Der  (organisierte)  Abgang




Er hatte mal wieder leise Töne drauf mein Mailpartner, schrieb Erbauliches
und ich fragte mich zum wiederholten mal, ob er nicht doch wieder dabei sei,
meine schwarze Atheistenseele durch die Hintertür missionieren zu wollen.

Na klar, er hatte versprochen, dass ihm nichts ferner liege, aber zuweilen
salbaderte er und ich hatte Mühe, ihn mit einem entschiedenen Ruck
auf den Boden der Tatsachen, meiner Tatsachen, zurückzuholen.

Er fühlte sich nicht wohl dort, ich merkte, wie schwierig er dann wurde,
fast außerstande, die Welt und deren sichtbaren Lauf auch nur ins Gespräch einzulassen.
Es war für ihn doch soviel leichter, bei jedem Gespräch das nicht weiterkam,
weil Meinung gegen Meinung stand, seine klerikale Seele mit all dem
aufmarschieren zu lassen, das sich jeder Beurteilung und Prüfung entzog,
weil es nun mal um Glauben ging, nicht um *Wissen*

Und jetzt wurde er poetisch...

Schau, schrieb er, es gibt eben hin und wieder Empfindungen, vage, unbestimmt,
die mich dann doch packen. Beispiel: wenn ich an einem breiten, wild schäumenden
Gewässer stehe, das mit großer Kraft dahinfließt.
Dann stehe ich ganz nahe am Ufer und fühle mich unbehaglich.

Warum?

Ich wusste und weiss es nicht.
Wenn ich sterbe möchte ich meinen Körper nicht einfach nur zurücklassen
müssen, auf dass dann die Bestattungsindustrie ihr Ritual abzieht.

Ich dachte, es wäre schön , wenn er einfach so im Wasser versinken würde – fortgespült -.

Seltsam, er verbindet also die Kraft eines Stromes mit Tod, ich dagegen mit Leben.

Selber würde ich in gleicher Lage viel eher darüber nachdenken,
wohin mich dieser Fluß führen könnte und das höchst lebendig.

Freund , muss ich mir Sorgen um dich machen, oder hast du gerade nur
deine elegische Tour, dachte ich alarmiert.

Wollte er mir etwas Spezielles sagen, oder gab er nur einem dunklen Gedanken,
wie absichtslos, Raum?

Ich wusste es nicht.

Warum organisierst Du Deinen Tod nicht ebenso wie Du das mit Deinem
Leben doch täglich tun musst, antwortete ich kurz und pragmatisch,
nicht bereit, mich auf Metaphysisches mehr als nötig einzulassen.

Zuweilen gefiel es mir, den Tiefgang einer nassen Serviette zu simulieren,
dann wollte ich mich einfach nicht hineinziehen lassen, in gar nichts.

Alle Antennen waren dann auf Heiterkeit gerichtet und jeden, der mich zu
Betrachtungen über den Sinn des Lebens verführen wollte,
kriegte eins vor den Bug.

Aber das kannte er schon und ließ sich nicht abschrecken.

"Organisieren, wie denn das?"

 Keine Sorge, ich schlage Deiner römisch katholischen Seele nicht vor,
etwas so Sinnvolles zu unternehmen wie es die Mitgliedschaft bei der DGHS wäre.

Wer denkt, er sei es ROM schuldig, auch bei schwerstem Leiden schmerzvoll
duldend zu sterben, der soll das getrost tun.
Nein, ich rede hier von den ganz normalen Verfügungen nach dem Abgang,
denn die kannst Du durchaus steuern ohne Deiner Kirche die Gefolgschaft zu verweigern.

Du musst ja dabei nicht so dilettantisch vorgehen wie ich .

"Was hast Du denn wieder angestellt", schrieb er und ich sah sein Stirnrunzeln deutlich vor mir.

Ich zögerte. Na klar, er wusste, wie ungeduldig ich war und wie oft mich
diese Ungeduld bereits in die sonderbarsten Situationen gebracht hatte.
Durchaus auch in solche, die ich im Nachhinein besser vermieden hätte.

