Das Tagebuch


Warten !
Auf den nächsten Tag, an dem alles besser werden muss?
Muss?
Zumeist blieb das ja nur eine Erwartung.
Aber immerhin eine, die jung erhält.
Dieses Warten, hoffen, sich wünschen, es gehört zur Jugend wie nichts sonst, es ist Leben.

Es macht wenig Sinn, im fortgeschrittenen Alter die noch kommenden Jahre nicht mehr akzeptieren
zu wollen nur weil da nicht mehr viel zu sein scheint, auf das zu warten sich lohnen würde.
Die Dinge, Ereignisse, auf die noch immer gewartet wird, haben sich allenfalls verändert, waren
 inhaltlich geschrumpft, aber dennoch für dieses eingeschränkte Leben eines frühen Sechzigers ebenso
entscheidend wie die Erwartungen der Jugend.
Warten hat für Aaron Roth dennoch etwas Destruktives, es scheint verschwendete Zeit, die lähmt,
passiv macht, denn alle Sinne sind darauf ausgerichtet, dass endlich passieren möge, worauf man so sehr wartet.

Natürlich geschah es fast nie.

Es war auch in Aarons Leben selten geschehen.
Und wenn endlich doch, dann zu einem Zeitpunkt, an dem es aufgehört hatte, wichtig zu sein.

Er hatte zu lange gewartet , um an dem Ergebnis noch die erhoffte Freude zu haben.
So war es mit den beruflichen Erfolgen und so war es mit den Wegbegleitern.
Als sein erster Roman veröffentlicht wurde, war er bereits in einem Alter, das ihn den unerwarteten,
aber dennoch in vielen Jahren so verzweifelt ersehnten Erfolg eher misstrauisch beäugen ließ.

Was wollten alle diese Leute plötzlich von ihm, die doch zuvor sein Schaffen nicht einmal hatten
zur Kenntnis nehmen wollen?
Jetzt hofierte man ihn als erfolgreichen Schriftsteller, aber das galt nicht ihm als Person , sondern dem nun a
nerkannten Mitglied der Szene .
Eine Szene, die ihm, je näher er ihr gekommen war, immer abstrakter, als seltsam verbogen und zum
Schluss sogar als krank erschienen war.
Eine Bühne der Eitelkeiten und auch der Zufälligkeiten.

Er wusste, sein literarischer Durchbruch hatte weniger mit der Qualität seines Schaffens zu tun, sondern
eher damit, dass er zufällig zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen war.

Ob er mit 62 einfach zu alt geworden war, die überbordende Freude früherer Jahre zu empfinden?

Wahrscheinlich. Er konnte die Distanz zu allem, was geschah nie mehr völlig aufgeben.

Zuweilen kam es ihm vor, als warte er zwar erneut, aber diesmal darauf , dass jemand des Weges kam,
der seinen Roman als Zufallsprodukt eines alternden Literaten entlarvte, von dem nun nicht mehr viel zu erhoffen sei.

Einer männlichen Margret Mitchell der Krimi-Literatur, der sein Pulver mit diesem überragenden Erstling ein
für allemal verschossen hatte.
Wodurch dann der Druck wuchs, das Gegenteil um jeden Preis beweisen zu müssen.

Er hatte es bewiesen.

Nur für wen? Warum fühlte er sich jetzt, nachdem er endgültig als Krimi Autor der Sonderklasse etabliert war,
so entsetzlich ausgebrannt und müde?
War es ein persönliches *burn out*, das nichts mehr aufzuheben vermochte, am allerwenigsten
die Frau an seiner Seite?

Auch sie war ihm Jahre zuvor unerreichbar erschienen. Um ihm dann, als er nichts mehr hoffte, wie
ein überreifer Apfel in den Schoss zu fallen?
Der Verdacht, dass ihre plötzliche Willfährigkeit eng mit seinem beruflichen Erfolg verknüpft schien,
hatte ihn nie so ganz verlassen.
Sie schien ihm zu wenig hungrig, hungrig auf ihn.
Ihr Sex hatte etwas professionelles, das sie möglichst schnell hinter sich zu bringen gedachte.
Zuweilen drängte es ihn buchstäblich, ihr Gesicht zu sehen, falls er ihr einen Obolus für eine dieser
schnellen und höchst unbefriedigenden Kopulationen auf den Nachttisch legen würde.

