Es ist alles im Krieg sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig.
v. Clausewitz


Marta Sabel

Story veröffentlicht im Zeitzeugenprojekt *Zeitenwende* des SWR
 
 
 

7. April 1945

Ich sitze zwischen den Knien meiner Mutter direkt neben einem der Noteingänge zum unterirdischen Luftschutzbunker und jammere.

"AU, das tut doch weh, es brennt wie die Hölle."

"Muß sein," sagt Mutter lakonisch, "oder sollen wir alle total verlaust dem Feind in die Hände fallen?"

Solche Sprüche hat sie drauf, meine Mutter, und nicht jeder versteht ihren Sarkasmus, ich ganz gewiß nicht.
Jetzt bin ich nur sauer, denn immerhin ist heute mein 11. Geburtstag, da kann doch eine Packung
"Goldgeist" nicht alles sein, das mir widerfahren wird.
Außerdem, wie sieht das denn jetzt aus!

ER wird doch sofort sehen, daß ich Ungeziefer habe, und wer weiß, vielleicht macht
er dann einen Riesenbogen um mich, verlaust wie ich bin, und die Bindehaut meines
rechten Auges ist mal wieder derart entzündet, dass ich eigentlich eine Augenklappe brauche.
Alles eine Folge der Unterernährung, sagt Mutter, und sieht aus, als sei das Elend
der Welt nur noch Zentimeter von uns allen entfernt.

Prüfend sieht sie mich an, lächelt dann und meint: "Du siehst zwar aus wie der Pirat
aus einer Seeräubergeschichte, aber immerhin ein sauberer Pirat, ist doch auch schon was."

Ja, war auch schon was, nur wollte ich an diesem Tag doch alles andere sein als
ein Pirat, lieber die Prinzessin, die gerettet wird, und das natürlich dann von IHM.

Es ist wohl zu erkennen, ich war damals verliebt bis über beide Ohren.
Zum erstenmal wirklich mit Schmetterlingen im Bauch, hoffnungslos dahinschmelzend,
und die Betonung lag auf "hoffnungslos"!

Denn das Objekt meiner Sehnsüchte war schon neunzehn und ein hinreißender,
blonder Franzose, der als Kriegsgefangener beim Tunnelbau des Luftschutzbunkers eingesetzt war.
Meine Mutter kochte für die ganze Horde der Fremdarbeiter, wie man sie damals
nannte, und riß sich ein Bein aus, daß alle satt wurden; ein Kunststück,
das nicht immer gelang.
Anton hieß mein Held, und es kümmerte mich wenig, daß sein Name eigentlich Antoine war.
Er bedeutete einfach alles für mich.
Großer Bruder aber zuallerletzt, denn große Brüder, das wußte ich ja damals
genau, sind doofe Säcke, und ohnehin immer auf Achse.
"Vagabunden der Zeit" nannte Mutter sie mit einem bezeichnenden Blick auf Cousin Rolf,
der, obwohl erst sechszehn, immer in irgendwelche dubiosen Geschäfte verwickelt schien.
Ich glaube, Mutter war froh, dass sie seine Beschaffungsstreifzüge nicht zu
verantworten hatte, denn Rolf lebte gefährlich, immer gewärtig, entweder von
der Polizei, oder von irgendwelchen obskuren Geschäftspartnern fertiggemacht zu werden.

In der eigenen Familie gabs nur noch meine ältere Schwester, aber wir fanden einander ohnehin bescheuert.
Ach ja, einen Vater hatten wir auch, aber der war seit sieben Jahren an der Front,
wo immer das auch war.
Ich kannte ihn nur aus gelegentlichen Heimaturlauben, in denen er aber eher wie ein
Fremdkörper in unserer ausschließlich weiblichen Gemeinschaft wirkte.
Wir Kinder waren froh, wenn er wieder wegfuhr. Wir liebten ihn nicht.
Er war nicht gut zu Mutter, und die ihrerseits schien ebenfalls erleichtert
aufzuatmen, wenn sein Heimaturlaub vorüber war.

Mutter schlingt mir das noch nasse, lange Haar in ein Handtuch: "Jetzt gleichst du
einer Haremsdame, meine Schöne, das Flitschauge ist überhaupt nicht schlimm,
Antoine wird es gar nicht sehen," behauptet sie unverfroren!

Ich fühle, wie ich rot bis unters Handtuch werde: Mutter entgeht aber auch rein gar nichts.
Sie nimmt mich lachend in die Arme und knuddelt mich liebevoll.
"Na, Geburtstagskind, dann laß uns mal wieder in den Untergrund zu
den anderen Kellerasseln steigen, mal sehen, wie wir aus diesem Tag
noch was machen."

Sie hat den Satz gerade zu Ende gesprochen, als ohne jede Vorwarnung
die Welt um uns zu bersten scheint!

Bombentreffer im Nachbarhaus, aber das erfahren wir erst viel später, jetzt geht es
nur noch darum, zu überleben.
Mutter stürzt, mit mir in den Armen und der leeren Flasche Goldgeist in
der Schürzentasche, durch den Einstieg hinunter in den Tunnel,
der am Vortag erst fertiggestellt worden ist.

Wir landen erst mal drei Meter tiefer ziemlich schmerzhaft auf einem Riesenstapel
alter Säcke, die zur Aufnahme des ausgehobenen Erdreiches dort liegengeblieben waren.
Glück im Unglück, Mutter rappelt sich sofort wieder auf und tastet mich überall ab.
Nein, mir ist nichts passiert, wir weinen erleichtert. Und da ist auch schon Antoine.
Er stürzt aus der Biegung, die zu dem unterirdischen Hauptaufenthaltsraum führt,
und schreit: "Lisa, Lisa, komm ..ier..isch bin ..`ier...schnell..."
Wie die meisten Franzosen verschluckt Antoine das deutsche "h", ich liebe seinen
Akzent.

