um es alsdann -
mit Einsprüchen, Überlegungen und neuen Sichtweisen befrachtet -
erneut zur Diskussion zu stellen.

Sie waren beide brillante Theoretiker, die einander alles abforderten.
Da gabs gab es kein Verstecken hinter halbausgegorenen Betrachtungen oder spinnerten Überlegungen.
Man zwang einander, Dinge, deren wirkliche Beschaffenheit noch unklar waren,
jeglicher phantastischer Bezüge zu entkleiden.

Lucky fiel wie ein Toter in sein Bett, ausgelaugt und bereit,
notfalls den ganzen Tag zu durchschlafen.

In diesem Moment beschloss die Lady, den ersten Direktkontakt aufzunehmen.

Sie materialisierte sich nicht , sondern suggerierte Lucky das ihm bereits
so vertraute Gefühl eines dunklen Augenpaares, das ihn aufmerksam betrachtete.
Er wandte sich sofort diesen Augen zu und atmete hastig.
"Du auch hier,“ flüsterte er...und dann fordernd und fast ungeduldig,
"was willst Du von mir, sags mir oder geh."

In genau dieser Sekunde schaltete die Lady den Emotionsträger zu und
Lucky stieß einen überraschten Schrei aus.

Er spürte wie seine Gedankenwelt auf eine nie gekannte Weise infiltriert wurde
und er wusste instinktiv, dieser Vorgang wurde von den schwarzen Augen gesteuert.
Er hatte keine Angst, denn der erste fremde Gedanke in seinem Kopf war der
einer grenzenlosen Ruhe und Klarheit.

"Hör mir zu Mensch Lucky", die Stimme, sanft aber mit großem Nachdruck,
schien sein ganzes Gehirn auszufüllen.
"Ich bin nicht von ungefähr hier.
Du sendest seit Jahren Dir unbewusste gedankliche Schwingungen aus,
die aufgefangen und ausgewertet wurden.
Diesen Schwingungen verdankst Du diese Kontaktaufnahme.

WIR sind eine Gruppe Dir unbekannter Daseinsformen in der ich die Aufgabe habe,
Dich für ein gemeinsames Projekt anzuwerben und Informationen jeder
gewünschten Art weiterzugeben, sofern diese unser gemeinsames Ziel betreffen.

Dieses Ziel besteht darin, die Gegebenheiten auf Deinem Planeten grundlegend
zu verändern und die Erde auf einen Weg zu bringen, der ihre endgültige
Aufnahme in die Sternenföderation erlaubt.
Der Weg dahin wird hart, aber dennoch möglich.
Angaben über unsere Herkunft erfolgen derzeit nicht, noch wird aufgeschlüsselt,
auf welche Weise wir zu den Kenntnissen über sämtliche Lebensäußerungen
auf diesem Planeten kommen.

Unsere Verbindung wird ab der heutigen Nacht zu einem festen Bestandteil Deines Lebens.
Du kannst den Kontakt auch von Dir aus herstellen, die dafür günstige Sternenzeit wird Dir noch mitgeteilt.
Ich löse mich jetzt aus Deinen Gedanken, versuche also nicht, zum jetzigen Zeitpunkt
Fragen zu stellen, oder Abwehrmechanismen in Gang zu setzen, das würde eine Art
Crash herbeiführen, der für mich körperliche Qualen bedeutet.

Bitte füge mir diesen Schmerz also nicht wissentlich zu".
Die Stimme verebbte und Lucky hielt den Atem an vor Besorgnis,
er könne unabsichtlich Reaktionen auslösen, die er um keinen Preis wollte.

Dann spürte er, wie die gedankliche Infiltration unendlich langsam aufgehoben wurde.
Eine grenzenlose Leere erfüllte ihn, ihm war, als habe ETWAS ihn verlassen,
das er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften festhalten wollte.

Lady Amber zitterte leicht, die Verschmelzung mit einem menschlichen Hirn war
als Erstversuch gelungen, aber sie fühlte sich unsagbar schwach.
Dieser Mann und seine gedankliche Präsenz waren weitaus stärker als sie angenommen hatte.
Nach allen Kenntnissen die der Föderation vorlagen, war sie hierauf nicht vorbereitet gewesen.
Es stimmte also, sie hatte es mit einem Ausnahmeexemplar seiner Spezies zu tun.
Und nur sie wusste, auf welche ungeahnten Ressourcen sie heute Nacht gestoßen war.