Ob er in meiner Erzählung die zweifellos vorhandene Situationskomik
wahrzunehmen vermochte, war zudem nicht so ganz klar.
Er konnte zuweilen äusserst empfindlich reagieren, wenn man den Beauftragten
seiner Kirche nicht mit dem nötigen Respekt begegnete.

Immerhin hatte ich eine Institution aufs Kreuz gelegt, die er auf eine Weise respektierte,
die für mich eher etwas zutiefst Antiquiertes hatte.

Mehr noch, ich würde kaum je in der Lage sein, seine enge Bindung an alles
was mit den Vermittlern seines Glaubens zusammenhing, auch nur ansatzweise
zu verstehen.
Wäre er nicht ansonsten ein so heller Kopf gewesen,
ich hätte nie auch nur den Versuch unternommen, in seine enge, kirchliche
Vorstellungswelt einzubrechen wie eine Stechfliege, die ihn immer wieder zwang,
in Deckung zu gehen, wenn er ihr zuviel Angriffsfläche bot.

Ich schonte ihn nie, wenn er begann zu salbadern, Vorträge hielt,
als stehe er auf der Kanzel und wettere gegen die Übel der Welt.

Dann kriegte er seine Breitseiten.
Ich nahm ihn auseinander wie eine Räuchermakrele, stellte alles in Frage,
wohl wissend, dass er nie mit Fakten sondern immer nur mit seinem Glauben
kontern konnte. Yeah, ich war oft genug unfair und das mit diebischem Vergnügen.

Eine Lachnummer aus genau dieser Sicht?
Vielleicht war das nur für mich von überwältigender Komik.
Ihn dagegen konnte es durchaus eher verletzen zu hören, wie einfach es war,
das Management seines "Clubs" auszutricksen?

Ich habe mir und meinem Lebensgefährten den letzten Platz regelrecht
erkämpfen müssen bei Deiner weltlichen Heeresleitung," schrieb ich und hoffte,
er würde sich aus seiner schwermütigen Phase lösen können.

Wußtest Du, dass man hierzulande einer Konfession angehören muss,
um auf manchem Herrgottsacker bestattet zu werden?
Glaubs nur, dem ist so.

Hier ist dieses Stückchen Erde genau unserem Haus gegenüber und ich benutze
den Schnellweg durch den Friedhof zum Supermarkt als willkommene Abkürzung.
Ebenso die gesamte Nachbarschaft, sodaß die verehrungswürdigen
Altvorderen die dort ruhen, täglich einen äusserst lebhaften Durchgangsverkehr gewohnt sind.
Ein schönes Stückchen Erde , das wenig von der Stille und Beklemmung vermittelt,
die ansonsten Friedhöfen anhaftet.

Es lag auf der Hand, das war der Platz, der meinem Naturell lag, genau da wollte ich hin,
absolut sicher, für Unterhaltung würde auch nach meinem Abgang ausreichend gesorgt sein.

Ganz zu schweigen davon, dass Kinder und Enkel nur mit der Gießkanne die Straße
zu überqueren brauchten um mit ihren Verblichenen ein Schwätzchen zu halten.

Dachte ich...aber....da sind die ganz eigen.

"Was? Aus der Kirche ausgetreten?" hieß es, "und das schon vor 30 Jahren?"
"Also dann tuts uns leid, da werden sie im angrenzenden Stadtteil zur letzten
Ruhe gebettet, bei uns nicht."

Du kennst mich, einmal in etwas verbissen, werde ich – was immer es auch sei –
daran zerren, bis ich es entweder habe, oder bis nichts mehr übrig ist,
dass irgendwer beanspruchen wollte.

Ich blies zum Angriff.

Kurzerhand ließ ich die Träger der örtlichen Institutionen wissen,
dass ich durchaus bereit sei, reumütig in den Schoß der Kirche zurückzukehren,
hütete mich aber zu erwähnen, dass die gleichlautende Nachricht an beide
Besitzer des Gottesackers, die Katholischen und die Evangelischen gerichtet war.

Wer zuerst Flexibilität bewies, dem würde ich meine Mitgliedschaft und die
meines noch etwas widerstrebenden Lebenspartners andienen.

Der allerdings sah aus, als wolle er zur Not auf das sonnige Plätzchen auf dem
nachbarlichen Rennweg verzichten, er litt wohl an Ahnungen und die
bestätigten sich dann auch.