Ich habe gerade noch Zeit, die Besorgnis in seiner Stimme wahrzunehmen,
als das Erdreich schon über der Stelle zusammenbricht, an der wir gerade
noch gestanden haben. "Miese Arbeit Antoine," keucht Mutter,
"hast du nicht gestern noch behauptet, dieser Einstieg sei total abgesichert?"

"Matta [er nennt Mutter statt Marta immer Matta], du mach jez nix Witz....raus `ier wie Blitz!"
Wir rennen los, als sei eine Feuerwalze hinter uns. Die abgestützte
Balkendecke des Tunnels knirscht verdächtig, und einzelne Gesteinsbrocken
stürzen vor und hinter uns auf den Gang.
Es gelingt uns mit letzter Anstrengung, den gewundenen Stollen entlang
das Verbindungstor zum Bunker zu erreichen, bevor er hinter uns zusammenstürzt.

Den letzten Teil des Weges hat Antoine mich erbarmungslos gezogen,
mein Handgelenk schmerzt wie die Hölle, aber ich weiß, ohne Antoine
wären Mutter und ich verloren gewesen.
Die "Höhlenbewohner", wie Mutter sie immer nennt, stehen alle total
verängstigt hinter dem schweren, schmiedeeisernen Tor zum Bunkerinnern.

Unser aller Sprachrohr, der alte Willemsen, ruft aufgeregt:
" diesen Notausgang können wir schon mal abschreiben, der ist hin."

Sein faltiges Gnomengesicht sieht besorgt aus, er drängt; also Leute, auf, auf,
prüft die restlichen Ausstiege, ich hab keine Lust, noch drei Tage vor
Kriegsende wie eine Ratte im Loch zu verenden."
Er hustet schwindsüchtig und sein Schildkrötenhals reckt sich
auffordernd in Rolf's Richtung, der aussieht, als würde er sich lieber von solchen
anstrengenden Arbeiten freikaufen.

Was ihm nicht schwer gefallen wäre, denn er hortet in einem geheimen Versteck
so ziemlich alles, das sich hamstern und ergaunern läßt.
 

"Halt," sagt Tante Marie, "zuerst zählen wir ab: Wer ist draußen, wer pennt gerade,
und wer treibt sich in den Nachbarkellern rum."
Das ist sinnvoll und wird auch sofort befolgt.

Es stellt sich heraus, daß von den hundertzwanzig Bunkerbewohnern nur fünf fehlten.
Alle übrigen hatten die kurze Entwarnungszeit genutzt, unser aller
Lebensraum, den wir nun bereits acht Monate Tag und Nacht bewohnen,
auf Vordermann zu bringen und uns damit allen eine menschenwürdige Unterkunft zu erhalten.

Also Eingangskontrolle.
Vier der fünf Eingänge zum Untergrund sind eingestürzt.
Panik beginnt sich breitzumachen.
 

"Die Katze!" ruft Mutter plötzlich, und ihre Stimme klingt so glücklich und erleichtert,
als sei unsere Rettung absolut sicher.
"Wo, wo..?" Aufgeregte Stimmen sind zu hören, denn wo Gräuli ist,
 -das weiß jeder "Höhlenbewohner"-  ist auf jeden Fall frische Luft;
dieses Tier hat einen untrüglichen Sinn für Fluchtwege.

Ich setze mich auf die Erde und beschließe, keinen Schritt mehr zu tun.
Wenn Gräuli gesichtet ist, können wir alle unbesorgt sein, sie weiß,
wo es raus geht.
Ich bin stolz auf meine Katze, die so klug ist, daß Antoine sie zärtlich
"mein klein Madame Curie" nennt.
Ich weiß nicht, wer Madame Curie ist, aber Antoine scheint es zu wissen, das reicht mir.

Ein Trupp von Leuten untersucht die zersplitterten Deckenbalken,
auf deren oberstem Teil Gräuli sitzt und sich seelenruhig das runde Katzengesicht putzt.

Tatsächlich, Frischluft kommt durch eine winzige Lücke in der Decke.
Nach stundenlanger, gemeinsamer Anstrengung haben Rolf und drei
der Fremdarbeiter den Weg in die Etage über uns freigemacht.

Von dort geht es direkt ins Freie, denn das Gebäude über unserem Bunker
ist dem Erdboden gleichgemacht, und die Sonne malt goldene Kringel
auf den Betonboden, der einmal zu einer riesigen Halle gehörte
und das Zwischendach unseres Bunkers bildet.

Die Aufräumarbeiten beginnen sofort, und ich habe keine Zeit mehr,
auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, daß ich doch eigentlich
Geburtstag habe; daß mein Geburtstag fast auch mein Todestag geworden wäre,
und daß ich meinem geliebten Antoine nun auch mein Leben verdanke.

Als sich die Hektik und das Trauma des "Verschüttetseins" langsam legt,
sehe ich es: Antoine hat mich nicht vergessen!
Unbeachtet in all dem Tumult stehen neben meinem Bett ein Paar
wundervoll geschnitzte, bildschöne, hell lackierte Stelzen!

Ich stehe davor und grinse töricht und unbeschreiblich glücklich.

Es paßt zu diesem so strahlend endenden Tag, daß sich auch die fünf Mitbewohner
nach Stunden einfanden: Die Bunkergruppe 45 hatte den schwersten
Bombenangriff seit Kriegsbeginn geschlossen überlebt.
 

Copyright LWarmeling
 

                                                            E-Mail: E-Mail