Die Flucht war mir in der Nacht gelungen.
Ich hatte es nicht wagen können, mir
Fluchtkapital zu beschaffen und auch meinen Wagen konnte ich nicht benutzen,
die Sicherheitskräfte am Pförtnerhaus ließen mich nur passieren,
wenn seine Erlaubnis vorlag.
Meine Schwester Marisa hatte dafür gesorgt,
dass ich Aufnahme im Frauenhaus der nahen Kreisstadt fand.
Unförmig durch die drei Kleider und zwei
Mäntel, die ich übereinander trug wie eine Zwiebel ihre Schalen,
kam ich dort an. Rasch wurde die schwere Eichentür hinter mir geschlossen
und ich wurde von einer kaugummikauenden jungen Frau in ein freundliches,
warmes Zimmer geführt, in dem eine Kaffeemaschine vor sich hin blubberte.
Mir war nicht nach einem gemütlichen Kaffeestündchen.
Einem fremden Menschen das Martyrium meiner Ehe aufzuschlüsseln, war
das Letzte wozu ich mich im Moment fähig fühlte.
Die junge Frau verwies jedoch nur bezüglich
der Aufnahmemodalitäten auf den kommenden Tag, an dem die Leiterin
der Hauses sich meiner annehmen werde.
Ich hinterließ Marisas Nummer und sank 5 Minuten später in dem kleinen Raum der mit zugewiesen wurde, in einen tiefen, erschöpften Schlaf.
Schon früh um sechs wurde ich durch lebhaftes
Kindergeschrei geweckt. Das Haus war ziemlich hellhörig und an Schlaf
nicht mehr zu denken.
Ein Klopfen an meiner Tür und der laute
Ruf * Telefon für Sie Frau Berkel* machte mich dann hellwach. Erschrocken
sprang ich aus dem Bett und schon wurde ein schnurloses Telefon durch den
Türspalt gereicht.
Keine Sorge, sagte die unbekannte Person hinter
der Tür, es ist ihre Schwester, sie sind hier sicher.
Mit zitternden Beinen setzte ich mich auf die Bettkante und presste den Hörer fest an mein linkes Ohr. Das Rechte nahm nur noch Pfeiftöne wahr, seit Karl mich sehr schlagkräftig davon überzeugt hatte, dass kein Weib es je wagen würde, einen Mann wie ihn zu verlassen.
„Sophie, Sophie, Gott sei Dank, Du hast es also geschafft, ich habe kaum geschlafen heute Nacht, wie fühlst du dich Kleine?“
„Derzeit würde ich mich als insolvente
Ich-AG bezeichnen,“ ich lachte bitter.
Außerdem werde ich es zunächst
nicht wagen können, dieses Haus hier zu verlassen, um mich zu irgendwelchen
Bewerbungsgesprächen aufzumachen.
„Daran denke auch zunächst gar nicht. Als Model wirst du ohnehin nicht wieder arbeiten können, damit stehst Du zu sehr in der Öffentlichkeit, er würde nicht einmal recherchieren müssen, um Dich zu finden, Deine einzige Chance ist es, Dich in einem Bereich zu etablieren, in dem er Dich niemals vermuten würde, also kannst Du nur tiefstapeln.“
„ Ich kanns versuchen, nein ich muss es sogar,
schließlich muss man von irgend etwas leben. Die Modelzeiten sind
ohnehin passè , niemand wird einen derart beschädigten Kleiderständer
einstellen.
Mit seinem finanziellen Hintergrund wird er
aber kein Problem haben mich zu finden.