Sie lächelte und das Gefühl freudiger Erregung ließ ihre schwarzen Augen funkeln.

*

DOUG Doug und Lucky saßen einander am Frühstückstisch gegenüber.
Beide waren außergewöhnlich schweigsam.
Lucky überlegte zum wiederholten Male, ob er Doug in das Erlebnis der letzten Nacht
einbeziehen könne, ohne vielleicht bei ihm die Besorgnis auszulösen,
er sei nun tatsächlich dem Delirium nahe.

Dougbrach war der Erste der das nachdenkliche Schweigen brach:
"Weißt Du eigentlich Lucky, dass 68% der US-Bürger anlässlich einer Umfrage
der Meinung waren, die Führungskräfte eines Landes sollten sich unbedingt
einer genetischen Untersuchung unterziehen?
Wie viele Schwachsinnige wir da wohl ausmachen würden?"
Doug sah aus, als schätze er den Anteil beträchtlich ein.

Lucky antwortete nicht, aber der Zeitpunkt, Doug in die Geschehnisse
der Nacht einzuweihen, erschien ihm ungeeigneter denn je.

"Ich glaube," fuhr Doug fort, und nun sah er den Freund direkt an,
"im Moment dürfte eine solche Untersuchung bei mir auch nicht zu einem
Top-Ergebnis führen, eigentlich fühle ich mich etwas seltsam."
Sein Blick war noch immer auf Lucky gerichtet und der erkannte darin Besorgnis
und Verwirrung.

"Was willst Du mir sagen?" Wie immer ging Lucky ein vermeintliches Problem frontal an.

"Ich frage mich, ob es etwas gibt, das Du mir zu sagen hast, etwas, das heute Nacht geschah."

Tausend Gedanken schossen Lucky gleichzeitig durch den Kopf.
War es möglich, sollten Doug und die Lady....NEIN, unmöglich, seine Beziehung zu
diesem Geschöpf aus einer anderen Welt konnte sich nicht mit einem anderen
Mann wiederholt haben....sie gehörte ihm.

IHM? War er denn total verrückt, dieser Gedankengang war derart kleinkariert,
dass die Scham darüber, sich im diesem Augenblick typisch männlich verhalten zu haben,
jede Vorsicht beiseite fegte.

"War sie auch bei Dir?"
Bevor er auch nur seine Gedanken ordnen konnte, platze er damit heraus.

"Nein, ich war bei Euch". Doug sah so unendlich erleichtert aus, dass es fast lächerlich war.

"Du warst wo, was ist passiert, wieso hast Du nicht "...beide sprangen von ihren Stühlen auf...
 und sprachen gleichzeitig.

Doug redete zuerst weiter. "Es war so, dass ich mich plötzlich in eine Szene versetzt
sah, die sich im Gästezimmer abspielte, ich sah und ich hörte, ohne selbst
eingreifen zu können und jetzt möchte ich von Dir nur eines wissen,
wenn das kein Traum war, was war es dann?"

Lucky zögerte.

"Komm schon, komm schon, wir haben hier etwas wichtiges herauszufinden."

"WIR sind eine Gruppe Dir unbekannter Daseinsformen "...Lucky dozierte plötzlich
die Erklärungen der nächtlichen Besucherin und wiederholte sie wie in Trance.

"Gut, gut,“ Doug war irgendwie aufsässig, „mir reicht das nicht, ich komme mir vor,
als habe man mich in eine Science Fiction Story gebeamt, in der ich jetzt den passiven
Erdling verkörpern soll, allzu sehr drängt es mich dazu wirklich nicht."

"Denk doch nach Doug, wir wissen doch, dass alles menschliche Denken
sich im Dreisekunden-Takt abspielt.
Das bedeutet zusammengefasst, alles, worauf wir im Moment reagieren,
hat sich in Wahrheit bereits vor drei Sekunden ereignet.
Was aber sind die Konsequenzen dieser Zeitverzögerung im Gehirn?
Na?" Lucky sah den Freund auffordernd an.

"Du meinst, unter uns können durchaus Wesen existieren, die wir normalerweise,
obwohl sie um uns sind, nicht sehen können, weil sie sich schneller bewegen
als die Zeit, die unser Gehirn braucht um sie wahrzunehmen, meinst Du das?".

"Genau, also höre auf, die Erscheinung der Lady als Sinnesverwirrung zu
betrachten, es muss diesen Wesen irgendwie gelungen sein, die Zeitbarriere
zu durchbrechen und wenn sie das tun, muss es einen überaus wichtigen Grund dafür geben.."

