Damenkränzchen




Ich saß neben Christa, einer wasserstoffblonden Mittvierzigerin mit etwas harten Gesichtszügen und wusste, sie würde sich, wie bei jedem Treffen, auf ihre Intimfeindin Cleo stürzen, sobald die es wagte, in dieser reinen Frauenrunde den Mund aufzumachen.
Diese beiden Zicken alleine in ein Zimmer gesperrt und die Welt geriete in Gefahr zu implodieren

Aber, es gibt kein Problem dass man nicht ignorieren kann, man muss sich nur genug Mühe geben, ich war also fest entschlossen, das gegenseitige Aufschaukeln  verbaler Spitzen eisern zu überhören.

Und da gings auch schon los.
„Nimm nicht den Käsekuchen Luise, der ist noch aus der Zeit vor Pontius Pilatus,“ sagte Christa, wohl wissend, dass der wirklich delikate Käsekuchen aus Cleos Großbäckerei kam.

Die war dann auch nicht bereit, ihr Produkt unqualifizierten Attacken auszusetzen, sondern sagte kalt: „ Mit solchen Äußerungen würde ich vorsichtig sein, sonst zieht das Kreise wie Läuse im Kindergarten, ich bin also bei eintretendem Imageschaden dafür, dass sich Dein Anwalt darüber mit meinem unterhält..“

Wir waren Sechs beim monatlichen Treffen der Ehemaligen, was bedeutete, wir hatten zur gleichen Zeit das Abitur gemacht und Diejenigen, die am Ort geblieben waren, hatten sich und die gegenseitigen Karrieren  - sofern man von diesen überhaupt sprechen konnte - nicht aus den Augen verloren.

Ich führte in diesem Monat den Vorsitz und hatte eigentlich beabsichtigt, eine politische Diskussionsrunde einzuläuten, aber ein Blick auf meine Mitdiskutanten und ich wusste, daraus würde nichts werden.

Klara, Cleo, Christa, Inge und Luise war die Situation der BRD scheißegal. Sie sahen auch nicht so aus,  als würde es sie sonderlich interessieren, ob die Dame Merkel es schaffen würde, den Rettungsschirm selbst zu nutzen, oder als Dank für dessen Aufspannung wenigstens zu einer Berlusconi-Orgie eingeladen wurde.

Klara, unser Single, war gerade wieder dabei, den Stand ihres letzten Eroberungsfeldzuges zu besprechen und würde damit nicht aufhören, bis wir in allen Einzelheiten darüber informiert waren, wann sie ihr Wild zu erlegen gedachte.

„Den habe ich am Haken, ich muss nur noch die Schnur einholen,“  ihr hinreissendes Katzengesicht sah so zufrieden aus, als habe sie gerade kopfüber in einer Sahneschüssel gesteckt.

„Würdest Du ihm auch nur einen zweiten Blick schenken, wenn er nicht so stinkreich wäre?

Luise sah bei dieser Frage aus, als gebe es für sie keinen Zweifel, dass eine so pragmatische Person wie Klara, ohnehin unter die Goldgräberinnen einzuordnen sei.

„Pahh,“ Klara grinste siegessicher,  „würde er mich auch nur anschauen, wenn ich hässlich wäre?“

Sie warf schwungvoll ihr dichtes, schwarzes Haar über die Schulter . „Du musst das so sehen, dass jeder innerhalb einer Beziehung etwas zu bieten haben muss, wenn sie funktionieren soll.
Ich bin für Attraktivität zuständig und er dafür, dass sich diese repräsentativ in Szene setzen lässt, sei sicher, er weiß das.“

„Hast Recht, Ihr beide verdient einander.“ Luise verzog ihren Mund zu einem missbilligenden Strich, obwohl ich nicht so recht verstehe, was Du an diesem Waldschrat findest“

„Na ja, Präsenz und Selbstvertrauen eines Mannes zieht Frauen nun mal an.“ Klara lachte und
setzte dann einschränkend hinzu, „Frauen wie mich zumindest, die aufgehört haben, auf eine romantische Beziehung a la  Romeo und Julia zu warten.
Außerdem, was meinst Du wohl, wo Frauen unseres Alters noch attraktive Männer kennen lernen können, etwa im Fitnesscenter? Da mach Dir mal keine Illusionen, die knackigen Ärsche gehören dort den Frischlingen, wir können froh sein, wenn jemand des Weges kommt, der unsere Zellulitis gnädig übersieht. Ein noch gut erhaltener Sechziger mit diesem finanziellen Hintergrund ist also so was wie ein Sechser im Lotto.“

„Na ja,  jetzt liegt der Ball ja wohl in seiner Spielhälfte und Du kannst nur noch hoffen, dass er nicht behaupten wird, gerade keinen Fuß spielbereit zu haben,“ sagte Cleo spitz.

