"Es ist soweit, ich kaufe mir jeden Morgen die Zeitung mit
den
Nachrufen und freue mich tierisch, dass ich noch nicht dabei bin,
Das
dürfte dann wohl der beste Beweis für Senilität sein, ich darf
ab sofort auf
meine Umwelt skurril wirken, ohne dass die das weiter
bemerkenswert
fände.
"Na ja, bis auf mich natürlich", sagte Albert und köpfte sein Ei.
"Es sieht dann immer so aus, als
habe man sein persönliches Ableben
gefälligst in Auftrag zu geben und überlebe nur noch aus reiner Renitenz.
Ach Albert, gäbe es ihn
nicht, müsste man ihn als Wegbegleiter für
die Seniorinnen in Haus Sonneneck glatt
erfinden.
Irgendwann in grauer Vorzeit hatte ich mal eine heiße Affäre mit
ihm,
aber das ist schon so lange her, dass es wohl jeder vergessen
hat,
einschließlich der beiden Beteiligten. Heute ist er wie ein
bequemes
Sofakissen, jederzeit bereit, für ein Nickerchen zur Verfügung
zu
stehen, aber das dann gleich für unsere gesamte weibliche
Bridgerunde.
Was will ein Mann auch machen, wenn er der Hahn im Korb ist,
weil seine
Altersgenossen in unserer Seniorenresidenz sich bereits zu ihren
Ahnen
versammelt haben. Ich glaube, derart begehrt war Albert in
seinen
fünfundachtzig Lebensjahren vorher zu keiner Zeit und wenn ich
meinen
sarkastischen Tag habe, dann sage ich ihm das auch unverblümt,
damit
er nicht völlig den Bezug zur Realität verliert.
Worauf er sich dann
in psychologisch untermauerten Betrachtungen über
das Ansteigen von Bosheit
im fortgeschrittenen Alter ergeht.
Er ist dann allerdings ironisch genug, auf meine
Frage, wo er denn während
seines Studiums gewesen sei, als dort Psychologie
gelehrt wurde,
lapidar zu anworten, " bei meinem
Psychotherapeuten."
Danach werde ich dann drei Tage gemieden, als habe ich
die Beulenpest.
Länger hält Albert es dann allerdings nicht aus. Wenn ich
erwähne,
dass ich gelegentlich von animalischen Instinkten getrieben sei,
dann
mischt er sich wieder ins Gespräch ein und erklärt, den Satz
sollte
ich mir auf Pappe malen und um den Hals hängen, damit
meine
Gesprächspartner gewarnt seien.
Nach dieser Bemerkung ist dann alles
wieder gut und Hanna Distel , die
ab sofort wieder Alberts Zuwendung
verliert, sieht aus, als habe sie
auf eine Zitrone gebíssen.
Ich muss
noch dahinter kommen, ob sie ihn wirklich liebt, oder ihn mir
nur streitig machen will, denn es ist offensichtlich, dass Albert kein Hehl
daraus macht, mit wem er sich trotz aller Differenzen am liebsten unterhält.
Sollte sie ihm echte Gefühle entgegen bringen, würde ich natürlich meine allseits anerkannten
Vorrechte auf seine
Aufmerksamkeit abgeben.
Abgeben?
Wie verrückt klingt das denn. Ich
kann doch nicht Alberts
Entscheidungen als etwas betrachten, das ich nach
Belieben steuern
kann.
Nein, wenn er Hanna Distel nicht ebenfalls als
späte Liebe akzeptiert,
sondern lieber mein Adlatus bleibt solange wir beide
in dieser
exclusiven Bude unser Unwesen treiben, dann ist
das
wohl etwas, das ich nicht beeinflussen kann.
Na ja....beeinflussen
schon, schließlich bin ich es, mit der sich
Albert schlapp lacht, wenn wir uns verschwörerisch ausmalen, zum welcher
Palastrevolution es wohl führen wird, wenn wir vor dem Frühgstück den ewigen
Nörglern dieser Nobelbude ein Tischkärtchen neben die Kaffeetasse
stellen, mit dem Spruch * nur keine Angst vorm Lebensabend, auch der endet bald.*
Wiederum, falls Albert beschließen sollte, Hanna
Distel in den Genuss seiner
Libido zu bringen, dann ist das wohl etwas, das
sich nicht beeinflussen lässt.