Ich denke also daran, auszuwandern und hoffe
nur, das gelingt mir bevor er Wind davon bekommt, denn das bedeutete
mein Todesurteil.“
„ Das sehe ich dann etwas anders, sagte Marisa wütend. Drohe ihm mit Enthüllungen über die Presse, wenn er Dich nicht in Ruhe lässt.“
Ich stieß hörbar die Luft aus, „aber Marisa, genau das wird er zu verhindern wissen. Die Presse in diesem Land gehört ihm entweder, oder er ist Anteilseigner. Keiner würde es wagen, auch nur einen Satz gegen den Finanzier ihres Blattes zu schreiben. Glaube mir, eine solche Ankündigung würde allenfalls bewirken, dass er seine Bemühungen, mich mundtot zu machen, verstärken wird. Ich wage nicht einmal mir auszumalen, wie einfallsreich er dabei sein wird.“
„Wir müssen jemanden finden, der es wagt, gegen ihn zu ermitteln,“ antwortete Marisa, aber ihre Stimme klang schon weitaus weniger kampfbereit. „ So leicht ist es in diesem Land nun doch nicht, jemanden zu töten,“ setzte sie hoffnungsvoll hinzu.
„Vergíss es, „ seine Verbindungen zu
Polizei und Justiz im ganzen Land sind ausgezeichnet. Was meinst du wohl,
wer alles in dieses Netz aus Korruption und Bestechlichkeit verwickelt
wurde, das ist ein Gebiet auf dem er es zur wahren Meisterschaft gebracht
hat.
Sein Streben nach Auszeichnung und Prestige,
Quelle und Wurzel der Vermessenheit, der Ruhmsucht und Prahlerei, ist für
ihn so natürlich wie Luft zu holen.
Er würde sein Verhalten nicht einmal
dann als Vergehen erkennen, wenn der Vatikan höchstamtlich den Kirchenbann
gegen ihn ausspräche.“
„Na wundervoll, das solltest du auf seine Urne ritzen lassen.,, sagte Marisa und schnaufte durchs Telefon.
„Dazu müssten wir ihn allerdings vorher
mit dem Traktor überfahren,“ sagte ich bemüht heiter und versuchte,
mir das Gefühl der Ausweglosigkeit nicht anmerken zu lassen.
Ich wollte Marisa nicht allzu sehr in meine
Schwierigkeiten hineinziehen. Seit unsere Eltern vor fünf Jahren bei
einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte Marisa, zu diesem Zeitpunkt
bereits Ehefrau und Mutter, so etwas wie Mutterstelle an mir vertreten
und ich erinnerte mich nur allzu gut daran, wie sie mich vor Karl gewarnt
hatte.
In meiner Naivität hatte ich mich darüber
hinweg gesetzt und rechnete es ihr hoch an, dass sie, als meine Qualen
nicht mehr zu übersehen waren, zu keiner Zeit sagte „ ich habs
doch immer gewusst.“
Es klopfte heftig an die Tür und ich beendete mein Gespräch. Ehe ich auch nur Gelegenheit fand etwas überzustreifen, stand eine korpulente Frau mittleren Alters im Zimmer. Ein Haarsträhne hatte sich aus ihrem straffen Dutt gelöst, ihre blassblauen Augen blickten erschreckt und sie schwitzte deutlich.
„ Wer sind Sie,“ ihre Stimme war voller Panik
.
„ Sie wurden mir als Sophie Berkel avisiert,
aber wer ist der Mann vor dem Sie fliehen. Ich weiß nicht wie
es geschehen konnte, aber er hat sie in diesem Haus bereits ausfindig gemacht.
Gleichzeitig erhielt ich einen Drohbrief, man werde mir das Haus überm
Kopf anzünden, wenn ich den gestern Aufgenommenen weiter Unterschlupf
gewähre. Wer zur Hölle ist dieser Mann und welchen Einfluss hat
er?“
„Karl Assenauer,“ ich sagte es schlicht und ohne jede sichtbare Gefühlsregung, „Berkel ist mein Mädchenname.
„DER Assenauer“, die Frau ließ sich auf dem Bett nieder und sah aus, als verschlage es ihr die Sprache.
„Genau der“, ich wartete, obwohl ich wusste, was jetzt kommen würde.
