|
|
|
|
Betriebsfeier
Na ja, ich hatte schon Dutzende davon besucht, und immer liefen sie
nach dem gleichen Schema ab.
Zuerst Heiterkeit und "good will" auf allen Kanälen, und irgendwann
zu vorgerückter Stunde, ließen sie dann die Sau raus.
Was bei jedem unterschiedlich ablief.
Die Tussi aus der Buchhaltung kriegte sich mit der Chefsekretärin in die Wolle, weil beide auf den hühnerbrüstigen Chemiker aus dem dritten Stock scharf waren, der seinerseits aber die dralle Blondine aus der Telefonzentrale umtanzte wie die Schmeißfliege einen nicht mehr ganz taufrischen Wurstzipfel.
Der Fahrer vom Chef, an diesem Abend immer dienstfrei, saß irgendwo in einer Ecke und schwitzte Dimple aus allen Poren.
Sachbearbeiterin Luise versuchte verzweifelt, das Niveau zu halten, wobei sie regelmäßig baden ging, denn der ganze Haufen ansonsten so tüchtiger und erfolgsorientierter Leute hatte zumeist etwas ganz anderes im Sinn.
Ich selbst hatte schon beim Eintritt beschlossen, möglichst
viel zu quatschen, weil nur das mir Garant dafür zu sein schien, nicht
aus Langeweile schon um 21 Uhr das Handtuch zu schmeissen, was ich mir
nämlich gar nicht leisten konnte, denn mein Boß hatte ein Auge
auf mich.
Er hielt mich für kontaktarm und war der Meinung, das sei für
einen Außendienstmitarbeiter die falsche Charaktereigenschaft.
Auf die Idee, dass er es sein könnte, der mich zu Tode langweilte,
war er bisher nicht gekommen.
Zu meinem Glück, muss ich sagen, denn sollte dieser Verdacht
je in ihm aufsteigen, würde ich
mich zum drittenmal in 2 Jahren nach einem anderen Platz für
meine so angestrengt verteidigte
Individualität umsehen müssen.
Ich hatte also vor, auszuharren: bis der letzte Säufer unterm Tisch und alle kopulationsbereiten Damen in irgend einer Kiste - es würde wohl in den seltensten Fällen die eigene sein - verschwunden waren.
Streß war also angesagt.
Luise pirschte sich an mich ran und sagte mit süffisant gespitzten
Altfrauenlippchen:
"Sie haben aber heute schon viel zur Unterhaltung beigetragen, Herr
Wenders, so kenne ich Sie ja gar nicht."
"Ich habe gesprochen, weil ich sonst gezwungen wäre, zuzuhören" erwiderte ich und hoffte, Luischen würde das nicht sofort auf sich beziehen.
Vergebliche Liebesmüh, sie klappte zusammen wie die sprichwörtliche
Auster, die nicht gesonnen war, sich ihre Perle nehmen zu lassen, und warf
hochmütig den Kopf mit dem schütteren Haar zurück.
Dabei hatte ich sie wirklich nicht gemeint, denn sie verlor niemals
die Contenance.
Bei wem auch, sie war seit Jahrzehnten die graue Maus im Betrieb
und wäre dieses Prädikat wahrscheinlich nicht mal losgeworden,
wenn sie einer Orgie beigewohnt hätte.
Hinter mir hatten sich gerade die beiden jungen Strolche aus dem Lager in der Wolle, es ging wohl um die Aufstiegschancen der jeweiligen Fußballclubs. Wütend bezichtigten sie einander der absoluten Unkenntnis der Materie in Verbindung mit persönlicher Blödheit und wurden so laut, dass der Chef sich strafenden Blickes von seinem Stuhl am Kopf der Bar erhob.
Er reckte den Hals, was dann mangels dessen sichtbarer Existenz aussah, als versuche eine Schildkröte, sich aus ihrem Panzer zu befreien: "Aber meine Herren, tzz, tzz..."
Die beiden Sünder murmelten ein betretenes "War nicht so gemeint"
und "Schon gut" und vermieden es tunlichst, an diesem Abend noch weiter
aufzufallen.
Alles in allem, es war wie gewohnt, es war wie immer, es war so
ätzend, dass einem die Tränen kommen konnten. Nichts würde
mich, so dachte ich noch gegen 22 Uhr, vor den Witzen unseres Personaldisponenten
bewahren, den ich gerade auf mich zusteuern sah.
Und dann geschah das Wunder!
Gerade hatte der Pförtner, krakeelend zu seinem Botenjungen gewendet, dessen Minderwertigkeit infolge zweifelhafter Abstammung in die Gegend trompetet, als die Tür aufging um ein Wesen durchzulassen, dass ich auf Anhieb dem Stamme der legendären Medici zugeordnet hätte:
Eine dunkelgelockte Schönheit, mit römischem Profil, schlank und grazil wie eine Gerte, mit Augen wie reife Brombeeren - ach was, das Alles schien sie nicht ausreichend beschreiben zu können.
Sie war eine Offenbarung! Eine Göttin!
Das schien nicht nur ich so zu empfinden, die anderen Männer
im Raum verschlangen sie mit den Augen, und die Damen sahen aus, als habe
sich soeben Schneewittchen zwischen ihnen materialisiert, was sie selbst
auf der Stelle zu unbedeutenden Statistinnen mutieren ließ.
Da wurde an Schlipsen gerückt, Haare eroberungsbereit nach
hinten gestrichen; die Gockel im Raum, und es schien nur noch solche zu
geben, spreizten ihr Gefieder und sahen plötzlich aus, als neideten
sie einander schon den Blick auf dieses wunderschöne Geschöpf.
Und sie schritt - solche Wunderwesen schreiten grundsätzlich
- wie eine Elfe durch den Raum ,
Wohin?
Ja, wer war denn der Glückliche, wen würde sie denn hier
suchen, konnte überhaupt einer aus dieser beknackten Runde eine Verbindung
zu diesem Zauberwesen haben?
Ich...?! Sie kam auf mich zu, mir stockte der Atem und ich fühlte, wie mein Mund trocken wurde.
Sie sah mich an! Diese Augen!
Ich schmolz buchstäblich dahin, egal was sie sagen würde,
ich wäre bereit gewesen, noch am gleichen Abend für sie eine
Pizza aus dem Restaurant auf der Zugspitze zu besorgen, sie hätte
es nur aussprechen müssen!
Die vollen, weichen Lippen öffneten sich... - und sie gröhlte mit der Stimme eines Schleifers auf dem Kasernenhof:
"Es dat dinn blöde Kaar, die do metten in den Infahrt steiht, du Knalli?"
Ich verließ an diesem Abend die Betriebsfete bereits vor Mitternacht,
endgültig überzeugt, dass solche Veranstaltungen tatsächlich
unter jedermanns Niveau sein müssen. Nicht mal die tollsten Zufallsgäste
schienen in der Lage, diesen eisernen Grundsatz außer Kraft zu setzen.
Copyright LWarmeling 1999