Der letzte Gruß
 
"Ach komm, erzähl schon ," sagte Marlen und fügte dann
sarkastisch hinzu, mir kann man inzwischen sämtliche Geheimnisse anvertrauen, die
Wahrscheinlichkeit, dass ich die mit ins Grab nehme liegen bei  99,9%,"
knurrte sie und hustete demonstrativ.

"Ich dachte, Du willst auf jeden Fall noch 15 Jahre leben bis zu Deinem
Neunzigsten, sagte Julia mürrisch und dass Du jemals zu der Spezies gehört hättest,
die schweigen kann wie ein  Grab, das wäre mir auch neu."
 
"Mit anderen Worten, Du willst mich dumm sterben lassen," Marlen sah aus, als habe
 man sie gegen den Strich gebürstet.

Julia seufzte. " Wie könnte ich denn. Ich weiss zwar nicht welche abenteuerliche
Erklärung Du erwartest, Ich war zwei Tage in Hamburg, das ist alles"
 
"Du reist nie, also muss dahinter ein Geheimnis stecken," Marlen gab nicht auf.
 
" Also gut," Julia resignierte, der Grund war der Mann meines Lebens."
 
"Was? Jürgen?
Der muss doch schon neunzig sein und so weit ich weiss, hast Du
den in den vergangenen 25 Jahren kein einziges mal gesehen, geschweige denn
mit ihm das Bett geteilt.
Oder gehört das auch zu den Ereignissen, die Du mir bisher verschwiegen hast?"
 
"Stimmt, es ist jetzt fünfundzwanzig Jahre her, seit er mir unterjubelte, er gedenke nicht,
mir den Hof zu machen und falls sich das je ändern sollte, werde er  mich vorher
schriftlich über seine Absichten in Kenntnis setzen."
 
Und? Sag bloß, das hat er jetzt getan?"

"Nicht ganz, er hat mir auf eine für ihn typische Weise Magenschmerzen bereitet. 
 
Er wollte wohl von oben zuschauen , ob ich bereit bin, neben seiner versenkten Urne
in die See zu kotzen und das weiss er jetzt, denn ich habe anlässlich seiner Seebestattung
in Hamburg dann auch erwartungsgemäß dem Trauerredner auf die Schuhe gejöbelt.
Er muss sich in seinem ziselierten Behältnis köstlich amüsiert haben der verdammte Arsch."
 
"Was, der hat den Löffel abgegeben und Du sagst mir nichts?"

"Ich wusste, obwohl wir uns seit 25 Jahren weder gesehen noch
gesprochen hatten, dass er seine Absicht, im Alter ein Haus an der See
zu erwerben, um seine Manager-Magengeschwüre endlich einzudämmen,
nicht umgesetzt hat.
Wir verändern wohl alle unsere Zukunftspläne wenn wir alt werden,
denke ich, die Sicht wird eine andere, sie orientiert sich notgedrungen
an der körperlichen Befindlichkeit, also wird auch er sich
überlegt haben, dass ein Umzug sich nicht mehr lohnt, vielleicht war er
schon zu krank, ich weiss es nicht.

Aber dass er hartnäckig ist, davon kannst Du ausgehen, also hat es mich
nicht allzu sehr gewundert, zu seiner Beisetzung eingeladen zu
werden und..wie kanns anders sein, das war dann die besagte Seebestattung..

Das ist typisch für ihn und auch die Einladung wunderte mich nicht
allzu sehr, er weiss, wie schnell ich seekrank werde, hat sich also
auf die ihm genehme Art doch noch mit einem Schlag in meine Magengrube
verbschiedet. Er wusste, ich würde es mir nicht nehmen lassen,
bei seinem Heimgang dabei zu sein.
"Aber immerhin, ich habe ihn überlebt, diesen verdammten Sturkopf."
 
Ja, haste, Marlen zögerte eine Sekunde und sagte, "womit dann hoffentlich
die grösste Hass-Liebe, der ich je zuschauen durfte, ein endgültiges Ende
gefunden hat", es sei denn, er schwirrt hier noch als Geist herum und
sorgt dafür, dass Du außer an ihn, auch weiterhin an keinen anderen Mann
je denken kannst.
Hat er Dir wenigstens etwas vererbt, der war doch nicht unvermögend?"
 
"Er hat....alle Liebesbriefe aus 20 Jahren, er hatte sie alle aufbewahrt",
sagte Julia leise und endlich flossen die Tränen.
Tränen über vertane Zeit und den unüberwindlichen Stolz von zwei
Menschen, denen es nicht gelungen war, über ihren Schatten zu springen.
 
"Erinnerungen sind wie Mondstrahlen, sagte mal jemand, wir machen mit ihnen was wir wollen,
da kommt es nicht darauf an, ob die Dinge wirklich so gewesen sind, wie wir sie jetzt
zu erinnern glauben.
Es ist wunderbar, sie sich zurecht zu träumen", Julia lächelte.