Das Gesicht im Spiegel erfüllte an diesem
Morgen alle Voraussetzungen,
das Schlagwort burn out mit Leben zu erfüllen.
Vermutlich hatten die Gründe dafür
in Jahrzehnten so schleichend gewirkt,
dass es ihr einen echten Schock versetzte,
sie an diesem regnerischen Morgen
zum erstenmal so unübersehbar manifestiert
zu sehen.
Die scharfen Linien rechts und links der gerade
Nase wären ja noch mit
etwas Geschick und gutem Make Up auszulöschen
gewesen.
Aber der Querfalten auf der Stirn hätte
sich schon ein begabtes
Chirurgenteam annehmen müssen, so hart
hatten sie sich eingegraben.
Für eine Rundumerneuerung wars zu spät,
sie hatte noch genau 4 Stunden Zeit,
aus diesem Gesicht, nein, aus dieser ganzen
Gestalt, etwas Vorzeigbares zu zaubern.
Wiederum, warum sollte sie?
Klare Verhältnisse gleich zu Beginn dieses
zweifelhaften Unternehmens zu schaffen,
das konnte durchaus die bessere Strategie
sein.
Wirklich?
Wann hätte es je ein männliches
Wesen gegeben, das nicht sofort beim ersten Blick
auf eine Frau innerhalb von Sekunden gedanklich
auf "Top oder Flop" gesetzt hätte?
Und heute hatte sie die besten Aussichten,
das Etikett Flop auf die Stirn gepappt
zu kriegen, ohne sich über diese allzu
harte Wertung aufregen zu können.
Das Einzige, das niemand beanstanden konnte,
war dieser volle schöne Mund
und die gute Arbeit eines talentierten Zahntechnikers.
Pahh, sollte sie etwa den ganzen Abend die
Zähne blecken, damit er erst gar
keine Zeit fand, den Rest kritisch zu betrachten?
Vielleicht liebte er mollige Frauen.
Schließlich war er Mitte fünfzig.
Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich noch
nicht bis zu ihm rumgesprochen hatte,
dass Frauen Ende vierzig zuweilen nur die
Wahl zwischen unübersehbaren
Rundungen oder knochigen Tatsachen hatten,
war eher gering.
Es war ungerecht.
Die Dürren hatten immerhin noch die Chance,
sich an den richtigen Stellen auszupolstern.
Einen etwas üppigen Busen zu kaschieren,
war erheblich schwieriger
und irgendwie schienen auch magere Hüften
eleganter zu wirken,
zumindest wenn deren Besitzerin sie aufreizend
zu schwenken verstand.
Na ja, stattlich war wohl in ihrem Fall das
zutreffendste Wort.
Korrekter als dick auf alle Fälle und
wenn man nicht allzu kritisch war,
ging sie durchaus als gut erhaltene Mittvierzigerin
durch.
Wer war nur je auf die Idee gekommen, Blind
Dates seien auch etwas für die gehobene Mittelklasse?
Musste man nicht in der Spät-Pubertät
steckengeblieben sein,
oder befürchten, man drifte in die Lebenstrivialtität
eines Fließbandarbeiters,
so man sich nicht gelegentlich auf ein kleines
Abenteuer einlasse.
Was war eigentlich gegen Trivialität einzuwenden?
Darüber würde sie sich ein andermal
Gedanken machen, jetzt zählte nur noch
die Entscheidung, aufbrezeln oder Natur pur.
Sie entschied sich innerhalb von Sekunden
für dezente Eleganz ohne jeglichen
Schnickschnack und ging auch äusserst
sparsam mit dem Make Up um.
Das Ergebnis war durchaus befriedigend.
Na klar, vom Stuhl reißen würde
sie wohl niemanden mehr.
Die Ära gehörte der Vergangenheit
an und aus dem heutigen Abstand
betrachtet, waren das auch verdammt unruhige
Zeiten gewesen.