Die Evangelischen waren schneller, sie schrieben äusserst erfreut, man werde
unter gewissen Voraussetzungen die Wiederaufnahme betreiben.
Es genüge, wenn wir beide dort auftauchten, um den prüfenden Organen
glaubhaft nachzuweisen, dass es durchaus uneigennützige und zutiefst
gläubige Gründe gebe, in den Schoß der Kirche heimzukehren.

Natürlich gabs die, war es etwa kein ausreichender Grund, wenn man das Getümmel
eines Durchgangsbahnhofs zur rush hour stiller Beschaulichkeit vorzog?

Grüsste ich doch selber auch immer freundlich rechts und links die Gräberreihe entlang.
Blieb ein paar Sekunden bei der unbekannten Ingrid Pettersen stehen und bewunderte
ihren frischen Grabschmuck. Oder murmelte leises Bedauern, wenn ich sah,
dass Karl Götzel wohl schon lange niemanden mehr zu Besuch gehabt hatte,
denn sein kupfernes Grabkreuz setzte schon Grünspan an.

Sobald ich also selber da lag, würde ich Hof halten, das stand fest.
In Bedeutungslosigkeit versinken, das lag mir doch gar nicht.
Ich gedachte also eher, die Vorbeidefilierenden sorgsam und interessiert
im Auge zu behalten.

Ich war zutiefst neugierig endlich zu erfahren, wieviel man als
Dahingeschiedener noch mitkriegt von dem, was einmal das eigene Leben gewesen ist.

AHA, AHA, schrieb mein Mailpartner, Du glaubst also doch an die unsterbliche Seele?

Ich bin Pragmatiker durch und durch antwortete ich und als solcher
schließe ich keine Möglichkeit aus, ich kalkuliere sie ein und sei sie noch so ausgefallen.

Aber in diesem Fall wollte ich meinen Abgang ganz in meinem Sinne planen.
Dazu gehört dann alles, die Art der Bestattung, der Platz, die Musikauswahl und
... eine von mir selbst verfasste Grabrede, denn der Teufel soll mich holen,
wenn ich irgend einem unterbelichteten Phrasendrescher erlauben werde,
von den Vorzügen einer Person zu berichten, die er nie gekannt hat.

O nein, meine eventuell unsterbliche Seele wird auf dem Kronleuchter der
Kapelle schaukeln, mit den Beinen baumeln und zusehen, wie der verehrten
Trauergesellschaft der Abschied leicht fällt, wenn die Rede verlesen wird.
Ich wünsche mir heitere Gesichter auf meinem letzten Weg und genau für
die werde ich sorgen.
 

Du bist total verrückt schrieb mein Freund...und...eine Seele hat keine
Beine mit denen sie baumeln könnte.

Wieso? Ist der Haufen, auf den wir uns nach dem Tod einlassen müssen, derart humorlos?

Also wenn das so sein sollte und auch das hat ein Pragmatiker einzubeziehen,
dann will ich aber meinen Spaß erst recht vorher haben.

Sag schon, was hast Du gemacht?

Na was schon.

Als die Aufforderung des Pfarramtes kam, man habe sich zum Zwecke einer
mündlichen Prüfung des Aufnahmeantrages dort einzufinden, sah mein
Lebensgefährte schon sämtliche Felle davonschwimmen.

"Was soll denn das," meinte er grämlich.
" Die wollen doch nicht etwa von zwei Rentnern eine Gesinnungsprüfung?"

Und ob die das wollten, da kann ja jeder kommen und in eine illustre Runde Einlaß begehren.

"Betrachte es als Mutprobe", sagte ich lässig.
" Meinereiner wird gewaltig Schaum schlagen und je nach intellektueller
Beschaffenheit unseres Gegenübers werde ich also auf den Konflikt zwischen
Philosophie und Religion hinweisen.
Wild mit Begriffen wie Realismus und Atheismus, Feminismus und Kommunismus,
um mich schmeißen und mit der Kantischen Kritik und dem Schopenhauerschen
Pessimismus jonglieren.
Lass nur Liebchen, der wird drei Kreuze machen, wenn er uns wieder los ist."