„ Nun ja, dann muss ich wohl meine Aussage revidieren, Ihr Mann hat sie zwar ausfindig gemacht, aber mit der Androhung einer Feuersbrunst hat er ja wohl nichts zu tun, das muss dann zufällig zeitlich zusammen gefallen sein. Ein Mann, der derartig in der Öffentlichkeit steht, würde ja nie...sie unterbrach sich und setzte lapidar hinzu, „wir haben jede Menge wütender Ehepartner gegen uns, es muss aus diesem Umfeld kommen. Immerhin haben wir gestern drei Neuzugänge gehabt. Ich werde wohl die Kriminalpolizei wieder einmal informieren müssen.“
Sie seufzte, reichte mir die Hand und stellte sich vor: „ Entschuldigen Sie den Überfall. Ich bin die Leiterin dieses Hauses, mein Name ist Rita Struck. Bitte kommen Sie nach dem Frühstück in mein Büro, wir besprechen dann die Hausordnung und die Dauer Ihres Aufenthaltes.
Es war also soweit, schneller als erwartet
musste ich den Tatsachen ins Auge sehen.
Meine Chance zu entkommen war gleich Null.
Es gab in diesem Land keinen Schutz für
mich.
Plan B musste ausgeführt werden, oder
ich würde auf der Strecke bleiben.
Ich hielt noch immer das Telefon in der Hand,
starrte eine Weile auf das Display und wählte dann entschlossen die
Nummer, die in mein Gedächtnis eingebrannt war, obwohl ich mit allen
Fasern gehofft hatte, sie nie eingeben zu müssen.
Am anderen Ende wurde so schnell abgehoben,
als habe der Teilnehmer auf genau diesen Anruf gewartet.
„ Ihr habt freie Hand“, sagte ich und meine Stimme klang so rau und erstickt, als stecke mir ein Kloß im Hals. Ich wartete die Antwort nicht ab, sondern schaltete das Telefon sofort wieder aus.
Wann war das, was so wunderbar begonnen hatte,
nur derart aus dem Ruder gelaufen.
Ich erinnerte mich noch genau an den Tag,
an dem ich Karl zum erstenmal getroffen hatte. Es war so einfach, sich
in ihn zu verlieben. Ich war Siebzehn und nur den Umgang mit unreifen,
jungen Männern gewohnt und nun war da dieser Mann, fast fünfunddreißig,
weltgewandt, erfahren und auf eine exotische Weise gutaussehend.
Ich hatte gerade meinen ersten Modelauftrag
bekommen und schritt stolz, wenn auch noch etwas unsicher, über den
Laufsteg. Er saß mit einer hinreißenden Blondine in der ersten
Reihe , umgeben vom deutlich wahrnehmbaren Respekt der übrigen Besucher.
Der Modeschöpfer stand devot hinter seinem Stuhl und machte ihn mit
gedämpfter Stimme auf die Besonderheiten seiner Kollektion aufmerksam.
Er gab nicht einmal vor zuzuhören, seine
ganze Aufmerksamkeit galt mir. Diese faszinierenden Augen verfolgten mich
unablässig und als ich nach dem Schlussapplaus in der Garderobe aus
dem Brautkleid geschält wurde, stand auf meinem Schminktisch ein Riesenstrauß
blutroter Rosen, dem ein Kärtchen beigefügt war, auf dem nur
ein Satz stand:
„Du wirst mir gehören.“
WOW, ich zitterte an allen Gliedern. Um mit
einer derart besitzergreifenden Werbung umzugehen, hätte ich wohl
weitaus erfahrener sein müssen. Nichts warnte mich.
Ich wartete, an diesem Abend ebenso wie in
den darauffolgenden drei Wochen , aber er ließ nichts von sich hören.
Dass er in der Stadt war wusste ich, denn
die Medien berichteten dauernd über ihn und die Blondine, die nicht
von seiner Seite zu weichen schien.