Der damalige Blickfang, das sanft gewellte
rote Haar, das wie eine feurige Lohe
das schmale Gesicht umgeben hatte, lag heute
gebändigt wie eine glänzende
Kappe um den schmalen Kopf.
Immer noch nicht unauffällig, aber am
Schläfenansatz mischten sich längst
einzelne graue Strähnen unter das dunkle
Rot.
Immerhin, es schien Alice, als sei der Gesamteindruck
im Spiegel der
Schrankwand genau das, was jemand erwarten
durfte, der sich selbst
in vielen Briefen als durchschnittlich ansehnlich
bezeichnet hatte.
Eine Aussage, die auch zu dem etwas verwischten
Foto passte,
das er ihr letzte Woche gesandt hatte und
das jetzt auf dem Nachttisch lag.
Der Mann darauf, der etwas ernst in die Kamera
schaute, schien das
Hin und Her vor dem Spiegel mit aufmerksamen
dunklen Augen zu verfolgen.
Zurückhaltend, fast distanziert sah er
aus.
Grinsend dachte sie an die Begegnung der letzten
Woche mit einem
Schüchterling, die eigentlich nur zustande
gekommen war,
weil er ihr heiß begehrte Konzertkarten
beschaffen wollte.
Mein Gott, war das Kerlchen verklemmt gewesen.
Auf ihre lockere Vorstellung „ Hallo, ich
bin Alice“ hatte es ihm derart die
Sprache verschlagen, dass er nur gestottert
hatte,
„ich auch, nein Pardon, ich natürlich
nicht, ich bin Rolf.“
Und dann hatte sie sich zwei anstrengende
Stunden lang bemüht,
ihm die Beklemmungen zu nehmen.
Nur um zum Schluss festzustellen, dass es
nichts gab, wovor er keine Angst hatte.
Ein mühsames und aussichtsloses Unterfangen.
Ein Glück, er hatte wenigstens die Konzertkarten.
Mit dieser verhuschten männlichen Maus
eine Bekanntschaft zu vertiefen,
würde ihr höchstens zu Depressionen
verhelfen, das lohnte sich nicht einmal
um den Preis von Premierenkarten für
" Die drei Tenöre."
Im Vorbeigehen nahm Alice die Fotografie hoch
und drehte kurzerhand die
Rückseite nach oben.
"Voyeur", murmelte sie belustigt.
Und dann zu sich selbst: "Dusslige Kuh, musst
ja nicht müssen, sag doch ab."
Unsinn, genau das würde sie nicht tun,
er konnte einfach kein Reinfall sein,
nicht mit diesem umwerfenden Humor.
Schon der erste Kontakt war eine reine Lachnummer
gewesen.
Sie hatte in der Newsgroup fast nebenbei erwähnt,
dass sie sich beim
nächtlichen Toilettengang im Dunkel blöderweise
den kleinen Zeh
am Bettpfosten gebrochen habe und nun leicht
humpele.
Die Frozzelei der Teilnehmer ergab dann eine
lustige Abfolge von Postings
und dann meldete sich plötzlich jemand,
der bisher in der NG noch nie
in Erscheinung getreten war, mit einer heiteren
kleinen Philosophie über
den gebrochenen Zeh.
Lutz hieß der Knabe und seine geschichtliche
Zeh-Betrachtung löste wahre Lachstürme aus.
Beginnend bei den alten Griechen bis über
die philosophischen Größen
der Neuzeit schrieb er den Denkern der jeweiligen
Zeit fiktive Sprüche über
den Zeh zu und zum Schluss empfahl er ihr,
vor dem Bett einen Zehbrastreifen
anzubringen und zur Vermeidung von Wiederholungen
auf ein Gummibett zu setzen.
Lächelnd warf Alice einen letzten prüfenden
Blick in den Spiegel,
nahm fröhlich pfeifend ihr Cape vom Haken
und machte sich auf,
einen Mann zu treffen, von dem sie hoffte,
er würde nicht nur ihr burn-out-syndrom
auffangen ,
sondern ihr noch ein paar zusätzliche
Lachfalten bescheren.
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