"Davon haste doch keine Ahnung", erwiderte mein Hubert und sah aus,
als sei ich bereits wegen geistiger Hochstapelei am Pranger und meine
desolate charakterliche Beschaffenheit werde der Gemeinde demnächst
von der Kanzel verkündet.

" Er wahrscheinlich auch nicht. " Ich war da sehr optimistisch.

" Na gut", ich war dennoch bereit Konzessionen zu machen, zumal der Schlachtplan
ohnehin etwas löchrig schien.

" Du kannst ja Deinerseits inzwischen mal in der Bibel stöbern.
Es kann ja nicht schaden, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein."

"Bibel ? Haben wir denn überhaupt eine?"

Wir hatten !!

Nachdem Hubert den Einband des Buches der Bücher sorgfältig mit
einem Domestos Tuch abgetupft und hoffentlich neben dem Staub auch
prähistorische Bakterien davon entfernt hatte, stürzte er sich auf Pracht,
Reichtum und Macht Salomons , bereit, demnächst allem standzuhalten,
sogar Fragen nach dem Untergang Babylons.

Erst als Hubertchen mit Abraham und seiner zahlreichen Nachkommenschaft
echte Probleme bekam, fiel mir ein, dass es vielleicht gar nicht um unsere
Bibelfestigkeit gehen könnte.
Die Frage, welchen sonntäglichen Beitrag für den Klingelbeutel wir aufzubringen
imstande wären, könnte doch einen möglichen Examinator sicher viel eher interessieren.

"Was", sagte Hubert und sah kampfbereit aus, " das ist doch kein Golfclub mit
festen Beitragssätzen. Und die Kirchensteuer für Rentner ist längst abgeschafft."

Na klar, sobald es um seine Moneten ging, blockte Hubert grundsätzlich ab.
Er war in diesem Zusammenhang so ergiebig wie die Wüste Gobi.

Nun komm doch endlich zu Potte schrieb mein gläubiger Mailfreund,
ich hasse es, wenn Du Abschnittsmails verfasst.
Du benimmst Dich, als wäre ich ein kleines Kind, dem Du täglich sein Betthupferl zuteilen musst.

Rück schon raus damit, ich bin nicht der Typ,
dem Du etwas in abgemessenen Dosen beibringen musst.

Ich hoffe, der Pfarrer hat Euch abblitzen lassen, das fasst man ja nicht,
nur wegen einer Grabstätte ein Gebäude aus Lug und Trug zu errichten.

Hoppla, ahnte ich es doch, er fand meine Unternehmung gar nicht lustig.

Jetzt galt es, die Fettnäpfchen schnell zu demontieren.

Keinesfalls durfte ich ihm nun erzählen, dass der Pfarrer eine Pfarrerin gewesen
und vom Anblick meines Hubert in seinen Leder-Kniebundhosen derart angetan war,
dass sie ihn sofort für den örtlichen Jägerverein anwerben wollte, bei dem sie Schriftführerin war.

Die beiden waren innerhalb von 5 Minuten ein Herz und eine Seele,
ich nur ein lästiges Anhängsel und Judas Ischariot so bedeutungslos wie meine Anwesenheit.

Selbstverständlich sind wir seit Neuestem evangelisch, bekamen anlässlich einer
Messe eine Fibel von Martin Luther King mit dem erbaulichen Titel * ich hatte einen Traum*
ausgehändigt und dürfen nun mit Fug und Recht einen Platz auf der "Supermarkt-Rennstrecke"
Parzelle drei beanspruchen.

Das war der genaue Ablauf, aber den musste ich nun leicht frisieren.

Mein Sinn für Komik durfte die Seele meines lieben Freundes nicht anknacksen.
Also beugte ich – nicht zum erstenmal – die Wahrheit ein klitzekleines bisschen und schrieb:

Mach Dir keine Sorgen.
Wir sind zu der Vorladung gar nicht erst erschienen.

Jetziger Stand der Dinge, ich habe die totale Freiheit gewählt.
Meine Asche wird - hoffentlich nicht so bald – auf der Wiese eines
niederländischen Krematoriums ausgestreut, namenlos und bescheiden.

Ich hätte ja ein Seebegräbnis gewählt, aber Du weißt ja, dass ich nicht schwimmen kann.
 
 

Copyright L. Warmeling