Sein Verhalten als Taktik zu erkennen war
ich nicht fähig und ging davon aus, dass seine Aufmerksamkeit und
die Rosen lediglich einer Augenblickslaune entsprochen hatten. Ich wartete
nicht mehr, aber mein Selbstbewusstsein erlitt einen spürbaren Dämpfer.
In der vierten Woche wurde in der kleinen Pension,
in der ich damals wohnte, ein großer Karton mit einer roten Schleife
für mich abgegeben. Inhalt, eines der teuren Modellkleider, die ich
auf der Modenschau getragen hatte, bei der wir uns zum ersten mal sahen.
Ein kleines Kärtchen lag dabei. „Heute
Abend 21 Uhr gebe ich einen Empfang in meiner Suite im Regent und erwarte
Dich.
Ich war wütend... dachte er vielleicht,
ich hätte nichts passendes anzuziehen.
Die zweite Gefühlsregung war Faszination,
ich war geschmeichelt, da nahm mir jemand alles ab, gab sich eine Mühe,
die ich nicht gewohnt war. Das diktatorische an der Einladung entging mir.
Der Raum in der feudalen Suite mit offener
Dachterrasse war voller Menschen. Ein weißhaariger Gentleman empfing
mich am Eingang und nahm mir den Mantel ab.
„Gestatten, Hartlieb, Herr Assenauer kommt
in Kürze Fräulein Berkel, er lässt sich für ein paar
Minuten entschuldigen, Geschäfte,“ murmelte er.
Geschäfte? Ich war enttäuscht, allzu
wichtig schien er weder mich noch seinen Empfang zu nehmen.
Doch kaum hatte ich an der Bar Platz genommen,
war er da.
Er schien den ganzen Raum zu dominieren.
Die Gespräche in unserer Nähe verstummten,
als habe sie jemand abgeschnitten, die Anwesenden schienen uns aufmerksam
zu beobachten. Ich hielt damals für Neugier, was aus heutiger Sicht
respektvolles Abwarten war.
Diese Menschen, fast überwiegend auf
die ein oder andere Weise von ihm abhängig, orteten, ob etwa seine
Favoritin gerade wechselte.
Wer war ich? VIP und somit zu hofieren, oder
eine Gelegenheitsgespielin, die man schnell vergessen konnte?
Karl führte mein Hand an seine Lippen,
seine Augen tauchten tief in die meinen und er lächelte. Was er dann
sagte, passte ganz und gar nicht zu diesem Lächeln. „Wir haben
uns verstanden Sophie, mein Anspruch auf Dich ist absolut, Du wirst mit
keinem anderen Mann tanzen bis ich meine Unterredung beendet habe. Felix
wird inzwischen auf Dich aufpassen.“
Mit einer herrischen Kopfbewegung winkte er
einen jungen Mann heran, der sich sofort beflissen erkundigte, was ich
zu trinken wünschte.
Flucht lag mir unendlich fern. Ich wusste,
dieser Mann akzeptierte keine Ablehnung, schon gar nicht von einer Frau.
Er hatte nur Sekunden gebraucht, mir das Gefühl
zu geben, etwas unendlich Kostbares für ihn zu sein.
Heute weiß ich, ich lief in eine perfekte
Falle, die ich keine Sekunde lang als solche wahrnahm.
Meine Erfahrungen auf sexuellem Gebiet hatten
mich bisher glauben lassen, dass Sex zwar eine angenehmen Sache war, aber
mehr auch nicht.
In dieser Nacht verfiel ich einem Mann, der
mir zeigte was es bedeutet, sexuell kompatibel zu sein.
Am Morgen gab er mir ein Handy. „ Diese Nummer
gib niemals weiter, ich will, dass Du auf diesem Gerät ausschließlich
für mich erreichbar bist.
In meiner Verliebtheit hielt ich diesen Wunsch,
der eher einem Befehl glich, noch für einen Beweis leidenschaftlicher
Liebe. Ich erkannte keines der Warnzeichen.
