Der gelbe Clip







Ich traf ihn im Wartezimmer meines Hausarztes. Als ich mich

niederließ, war ich auf das übliche schweigende
Miteinander in dem vollbesetzten Raum eingestellt, tödliche Langeweile
würde aufkommen. Ich schloß erschöpft die Augen.

"Du siehst aber Scheiße aus", sagte mein Gegenüber plötzlich, sah mich
aber durchaus freundlich an und schien sich nicht daran zu stören,
dass die Köpfe der Wartenden jäh in die Höhe schossen und die Augen,
je nach Interesse, auf mir haften blieben, um festzustellen, ob ich
tatsächlich Scheisse aussah.

"Ach wirklich, zumindest bin ich in den letzten sechs Monaten
nicht auf einer Trage in die Notaufnahme transportiert worden.",
antwortete ich geistesgegenwärtig und zauberte damit ein Lächeln auf
die Gesichter ringsum.

"Nein, nein, ich will Dich ja nur zuerst zum Doc lassen, für den Fall,
dass es Dir nicht gut geht und bin sicher, das würden dann alle hier
tun. Wenn Du aber nur vergessen hast Landluft aus dem Döschen
aufzulegen, gilt das Angebot natürlich nicht," er grinste mich
übermütig an und erst jetzt nahm ich ihn genauer ins Visier.

Er war alt, sehr alt, aber das war ich ja auch - zumindest fühlte ich
mich so - und daran gewöhnt, als Frau nicht mehr wahrgenommen zu
werden.
Sein volles weißes Haar stand in einer Art Tolle über einer hohen
Stirn und darunter blitzten ein paar blaue Augen verwegen und leicht
verschmitzt in die Welt.
Das Bemerkenswerte an ihm aber war sein Stimme, sie war es auch, die
mich bewogen hatte, ihm zu antworten. Ich liebe diese sonore
Stimmlage, sie schien den ganzen Raum zu füllen, dunkel schwingend wie
eine dieser besonders großen Kirchenglocken, die im Ohr bleiben,
nachdem sie längst verklungen sind.

Inzwischen hatten die übrigen Patienten sich wohl entschlossen, diese
Unterhaltung wohlwollend zu beobachten und ansonsten nicht weiter zu
stören.

"Man ist gut beraten beim Arzt nicht in Kriegsbemalung aufzutauchen,
sagte ich gelassen, sonst kann der ja nicht erkennen, ob ein paar
Pillen reichen, oder ob er einen nicht doch lieber in eine Kurklinik
an die See verfrachten sollte"

" Ach darauf spekulierst Du?
Bin über 80 und habe keine Lust, meine Zeit in einem Rehazentrum mit
durch geknallten Entspannungsübungen zu verbringen, die mir dazu
verhelfen sollen, mich bis 90 durchzumogeln und tödlich zu langweilen.
Und wer aus der Esoterikgilde verspricht, mir zum Trip meines Lebens
zu verhelfen, kriegt auch eine Abfuhr. Ich bin absolut sicher, dort,
wo ich mit denen ankomme, wirds mir so wenig gefallen, dass meine
ohnehin ziemlich ausgeprägte Reiseallergie mit Panikschüben reagiert.
Bei der Gilde kommt man sich ohnehin immer vor wie in einem
Anthropologie-Kurs über bedrohte Spezies mit lebendem
Anschauungsmaterial.
Mitterand sagte zwar mal, es mache keinen Sinn, den Fischen zu zeigen
wie man schwimmt, aber ich glaube, diese Art Lebenshelfer glaubt, ohne
ihre Sicht aufs Dasein ersaufe die Menschheit schon in einer Pfütze."

Ich schwieg, nicht sicher, ob ich jetzt davon ausgehen sollte, dass
Sachzwänge reduzierte Wahrheiten bedingen, ich also gut beraten wäre,
die Unterhaltung abzubrechen, oder ob ich mich auf diesen Mann
zumindest für die Dauer des gemeinsamen Aufenthaltes in diesem
Wartezimmer einlassen sollte, oder auch nur wollte.

Alle die da saßen würde ich nicht wieder sehen und keiner von uns würde
je erfahren, ob der Nachbar rechts nur eine Erkältung auskurierte,
oder links von mir das Problem größer war, denn die junge Frau trug
einen dicken Verband um ihr rechtes Bein. Sie alle schienen mir aber
vom Glück begünstigt, denn ich würde in spätestens 30 Minuten wissen,
ob der Tumor in meinem Kopf die massive Behandlung nicht überlebt
hatte, oder ich einer weiteren OP unterzogen würde.
Verstohlen zupfte ich an meiner Perücke, war aber sicher, dass niemand
die falsche Haarpracht bemerken würde, ich hatte gelernt, damit
umzugehen.

