Er wirkte auf mich, als würde er an Türen klingeln und die Leute
fragen, ob sie die frohe Botschaft schon gehört hätten.

Der Kerl war der Alptraum von Jemandem, der am Vortag verdorbenes
Shushi gegessen hatte.
Am liebsten hätte ich ihm höchstpersönlich eine Zehnerkarte Couch
verordnet,
Attacke.??...
Na ja, als er einzog, war das mein erster Gedanke, der sich dann aber
auflöste und harmlos kräuselnd verschwand.
Es war einfach unanständig, mit siebzig jeder Emotion nachzugeben.
Wen scherte es außerdem noch, was ein altes Weib dachte, ich konnte
mir mein Bauchgefühl sauer kochen lassen.
Die Kleine aus dem siebten Stock musste also alleine entscheiden, wie
sinnvoll es war, sich von diesem Lebemanntyp anbaggern zu lassen,
vielleicht war sie gar nicht so naiv.
Ich würde mir irgendwelche Sprüche verkneifen und vielleicht
eingreifen, wenn sich daraus ein Psychodramalettchen entwickeln
sollte.
Dass es nicht zu einem kompletten Drama mutierte, würde ich notfalls
zu verhindern wissen.

Es galt zu realisieren, meinen ehemaligen Beruf nicht in mein
Pensionärsdasein zu übertragen, auch wenn es mir leicht gefallen wäre,
die Abgründe, die sich durchaus rechts und links abzeichneten,
aufzudecken.
Es ging mich im Grunde nichts an, wer wen betrog oder schädigte.

Aber den Ordnungsblick auf meine Altersversorgung, den
konnte mir niemand verwehren.
Es wusste zwar niemand in Haus Rheinhort, dass ich die Besitzerin der
zwanzig Wohnungen in diesem siebenstöckigen Wohnblock in bester Lage
der Stadt war, aber als Ansprechperson für irgendwelche
Reparaturdienste war ich akzeptiert, hatte also auch in dieser Eigenschaft den grössten
Kontakt zu den Mietern der Wohneinheiten.
Man sah in mir sowas wie eine Hausmeisterin und mir wars recht so.
Es ist von Übel, wenn Mieter den Eigentümer im Hause wissen, das
verführt nur zu Anbiederungen und unerwünschtem Tratsch.

Dennoch würde ich auf Elena Kubicci achten, sie war zu schade, von
diesem Kerl vernascht zu werden.
Wieso ich meine Einschätzung keinen Moment in Frage stellte, hätte ich
nicht einmal durch Fakten belegen können. Die Härchen auf meinen
Unterarmen stellten sich bereits auf, wenn ich Otto Freiwalds
ansichtig wurde.
Niemals hätte ich ihm freiwillig die Wohnung vermietet, aber ich hatte
nicht verhindern können, dass er für ein Jahr einzog, weil sein
Kollege, der eigentlich der sehr angenehme Mieter dieser Wohnung war,
beruflich einen langfristigen Auslandsaufenthalt wahrnehmen musste und
mich gebeten hatte, in der fraglichen Zeit seinen Kollegen zu akzeptieren.

Jetzt war er also da und verfolgte Elena vom ersten Tag an mit
Blicken, die mehr als suspekt waren.
Sie waren auf eine widerliche Art begehrlich. Abschätzend, als
überlege er, wie lange sie wohl zu belagern sei, ehe ihr Widerstand
erlosch.
Dass sie nicht leicht zu haben war, hatte er bereits kapiert,
denn sie begegnete ihm zunächst mit freundlicher Zurückhaltung.

Ich würde es erfahren, falls Elena diese Haltung aufgab, denn die
Tratschtante des Hauses, Regina Zimperlich, hatte die Wohnung
gegenüber von Elenas Behausung und obwohl ich bei einem Gespräch mit
Regina immer das Gefühl hatte, zu einer Blutsspende aufgerufen zu
sein, war sie als Wachhund durchaus geeignet.