"Wir werden nicht dahinter kommen ohne mehr Informationen, das Gespräch hier
führt also zu nichts anderem als Vermutungen und falschen Schlußfolgerungen.
Wir sollten es lassen." Doug klang enttäuscht.

Er sah Lucky  forschend an und setzte dann hinzu: "Egal was daraus entstehen wird,
Du wirst diese Verbindung halten müssen, ich bin in diesem Spiel nur Randfigur.
Diese Frau ist ausschließlich auf Dich fixiert.“ Er lächelte leicht süffisant.
„Und Du wohl auch auf sie, ich habe Dich nach Lorena nie wieder einem
weiblichen Wesen derart zugewandt erlebt."

Lucky antwortete nicht. Er wusste genau, jedes Wort von ihm hätte den
Geschehnissen dieser Nacht ihre für ihn magische Bedeutung genommen.
Er war sich klar über seine Gefühle, aber er wollte sie nicht analysiert finden.

**
Lady Amber schaltete sich mit etwas zwiespältigen Gefühlen in die
Föderationskonferenz ein.
Sie wusste, man erwartete ihren Bericht, aber noch niemals war es ihr so
schwergefallen, den Stand der Dinge besprechen zu müssen.
Sie war zu sehr persönlich engagiert und sie wusste, dass dies etwas war,
das die Führungsspitze mit äußerster Missbilligung kommentieren würde.
Aber ebenso klar war ihr, dass sie einen Weg finden musste, diesen Einsatz,
der sich so sehr von allen früheren unterschied, ohne eigenen Verzicht abzuschließen.

Noch nie zuvor hatte sie etwas so brennend gewollt, wie den Kontakt zu diesem Erdenmenschen.
Zögernd öffnete sie den Übertragungskanal.
Die Wächter des Universums, von denen jeder einen Teilabschnitt und dessen
Entwicklung verantwortlich zu kontrollieren hatte, waren bereits dabei,
die einzelnen Berichte zu koordinieren.

"AHA die Lady", dachte der Vorsitzende, und Amber erschrak, als sie bemerkte,
dass sie den leicht süffisanten Touch seiner telepathischen Begrüßung wahrnehmen konnte.
Das konnte nur bedeuten, sie hatte den kleinen Vorsprung, den die Modifikation
ihres Emotionsüberträgers ihr gerade erst verschafft hatte, bereits verloren.
Die neue Technik, Gefühle und Stimmungen gleichzeitig mit den Gedanken
zu übertragen, war also nicht mehr neu.
Erstaunlich nur, dass der Vorsitzende, ein bulliger Stratege aus dem Alpha Centauri
Bereich, sie das so ungeniert spüren ließ.
Das konnte kein gutes Zeichen sein.

" Lady Ambassador, Ihr Bericht über die Erde steht noch aus.
Wir erwarten also jetzt eine umfassende Klärung der jetzigen Gegebenheiten.
Ehe Sie beginnen, legen Sie bitte Ihren Emotionsüberträger für alle sichtbar vor
sich auf den Tisch und nehmen Sie zur Kenntnis, dass mit dieser Berichterstattung
der Einsatz *Erde* für Sie und Ihre Crew beendet ist."

"Und Sie nehmen bitte zur Kenntnis, dass diese Entscheidung nur dem obersten
Gremium der Föderation und keinesfalls dem Vorsitzenden der Wächter zusteht."
Amber legte demonstrativ das Gerät vor sich auf den Tisch, aber nicht,
ohne zuvor mit ausholender Geste die Taste * Kampfbereitschaft* zu drücken.
Mit hocherhobenem Kinn wartete sie die Reaktion des Vorsitzenden ab.

Er reagierte sofort. " Ich denke nicht, dass Jemand, der eine solche Weiterentwicklung
wie den Emotionsüberträger geheim hält, damit rechnen sollte, auf Verständnis zu stoßen."