Doch auch für diese Art der ehelichen Auseinandersetzungen war er zu müde.
Er sah die Dinge wie sie waren, dessen war er sicher.
Macht und Geld waren überwältigende Aphrodisiaka, sie hatten ersichtlich gereicht, ihn für Vera
begehrenswert zu machen.

Er wollte so nicht denken, hasste sich dafür, dass er damit eine Liebe, die sie immer wieder beteuerte
in Zweifel zog, aber seinen Pragmatismus auszuschalten, das gelang mit den Jahren immer weniger.
Und irgendwann wurden dann die Befürchtungen, die tief in seiner Seele verborgen nur darauf warteten
an die Oberfläche zu stoßen, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Hatten sich manifestiert in einer simplen SMS Nachricht.
Auf einem ausrangierten Handy gelesen, das längst achtlos in einer Schublade lag und so gar keine
Verbindung mehr mit dem HIER und HEUTE zu haben schien.
Beweis dessen, was bisher nur eine Ahnung gewesen war.
Dass der immer erahnte Nebenbuhler seit langer Zeit sein Bruder Konrad war, das versetzte Aaron dann
allerdings den entscheidenden Schlag.
Vera und Kon, perfekte Tarnung anscheinend schon über Jahre.

Wer verdächtigt schon den eigenen Bruder.
Er tauchte auf wie es ihm beliebte, gehörte zur Familie, war unverdächtig.
Allenfalls guter Schwager. Da freute man sich doch, wenn die eigene Frau sich mit dem Bruder gut verstand.

Die zweite Katastrophe war eine lange erwartete, vorhersehbare.
Sein literarisches *Sesam Öffne Dich* war endgültig geplündert.

Das Kellerarchiv war nach nunmehr zehn Jahren geräumt.
Sein Geheimnis würde für immer das seine bleiben.

Niemand würde je erfahren, dass er seit nun mehr einem Jahrzehnt die private Hinterlassenschaft des
Gerichtsmediziners Adrian Tolkien ausbeutete,
der über jeden seiner *Fälle* akribische Notizen gemacht und nach Art eines Profilers bis zur Aufklärung
der Taten eng in die Ermittlungen eingeschaltet war.

Er war dabei den letzten *Fall* schriftstellerisch umzusetzen.
Danach würde die Quelle seiner Plot-Plagiate versiegen.
Es war also Zeit, seinen Abgang als Autor in Angriff zu nehmen.
Ansonsten würde es für jeden Leser und Literaturkritiker erkennbar, dass er allenfalls ein brillanter
Auftragsschreiber war, nicht mehr.
Es würde nicht mehr zu verbergen sein, dass er eine zündende Vorlage brauchte um Krimis schreiben zu
können, die dem Verlag buchstäblich aus der Hand gerissen wurden.
Für die Hyänen der Szene würde es überdeutlich werden, dass er eine hohle Nuss war.
Ausgebrannt, unfähig einen eigenen Plot auf die Beine zu stellen, der auch nur im Ansatz die Qualität
der bisherigen Texte erreichen würde.

Er würde nie vergessen auf welche absonderliche Weise er zu diesem Archiv gekommen war.

Adrian Tolkien war ermordet worden. Man hatte ihm in seinem Haus die Kehle durchgeschnitten,
den Kopf regelrecht abgetrennt und zwischen die Metallpfosten seines riesigen Bettes geklemmt.

Es war sofort klar, dass der Täter in der Schwulenszene zu suchen war.
Adrian hatte promiskuitiv gelebt und geerntet was er gesät hatte.
Wegen der schrecklichen Geschehnisse in dem großen alten Haus war die Immobilie nicht zu einem
anständigen Preis zu verkaufen, niemand mochte
in das Haus des Schreckens einziehen.
 
Niemand außer Aaron Roth, der Haus und Grundstück lange vor seiner Heirat mit Vera Krull,
dem Playmate des Monats, zu einem fast lächerlichen Preis erwarb
und zwar wie besehen.
Was bedeutete, er übernahm auch die Entrümpelung, es gab niemanden, der Anspruch darauf erhob.
Adrian Tolkien musste ein zutiefst einsamer Mensch gewesen sein, den nicht einmal die Zufallsgespielen
seiner Nächte zu vermissen schienen.

