Das Tausendfensterhaus

Ich habe die Wohnung direkt gegenüber dem Tausendfensterhaus bezogen
und glaube, das war eine gute Wahl.
Na gut, sie ist etwas eng, aber das - so dachte ich beim Bezug noch -
wurde ja wieder ausgeglichen durch die ausgezeichnete Verpflegung die
auf den weitläufigen Terrassen und vor allem aus dem
Selbstbedienungscafè unterhalb meiner Wohnung angeboten wurde.

Hier würde ich es mir und meinem Nachwuchs gut gehen lassen, das war
meine feste Absicht und den Rumtreiber, der mich geschwängert hatte,
den konnte von mir aus der Teufel holen, ich würde ihn nicht brauchen und meine
Kleinen seine Vatergefühle ebenso wenig.

Man nennt uns zwar Monogamisten, aber wie gesagt, davon hatte dieser
Nestflüchter noch nie was gehört, er verschwand, als sich
herausstellte, dass ich Zwillinge bekommen würde und mir blieb nichts
anderes übrig, als für meine Süßen herbei zu schaffen, was immer
möglich war und möglich war für ein intelligentes Weibchen meiner
Sorte eine Menge.
Die Ernährung schien also gesichert....sie schien gesichert,, denn urplötzlich
veränderte sich gegenüber dem Tausendfensterhaus die Situation von einem auf den anderen Tag.

Nichts gab es mehr auf den weitläufigen Terrassen und neben dem Cafè
dampfte es nur noch im Raucherpavillon , der Duft heißer Schokolade ,
der sonst so verführerisch in meine Behausung gedrungen war, gehörte
der Vergangenheit an.
Ich musste auf Tour gehen um die meinen zu ernähren

Was war passiert?
Das erfuhr ich dann, als der Hausmeister des Hauses mit den vielen Fenstern den Bewohnern, die ohnehin
 pausenlos wechselten, im Befehlton verbot, mich und meine Artgenossen zu füttern.
Der geneigte Leser wird spätestens hier erkannt haben, welcher Gattung ich angehöre, ich werde mein Hochzeitsfoto
einsetzen, da balzt der Kerl noch um mich herum, ohne erkennen zu lassen, dass er im Fach Zuverlässigkeit nichts reißen würde.




Ich bin eine Stadttaube und stolz darauf.

Und dies hier ist der hundertjährige Baum, in dessen höhlenartigen Vertiefung unsere erste gemeinsame Wohnung
errichtet wurde, zumindest dabei hat er mir dann geholfen dieser Fremdgänger.

Einen wirklichen Grund, aushäusig zu werden hat er nie gehabt, denn ich war mit Abstand die schönste Stadttaube auf
dem Gelände und so gesund wie ein rotbäckiger Apfel, einer von der süßen Sorte.
Der Spruch so mancher Zweibeiner, Stadttauben seien die Ratten der Vogelwelt und ihr Kot verschandele sämtliche
Häuserfronten, von den Keimen die wir verbreiten würden, ganz abgesehen, der schien auf mich und meine Reinlichkeit
so gar nicht zuzutreffen.

Aber ich hatte auch ganz andere Sorgen. Ich war allein erziehend und das bedeutete, ich musste meine Wohnung
verlassen, wenn meine Brut nicht verhungern sollte und das durfte nur auf Sichtnähe geschehen, ehe unsere Feinde,
meine schutzlosen Kleinen töten konnten.
In der weitläufigen Parkanlage gab es da manche Gefahr, die ich ausschließen musste und genau zu diesem Zeitpunkt traf ich auf Amber.

Ich hatte herausgefunden, dass das Riesenhaus mit den jetzt leeren Terrassen ein Krankenhaus war., hinter dessen
Glasfenster die Menschen dauernd wechselten, aber alle hielten sich an das Verbot, Stadttauben nicht mehr zu füttern.
Manche gern, andere nur mit Bedauern, das sie auch täglich laut werden ließen.
Bis auf ein kleines Mädchen, ohne Haare auf dem Kopf, schwach wie eine welkende Blume. So sah sie aus, aber so war sie nicht.
Sie war erfinderisch im Umgehen von Verboten und...sie sprach mit mir.
Emilie nannte sie mich und verwechselte mich niemals mit einem meiner Artgenossen.

" Emilie, sei schlau, komme ganz früh am Morgen, wenn sie alle noch schlafen, ich bin wach und werde dafür sorgen,
dass Du nicht unter gehst..und hinterlasse den Futterplatz leer, niemals mit Krümel oder den Sachen, die Du nicht magst,
 denn sonst fliegen wir auf und Deine Kleinen müssen hungern."