Wir heirateten sechs Wochen später und
wer Karl Assenauer wirklich war, sollte ich in den darauffolgenden drei
Jahren mehr als schmerzhaft erfahren.
Die Unterredung mit Rita Struck verlief genau
so, wie erwartet.
Die gute Rita war von dem Namen Assenauer
derart beeindruckt, dass sie erkennbare Probleme bekam, mich als misshandelte
Ehefrau wahrzunehmen.
Ich hatte Mühe, ihr klarzumachen, dass
es auch unter Milliardären Sadisten gab.
„Nichts ist destruktiver als ein Finanzmagnat,
dessen übersteigertes Ego derart aufgebläht ist, dass er davon
ausgeht, andere, besonders aber Frauen, seien ausschließlich zu seiner
persönlichen Befriedigung auf der Welt und das Ego dieses Mannes würde
glatt ein Sportstadion füllen, glauben Sie mir.
Aber vielleicht überzeugt sie etwas anderes
mehr,“ ich rollte mit schnellem Griff mein T-Shirt hoch und gab den Blick
frei auf meinen flachen Bauch voller kaum verheilter Narben.
Die Struck sog hörbar die Luft ein. Schweigend händigte sie mir dann die Hausordnung aus, erkundigte sich nur halbherzig nach meinen Plänen und ich merkte ihr deutlich an, dass sie mich liebend gerne am anderen Ende der Welt gewusst hätte. Was ich ihr nicht einmal übel nehmen konnte, denn man musste kein Hellseher sein, um in meiner Anwesenheit eine Menge Schwierigkeiten für das Haus und seine Leitung zu erahnen. Ein Assenauer würde nicht zulassen, dass ich von irgendwelchen Papparazzi dort aufgestöbert wurde und er somit in Erklärungsnot geriet.
Eigenartig wie ruhig ich jetzt war, obwohl
ich genau wusste, wie der Tag verlaufen würde. Ein gesunder Zustand
war das nicht und er würde auch nicht andauern, aber, er war nützlich,
weil er mir erlaubte, so zu funktionieren, wie es gerade von mir erwartet
wurde.
Niemand würde später sagen können,
ich sei an diesem Tag durch Nervosität oder gar panisches Verhalten
aufgefallen.
Rita Struck fand es wohl nicht angebracht, mich für die anfallenden Hausarbeiten einzuteilen. Ich konnte mich also erneut auf mein Zimmer zurückziehen und dort fiel auch noch der letzte Rest Anspannung von mir ab. Ich konnte nichts mehr ändern, die Dinge würden ihren Lauf nehmen.
Ich ließ die letzten drei Jahre Revue passieren und versuchte den Zeitpunkt zu orten, an dem klar wurde, dass Karl ein Psychopath war.
Fast hatte ich mich daran gewöhnt, in
einem goldenen Käfig zu leben, hielt für Fürsorge und Liebe,
was Besitzerstolz war. Dass mein persönlicher Aktionsraum immer enger
wurde fiel mir nicht auf. Ich hielt es für Zufall, wenn sich
Treffen mit ehemaligen Freunden zerschlugen und dachte an echte Besorgnis,
wenn Karl mir sagte, dass ich als seine Frau dem Sicherheitskonzept folgen
müsse, das er für mich aufgestellt hatte.
Erst als auch Marisa diesen extremen Einschränkungen
zum Opfer fallen sollte, rebellierte ich.
An diesem Tag stritten wir uns zum erstenmal
und dieser Streit endete damit, dass er mir auf eine Weise zeigte, wie
sehr er mich als seinen Besitz betrachtete, die mich entsetzt und
hilflos zurück ließ, er vergewaltigte mich.
Die Machtverhältnisse in unserm Haus schienen
danach ein für alle mal geklärt zu sei. Er gab sich nie wieder
die Mühe, mir seine Anordnungen zu erklären, oder um Verständnis
zu bitten, er befahl und ich gehorchte, denn das geringste Aufbegehren
gegen seinen Willen endete für mich mit Demütigungen und körperlichen
Schmerzen.