Aaron war viele Wochen damit beschäftigt, Tolkiens seltsames Leben Stück für Stück zu beleuchten und
stieß irgendwann auf den leeren Rollschrank im Keller und dahinter auf die Tür, mit einem seltsamen Zeichen
in arabisch


اليومية

die in ein gruftähnliches Gewölbe führte.

In einem handgeschnitzten Regal standen sechszehn Ordner, gefüllt mit akribischen Aufzeichnungen
über spektakuläre Morde der letzten dreissig Jahre.

Eine fantastische Fundgrube für einen Schriftsteller.
Aaron erkannte auf Anhieb, was ihm da in den Schoß gefallen war und nutzte seine Chance.
Tolkien hatte nicht nur die Ergebnisse seiner gerichtsmedizinischen Untersuchungen festgehalten,
sondern sich erkennbar auch Einblick in die Ermittlungen außerhalb der Gerichtsmedizin verschafft.
Danach zog er nach Art eines Profilers seine höchst persönlichen Schlussfolgerungen auf die jeweiligen
Täter und irgendwann, zumeist nach langwierigen Ermittlungen durch die zuständige Kriminalbehörde,
wurden die Fälle abgeschlossen.
Aber immer enthielten die Aktenordner lange vor der Verhaftung der Täter genaue Hinweise von
Tolkien, die voll ins Schwarze trafen.
Er war zwar nie maßgeblich an der kriminalistischen Aufklärung beteiligt, seine eigenen Recherchen
liefen offensichtlich jeweils im Verborgenen ab, aber er hatte die Fälle lange vor den damit befassten
Beamten gelöst und schien sich nie geirrt zu haben.
Ein bemerkenswerter Mann.
Aaron war fasziniert .

Das Potential seines Fundes war ihm sofort klar.
Er saß nächtelang in dem Gewölbe und sortierte die Fälle nach deren spektakulären Fakten.
Er registrierte und katalogisierte und hatte am Schluss ganze 75 Mordfälle aufgelistet, die er erzählerisch
umsetzen konnte.
Abenteuerliche, erregende, grausame, tiefenpsychologisch kranke Morde, alles war da vertreten,
Tolkien hatte keine Spontanmorde gesammelt, sondern alles, was aus dem Rahmen fiel.

Er musste eine makabere Freude am Außergewöhnlichen gehabt haben.
Nach nunmehr zehn Jahren gab es nur noch einen nicht ausgewerteten Ordner im Keller. Seine Erfolgsserie
näherte sich also unaufhaltsam dem Ende und mit ihr würden auch die meisten seiner Privilegien erlöschen.

Er wusste, wie es ehemaligen Prominenten erging.
Nach allzu kurzer Zeit krähte kein Hahn mehr nach ihnen.
Keine Reservierungen der besten Restaurantplätze mehr, keine Einladungen zu wichtigen Events und Vera?
Na ja, um sie musste er sich wohl die wenigsten Sorgen machen.
Sie hatte ja offensichtlich bereits eine Wahl getroffen und war nur noch nicht gegangen, weil sie nicht die
Absicht hatte, mit seinem Bruder Kon die
Betreiberin einer drittklassigen Bar zu werden und dessen chronischen Geldmangel zu teilen.
Da lebte es sich doch wesentlich komfortabler als Gattin eines bekannten Schriftstellers.

Langsam stieg Aaron die Stufen zum Kellerarchiv hinab.
Es war wie jedes mal wenn er einen neuen Roman begann.
Spannung und Vorfreude auf das, was er vorfinden würde, ließen ihn genussvoll zögern.
Er benahm sich wie ein Kind mit seinem auszupackenden Geburtstagsgeschenk als er den
Aktendeckel zurückschlug.

Er atmete plötzlich schwer, starrte auf das Deckblatt der Akte und schlug, den Zeigefinger
hastig befeuchtend, die nächste Seite auf.
Nichts..kein Fall....das konnte doch nicht wahr sein.
*Aufschlüsselung* stand in schwarzen dicken Lettern auf Seite EINS.