Obwohl alleine der Gedanke daran mich dazu
verführen könnte,
dem armen Albert stattdessen eine Runde im Erotik Chat zu
empfehlen.
Da kann er durchaus noch Furore machen und so eine flotte
Sechzigerin,
die wäre dann auch inspirierender als Objekt seiner
angestaubten
Sexualität.
Angestaubt? Das weiss ich doch gar
nicht.
Irgend so ein Sexuualtherapeut hat doch mal zu einem
impotenten
Kandidaten gemeint, durch Willenskraft ließe sich das
Unvorstellbare
erreichen.
Albert traue ich diese Willenskraft unter
bestimmten Umständen zwar
zu, habe aber Mühe damit, in dem Bild dann auch
Hanna Distel
unterzubringen.
Blut-saft-und kraftlos scheint sie so gar
nicht die Kandidatin für
Alberts Willenskraft zu sein.
Es heisst Elefanten
vergessen nie etwas, aber vielleicht schreiben sie
sich auch alles auf, wie
Albert.
Der führte Tagebuch und konnte mir auf die Stunde genau
sagen,
wann ich zuletzt dermaßen ausgeflippt war, dass es Zeit wurde
mir
eine kalte Dusche anzudrohen..
Tagebuch? Wieso fiel mir denn jetzt
erst ein, dass er das schon zu
Zeiten unserer Affäre getan hatte.
Die
Vorstellung.dass er nur eine Rückblende machen musste, um die
damaligen
Abläufe auch heute noch erbaulich zu finden, machte mich
etwas
wuschig.
Ich konnte ihn nicht Hanna überlassen, die Vorstellung, er würde
sich
die Anregung von damals aus seinem Tagebuch holen, um bei Hanna
seinen
Mann zu stehen, war dann doch etwas das ich nicht so anregend
fand.
Ich musste also recherchieren um heraus zu finden, ob die
beiden
demnächst auf Tuchfühlung gingen oder nicht.
Wenn ich mich recht
erinnere, neigte Albert dazu, Eroberugsfeldzüge
schriftlich
einzuleiten.
Zumindest hatte er das bei mir so gemacht.
Da erreichten mich
pausenlos die wundervollsten Liebesbriefe,
gespickt mit intelligenten
Abschweifungen ins Tagesgeschehen,
rundum eine kompakte
Verführungsstrategie, ohne dass man hätte sagen
können, er bedränge die
Person seiner Wahl.
Ich musste also nur darauf achten, ob etwa jetzt Hanna in
den Genuss
seiner bewährten Verführungsarien kam, denn dass das Alter etwas
daran
geändert hatte, auf welchem Weg er seinem Ziel näher kam, das war nicht zu
erwarten.
Darin war Albert wie alle Männer, was einmal gut gelaufen war,
wurde
für die Ewigkeit gepeichert, um bei passender Gelegenheit wiederholt
zu werden.
Ich achtete also mit Argusaugen darauf, ob Hannah
plötzlich abwesenden
Auges durch die Landschaft tapperte, weil sie sich der
pulitzerpreisverdächtigen
Traktätchen von Albert rühmen konnte.
Denen
würde sie erliegen, das wusste ich genau.
Ich wollte unbedingt wissen, wann
Hanna und Albert bei diesem Trieb
die Segel strichen und aufeinander zu
ruderten.
Wieso eigentlich, war ich etwa eifersüchtig?
An dieser
Stelle habe ich dann eine Schreibpause von vier Wochen
gemacht, ich war zu
wenig bereit ein klares JA zu setzen, Ich doch
nicht.
Wenn
Eifersucht, dann doch eine wenig sexuell gesteuerte, sondern eher
eine, die
Aufmerksamkeitsdefizite befürchtet.
Wie geschraubt klang denn das.
In gut
verständlichem Deutsch, ich wollte Albers Aufmerksamkeit und
Zuwendung nicht
an Hanna verlieren und auch an sonst niemanden.
