Beben
Den ganzen Tag hatte Iris nun schon die Umzugskisten
gefüllt, ausrangiert,
was sie nicht mitnehmen wollte, und nun saß
sie total erschöpft auf dem
Fußboden in dem kahlgeräumten Zimmer.
Jeden Moment mußten die Packer
erscheinen, die vollen Kisten waren in ein
Lagerhaus zu überstellen.
Erschöpft strich sie sich das verklebte
Haar aus dem Gesicht
und stemmte stöhnend beide Hände
in den schmerzenden Rücken.
Sie lehnte sich an eine der Kisten, die bis
zum Rand gefüllt war
und ein schwerer Gegenstand, der zuoberst
lag, fiel ihr hart auf den Kopf.
Verflucht noch mal, auch das noch!
Stöhnend betastete sie die Stelle, an
der sie getroffen worden war.
Keine blutende Verletzung, aber es schmerzte
höllisch, das würde eine Beule geben.
Sie griff ärgerlich nach dem schweren
Buch, das aus der Umzugskiste gefallen
war, und wollte es schon mit einem wilden
Schwung wieder zurückbefördern,
als es aufklappte und sein Inhalt breitgefächert
auf dem Fußboden landete.
Fotos, jede Menge uralte Fotos, zum Teil diese
verhuschten
Daguerreotypen einer längst vergangenen
Zeit.
Neugierig griff sie nach dem Buch.
Das Tagebuch ihrer Großmutter!
Sie hatte es nicht einmal bewußt wahrgenommen
beim Einpacken,
sondern alles, das nur entfernt nach familiären
Erinnerungsstücken
aussah, in die gleiche Kiste gefeuert.
Versonnen sammelte Iris die Fotos auf, und
ihr Blick blieb auf einem
Bild haften, das zwei junge Menschen auf einer
Waldlichtung darstellte.
Beide in der Mode des ausgehenden 19. Jahrhunderts
gekleidet.
Die Frau im weiten, fließenden Rock,
der unmittelbar über schwarzen,
hohen Schnürschuhen endete.
Dazu trug sie eine spitzenbesetzte weiße
Bluse mit kleinem, hohen Stehkragen.
Ihr blondes Haar war zu einer großen
Außenrolle aufgesteckt und in einer Hand
hielt sie einen dekorativen Rüschenschirm.
Die Aufnahme zeigte, daß es ein warmer,
sonniger Tag gewesen sein mußte.
An ihrer Seite ein junger Mann in einem dieser
steif wirkenden Anzüge
jener Zeit, mit röhrenähnlich zugeschnittenen
Beinkleidern.
Er sah die Frau an seiner Seite mit einem,
vom zufälligen Betrachter schwer
zu deutenden Blick an.
Ihr schmales, ätherisch schönes
Gesicht war ihm in unendlicher Liebe zugewandt .
Zwei Menschen, die erkennbar den Fotografen
nicht einmal wahrnahmen,
so sehr schienen sie aufeinander fixiert.
Diese Frau, das war doch....Iris drehte das
Foto in den Händen,
und: Ja, da war's, in zierlicher feiner Sütterlinschrift
hatte ihre
Großmutter auf die Rückseite geschrieben:
Meine Schwester Iris mit ihrem Verlobten Robert,aufgenommen
1898 Mai bei einem Picknick.
Beide umgekommen 1899 bei einem großen
Erdbeben in der Nähe von
Cape Yakataga/Alaska.
Versonnen betrachtete Iris das Foto ihrer Namensvetterin.
Welch ein empfindsames Gesicht!
Und der Mann: der legendäre Robert, von
dem die Großmutter
- wenn überhaupt - nur mit einem Unterton
von Verachtung gesprochen hatte.
Auf diesem Foto eine Haltung wie ein Fürst,
ein Ausdruck
unerschütterlicher Stärke in der
ganzen Art, wie er da stand und
seine gesamte Umgebung zu dominieren schien.
Ob die Dinge immer so gewesen waren , wie
sie hier wirkten?
Iris erhob sich und nahm auf einer der Kisten
Platz.
Das Tagebuch in den Händen, begann sie,
darin zu blättern.
Ihre Großmutter hatte keine täglichen
Eintragungen hinterlassen,
sondern in großen Abständen niedergeschrieben,
was ihr wert erschienen war,
nicht in Vergessenheit zu geraten.
Iris hatte die Eintragungen, für die
sie sich interessierte, schnell gefunden.
Da war es also:
Robert, ein Seismologe, arbeitete 1897 in
einer Einrichtung in der
Schwäbischen Alp, einem Gebiet, in dem
Erdbebenforschung betrieben
wurde, ohne daß dies aber über
die Grenzen Deutschlands hinaus
eine Bedeutung gehabt hätte.
Es war nicht aufgezeichnet, wie es dann zu
der Berufung an ein weitaus
größeres und berühmteres Institut
gekommen war.
Auf jeden Fall reiste besagter Robert zu einem
damals noch
im Aufbau befindlichen Forschungszentrum in
Alaska,
wo er Grundlagenforschung betreiben wollte.
Sein Ziel waren Veröffentlichungen über
tektonische Beben,
die durch Faltungsvorgänge in der Erdkruste
und durch Verschiebungen
entstehen, eine Wissenschaft, die damals noch
in den Kinderschuhen steckte.
Die Berufung kam privat zu einem Zeitpunkt,
den er sich wohl
kaum selbst ausgesucht haben würde.
Er hatte Iris gerade erst kennengelernt, und
diese Liebe war,
den Aufzeichnungen nach, eher ein Naturereignis
als das bloße
Aufeinandertreffen zweier junger Leute, die
sich sympathisch fanden.
