Mondscheinkind
Clarissa erwacht mit einem erstickten Schrei
der Qual und
dem Gefühl eines grenzenlosen Verlustes.
Dunkelheit umgibt sie.
Durch das Plastikdach des Zeltes vage zu erkennen,
die
Schwärze einer sternenlosen Nacht. Untermalt
vom Rauschen
sturmbewegter Baumgipfel.
Sie kennt es, dieses Gefühl heimatlos
zu sein, ausgesetzt im Niemandsland,
fern jeder emotionalen Bindung, das nicht
zum erstenmal ein Ventil
in nächtlichen Alpträumen fand.
Es wird Zeit zu handeln..
Das Leben beginnt für sie seit vielen
Monaten erst nachts,
wenn Sonne und Tageslicht verschwunden sind.
Vampir nennt Knut sie zuweilen in einem seiner
Anfälle von Gefühllosigkeit
und Holzhammerhumor.
Und sah sie dabei an, als erwarte er, in den
nächsten Minuten ihre Fangzähne
an seiner Kehle zu spüren.
Er hatte nie gelernt, mit ihrer Krankheit umzugehen,
ignorierte ihre Behinderung.
Mehr und mehr ignorierte er auch sie.
Gab sich nicht einmal mehr den Anschein, die
wohl restlos überlebte Formel
* In guten wie in schlechten Tagen* mit neuem
Leben erfüllen zu wollen.
Er hatte schnell begonnen, sich sein Leben
ohne sie einzurichten.
Sie hätte schon gefühllos wie ein
Stein sein müssen, seine Abwendung nicht wahrzunehmen.
Das letzte - wenn auch nicht sehr belastbare - Seil zu ihrem früheren Leben war gerissen.
Er hatte sich Menschen gesucht, die sein Leben teilten, die drohende Leere auffangen konnten.
Je länger ihre ergebnislos Odyssee zwischen
den dermatologischen
Koryphäen der Welt dauerte, desto mehr
hatte er begonnen sich zu
distanzieren und als die Diagnose endlich
hieß
**erblich bedingte Lichtkrankheit Xeroderma pigmentosum (XP).**
war sein anfängliches Mitleiden der offenen
Verweigerung gewichen,
ihren Weg in die Dunkelheit begleiten zu wollen.
Als er erfuhr, dass XP-Kranken jenes Enzym
fehle, das durch
UV-Strahlung entstandene Schäden reparieren
kann, und die Folge
absterbende Hautzellen sein würden, die
Krebsgeschwüre bildeten,
war sein Entsetzen so schmerzhaft deutlich
und der Blick auf ihre
damals noch reine Haut so mit Ekel erfüllt,
dass sie zurückschreckte,
als habe sich vor ihr der Blick in eine Schlangengrube
aufgetan.
"Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf."
Clarissa wusste nicht mehr, wielange sie sich
abgemüht hatte,
diesen Spruch anzunehmen, ihn zu ihrem Motto
zu machen.
Dass es nicht mehr war als ein Spruch, wurde
immer deutlicher als
die bisherigen gute Freunde nicht länger
bereit waren,
auch ihre eigenen Nächte zum Tag zu machen.
Erst scheiterten sie an den Erfordernissen
des Tages und dann daran,
dass auch künstliches Licht zur Belastung
für die Kranke wurde.
Der vermeintliche Ausweg verschloß sich
vor Clarissa.
Dunkelheit würde ihre Welt sein und bleiben.
Solange sie es zuließ.
Zuließ ???
Wann der Gedanke zum erstenmal aufkam, dass
selbst die grösste
Lebenseinschränkung nur solange Gültigkeit
haben konnte, wie sie,
Clarissa, es zuließ, das wußte
sie nicht mehr genau.
Aber sie erinnerte sich deutlich an das jähe
Glücksgefühl,
das Ende einer unerträglich werdenden
Qual selbst herbeiführen zu können.
Sie war so frei, wie sie es sein wollte.
Danach fiel es ihr leichter, die von Tag zu
Tag immer deutlicher werdenden
Abstriche der bisherigen Lebensqualiät
zu akzeptieren, die Zurückweisungen
die damit verbunden waren, wie etwas hinzunehmen,
das auf immer zu ihrem Leben gehören
würde.
Das Haus wurde stillschweigend in zwei Zonen
aufgeteilt.
Der kleinere Teil wurde ihre abgedunkelte
Welt,
in die Besucher immer seltener Einlaß
begehrten.
Knut pflegte seinen bisherigen Lebensstil,
Gäste und Geschäftsfreunde
kamen und gingen und irgendwann geschah es
dann.
Eine blieb und er machte sich nicht mehr die
Mühe,
ihr Bleiben vor Clarissa und dem Personal
zu verbergen .