Außerhalb des Hauses, bei unseren gesellschaftlichen
Verpflichtungen war ich das Kleinod an seiner Seite, das er mit fast krankhaft
anmutendem Stolz vorführte.
Und dann kam der Tag, den ich nie vergessen
werde.
Ich wurde zufällig Zeuge eines Telefonates,
das mich vor Entsetzen erstarren ließ.
„Stellen Sie sich nicht so an,“ schrie er ins
Telefon, „ ich erwarte, dass Sie in diesem Drittland die Voraussetzungen
für den Absatz unserer Pharmazieprodukte schaffen und wenn Sie dazu
eine Epidemie auslösen müssen, dann tun sie das verdammt noch
mal.
Ich schicke Ihnen zur Unterstützung meinen
Majordomus Hartlieb, das ist ein Mann, dem ich voll vertraue, er beseitigt
was meine Pläne stört .“
An dieser Stelle klang seine Stimme derart drohend, dass ich mir die Panik des Teilnehmers am anderen Ende der Leitung ohne Mühe vorstellen konnte.
„Und was Sie betrifft, vergessen Sie nicht,
Menschen kaufe ich täglich und auch Sie hatten ihren Preis.“
Er knallte den Hörer auf die Gabel und
dann sah er mich.
Sein Lächeln war sardonisch. „Glaubst Du etwa immer noch, Du hättest nicht auch Deinen Preis gehabt. Leider stellt sich immer mehr heraus, dass Du ihn nicht wert warst. Es macht keinen Spaß mehr Dich zu besteigen, da kriege ich in jedem Bordell weitaus Besseres geboten.“ Er lachte zynisch und sagte dann mit zusammen gekniffenen Augen, „ vielleicht wäre etwas Nachhilfeunterricht in diversen Praktiken geeignet, Schwung in unser Sexleben zu bringen, halte Dich also bereit, ich werde heute Abend zwei weibliche Gäste mitbringen.“
Ich hatte wie gelähmt in der Tür gestanden, erst jetzt fand ich meine Stimme wieder. „ Wenn ich Dir so zuwider bin, lass mich doch gehen, ich verspreche, kein Wort über dieses Haus und unsere Ehe auszuplaudern.“
Mit einem Satz war er bei mir und schlug zu, härter, erbarmungsloser als je zuvor. „Niemand geht, keine Frau verlässt einen Karl Assenauer, mein Eigentum bleibt mein Eigentum, bis ich es selbst entsorge.“
Als er endlich von mir abließ, lag ich am Boden, blutete aus Nase und Mund und mein rechter Arm sah seltsam verrenkt aus.
Es war sein Majordomus Hartlieb, der die Wende
brachte. Der Mann, der – wie ich ja nun wusste - für ihn morden
würde.
Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt mehrfach
mit großem Geschick meine Blessuren behandelt. Er schiente meinen
gebrochenen Arm und versorgte ihn fachgerecht.
Als ich endlich, von Schmerzmitteln halb betäubt,
in meinem Bett lag, sagte er leise;
„Sie können nicht entkommen solange dieser
Mann atmet, er pflegt Abtrünnige zu vernichten.
Wenn sie bereit sind, die daraus erwachsenden
Konsequenzen zu ziehen, dann können Sie sich befreien, vorher nicht.“
Er verließ das Zimmer und ich starrte
ihm mit offenem Mund hinterher.
Beim nächsten Verbandwechsel tat Hartlieb
so, als interessiere ihn nur der Zustand meiner Verletzungen. Ich
aber hatte zitternd vor Ungeduld auf sein Erscheinen gewartet.
„Ich bin bereit“. Ich schrie es fast und er
sah sich hastig um, ob jemand diesen Ausbruch gehört haben konnte.