„Mach Dir mal keine Sorgen über einen möglichen Rückzieher, er hat mir gestern einen Heiratsantrag gemacht."

" Dann kann man Dir ja nur wünschen, er war bei diesem entscheidenden Schritt nicht wieder so breit,
dass er nicht mal umfallen würde, wenn man  ihn aufrecht in die Garage neben die Winterreifen stellt.
Wie man hört, war seine letzte Entziehungskur nicht unbedingt erfolgreich."
Inges spitze Nase zuckte verdächtig, als sie diesen Schuss los ließ.

Doch Klara lächelte nur.
Inge war keine Gegnerin für sie. Jeder wusste, dass sie selbst versucht hatte, Klaras betuchte Eroberung für sich zu gewinnen. Sie hatte allerdings keine Chance gehabt. Der nicht unbedingt zartfühlende Großindustrielle hatte in aller Offenheit erklärt, er sei nicht so notgeil, auf optische Sozialfälle zu springen.

Als habe sie Inge nicht gehört, sprach Klara über ihre Vorgängerin an der Seite ihres Zukünftigen, als wolle sie uns deutlich machen, dass er froh sein könne, im zweiten Anlauf auf sie gestoßen zu sein.

" Sie gehörte zu der technikbegeisterten Sorte, müßt ihr wissen. Ihre Küche glich dem Cockpit eines Großraumflugzeuges, aber er sagt, sie ließ das Essen lieber kommen , damit sie ihr Vorzeigeobjekt nicht benutzen musste."

Jetzt wurde sogar ich neugierig. " Das klingt, als sei sie eines dieser nervigen weiblichen Wesen, die übers Wasser wandeln können."

Klara lachte etwas angestrengt. " Wandeln?
Pahh, die joggte auf dem Wasser, selbstverständlich erst nachdem sie ihre Tanzgymnastik drauf gemacht hatte."

"Dann gehört sie wohl zu denen, die nach einem 8-Stundentag im Büro Kuchen für den Kindergeburtstag am nächsten Tag backen und danach das Catering für ein Zwölfpersonendiner  in ihrem Haus kreieren, bei dem sie dann die Geschäftsfreunde ihres Ehemannes becircen."

"Genau, nicht zu vergessen, dass sie nach all diesen Aktivitäten besagtem Ehemann dann auch noch unvergessliche Nächte bereitet. Allerdings scheint Letzteres dann doch nicht funktioniert zu haben, er bezeichnete ihre diesbezüglichen Aktionen als Pflichtprogramm der ätzenden Sorte."

" Und es stört Dich gar nicht, dass in dieser Beschreibung seiner Ex sowas wie ein Leistungsprogramm für Dich enthalten ist?"  Inge stocherte boshaft nach.
"Wo also vermutest Du seine Roststellen," fragte sie dann lauernd.

" Das wird Klara ausgerechnet hier ausposaunen," sagte ich schnell, obwohl ich sicher war, Klara hätte nichts lieber getan als das, sie neigte zuweilen dazu, sich um Kopf und Kragen zu reden.
Aber sie hatte meinen Warnschuss begriffen und sagte nur leichthin;
"Na ja, einer Meinung sind wir nicht immer, wir haben auch unsere dunklen Momente."

Ich wechselte schnell das Thema.
" Wie ist es Leute, wollen wir uns gemeinsam an einem Literaturwettbewerb beteiligen?
Die hiesige Bibliothek startet einen Kurzgeschichten-Wettbewerb unter dem Motto, * alte Zeiten * und ich denke,
sowas kann sehr unterhaltsam werden,. Wir sind immerhin alle Mitte Vierzig und haben da wohl einiges zu erzählen."
Ich sah mich aufmunternd in der Runde um.

" Wettbewerb? Was gibt es denn da zu gewinnen," Luise hob witternd den Kopf, als vermute sie ein pulitzerpreisverdächtiges Entgelt.

"Das ist ein ganz normaler Wettbewerb, also erwarte nicht, dabei sei etwa ein Lebensvorrat an Fertiggerichten zu gewinnen, außer der Ehre und einer Urkunde ist da nichts drin." Ich wurde langsam sauer.

" Das fehlte ja gerade noch, wir breiten unsere Erinnerungen vor der ganzen Stadtjury und der Zuhörerschaft des Bibliothekenkreises aus. Also ich frage mich gelegentlich schon, wer Du bist",  sagte Cleo abwertend.

"Ich bin die Person, deren Fußspitze Dich zuweilen liebend gerne daran hindern würde, Dich schmerzlos zu setzen."
Ich war entschlossen, meine Idee durchzupeitschen.

" Eigentlich finde ich meine Katastrophenquote für die nächste Zeit ausgereizt", maulte Inge lustlos.