Welch seltsame Übereinstimmung...war nicht
auch sie dabei,
alle Brücken hinter sich abzubrechen
und einem Mann zu folgen,
der Robert hieß, und den sein Forschungsdrang
in Gebiete führen würde,
in denen man als Frau nicht unbedingt willkommen
war?
Schon in zwei Tagen würde sie inmitten
eines archäologischen Teams
in dem unzugänglichsten Teil Ägyptens
sein, und der Mann, den sie liebte,
würde sie dort erwarten.
Aufmerksam betrachtete Iris das schöne
Gesicht ihrer Großtante; ob sie ebenso
unsicher gewesen sein mochte, wie sie selbst
es heute war?
Ob ihre Angst, einen Schritt von solcher Tragweite
zu wagen, damals
ebenso ausgeprägt gewesen war wie die
ihre heute?
Was war das?
Liebe, die eher einem Erdrutsch glich, unbeeinflusst
von jeglicher rationaler Überlegung?
Eine Liebe, die alles ausschloß, was
sich an Hinderungsgründen oder
logischen Einwänden ergeben mochte?
Eine an Hörigkeit grenzende Bereitschaft,
eigene Ziele aufzugeben und
nur noch die Wünsche und Ziele des Partners
zu reflektieren?
Damals vielleicht verständlich. Aber heute?
Auch sie war im Begriff ihre Heimat zu verlassen,
die eigenen Berufsziele
einer ungewissen Zukunft mit einem Mann unterzuordnen,
der seine Perspektiven in
einem Land suchte, das Frauen nur in Ausnahmefällen
wirkliche Chancen bot.
Klug war diese Entscheidung nicht, und sie
wußte es.
Ihre Großtante Iris schien dennoch die
richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Es hatte sie zwar das Leben gekostet, aber
das war wohl einer dieser schicksalhaften
Vorgänge, die kein Mensch zu beeinflussen
vermochte.
Sinnend schob Iris die Fotografie zurück
in das Tagebuch.
Sie wollte es schon wieder zurücklegen
in die noch offene Kiste, als sie den Brief sah.
Er war zwischen die Seiten geklebt, total
vergilbt und brüchig, die Schrift verblasst
und zittrig aussehend.
Ein Brief der anderen Iris...aber an wen?
Es war nicht zu erkennen, er trug keine Überschrift,
keine Anrede.
Die Schreiberin schien sich kopfüber
in den Text gestürzt zu haben,
als wolle sie ihn um jeden Preis loswerden
und jegliche Floskel sei nur
ein unerwünschter Aufenthalt.
Iris las und fühlte, wie jähe Kälte
sie erfasste: dieser Brief war ein Hilferuf!
Ein Verzweiflungsschrei von solcher Intensität,
daß sie erschauerte!
Wie konnte das sein?
Ein solches Signal in die alte Heimat von
einer Frau, die doch nur den Mann,
den sie liebte, zu Hilfe rufen mußte?
Es waren vier eng beschriebene Seiten.
Sie erhellten das Drama einer Frau, die in
dem Mann ihrer Wahl
in diesem fernen Land keineswegs das gefunden
hatte, was sie erhoffte!
Die Stärke, die sie so beeindruckt hatte,
veränderte sich in einem Land mit zum Teil
grausamen Lebensbedingungen in eine Art Despotie.
Robert passte sich auf eine Weise den dortigen
Verhältnissen an, die eine eher
zarte Frau wie Iris Stück für Stück
demontierte!
Er zerbrach sie, zerstörte ihre Seele,
unterdrückte jede empfindsame Regung in ihr!
Der Hilferuf schloß mit dem Satz: "Seit
gestern wohnt seine alëutische
Geliebte in unserem Haus, sie bekommt sein
Kind, holt mich raus hier,
denn ich habe keinen Pfennig Geld, und er
hält mich wie eine Sklavin..."
Der Brief war nicht unterschrieben, als sei
die Schreiberin dazu nicht mehr gekommen.
Die gleiche Seite, auf der jener Brief festgeklebt
worden war, enthielt in der Handschrift
ihrer Großmutter den Vermerk:
"Es war zu spät, das große Erdbeben
in der Region fand eine Woche nach Erhalt des
Briefes statt und war in einer Zeitungsmeldung
mit einer Stärke von 7,8 angegeben.
Die Station wurde völlig zerstört,
das tektonische Beben ließ Gasleitungen
wie Bomben hochgehen, die Hälfte der
Bewohner fand den Tod in den Flammen."
Mit zitternden Händen griff Iris erneut
nach der Fotografie.
War das möglich? Eine solche Liebe, und
dann dieses Ende?
Aufgewühlt stand sie auf und schritt,
die Fotografie krampfhaft in den Händen
haltend, ruhelos in dem kahlen Raum auf und
ab, immer wieder hin und zurück,
wie ein gefangenes Tier im Käfig.
War es Zufall, daß diese Unterlagen
ihr gerade jetzt in die Hände fielen?
Wer oder was versuchte da, ihre Entscheidungen
zu beeinflussen?
Wurde sie letztlich selbst wirklich genug
geliebt, um jedes Risiko einzugehen?
Und vor allem: liebte sie selbst so leidenschaftlich
und ausschließlich,
daß es einfach kein Wagnis gab, das
sie für diesen Mann, ihren Robert,
nicht eingegangen wäre?
Und: was war es bloß, das Gefühle
von einer solchen Intensität in
Gleichgültigkeit, Angst, Mißachtung
und dann sogar in Haß umwandeln konnte?
Was macht das Leben aus den Beteiligten?
Iris blieb jäh stehen...
Die Zeit! Das war's! Die Zeit, die ein viel
schlimmerer Feind sein
konnte als der Tod!
Plötzlich wußte sie, was sie zu
tun hatte...
***
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