Irgendwie klang das
dämlich, es wurde Zeit mich notfalls gewaltsam
daran zu erinnern, dass
Dämlichkeit nur bei der Jugend attraktiv
wirkt.
Diese Attraktivität
verliert sich bereits, wenn die Kandidatin über 40
ist, spätestens ab dann
muss sie sich als Entschuldigung für
Dussligkeit eine andere Ausrede
einfallen lassen.
Ach ja, die Zeit ist schon ein tückisches, kleines
Mistvieh.
Auch der Designerspiegel im Bad warf inzwischen ein Bild
zurück,
bei dem man am liebsten ausgerufen hätte, lieber Himmel wer bist
denn
Du?
Aber was solls, das Leben in einer Redidenz wie dem
Sonneneck
musste man sich schon selber spannend gestalten, oder sich
- wie
neulich im TV zu sehen - darauf einlassen als Vorführ-Oldie in
einer Soap
mitzuwirken, in der man dann seine brüchig gewordene
Rockstimme darauf
trimmen sollte, wenigstens noch in einem Chor Klangfarbe
zu imitieren.
So
einsam, dort mitzuwirken war keiner von uns, das wurde
einstimmig
festgestellt.
Nach dieser Lagebestimmung sagte Hanna dann mit
einem nicht
mißzuverstehenden Blick auf mich, wenn nichts los war, würde ich
was
los machen, das stand wohl für alle fest.
Aber zuerst einmal
machte Gevatter Tod was los, und enthob mich der
Mühe.
Mein Gegenüber am
Mittagstisch, der alte Geheimrat Röttgers wurde an
einem sonnigen Tag im Mai
auf der Parkbank im Vorgarten in einem
Zustand aufgefunden, der mit dem
Leben nicht mehr zu vereinbaren war, kurz und
bündig, er hatte den Löffel
abgegeben und damit die wöchentliche
Pokerrunde um einen gewieften
Spieler reduziert.
Entsprechend war die Stimmung bei Tisch und Hanna nicht
einmal dadurch
aufzumuntern, dass ich glaubhaft versicherte, damit aber
jetzt
wirklich nichts zu tun zu haben und versprach, ihr zum bevorstehenden
Geburtstag einen Zauberflöten BH zu schenken, den sie aber möglichst nie
vor
Zeugen ablegen sollte, denn damit gehe dann der Zauber
flöten.
Hanna war nicht aufzumuntern, wahrscheinlich sah sie sich schon
selbst
auf der Bahre aus dem Haus transportiert und da half dann nun nur
noch
ein genau so starker Schock in Richtung Lebenlust.
A l b e r
t.
Ich musste jegliches Anspruchsdenken fahren lassen.
Alberts
Zuspruch bis hin zur Anbaggervorstellung waren gefragt und er
begriff dann
auch gleich, dass Sträuben hier nichts half, Hanna war
trotz allem
Konkurrenzgehabe eine gute Freundin und die war jetzt aus ihrem
Tief zu
reissen.
"Dies ist die letzte Vorstellung, die ich auf Dein
Anraten
durchziehe," sagte Albert und sah aus, als habe man ihm befohlen,
Hanna zu ehelichen, aber ich wusste, damit hatte der Gute dann schon mal
zwei
Fliegen mit einer Klappe geschlagen, er durfte Hanna, ohne Regress
befürchten
zu müssen, voll anflirten
Tat aber mir gegenüber so, als
geschehe genau das nur, weil ich es so
wolle.
Albertchen glaubte also
immer noch, mich auf unsere alten Tage noch
austricksen zu können, er gab
eben nie auf.
Der Verdacht, dass ich genau durchschaute, wie angenehm er
seine Lage
fand, kam ihm nicht.
Aber wie sagte schon Shaw * das Recht auf
Dummheit gehört zum
Grundrecht der freien Entfaltung des
Individums*.
Wobei Albert natürlich nicht wirklich dumm war, sondern eben ein
Mann.
Die Einschätzung der eigenen Überlegenheit war also auch ihm ein
Leben
lang antrainiert worden und diese Sicht aufzugeben, gelang ihm dann
eher selten.
Aber wie gesagt, jetzt war Hanna an der Reihe,
aufgebaut zu werden
und der geneigte Leser mag erkennen, ich arbeitete per
Verzichtshaltung präzise an meinem Heiligenschein.
