Rita hatte mal wieder ihre Ätzphase. Sie saß bei mir auf dem Küchentisch
und wollte unbedingt die TV Sendung * Wechseljahre* besprechen, was ich
schon deshalb schräg fand, weil wir beide diese längst hinter uns
hatten.
Zugegeben, Rita versuchte immer noch als Endvierzigerin
durchzugehen, aber da war wohl eher der Wunsch
der Vater des Gedankens.
Nach ihrem leicht mißlungenem Lifting sah sie zwar straffer aus, aber
zu
Lasten einer etwas seltsam wirkenden Mimik.
Rita war das beste
Beispiel für die Behauptung, wenn man mit Ende vierzig als Frau endlich
im Kopf
alles beieinander hat, fällt gerade der Rest auseinander, da
hilft dann leider auch keine Fettabsaugung mehr.
"Guck doch mal,"
kreischte sie schadenfroh, "die hat doch Dellen bis zum Bauchnabel, da
hilft auch
keine Zellulitecreme mehr und dann dieses zuckersüße Grinsen
like babyface, da kriegt man ja schon
vom Zusehen Diabetes."
"Trotzdem
ist sie Ende vierzig und damit zehn Jahre jünger als wir beide meine
Liebe.
Also solltest Du es lassen, Vergleiche zu ziehen. Wir beide
werden vielleicht noch ein paar mal fünfzig
bevor die Erdkruste
erkaltet, das aber nur per Reinkarnation," sagte ich gelassen.
"Mag
sein," Rita schürzte die vollen Botoxlippen, "aber dafür ist sie ein
geistiges Eintopfgericht,
die kriegt im Interview doch jedesmal Probleme
mit Worten die mehr als drei Silben haben."
Ich verkniff mir die
Erwiderung, dass man mangelnde Intelligenz - so man sich
derer
bewusst ist - mit ein bisschen Aktionismus tarnen kann, wer aber den
Zustand einer emotionalen
Amöbe vermittelt, weil die Haut hinter den
Ohren so gestrafft wurde, dass sie nächtens einige Tuben
Fettcreme
braucht um nicht zu reissen, der geht bald mit dem Einheitsgrinsen eines
Silvester Stallone
durch die Landschaft.
Weder als Reklame für
chirurgisches Können, noch für den Nachweis eines sonderlich hohen IQ
brauchbar.
Ich würde Rita sowieso nicht davon abhalten können,
demnächst ihren Busen in Habacht-Stellung
bringen zu lassen, in der
Hoffnung, sobald Mister Right an ihrem Horizont auftauche, würden sich
diese Ausgaben amortisieren.
Leider waren die männlichen
Exemplare, die in letzter Zeit auf Ritas vorgetäuschte Jugendlichkeit
ansprangen, Exemplare der Sorte die im Leben zu kurz gekommen schienen,
was dann meistens
auch auf ihre sexuelle Disposition zutraf.
Das
wiederum kam bei Rita nicht an, sie stand auf Dauereinsatz ohne Viagra.
Ich
fürchte, sie wird sich - so er im passenden Alter sein soll - ihren
Mister Right backen lassen müssen.
Freiheit des Denkens und
Handelns war etwas, das für Rita nicht auf der Liste ihrer
Begehrlichkeiten
stand, sie ließ sich lieber mit Kleinmädchengehabe
dirigieren, vorausgesetzt, der Dirigent war bereit,
ihr einen
angemessenen Unterhaltsstatus zu garantieren, gelegentliches Shopping in
Mailand inbegriffen.
Nun könnte man denken, Rita sei nichts
weiter als eine hohle Nuss.
Weit gefehlt, sie war durchaus eine
verlässliche Freundin und obendrein ein Quell der Heiterkeit,
wenn sie
mal wieder einen Versorger verloren hatte, was mit zunehmendem Alter
immer öfter geschah.
Sie pflegte dann nicht lange zu trauern, weil
schon längst ein neuer Kandidat auf ihrer Eroberungsliste
stand, der
bereit war, für eine vorzeigbare Dame an seiner Seite entsprechend zu
löhnen.
Gut, Rita ließ sich zwar aushalten, war aber der Meinung,
ihr Einsatz sei einem Arbeitsverhältnis
durchaus gleichzusetzen, er
werde nur besser bezahlt.
Auf jeden Fall aber schienen wir beide
der beste Beweis dafür zu sein, dass eine enge Freundschaft
zwischen
zwei Menschen, die so unterschiedlich denken und agieren wie wir beide,
nicht nur durchaus
im Rahmen des Möglichen liegt, sondern auch sehr
bereichernd sein kann.
Nicht zu ersetzen durch einen Abend mit
Rotweintrinkern und Strickjackenträgern.
Die Sorte kam daher in
meinem Umfeld nur vor, wenn es mich gelüstete intellektuelle Klimmzüge
zu machen, was mit zunehmendem Alter aber nicht mehr zu dem gehörte, was
ich früher immer,
*wir geben dem Affen Zucker* genannt habe.
Schon
eine Woche nach dieser Unterhaltung tauchte Rita mit einem Typ auf, der
in die Rubrik
alternder Playboy einzuordnen war. Stinkreich aber nicht
nur so nutzlos wie ein Kartoffelkäfer
kurz vor der Ernte, sondern auch
nahe am Pflegestatus, er war Dialysepatient.
Höchste Zeit, mit
Rita das Wahrheitsspiel einzuläuten.
Zwei Stunden einander nur die
Wahrheit zu sagen, das konnte zwar durchaus aus dem Ruder laufen,
aber,
es klärte absolut jede Situation.
Rita startete das Gespräch
leicht trotzig,
" Ich sage ja immer, je weniger man weiss umso
besser, aber meine Eltern haben mich trotzdem
zur Schule geschickt."
"Ja,
nur haben sie Dir da wohl kaum beigebracht, Geschmacks- und Geruchssinn
zu vergewaltigen,
der Kerl stinkt dermaßen aus dem Hals, dass es einem
Umweltvergehen nahe kommt, wie willst Du
den über längere Zeit
ertragen?"
"Sag Du es mir, Du bist doch hier die Lebenskünstlerin
und hast für Deine späten Jahre ausgesorgt.
Außerdem hat er mir soeben
seine Villa in Santa Barbara überschrieben, ein Millionenobjekt,
dafür
kann man dann wohl schon mal" ....Rita seufzte theatralisch.
Es
musste sein....
"Calium wirkt bei Dialysepatienten tödlich und lässt
sich schon 6 Stunden nach dem Tod nicht
mehr im Körper nachweisen, "
erwiderte ich wahrheitsgemäß.
Der Blick aus Ritas entsetzt
aufgerissenen Augen klärte dann, dass nur 5 Sekunden die Wahrheit
zu
sagen, zuweilen mörderisch in seiner Konsequenz sein kann.