"Wir werden sehen," Amber gab sich durchaus nicht unterwürfig, aber sie wusste,
wenn es ihr jetzt nicht gelang, den Konferenzteilnehmern zu beweisen, dass die
Ereignisse auf der Erde durchaus wunschgemäss ablaufen würden,
waren ihre Aussichten, selbst die nächsthöhere Daseinsebene der Körperlosen
zugesprochen zu bekommen, vertan.
Sie musste also überzeugen um jeden Preis.
Sie Dabei hatte keineswegs vor, den Status einer Körperlosen anzunehmen.
Ihre Pläne beinhalteten mehr denn je, den Kontakt zu dem Mann Lucky.
Ihn während seiner irdischen Existenz zu leiten und zu begleiten war ihr Ziel.
Mehr noch, sie würde die Weichen stellen können, dass sein irdisches Leben
nicht in einen neuen Erdenkreislauf eintreten musste, sondern die für ihn nächste
Stufe im Dienste der Sternenföderation beginnen würde.

Alles hing also jetzt davon ab, was die Wächter von den Geschehnissen auf der
Erde als gelungen bewerten würden.
Sie übermittelte ihre Gedanken schnell und präzise in die Telepathenrunde.
Gab einen umfassenden Überblick über die derzeitigen Ereignisfelder die von
ihrer Crew gesteuert wurden und es war für geübte Beobachter sofort zu erkennen,
dass alle Fäden geknüpft waren, jene Erdenmenschen, die zum Gelingen
des großen Planes unweigerlich zusammenwirken mussten, auch aufeinandertreffen zu lassen.

Die Wächter des Universums schalteten nach Lady Ambers Bericht die visionäre
Bildwand ein, auf der exakt zu erkennen war, in welche Richtung sich die
Ereignisse auf der Erde nach dem jetzigen Stand innerhalb einer Zeitspanne
von nur 20 Erden-Jahren entwickelt haben würden, sofern eine Störung von außen ausgeschlossen blieb.

Doug erschien auf allen Monitoren der zugeschalteten Wächter-Runde;
Engagiert und leidenschaftlich sprach er in einer weltweit übertragenen Konferenz
vor einem riesigen Auditorium über die Möglichkeiten gezielter Einflussnahme
auf die genetische Struktur des Menschen.

Beschwörend sagte er;

"Wozu erneut den Menschen und seine maßgebliche philosophische Selbstdarstellung
im Humanismus als die Lösung anpreisen, wenn sich gerade in der Katastrophe
der Gegenwart gezeigt hat, dass der Mensch selbst mitsamt seinen Systemen
metaphysischer Selbstüberhöhung und Selbsterklärung das Problem ist?

Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?
Ob die langfristige Entwicklung auch zu einer genetischen Reform der
Gattungseigenschaften führen wird - ob eine künftige Anthropotechnologie bis
zu einer expliziten Merkmalsplanung vordringt; ob die Menschheit gattungsweit
eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen
Selektion wird vollziehen können – das alles darf nicht mehr länger eine Frage bleiben,
es muss energisch angegangen werden.
Es gehört zur Signatur der Humanitas, dass Menschen vor Probleme gestellt werden,
die für sie zu schwer scheinen, doch sie wegen ihrer Schwere unangetastet zu lassen,
hieße, unseren Untergang sehenden Auges geschehen zu lassen.“

Tosender Beifall aus der Runde der Wächter wurde übertragen.
Die Lady gestattete keine Pause, sondern ließ die Übertragungskamera in die
beiden ersten Reihen der Zuhörer in dem riesigen Auditorium auf der Erde schwenken.

Da saßen sie alle. Das gesamte Forscherteam, das mit Alfred Sabel arbeitete.
Alle verbunden zu einer einzigen riesigen Aufgabe, der genetischen
Einflussnahme auf das menschliche Erbgut.

Doug sprach noch immer.
Sein leidenschaftlicher Vortrag umfasste die bisher erreichten Fakten ebenso,
wie die Ziele der Organisation.
Wie Menschen - ohne je ihrer Freiwilligkeit Schaden anzutun - am besten zu verbinden waren.
Wie es gelungen sei, die für das Gemeinwesen günstigsten Eigenschaften freiwillig
lenkbarer Menschen auf die wirkungsvollste Weise ineinander zu flechten.
Sodass unter dieser Einwirkung der Menschenpark zur optimalen Homoöstase gelangt.
Er schloss seine Rede ab mit den Worten : "Ohne das Leitbild des Weisen bleibt die Pflege
des Menschen durch den Menschen eine vergebliche Leidenschaft.
Zweieinhalbtausend Jahre nach Platos Wirken schien es fast, als hätten sich nicht
nur die Götter, sondern auch die Weisen zurückgezogen, und uns mit unserer
Unweisheit und unseren halben Kenntnissen in allem allein gelassen.
Aber jetzt dürfen wir wieder hoffen, es ist gelungen, die Umkehr einzuleiten
und jetzt liegt es an uns allen, dass wir uns der gewonnenen Einsichten auch
bedienen, denn jemand, dessen Existenz wohl jeder meiner Zuhörer ganz
persönlich für sich selbst benennen wird, hat den Menschen befähigt,
sich selbst zu erneuern. Lassen Sie es uns alle angehen."

