Trucker Joe


Klara war schon immer so zuverlässig wie der Busfahrplan in Albanien.
Ich wusste, für unsere gemeinsame Reise an den
Gardasee  würde ich sie nicht nur aufwecken, sondern auch ihren Koffer packen müssen.
Die Überlegung, es sei wesentlich stressfreier alleine in den Urlaub zu fahren, gab ich aber schnell wieder auf.
Klara war trotz aller Unzuverlässigkeit nicht nur meine beste Freundin, sondern auch die Person, die am ehesten geeignet war Kontakte zu schließen, etwas, das mir völlig abging.
Ehe ich eine Urlaubsbekanntschaft geschlossen hatte, stand das eventuelle Ziel meiner zögerlichen Annäherung bereits an der Rezeption und ließ sein Gepäck für die Rückreise abholen.

Als ich Klara endlich auf dem Beifahrersitz und ihren zerbeulten Koffer hinten verstaut hatte, sagte sie fröhlich "bemühe Dich bitte - wenn nicht zu verhindern - dann versicherungstechnisch freundlich zu verunfallen, was bedeutet, Blechschaden okay, Invalidität ist strikt zu vermeiden, bzw. auf ein Loch im Kopf zu beschränken, das sich nähen lässt."

" Halt die Klappe, Du sollst Dich auf Deine Lotsenaufgaben beschränken und ansonsten allenfalls Laut geben, wenn Du Pippi machen musst",
sagte ich nervös.

" Okay, Du hast also wieder mal das Navi nicht programmiert, dann werde ich das mal tun," Klara begann an dem Gerät zu fummeln und der Platz in meinem Smart wurde beängstigend eng. Das Wägelchen hatte Halbautomatik und bei jedem Schalten stieß ich gegen Klaras Fummelfinger vor dem Armaturenbrett.

"Weg mit den Pfoten Klara, das Ding ist sowieso kaputt, mit Theobald wäre ich neulich fast in den Rhein gefahren, weil er darauf bestanden hat, mich ins Flussbett dirigieren zu wollen".

"Wer sein Navi Theobald nennt, verdient es auch ersäuft zu werden," sagte Klara gelassen.

"Der hält sich doch für ein Alphamännchen, dabei sollte in seinem Fall die Betonung eher auf *Männchen* liegen, erwiderte ich abschätzig.

"Psst, willst Du ihn unbedingt verstimmen?"  Klara bestand darauf, meinem Navi menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, was dann auch
erklären sollte, wieso Theobald des öfteren zu männlichen Fehlinterpretationen des einzuschlagenden Weges neigte.

" Nimm die Landkarte aus dem Handschuhfach, damit kommen wir dann auch an den Gardasee, anstatt irgendwo theobaldesk jenseits befahrener
Gegenden mit dem letzten Sprittropfen den ADAC rufen zu müssen."  Mein Vertrauen in Navigationsgeräte war mehr als unterentwickelt.

" Landkarte?" Klara kreischte fast. "Wer soll die denn lesen? Ich etwa?"

" Nun krieg Dich mal wieder ein, da hängt ein Internetroutenplan dran, doppelt gemoppelt hält besser, den wirste doch wohl lesen können."

Fünf Stunden später landeten wir tatsächlich in unserer Bleibe am Ufer des Gardasees, aber nicht alleine.
Klara hatte unterwegs an zwei Pippipausen-Raststätten zwei junge Männer in einem roten Lamborghini und einen Trucker aufgetan, die alle
erklärten, das gleiche Ziel zu haben und ihr die Mühe abnehmen zu wollen, etwas so schofles wie einen Internetroutenplan zu benutzen.
Die Dinger enthielten ohnehin keine der Baustellen samt Umleitungen, die es unterwegs geben würde.

Wer sich jetzt vorstellen möchte, welche Gewalt sich die Driver beider fahrbaren Untersätze antun mussten, sich auf der Höhe des Smart zu halten, der bekommt eine ungefähre Vorstellung von männlicher
Leidensbereitschaft.
Der Lamborghini fuhr garantiert 300km lang unter seinen Möglichkeiten und der Trucker versuchte verzweifelt mit seinem Riesengefährt den Anschluss an den Smart zu halten, der sich seinerseits entschlossen hatte, wenigstens Speed 130 zu fliegen.

Klara als Magnet schaffte sie alle drei.
Und mich auch, denn ich machte mir bereits Sorgen darüber, ob der Trucker nicht bei der Ankunft darauf bestehen würde, in unserer Ferienwohnung zu nächtigen.
Die beiden Lamborghinis sahen nicht so aus, als würden sie eine Unterkunft mittlerer Preislage in diesem Leben schon einmal angepeilt haben, die würden garantiert nur vor einem 5-Sterne-Hotel den Fuß vom Gas nehmen.

