Weihnachtsessen mit....
Er
hätte meine Einladung zur Weihnachtsfeier nie angenommen wenn ich nicht
glaubhaft
versichert hätte, er werde Herder bei mir treffen.
Ich wusste wie sehr er den bewunderte und spielte mit seiner Verehrung für den Meister.
Aber
immerhin stand Frau von Stein meiner Tafel vor und das, so hoffte ich,
würde ihn
genügend ablenken, damit ich diesen Mann näher kennen lernen
konnte.
Das Ganze ließ sich auch nicht schlecht an.
Er deklamierte bereits bei der Vorspeise über sein Lieblingsthema:
"ich
kann überhaupt nicht begreifen, wie man hat glauben können, dass
Gott durch
Bücher und Geschichten zu uns spricht. Wem die Welt
nicht unmittelbar eröffnet,
was sie für ein Verhältnis zu ihr hat, wem
sein Herz nicht sagt, was er sich und
anderen schuldig ist, der wird es
wohl schwerlich aus Büchern erfahren, die eigentlich
nur geschickt
sind, unseren Irrtümern Namen zu geben.**
Mir schien, er
hatte vor, sich für das Ausbleiben von Herder ersatzweise mit allen
Literaten
am Tisch anzulegen, der alte Neidhammel, denn darunter waren
einige, die es mit
Veröffentlichungen in klingender Münze sehr viel
weiter gebracht hatten als er.
Die Tafelrunde durch seine
Überheblichkeit aus den Fugen geraten zu lassen, das war
nun gar nicht
in meinem Sinn und obwohl Frau von Stein mich strafend ansah, sorgte
ich dafür,
dass die schöne Lili wie die Versuchung pur um die Tafel
schritt und vor jedem Gast eine Kerze
anzündete.
Sie beugte sich
verführerisch lächelnd über unseren Ehrengast und gewährte ihm einen
tiefen Einblick in ihr Dekolleté, dabei wie absichtslos seine Hand
streifend.
Lili verblieb neben seinem Stuhl etwas länger als bei
den anderen Gästen und ich täuschte
mich sicher nicht, als ich zu
bemerken glaubte, dass sie ihre Schenkel an ihm rieb, was dann
Frau von
Stein zu entrüstetem Hüsteln und dem Hinweis in eigener Sache
veranlasste:
** eine Frau kann mit 19 entzückend sein, mit 29 hinreissend, aber mit 39 ist sie absolut unwiderstehlich.**
Allerdings
konnte dieser verheißungsvolle Ausspruch meinen Ehrengast keine Sekunde
von
der 16jährigen Lili ablenken, der Gockel hatte die Spur aufgenommen
und er war nicht gesonnen,
andere Angebote auch nur noch zur Kenntnis
zu nehmen. Er balzte.
Vorbei war es mit seinen literarischen
Höhenflügen, er sprach dem süßen Weine mehr zu,
als es zu scharfer
Denkweise ratsam gewesen wäre und seine Gesichtszüge ließen alsbald
die
konzentrierte Strenge missen, die ihm ansonsten eigen war.
Der Herr wurde menschlich, erschreckend menschlich.
Zuerst
begann er aus seinen Werken zu deklamieren, verwendete dabei aber
sämtliche
Werbungspassagen der überdeutlichen Art und richtet diese
über die ganze Breite des
Tisches hinweg an Lili, dieses unbedarfte,
kokette Wesen, das zu keinem anderen Zwecke
eingeladen war, als zu
beweisen, was aus einem Denker wird, wenn ihm Schönheit und
Jugend auf
dem Prasentierteller gereicht werden.
Ob es der Wein oder die
süße Lili war, die ihn vollends den Verstand verlieren ließ,
das blieb
offen und spielte fortan auch keine Rolle mehr, er verlor die
Contenance und
deklamierte aus einer Traumelegie, die noch keiner von
uns kannte:
Sie stand in dieser Nacht so plötzlich vor seinem Lager, als habe sie sich aus dem
Nichts materialisiert.
Schwarze Augen, ihm zutiefst vertraut, sahen ihn unverwandt an.
Sie hielt seinen Blick auf eine so intensive Weise fest, daß er sich nicht zu rühren wagte.
Sie war hinreißend schön.
Ihm war, als hätten Hirn und Lenden gleichzeitig die Vision einer Frau geschaffen,
die ihm den Atem nahm.
Das
tiefschwarze Haar lag wie ein schimmernder Helm um den schmalen, edlen
Kopf,
in dem schlanken Nacken zu einem lose geschlungenen, schweren
Knoten gebunden.
Sie hatte die samtene Haut einer Inka-Göttin, schimmernd in mattem Goldton.
Die Lippen eine Offenbarung, voll und sinnlich, ohne allzu weich zu wirken.
Dieser Mund sah aus, als sei er es gewohnt, Befehle zu erteilen.
Die tiefdunklen, großen Augen tauchten bis auf den Grund seiner Seele.

Er erschauerte.
Sie sprach lange Zeit nicht, sah ihn nur an.
"Gib mir deine Hände!"
Es waren nur vier Worte, keineswegs eine Bitte, und nicht einmal hörbar.
Ein telepathischer Befehl.
Fast
willenlos gehorchte er und spürte ein unendliches Glücksgefühl wie
einen Feuersturm
durch seinen Körper rasen, als sie ihre langen
schlanken Finger mit den seinen verflocht
und damit auf eine so
unnachahmlich intime Weise Besitz von ihm ergriff, daß er
sein Leben
gegeben hätte, diesen Moment auf immer festzuhalten.
Er war ihr Geschöpf, und er wußte es.
"Gehorche meinem Willen, JETZT...wie jedesmal, wenn ich dich rufen werde!"
Ihr telepathischer Befehl durchzuckte sein Gehirn fast peitschenartig.
Sie
schien Alles zu fordern , und für einen Augenblick ängstigte ihn der
Gedanke,
wie vollkommen seine seelische, körperliche und geistige
Unterwerfung sein würde.
Dann
ergab er sich, nicht willenlos, sondern mit jener bedingungslosen
Leidenschaft,
deren Ziel nur die totale Verschmelzung sein konnte.
Sie
war überall, in seinem Geist, seiner Seele, und umschloß ihn in
gnadenlos fordernder Liebe,
bis jedes Atom seines Körpers sich lustvoll
unterwarf.
Sie nahm seine Hingabe entgegen wie einen Tribut der ihr zukam, und führte ihn weit
über bisher gekannte Grenzen.
Er hörte auf zu denken.
An dieser Stelle griff dann Frau von Stein ein und sagte mit ätzender Schärfe:
Was man in der Jugend an Torheiten versäumt hat
kann die Weisheit des Alters nicht ersetzen.
Doch
ER schien sie nicht zu hören, hingerissen von seiner eigenen
Deklamation griff er wild
nach Lili, stolperte trunken und riß den
3m-Weihnachtbaum aus seiner Verankerung,
der dann klirrend über die
Tafel stürzte und unser Mahl endgültig aus den Fugen geraten ließ.
Auch ER also ein Mann, ...........nur ein Mann?
Doch wer ist ER, der Leser darf es erraten.