Ich musste also gar nicht auf die Praktiken eines Berufes zurück
greifen der mich nicht nur gelehrt hatten, eine perfekte
Menschenkenntnis zu entwickeln, ohne die ich längst die Radieschen von
unten besehen hätte.
Ich war vierzig Jahre Ermittlerin im Dienst einer besonderen
Behörde gewesen. Die organisierte Kriminaltät und die Mittel, mit
denen sie sich normaler Polizeiüberwachung erfolgreich entzog, waren
mir mehr als vertraut.
Kriminelle dieser Kategorie nützen die Schwäche der Gesellschaft aus,
die sich Verständnis nennt.
Meine Abteilung dagegen war mit allem ausgestattet, das im
Polizeidienst unter *nicht zugelassen* rangierte. Wir kümmerten uns
nicht um gesetzliche Ermittlungseingrenzungen und...unsere Ergebnisse
waren exhorbitant.

Dass Reginchen zuviel entging, fiel mir auf, als Elena eines Morgens
bei mir klingelte, um nach Kaffeesahne zu fragen und ihre Augen
seltsam entrückt aussahen.
Sie war zweifelsohne high und ich brauchte keine Bestätigung, wer ihr
zu dem Trip verholfen hatte.
Noch am gleichen Tag gelang es mir, meine technische Apparatur in
Ottos Wohnung zu installieren.
Ganz wohl war mir dabei zwar nicht, aber wieder einmal würde der Zweck
die Mittel heiligen, dessen war ich sicher und...wurde auch nicht
enttäuscht.

Schon zwei Tage später zeigte mir der Monitor in meinem Arbeitszimmer,
wie Otto es geschafft hatte, die Kleine anzufixen.
Er hatte sich angeboten, ihr bei den Klausuren zu helfen und damit
voll ins Schwarze getroffen, denn einem solchen Angebot konnte Elena
nicht widerstehen. Sie war zielstrebig und ehrgeizig, hatte aber
leider einige Defizite in Deutsch, denn sie war erst vor einem Jahr
aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert um in Deutschland BWL zu
studieren. Die Feinheiten der Deutschen Sprache entgingen ihr
zuweilen noch und in diese Lücke hatte Otto sich raffiniert mit dem
Angebot eingeschaltet, als ehemaliger Wirtschaftsprüfer könne er ihr
wertvolle Tips geben .
Irgendwann in einer Pause bot er ihr mit den Worten, das steigere ihre
geistige Aufnahmebereitschaft, einen Joint an, der perfekte Start für
eine Drogenkarriere

Ich handelte sofort.
Die Semsterferien hatten gerade begonnen und obwohl Elena in dieser
Zeit beabsichtigte, sich die Semestergebühren durch Übersetzungsarbeit
in einem russischen Wirtschaftsunternehmen zu verdienen, war sie nur
allzu bereit, stattdessen einen kostenlosen Spezial-PC Kurs
wahrzunehmen, bei dem ihr zugesagt wurde, während eines dreiwöchigen
Aufenthaltes auf einer dem Ausbildungsort naheliegenden Beautyfarm
nachmittags als Empfangsdame arbeiten zu können.
Meine Kontakte funktionierten reibungslos und Elena war aus der
Schusslinie.

Ich hatte dafür gesorgt, dass sie abgeholt wurde und Otto demzufolge
ihre neue Adresse nicht bekannt war. Er hatte keine Zeit mehr
gefunden, sie zu einem letzten Gespräch einzuladen. Sie war seinem
Einflussbereich entzogen.
Die Kameras in seiner Wohnung blieben dennoch in Betrieb, ich würde es
zu verhindern wissen, dass er aus meinem Haus eine Dealerzentrale
machte.

Er musste trotzdem herausgefunden haben, dass ich bei dem plötzlichen
Verschwinden von Elena eine Rolle gespielt hatte, seiné Blicke wurden
bösartig. Es fehlte nur noch, dass er mir sagte, ich solle auf meine
Bettpfanne zurück kehren.

Aber ich musste ihn aus dem Haus haben, ehe Elena zurück kam und das
erforderte logistisches Handeln.