Aufgelistet waren dann in der Folge alle bisher von ihm bereits verarbeiteten Kriminalfälle.
Es war eine simple Statistik, kein letzter Fall, den es noch schriftstellerisch zu verarbeiten galt.
Fluchend wollte er den Ordner schon zuklappen, als ihm einige seltsame, immer wiederkehrende
 Zeichen auffielen, die hinter drei der spektakulärsten Fälle standen.
*CHI* war dort zu lesen, nur diese drei Buchstaben, nichts sonst.

Neugierig geworden begann er zu blättern.
Eiskalter Schreck fuhr ihm in alle Glieder. Bei diesen drei Fällen, er erinnerte sich genau, ging es
um die Morde von Psychopathen.
Die ermittelten Täter saßen lebenslänglich und waren irgendwann wegen der Grausamkeit ihrer Taten
in die Sicherungsverwahrung überstellt worden.

Aber hier hatte er die Wahrheit entdeckt.
Es gab nur einen Täter für alle drei Morde und der hieß Adrian Tolkien.
Die arabischen Runen auf der Eingangstür zu dem Gewölbe erhielten endlich einen Sinn,
es war die arabische Übersetzung für  *Tagebuch*.

Auf mindestens 100 DIN A4 Seiten hatte Tolkien alle Einzelheiten dieser Verbrechen geschildert,
begangen nur aus einem einzigen Grund.
Der Gerichtsmediziner hatte beweisen wollen, dass seine Intelligenz dem Fahndungseifer der jeweiligen
Sonderkommissionen überlegen war.

Das *perfekte Verbrechen* hatte ihn fasziniert und er hatte es begangen und das gleich dreifach.

CHI bedeutet nichts anderes als *ICH* und war die Kennzeichnung der drei Fälle,
bei denen er selbst der Täter gewesen war.

Seine Opfer waren jeweils in der Pathologie auf seinem eigenen Seziertisch gelandet und so gelang es ihm,
die Ergebnisse bereits im Vorfeld der Ermittlungen zu verfälschen und die Untersucher auf falsche
Spuren zu lenken.

Die Schilderungen waren von einer beispielhaften Grausamkeit, abgrundtiefer Bosheit und einem
Geltungsdrang, der Aaron erschaudern ließ, aber auch faszinierte.
Adrian Tolkien hatte nicht nur einen messerscharfen Verstand gehabt, sondern er war ein Mann,
der seine Mitmenschen hemmungslos manipulierte.
Sie in Fallen lockte, Schuldgefühle nicht kannte und Regeln brach wenn sie ihn behinderten.

Das begann bei ausgeklügelten Intrigen in seinem beruflichen Umfeld und steigerte sich über
Manipulationen an den Fahrzeugen seiner Kollegen bis hin zum vollendeten Mord.
Dieser Mann war das personifizierte Böse gewesen. Es war kein Wunder, dass er auf derart
bestialische Weise gestorben war.

Er musste einmal zuviel ein Leben aus der Bahn geworfen haben und das Pendel war zurück geschwungen.
Er hatte seinen Meister gefunden, denn sein Mörder war nie gefasst worden.

Die Faszination der Aufzeichnungen lag darin, dass hier ein Schurke seinen Charakter ausgelebt hatte
bis zum Exzess.

Er hatte seine Triumphgefühle mit peinlicher Genauigkeit zu Papier gebracht, im Unglück seiner
pfer regelrecht gebadet. Es las sich wie eine Serie
von sexuellen Höhepunkten, ein perverses Vergnügen am Leiden Anderer.

Besonders perfide, weil er in seinem Umfeld den verständnisvollen Zuhörer mimte, der Hilfe signalisierte,
nur um danach die Hoffnung Schöpfenden endgültig zu vernichten.
Und das machte er so geschickt, dass die Betrogenen niemals Verdacht schöpften.

Aaron Roth saß in dieser Nacht noch lange im Keller.
Er fühlte sich mitschuldig. Schuldig des geistigen Diebstahls, zwar begangen an einem psychopathischen Mörder,
aber gerade deshalb umso verwerflicher.

Er hatte Anerkennung und Reichtum auf etwas aufgebaut, das kein Ergebnis seiner eigenen Kreativität war.
Adrian Tolkien hatte noch ein Jahrzehnt nach seinem Tod ein letztes mal manipuliert und zwar ihn.

Am Morgen verließ Aaron das alte Haus, er würde nicht mehr zurückkehren