"Der Trucker ist eine gute Chance für Dich," sagte Klara fröhlich, "ist das nicht ein nettes Kerlchen, so männlich breit und sonnengebräunt."

"Sei realistisch" erwiderte ich grämlich, der liegt möglicherweise bei jedem Stop auf einer Sonnenbank und außerdem muss der nicht nur seine Fracht abliefern, sondern er sieht auch nicht aus, als habe er mich auch nur wahrgenommen. Der ist darauf aus, die beiden Lamborghinis auszustechen und zwar bei Dir."

" Du scheinst blind zu sein Elena," Klara zuckte die Achsel, "wie kann einem nur entgehen, wenn ein männliches Wesen auf Umwegen zum Ziel kommen muss, denn Du kriegst ja mal wieder die Zähne nicht auseinander. Du könntest aber zumindest mitkriegen, dass Trucker-Joe zwar mit mir spricht, Dich aber nicht aus den Augen lässt.

"Preise ihn jetzt nicht an wie Sauerbier, es sei denn, Du hälst ihn für meine letzte Chance, was dann wieder kein allzu günstiges Licht auf mich werfen dürfte."
Ich hatte in diesem Moment nicht vor, mit Klara darüber zu sprechen, dass Joe und seine ruhige, gelassene Art mich mehr beeindruckten als ich zugeben wollte.

"Ich habe eher das Gefühl, Du willst bereits am
ersten Tag unseres Aufenthaltes dafür sorgen, dass ich Deine Kreise nicht störe, welchen der beiden Lamborghinis hast Du Dir denn ausgesucht? Plüsch oder Plum?"

"Siehste, siehste, Du hast Dir nicht mal ihre Namen gemerkt, sie heißen Fred und Bert, wobei ich für Bert plädiere," Klara blies genüsslich ihren Kaugummi zu einer fetten Blase auf und warf eroberungsbereit ihre wundervolle schwarze Mähne in den Nacken.

"Du guckst mal wieder nicht hinter die Fassade, wenn schon einer von beiden als Urlaubsflirt in Frage kommen sollte, dann konzentriere Dich auf Plüsch alias Fred, denn dem gehört nicht nur das tolle
Angebergefährt, sondern er hat auch an den Raststätten die Zeche für sich und seinen Kumpel bezahlt, auf sowas achte ich dann Herzchen."

"Ach wirklich, dann muss ich meine Endwahl  noch etwas in der Schwebe halten und mit beiden ausgehen, bis ich weiß, wer von beiden sich das Ritz leisten kann."
Klara lachte, wir wussten beide, dass sie dergleichen nicht mal ansatzweise in Betracht zog, wenn sie sich verliebt hatte.
Der letzte Kandidat auf ihrer Liste war ein arbeitsloser Bauarbeiter gewesen, für den sie die Aussicht, die Geliebte ihres Chefs zu werden, samt Arbeitsplatz aufgegeben hatte.
Sie war gewiss kein Sozialphobist die liebe Klara, würde also an unserem Urlaubsort noch ein paar Flirtexemplare auftun, ehe sie den Auserwählten in ihr Schlafzimmer ließ, sie liebte das Spiel mit ihren
Möglichkeiten und davon hatte sie mehr als genug.

Bei mir sah das anders aus. Urlaubslieben waren nicht mein Ding.
Also lag ich fast den ganzen ersten Urlaubstag am Strand, schwamm lange Strecken und fiel am Ende des ersten Tages in tiefen erschöpften Schlaf.
Relaxen pur war angesagt. Langeweile allerdings auch.

Am anderen Morgen stand ich schon sehr früh auf, ich wollte eine Bergtour machen und packte leise, um Klara nicht zu wecken, meinen kleinen Rucksack für eine Tagestour.
Eine kurze Notiz für Klara war schnell geschrieben und schon gegen fünf Uhr früh  - ehe der Tag allzu heiss werden konnte - war ich auf dem Weg.

Ich hatte mir das beliebte Ausflugsziel Monte Pizzocolo ausgesucht.

 Durch seine exponierte Lage an jener Stelle, an der sich der weiter nördlich sehr schmale Gardasee in eine weite Wasserfläche gen Süden öffnet, ist er von zahlreichen Ufern aus den verschiedensten Richtungen sichtbar.