„Psst,“ zischte er und drückte mir ein Kärtchen in den Hand, „rufen Sie hier an und sorgen Sie dafür, dass dieses Telefonat nicht mitgehört werden kann,“
Verwirrt starrte ich auf eine Visitenkarte mit dem Aufdruck:
Wir bieten Ihnen eine Alternative
zum Selbstmord
34589
Alternative? Wie konnte irgend jemand
wissen, wie nahe ich daran war, dieser Ehehölle auf eine Weise zu
entkommen die endgültig war und mich sogar einem Karl Assenauer für
immer entziehen würde, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.
Aber welches Interesse hatte Hartlieb daran,
mir einen Ausweg zu zeigen.
Zumindest das erfuhr ich sehr schnell.
Hartlieb wollte aussteigen, er hatte sich
offen geweigert, durch das Aussetzen von Viren die Voraussetzungen für
den Einsatz pharmazeutischer Produkte aus dem Assenauer Konzern zu schaffen,
wohl wissend, dass er damit für einen Mann wie Karl Assenauer nicht
nur unbrauchbar, sondern auch gefährlich wurde.
Er hielt es nur für eine Frage der Zeit,
auf eine Weise abserviert zu werden, die ihn erheblich mehr kosten würde,
als nur sein gesichertes Einkommen.
Ich handelte, als ich erfuhr, dass meine Vorgängerin,
die hinreißende Blondine, nicht etwa zu neuen Ufern aufgebrochen
war, sondern von Karl in die Psychiatrie eingewiesen worden war.
Erst das ließ mich das Ausmaß
seiner Störung, aber auch die Macht realisieren, die es ihm erlaubte,
solche Maßnahmen ungestört durchziehen zu können. Es gab
ersichtlich niemanden, der es gewagt hätte sich ihm in den Weg zu
stellen, oder seine Aussagen anzuzweifeln.
Mein Telefonat mit 34589 war gespenstisch.
Ich sprach mit einem Computer. Schon als ich
meinen Namen sagte, wurde ich weitergeleitet, allerdings erneut zu einem
Computer, der seltsam abgehackt nur zwei Sätze sagte. „ Ihr
Anliegen ist bekannt, sollten Sie sich in Lebensgefahr befinden drücken
Sie die EINS.
Entschlossen drückte ich die EINS.
Wieder die Computerstimme seltsam verfremdet:
„Verlassen Sie das Haus, halten Sie sich 2 Tage an einem sicheren Ort auf,
an dem Sie trotzdem von vielen Menschen gesehen werden. Bestätigen
Sie von dort aus durch einen Anruf, ob Sie nach wie vor verfolgt
werden, erst dann werden wir tätig.
Und schon wurde aufgelegt. Man schien davon auszugehen, dass Anrufern bekannt war, dass hinter der Rufnummer eine Organisation stand, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, verbrecherische Zeitgenossen aus dem Weg zu räumen, die sich jeder weltlichen Strafverfolgung entziehen konnten. Hartlieb hatte zwar den Kontakt hergestellt, wäre allerdings als Auftraggeber von dieser auch ihm unbekannten Gruppe niemals akzeptiert worden. Das entscheidende Signal musste von einem Menschen ausgehen, der sich in direkter Lebensgefahr befand.
Ich hatte heute dieses Signal gegeben.
Karl Assenauer war an diesem Abend Thema in allen Medien. Der Milliardär und Medienzar war mit seinem Privatflugzeug beim Start auf ungeklärte Weise abgestürzt, niemand hatte ihn aus der Maschine, die sofort in Brand geraten war, retten können.
Mein Leben lag klar vor mir.
Ich würde schreiben.
Jemand hatte einmal gesagt, wer seine Kindheit
überlebt, der hat für den Rest seines Lebens genug zu schreiben.
Ich würde herausfinden, wie produktiv
jemand war, der auch noch einen psychopathischen Ehemann überlebt
hatte.
Copyright L. Warmeling