Woran auch
sonst, alle anderen Scheine waren ja inzwischen aufgegeben,
ich fuhr nicht
mehr Auto, mein Boot hatte ich auch verkauft,
Geblieben war mir nur die
Lizenz zur psychotherapeutischen Behandlung
meiner Mitmenschen, aber die
verlor nach Aufgabe meiner Praxis
ohnehin jede Bedeutung.
Was mich aber
nicht hinderte, Hannas Zustand zu erkennen und ihr
genau das zu verordnen,
wovon ich wusste, dass sie es brauchte.
Natürlich gab es sie auch in Haus
Sonneneck, die Sorte
Achtzigjähriger, die versuchten, die nicht mehr
vorhandenen Hormone
durch Viagra zu ersetzen.
Und gelegentlich wurden
sie sogar belohnt, denn immerhin gabs auch die
eine oder andere betagte Dame,
die nicht mehr so gut zu Fuß war, um
noch rechtzeitig auf den nächsten
Baum zu kommen.
Aber das war nicht Hannas Welt, ebensowenig wie
meine.
Dachte ich, denn dann geschah etwas, das zumindest meine Sicht
auf
Hanna mehr als nur leicht veränderte.
Zwei Tage nach Geheimrat
Röttgers Beisetzung zog Oskar Richter ein,
seines Zeichens ehemaliger
regionaler Politiker und ein ebensolcher
Schaumschläger wie es dieser
Berufsgattung zugeschrieben wird.
Zielgerichtet ließ er sich bereits am
zweiten Tag seiner Anwesenheit
an unseren Tisch setzen, sah sich um und
sondierte die Lage.
Erkannte das schwächste Glied in unserer Ablehnungskette
und begann
Hanna massiv zu belagern.
Noch nie ist eine Festung
schneller zu Kapitulation bereit gewesen.
Hanna sah sich urplötzlich in der
Situation einer gleich von zwei
kapitalen Hirschen belagerten Gefährtin und
nichts kann das seelische
Tief einer Frau entscheidender
beenden.
Zunächst erheitert, dann aber immer öfter mit Stirnrunzeln sah
ich zu,
wie sie zu tändeln begann wie eine Siebzehnjährige, sie
spielte.
Sich selbst hatte sie die Hauptrolle der Unwiderstehlichen
zugedacht
und Albert sollte nun diese Unwiderstehlichkeit mit einem neuen
massiv
auftretenden Verehrer teilen.
Das konnte ja nicht wahr sein,
denn Albert verhielt sich wie die
meisten Männer in einer solchen Situation,
er trat in den offenen
Kampf um die Gunst seiner Dame ein und versuchte,
seinen Gegner alt aussehen zu
lassen.
Diese beiden alten Gockel
verhielten sich also erwartungsgemäss,
obwohl ich doch zu wissen glaubte,
dass Albert nicht das Geringste an
Hanna lag.
Diesen gordischen Knoten
galt es zu lösen, bevor Albertchen
jegliches Zutrauen zu seinem
Gentleman-Charme auf ewig verlor.
Eine Aufgabe die jedes Einfühlungsvermögen
meiner Berufsgattung
erforderte.
Albert saß auf der Bank im Atrium
....regungslos.
"Was verdammt machst Du hier, ich habe Dich schon überall
gesucht."
" Ich sitze hier und warte".
"Worauf denn zur
Hölle."
" Darauf, dass etwas passiert bis ich 90 bin".
"Na dann
habe ich eine Neuigkeit für Dich," sagte ich mit fester
Stimme, "wir werden
heiraten bevor Du 86 bist, ist das Event genug?"
Albert sah zwar aus wie
vom Donner gerührt, aber keineswegs so, als
sei das ein unwillkommener
Schock.
Er wusste, dass uns beiden die Gesprächsthemen nie ausgehen
würden,
schließlich hatten wir doch sogar einen gemeínsamen
Sündenfall
aufzuarbeiten.
Nichts verklärt die Dinge so wie die Zeit und
wer weiss......
vielleicht bekam sein Tagebuch doch noch ein paar
lesenswerte
Einträge.