Die Wächter drückten alle gleichzeitig auf die vor ihnen liegenden Emotionsüberträger
und Wellen der Zustimmung erreichten Lady Amber.

"Damit ist der Einsatz Erde beendet," Der Vorsitzende sah die Lady Zustimmung heischend an.

"Nicht ganz," der Widerspruch Amber’s kam blitzschnell.

"Es wird Ihnen allen aufgefallen sein, dass die Person Lucky zum Zeitpunkt dieser
Übertragung, also mehr als 20 Jahre nach unserer Ereignisfeld-Einstellung keine
Rolle mehr in dem weltweiten Forschungsprojekt zu spielen scheint.
Es ist dies kein Zufall, sondern die Folge einer Aktion, die ich aus eigenem Antrieb übernommen habe.
Der Mann Lucky ist ein Telepath, seine Fähigkeiten so weitreichend, dass es mir
rechtens erschien, ihm den Weg zu zeigen, die 3 Sekunden-Sperre zwischen
Ereignis und menschlicher Wahrnehmung zu überbrücken.
Das heißt also, er ist seinen Mitmenschen jeweils um 3 Sekunden voraus,
was die Wahrnehmung von Ereignissen betrifft.
Damit wurde er zu einem unschätzbaren Hüter und Schützer der vor 20 Jahren
gerade anlaufenden Umstrukturierung menschlichen Erbgutes.
Er ist nicht nur in der Lage gewesen, die Störungen der Gegner dieser Pläne
telephatisch zu orten, sondern sie allzu oft auch wegen des ihm gegebenen
Zeitwahrnehmungsvermögens zu unterlaufen.

Er lebt seitdem unerkannt und nur seinem Freund Doug und Professor Sabel verantwortlich,
im Untergrund.
Jeweils bereit und in der Lage, die gefährlichsten Gegner auszumachen und sie auszuschalten."

Die Lady schloss ihren Bericht und strich sich aufatmend das tiefschwarze Haar aus der Stirn.

"Haben Sie damit nicht ihren Auftrag unzulässig erweitert?"
Der Vorsitzende der Wächter sah sie missbilligend an.

"Das mag sein,“ die Lady gab sich gänzlich unberührt, „aber mir wurde vom
obersten Föderations-Gremium die Ehre zuteil, in die nächsthöhere Daseinform
aufsteigen zu dürfen und mit mir die gesamte Crew des Erdeneinsatzes.
Ich habe hierauf freiwillig verzichtet, werde also meine Körperlichkeit
behalten und weiter für die Föderation neue Einsätze wahrnehmen.
Dies aber unter der Berechtigung, den Kontakt mit dem Erdenmenschen Lucky
für die Dauer von dessen irdischer Existenz aufrechterhalten zu dürfen."

"Geschickt," dachte der Wächter und öffnete den Einzelübertragungskanals zu
Lady Amber, womit der Rest der Konferenzteilnehmer automatisch ausgeblendet wurde.

"Gehe ich richtig in der Annahme, dass Mensch Lucky keinen neuen Erdenkreislauf
mehr durchzustehen hat, sondern uns in Kürze als Adjutant der Föderation begegnen wird?".

Die Lady reagierte nicht auf den fühlbaren Sarkasmus seiner Gedanken,
sondern schickte nur einen Impuls zurück, Freude und Genugtuung.
Lächelnd schloss der Wächter den Kanal und die riesige Übertragungswand erlosch.

Der Weg war frei.
Die Menschheit würde ihn gehen.

E P I L O G

Sie stand in dieser Nacht so plötzlich vor seinem Lager, als habe sie sich
aus dem Nichts materialisiert.
Schwarze Augen, zutiefst vertraut, sahen ihn unverwandt an.
Sie hielt seinen Blick auf eine so intensive Weise fest, dass er kaum zu atmen wagte.

Er war ihr Geschöpf und er wusste es.
Sie nahm seine Hingabe entgegen wie einen Tribut der ihr zukam
und führte ihn weit über bisher gekannte Grenzen.

Copyright LWarmeling