" Nun ja," Klara sah ihren Weizen blühen, "man muss ja auch etwas zu einem solchen Projekt beizutragen haben, das die Leser interessieren wird.
Ich kann mir schlecht vorstellen, dass die Memoiren einer Grundschullehrerin mehr auslösen werden als das Bedürfnis sich vom nächsten Viadukt zu stürzen," sagte sie erheitert und sah Inge spöttisch an.

"Aber sicher, Deine Amouren der letzten fünfundzwanzig Jahre geben da schon erheblich mehr her. Zumindest wird dann für jedermann klar, dass Nieten wohl Dein unabänderliches Schicksal gewesen sein müssen, vor allem solche, die außer tollem Wortgeklingel nichts drauf hatten und dem schon gar keine Taten folgen ließen."  Auf Inges Hals bildeten sich hektische Flecken, es war klar, wenn ich jetzt nicht eingriff, würde das Treffen eskalieren.

" Kinder, Kinder, ihr seid mal wieder so ausgelassen, wie bei der Abschlussveranstaltung auf dem Hexentanzplatz.
Merkt aber, ihr laviert damit haarscharf an der Attraktiviutät und dem Glamour der unteren Zickenpreisklasse vorbei.
Das ist doch wohl nicht unser Niveau Mädels.

"Ich kann ja mal über meine letzte Steuererklärung reden," meldete sich Luise vermittelnd.
"Die hat nämlich gestern das Finanzamt in die Sparte außergalaktische Projekte eingeordnet.
Du wirst mir also aus der Scheiße helfen müssen Lisa."

Ich seufzte ergeben, " Okay Du Ausbund an Genialität, komm morgen mit Deinen gesammelten Belegen vorbei, ich werde versuchen, Ordnung in Deine finanziellen Eskapaden zu bringen.

Wenn es denn nur die Steuererklärung war, mit der Luise nicht zurecht kam, war ich ja noch einigermaßen gut davon gekommen. Luise pflegte mich seit dem Tod ihres Mannes mit ihren Einsamkeitsausbrüchen zu belasten.
Sie gehört zu der Sorte, die grundsätzlich in der Vergangenheit leben, diese dann natürlich im rosigen Licht darstellen und sich selber in die Tasche lügen.
Sie beklagt ihr sinnlos gewordenes Leben, ergeht sich auch in Schuldbekenntnissen, aber...die wirkliche Konsequenz, sich nämlich zu verändern, kann sie nicht ziehen.

Sie ist schon enorm anstrengend die Gute. Nicht zum erstenmal hatte sie mir ihre Selbstmordgedanken in allen Einzelheiten serviert, die sie so penibel vorbereiten wollte, dass sie eine *schöne Leich* abgeben werde.

Flecken auf dem Teppich werde sie sorgsam vermeiden, ließ sie mich allen Ernstes wissen..

Hörte sich im ersten Anlauf absolut schizophren an. Das Vermeiden von Flecken kann doch unmöglich noch eine Rolle bei einem solchen Unternehmen spielen...aber....so ist sie.

Eigentlich sind solche Menschen schon Jahre zuvor gestorben. Wenn man sie nicht auffing, würde dieses letzte Unterfangen also nur noch der endgültige Vollzug sein.
Mitleid?
Sicher......aber eine nutzlose Art von Mitleid, denn da kann alle Zuwendung  kaum noch helfen.
Das Ende -  von was auch immer -  schien lange vor diesem Tod erreicht.

Für mich war der Zeitpunkt gekommen, Luise nur noch ermüdend zu finden.
Ich hatte ihr zuletzt eine gute Psychotherapeutin empfohlen, argwöhnte aber, dass Luise ihre dunklen Phasen eher genoss und nicht bereit war, sie zu überwinden.

Außerdem, wen überkommt zuweilen nicht mal das heulende Elend?
Gesund zu sein und ein ausgeglichenes Konto zu haben, ist Mitte Vierzig trotzdem nicht unbedingt optimal.

Wer kennt nicht den alten Kinderspruch, * eene meene muh und raus bist Du.*
So ist das, wenn der Lack blättert, man ist raus. Bis auf Klara natürlich, ihre Gene würden sie noch eine ganze Weile vor diesem Gefühl bewahren.
Alle anderen aus unserem Kreis, mich eingeschlossen, taten allerdings gut daran, sich auf die Zeit einzurichten, in der sie dort, wo sie gerade noch eine Hauptrolle gespielt hatten, nur noch kaum beachtete Zuschauer sein würden.

Mühsam schüttelte ich meine düsteren Gedanken ab.