Außerdem war er der niedrigste Berg und durchaus zu Fuß zu ereichen. Der Monte Pizzocolo besitzt auf Grund eines ausgeprägten Felsvorsprunges an seiner Nordostflanke eine sehr charakteristische Silhouette und einen hohen Wiedererkennungswert.

Das war wichtig, denn leider habe ich den Orientierungssinn einer Brieftaube mit Demenzerscheinungen. Hier aber konnte ich mich kaum verlaufen - so dachte ich - risikobereit.

Ich würde den Zugang über die nur mäßig ansteigenden Südhänge wählen.Die Flanken der Nordseite fallen im Vergleich dazu relativ steil ab.

Ich kam zügig voran, hatte mich aber doch in der Entfernung zum Monte Pizzocolo verschätzt, denn es war schon früher Nachmittag ehe ich den Südhang erreichte, ihn durchquerte und ans Klettern denken konnte.

Die Essenspause wurde auf 5 Minuten eingegrenzt und der Aufstieg. begann.

Dreißig Minuten später musste ich einsehen, dass ich diesen Weg falsch eingeschätzt hatte, ich war schon viel zu erschöpft um den Gipfel zu erreichen, saß total down auf einem Stein und beschloss, mir nicht länger etwas vor zu machen.

Also zurück.

Von meinem luftigen Sitz sah es so aus, als müsse ich mich etwas mehr rechts halten, um mir den Abstieg zu erleichtern.

Ich verließ die belebte Route.

Ein verhängnisvoller Entschluss, denn etwa zweihundert Meter tiefer riß der Halteriemen meines Rucksackes und bei dem Versuch, ihn festzuhalten, verlor ich die Balance und stürzte in eine Erdspalte, die ich zuvor nicht einmal wahrgenommen hatte.

Sehr tief war die Spalte nicht, aber bei dem Versuch heraus zu klettern schrie ich vor Schmerz, mein Fuß hing seltsam im Gelenk und schwoll sofort derart an, dass auch für einen Laien klar war, das war ein Bruch.

Panik erfasste mich, mein Handy im Rucksack hätte genau so gut auf dem Mond sein können, denn der Rucksack war nicht mit abgestürzt, sondern lag oberhalb der Spalte, unerreichbar für mich.

Ich schrie um Hilfe bis meine Stimme nur noch ein heiseres Krächzen war.

Keine Reaktion. Bei einbrechender Dämmerung bekam ich Besuch.
Fräulein Maus war sehr zutraulich und ich hütete mich, sie zu erschrecken, schien sie doch das einzige Lebewesen weit und breit zu sein, das bereit war, mich zur Kenntnis zu nehmen.

Um mich von den Schmerzen und der Angst vor der Nacht abzulenken, begann ich ein Gespräch mit ihr, in dessen Verlauf sie mir immer näher kam. Anscheinend gefiel ihr das was da zu hören war und ich beschloss, ihr das Märchen von der Feldmaus und der Stadtmaus zu erzählen.

Als ich zu der Stelle kam, an der Feldmaus auf ihren Stadtmäuserich traf, putzte meine kleine Genossin sich eroberungsbereit die Barthaare und rückte wieder ein Stückchen näher, so als wolle sie nichts verpassen.

"Ich bin zwar leider nicht Dein Mäuserich, aber, wie wär's, Du nimmst in Ermanglung einer besseren Gelegenheit mit mir vorlieb?"

Die Stimme kam aus dem Halbdunkel über mir und ich schrie erleichtert, was meine Mauszuhörerin zu einem jähen Sprung in ihr Erdloch veranlasste.

Im Licht des aufgehenden Mondes erkannte ich das Gesicht von Trucker Joe und ich wusste, noch nie in meinem Leben hatte der Anblick eines menschlichen Gesichtes mich mit solcher Freude erfüllt.

Joe sprang mit einem Satz in die Erdspalte, hob mich vorsichtig hoch wie ein kleines Kind und legte mir seine weiche, warme Holzfällerjacke  unter die ausgekühlten Glieder.

Erst danach gab er per Handy unseren Standort durch, denn es war klar, dass er mich nicht ins Tal tragen konnte.

Es dauerte, bis die Retter uns gefunden hatten und Joe saß die ganze Zeit hinter mir, ich spürte die Wärme seines Körpers und trank mit ihm aus einer Brandyflasche, fest überzeugt, dass er Recht damit hatte, dass die Schmerzen dann nachlassen und ich schläfrig würde.

Ich hätte ihm auch zugehört, wenn er italienische Lyrik vorgetragen hätte, denn ich wünschte mir nur, dass seine tiefe warme Stimme hörbar bleiben würde, so lange ich lebte.