"Wir können uns ja die Zeit mit ein paar Weisheiten vertreiben. Oder
soll ich versuchen, eine Art Psychogramm von Ihnen zu erstellen, mal
sehen, wie nahe ich der Wahrheit komme.? "
Ich wollte ihn schocken, aber er reagierte anders als erwartet.

" Nur zu, nur zu, mir ist beides recht, Hauptsache es fällt niemand
vom Stuhl weil er eingeschlafen ist," der Alte verzog erheitert die
Mundwinkel.

"Nun gut, Sie sind ans Internet angeschlossen und das ist der Grund,
wieso Sie mich duzen, denn da macht das jeder.
Sie leben allein, leiden daher leicht unter Kommunikationsmangel und
Ihr Humor ist ziemlich ausgeprägt, was dann dazu führt, dass Sie Ihre
Mitmenschen gerne mit ungewöhnlichen Aktionen unterhalten, wobei es
Ihnen egal ist, wie das ankommt oder ob überhaupt."

"Halt, halt", sein Gelächter füllte den ganzen Raum. " Du bist
verdammt gut, das war jetzt aber Psychogramm und Weisheit in
Kombination, oder? Und es klärt für mich nicht, wieso Du mich plötzlich *siezt*."
Seltsamerweise sah der Alte bei dem Satz etwas unsicher aus.

" Egal was es ist," mischte sich jetzt die junge Frau mit dem
Beinverband ein, ich stelle fest, dass ich noch nie eine so
unterhaltsame Zeit in einem Wartezimmer verbracht habe. Ich muss jeden
Tag hier her, um mein Bein behandeln zu lassen und überlege gerade, ob
ich das nächste mal nicht auch hier auftauchen und fröhliche Sprüche in
die Runde schmeißen sollte, ist doch allemal besser, als sich
anzuschweigen." Sie sah Zustimmung erwartend in die Runde.

Wie auf Kommando erhob sich Stimmengewirr. Ein jeder wandte sich
freundlich und interessiert seinem Nachbarn zu.

Jäh wurde die Tür zwischen Warteraum und der Anmeldung aufgerissen und
eine der Assistentinnen stürzte besorgt herein.
" Aber meine Herrschaften, was ist denn los, ich muss doch um Ruhe
bitten."

"Nein, müssen Sie nicht," antwortete ich erheitert, "Sie wohnen gerade
einer Patientenübung bei, die darin besteht, vor Eintritt ins
Sprechzimmer mindestens achtzig Muskel zu bewegen. Oder wussten Sie
nicht, dass Lachen diese Wirkung hat?"

Oh, dann lassen Sie sich nicht stören", die blond gelockte Schönheit mit
dem Puppengesicht schien erleichtert, dass wir uns nicht gegenseitig
an den Kragen gegangen waren.
Denoch schien ihr die Stimmung im Wartezimmer eswas supekt, bemüht
jede Eskalation zu vermeiden, rief sie munter " Herr Berger bitte ins
Labor und Frau Berg bitte ins Sprechzimmer."

Der Alte und ich erhoben uns gleichzeitig.
Begleitet von den fröhlichen Wünschen unserer Mitpatienen wären wir beinahe
am Ausgang noch zusammen gestoßen.

Er griff nach mir, hielt mich ganz fest und sagte leise," ich muss mich entschuldigen,
ich leide an Alzheimer und Personen, die ich kenne wissen das und wir haben als
Erkennungszeichen einen gelben Clip am Revers ausgemacht.
Sie tragen einen solchen gelben Clip am Schal und ich nahm deshalb an, ich muss sie
kennen ohne sie aber zu erkennen und deshalb duzte ich Sie. Pardon.

Ich drückte beruhigend seinen Arm, " keine Sorge, es ist alles in Ordnung und jetzt
kennen Sie mich ja wirklich."

Fünfzehn Minuten später verließ ich die Praxis, unendlich glücklich und erleichtert,
es gab kein Rezidiv, ich war frei mein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen.
Das Erste was ich tun würde, war ein Besuch in der nahe gelegenen Seniorenresidenz,
wo ein Bewohner namens Berger mich sofort erkennen würde, denn den gelben Clip am Schal
würde ich nie wieder ablegen, solange dieser Mann lebte.