" Schönheitsoperation", sagte Klara gerade , "das steht für mich fest und dazu brauche ich also auch einen betuchten Hintergrund, sprich zahlungskräftigen Ehemann.
Ich habe die Absicht, meinen Frontplatz, wo auch immer, erst aufzugeben, wenn ich auf der Fahrt ins Krematorium bin.
Alte Frauen sind sowieso übler dran als Männer.
Alte Männer können alles sein; Präsidenten, Politiker, Manager.
Alte Frauen sind immer nur eines ; OMAS."

"Nein," ich widersprach heftig, " ich will nicht ausgepowert den Jahren hinterher laufen und einen Kampf führen,
den ich nicht gewinnen kann.
Wenn ich in das erstarrte Gesicht einer Dagmar Berghoff schaue, weiß ich, so würde es mir auch ergehen.
Ich habe eine beschissene Heilhaut und die Aussicht, mich im Spiegel nicht mehr zu erkennen, weil die Augenbrauen an den Haaransatz getackert scheinen  und mein Lächeln wirkt, als müsste ich für die Anstrengung eine Tapferkeitsmedaille bekommen, die behütet mich vor diesem Unsinn."

"Aber...wie ist das  mit dem Sex?"
Das war Inge und ich wusste, sie wartete auf eine Antwort von Klara, immerhin wollte sie wissen, mit welchen unerlaubten Mitteln ihre Konkurrentin den Fisch an Land gezogen hatte, auf den sie selbst so scharf war.

"Nur soviel; besonders wichtig ist er nicht mehr." Klara grinste und setzte dann hinzu, "das, meine Lieben, sieht natürlich völlig anders aus, wenn man sich mit diversen Dienstleistungen ein Leben in Luxus erkaufen will, dann sollte man das eigene Desinteresse natürlich möglichst nicht in den Vordergrund stellen."

"Und die Liebe ?" Cleo sah aus, als gefiele ihr die Entwicklung dieses Gespräches ebenso wenig wie mir.

AHA endlich mal jemand, der beides auseinanderhalten kann, ich war erleichtert.

Es wurde Zeit, dass ich eingriff.
"Mit der Liebe ist es anders.
Man schmachtet sich vielleicht nicht mehr an, aber die Liebe ist das Allerwichtigste.
Ich erinnere mich zwar nicht mehr, wann mein Mann zuletzt "ich liebe Dich" zu mir gesagt hat,
aber ich weiß, ich kann meine Augen schließen und da, wo meine Hand hinfasst, da ist er.
Natürlich ist es ein Glück, einen  Partner zu haben, aber nach fast 30 Jahren Ehe gibt es keine Geheimnisse mehr.
Wenn mein Mann zur Tür herein kommt, dann weiß ich was er denkt und sogar, was er gleich sagen wird.
Das ist dann nicht unbedingt aufregend, aber es ist auf eine wundervolle Weise vertraut."

Alle schwiegen.
Bis Klara leise sagte, "ich fühle mich im Moment, als sei ich in meinem Leben immer nur in Treibsand geraten".

Als wir sie alle verständnislos ansahen, lachte sie etwas zu schrill und meinte achselzuckend;
" Das ist dann wohl etwas, das mir nie widerfahren ist, meine Prioritäten lagen wohl immer woanders."

" Das kann man wohl sagen,"  Inge klang wieder bekannt bissig, " also mache hier nicht in Betroffenheit,
Du hast Deine Weichen ja wirklich grundlegend anders gestellt."

"Schon gut, ich springe gleich in die Luft und zünde Wunderkerzen an, wäre das Recht?" Klara kniff süffisant ein Auge zu und lud sich ein Stück Himbeertorte auf ihren Teller.

" Hab ich Euch schon erzählt, dass ich mir letzte Woche ein arabisches Tatoo auf den Steiß stechen ließ?
Dezent natürlich und kein Arschgeweih, sagte sie kauend."

"Tatoo? Dann solltest Du aber aufhören, Dir weiterhin die Torten hier en masse zuzuführen, sonst wird Dein Motiv auf der riesigen Fläche Deines wachsenden Hinterteils Einsamkeitschübe entwickeln."
Christas Augen waren hart und kalt, sie würde wohl immer Probleme damit haben, zu realisieren, dass Klara, im Gegensatz zu ihr selbst, nie auch nur ein Gramm zunahm.

Ich seufzte.
"Sagt Bescheid wenn jemand rein kommt, der Verstand hat."

"Jau Mama," das kam wie aus einem Mund und ich wusste, keine von uns würde je aus dem Verbund ausscheiden. Wir hatten in mehr als dreißig Jahren zuviel miteinander geteilt.
Es war völlig einerlei, wie ätzend diese Treffen zuweilen verliefen, wir würden einander die Treue halten, bis
die Zeit dem ein natürliches Ende setzte.

Copyright L.Warmeling