Das verstand ich sofort und es würde mir auch keine Mühe machen, meinen Essplatz sauber zu halten, schließlich
war ich nicht Irgendwer, sondern der Taubengesellschaft als Frau Saubermann bekannt, oft kopiert, aber nie erreicht.
Dass Amber  ein ganz besonderes kleines Mädchen war, wusste ich sofort. Ich war ihr unendlich dankbar, legte
den Kopf schief und gurrte leise.
Amber versorgte mich und...sie liebte mich ebenso wie ich sie. Richtigstellen muss ich aber, dass diese Liebe wenig
damit zu tun hatte, dass sie mich davor bewahrte auf der Futtersuche vergiftet, abgeschossen, oder gerissen zu werden,
was unweigerlich auch das AUS für meine Nachkommen bedeutet hätte, sondern Liebe und Sorge bei mir wuchsen,
weil Amber in diesem Krankenzimmer zu Hause zu sein schien.
Sie verschwand nicht von einem auf den anderen Tag, unsere Beziehung hatte also Zeit zu wachsen und sich zu festigen.
Dass sie dieses Haus nicht verlassen durfte und die Weißkittel so oft sorgenvoll an ihrem Bett standen, betrübte mich sehr
und wenn sie ihr Bett nicht verließ, weil sie zu schwach war, klopfte ich mit meinem Schnabel an die Fensterscheibe und
sandte ihr einen lieben Gruß.

Hungern mussten ich und die Meinen auch dann nicht, denn Amber wusste immer, wann ihre Behandlung sie aus dem
 üblichen Krankenhausalltag heraus riß und hatte in einer Schublade neben ihrem Bett Futter für mich gesammelt.
Morgens um vier öffnete sie dann nur die Schublade und ich hangelte mich durch den meistens offenen Fensterschlitz,
setzte mich auf Ambers Nachttisch und sprach leise und liebevoll auf sie ein.

Wenn das Krankenhaus erwachte, war ich längst wieder in meiner Wohnung und fütterte meine Zwillinge.

Mit den ersten Besuchern des Tages kam Ambers Vater und ich sah ihn oft in der Besucherecke weinen,
aber nie vor seinem Kind.
Eine Mama hatte Amber nicht, aber ich hörte ihren Vater einmal sagen, dass man zusammen sei, solange man
aneinander denkt und das schien Amber zu verstehen, denn an jedem Abend sprach sie mit ihrer Mama.
Amber und die tote Mutter waren nie wirklich getrennt.

Taubenkinder brauchen nur ein paar Menschenwochen um flügge zu sein und als meine Kleinen ihre ersten
Flugversuche starteten, dauert es nur noch ganz kurze Zeit und ich war wieder allein.
Einsam aber würde ich nie wieder sein, denn es gab Amber und wir trafen uns weiter Tag für Tag und Woche um Woche.
Bis dieses kleine liebenswerte Menschenkind die Klinik verlassen durfte. Das schien dann ein Tag für uns beide zu werden,
der ein Taubenherz brechen konnte. Am Abend zuvor sprach Amber mit ihrem Vater über mich, ich hörte ihn sagen, dass es
 keinen Unterschied mache, wie viele Tauben sie füttere, alle könne sie ohnehin nicht retten.

Und dann sagte Amber etwas, das mein Herz weinen ließ:

" Für Emilie macht es einen Unterschied, " antwortete Amber. "für sie bedeute ich Leben und Liebe und sie bedeutet für mich
die Hoffnung darauf, dass ich irgendwann zusammen mit ihr in unserem Garten sitzen und mich auf den kommenden Tag freue,
an dem auch ich so tun darf, als könne ich fliegen."

Schon im Morgengrauen erschien ich auf meinem Stammplatz vor Ambers Fenster, bereit, die unaufhaltsame Trennung hinzunehmen
und sie ließ mich sofort ein.

"Emilie jubelte sie, liebe, süße Emilie, willst Du mit mir kommen?"

Völlig perplex saß ich auf einem Bein und traute meinen Ohren nicht.
Mitkommen? Wohin?  Egal wohin, die Antwort hieß JA, JA, dreimal JA.
Wir waren zusammen und blieben es eine lange Zeit.

Heute aber ist der Tag meines endgültigen Abschiedes von Amber.  Auch ein Taubenleben geht einmal zu Ende, aber ich weiß,
dass sie mich nie vergessen wird.
Wir werden uns wieder sehen im Land hinter dem Regenbogen.