Damals begann sie, die Nacht als ihr gemäß
anzunehmen.
Sie verließ das Haus in mondlosen Nächten,
streifte stundenlang
durch den zum Haus gehörenden Park und
das anschließende Waldstück und begann
mit dem, was sie *das Glücksgefühl-Training*
nannte.
Sie lief....lief und lief.
Und so fand sie ihn eines Nachts.
Erschöpft, und glücklich diese Welt
annehmen zu können,
hatte sie abseits des Weges einen Platz zum
Ausruhen gesucht...
und da war er dann.
Ein Baum, nein, eine Kathedrale.
Ersichtlich Jahrhunderte alt, die Baumkrone
wie ein grünes gewaltiges
Dach gespannt, schien er alles in seiner Umgebung
zu beherrschen.
Er war von archaischer Schönheit, schien
auf eine so faszinierende Weise
Leben zu verkörpern, dass sie fast
glaubte, diese nahezu unbezwingbare
Kraft auch in sich selbst zu spüren.
Es war fast ein Schock, als sie, seinen gewaltigen
Stamm umgehend,
auf der Rückseite seine elementare Verletzung
entdeckte.
Er war in Körperhöhe hohl und sein
Inneres an dieser Stelle blankpoliert wie eine Muschel.
Zerstört also auch er, aber, ungebrochen.
Sein Krone breit, kräftig, strotzend
vor Kraft.
Was hielt ihn auf diese Weise am Leben?
Sanft fuhren ihre Hände um seine rauhe
Borke und dann wagte sie sich hinein in diese
Öffnung, die sie sofort liebevoll zu
umschließen schien.
Es war ein herrliches Gefühl, der Raum den er ihr überließ, schien auf sie gewartet zu haben.
Sie ruhte in ihm wie eine Raupe in ihrem Kokon,
beschützt und sicher....und sang.
Sie sang die Lieder ihrer Kindheit, zuerst
leise, fast summend, dann lauter und ihre
Stimme schwang im Inneren des Baumes wie eine
dunkle Glocke.
Seit dieser Nacht war sie nicht mehr in das große Haus zurückgekehrt.
Sie ließ sich ein isoliertes Zweiraumzelt
im Halbdunkel zwischen
Park und Wald aufstellen und richtete sich
dort - ungeachtet aller Proteste - ein.
Obwohl durchaus komfortabel, war das Zelt immer
öfter nur eine Tagesstation.
Ihre Nächte gehörten dem Wald, dem
Laufen und.....immer ihrem Freund, dem Baum.
Sie sah sich und ihn als Schicksalsgemeinschaft,
verletzt und angegriffen
von Etwas das beide nicht beeinflussen, nicht
verhindern konnten und
dennoch schien der Baum gesiegt zu haben,
ihr sagen zu wollen, dass auch sie
diesen Sieg erringen könne.
Sie lächelte, wenn sein Rauschen allzu
beschwörend klang,
denn das war der Bereich, in den sie ihm weder
folgen wollte noch konnte,
nicht auf seine Weise.
Ihr Plan war unumstößlich.
Und die Zeit ihn umzusetzen würde kommen,
wenn der Herbst nahte....dachte sie.
Doch dann ging alles sehr viel schneller.
Innerhalb von nur 14 Tagen begann ihre Haut
sich zu verändern.
Eitrige Pusteln wuchsen mit einer Schnelligkeit
wie sie Körperzellen eigen ist,
die sich krankhaft teilen.
Da war sie also, die so lange gefürchtete
Folge dieser Gen-Anomalie.
Sie litt nicht annähernd in dem Ausmaß,
wie das noch vor Wochen der
Fall gewesen wäre, ihr Plan steht seit
langem fest.
Die Walpurgisnacht ist stürmisch und rauh.
Der Mai scheint in diesem Jahr nichts von
lauen Lüften zu halten,
es regnet schon seit Tagen.
In dieser Nacht läuft sie ohne Umweg zu
ihrem Baum, diesmal zielstrebig,
in ruhigem Tempo.
Sie atmet nicht einmal schneller als sie ankommt.
Ein letztesmal setzt sie sich zwischen die
Stränge seiner teilweise an die Oberfläche
getretenen Wurzeln und sieht hinauf zu der
im Dunkel bizarr wirkenden
riesigen Krone.
Warte Du, ich komme.
Man fand sie zwei Tage später.
Tiefe Schnitte in beiden Handgelenken,
die sie fest in die Erde zwischen den Baumwurzeln
gepresst hatte,
als wolle sie jeden Tropfen ihres auslaufenden
Blutes mit seinen Lebenssäften verbinden.
Copyright L. Warmeling