Einen Tag später traf ich Tom, meinen alten Boss, wie ich im Ruhestand.
Ich hatte mir mal eingebildet, dass es zwischen uns eine
besondere Verbindung gab, die nur deshalb nicht zu einer
gemeinsamen Zukunft führte, weil wir beide viel zu pofessionell waren,
um eine solche Beziehung zum Gefahrenpunkt werden zu lassen.
Unsere Arbeit war schon gefährlich genug.
Na ja, Tom war zudem gebunden und ich mochte seine Frau.

Er war nach der Pensionierung völlig aus meinem
Gesichtskreis verschwunden und nun stand er auf dem Markt am
Gemüsestand vor mir.
Attraktiv wie eh und je.

Zufall?
Daran durfte ich mit Recht zweifeln.
Tom war ein exellenter Planer.

Bei seinem Anblick hatte ich nicht zum erstenmal das Gefühl, meinen
Verstand auf der Reservebank deponiert zu haben, die alte Faszination
war ungebrochen.

"Na Carla," er lächelte, "Du hast Dich keinen Deut verändert", noch
immer nicht der Typ, dem man über die Straße helfen muss".

"Also wenn das Kompliment jetzt nicht mein Leben verändert, dann weiß
ich auch nicht.", erwiderte ich trocken, obwohl mir das Herz bis zum
Halse schlug.

Fünf Minuten später saßen wir im Straßencafè und arbeiteten die
letzten Jahre auf.
Die frühere Vertrautheit war wieder da, als habe es nie eine Trennung
gegeben.

"Die Jahre sind vergangen, wie Nebel der sich am Morgen auflöst und
plötzlich ist man zu alt," Tom grinste leicht ironisch, " man sieht
sich allenfalls im Autosalon um und streichelt im Gedenken an frühere
Zeiten leicht verliebt einen Lamborghini, bis der Verkäufer fragt,
wollen Sie ihn fahren oder ihm ein Kleid kaufen?"

"Nach dieser intelligenten Schlußfolgerung musst Du einen IQ haben wie
Tom Hanks in Forest Gump", ich konnnte meinen Sarkasmus mal wieder
nicht stoppen.
"Aber Hauptsache, die Seele ist top."

" Mein Gott, wie habe ich doch Deine Bissigkeit vermisst", Tom fasste
nach meiner Hand.

" So quälend kann das aber nicht gewesen sein, immerhin hattest Du ja
meine Adresse," ich war nicht gesonnen, die letzten Jahre und sein
Schweigen anstandlos zu akzeptieren.

" Ich weiß, wie das für Dich aussehen musste, aber ich konnte Dir
nicht sagen, dass meine Pensionierung keine war.
Ich wurde in den letzten Jahren in einer Undercovermission in
Süd-Afrika eingesetzt.
Jeder Kontakt zu meinem früheren Leben war brandgefährlich, ich konnte
nicht einmal zur Beisetzung meiner Frau nach Deutschland zurück kommen,
es hätte den ganzen Apparat auffliegen lassen, aber wer könnte das
besser verstehen als Du.," Tom sah mich eindringlich an.
"Aber jetzt ist Schluss damit, ich bin raus aus dem Geschäft. Außerdem
mag es ja eine Weile unterhaltsam sein, einer Horde Piranhas
zuzusehen, wie sie einander zerfleischen, aber auf Dauer wird das so
langweilig wie die Beobachtung einer Raupenkolonie beim verpuppen."
Er grinste mich übermütig an.

"Aber jetzt erzähle Du, was hast Du getrieben in den letzten fünf
Jahren?"

Welche Erleichterung, ich war nicht mehr allein mit meinen Sorgen,
Tom war da und ich wusste, er würde eine Lösung finden.
Einerlei hinter welcher Biedermannmaske Otto sich versteckte, Tom war
nicht zu täuschen.

Schon eine Woche später wurde Otto denkbar unruhig. Er wirkte seltsam
gehetzt und ich lehnte mich beruhigt zurück, Tom war in Action, das
wurde für mich offensichtlich.

Ich habe nie erfahren, wie er es gemacht hat, aber plötzlich war Otto
Freiwald verschwunden und wurde in unserer Stadt nie wieder gesichtet.

Auf meine Fragen sagte Tom nur lapidar,
"Ich halte es da mit Faulkner, der meint;
Versuche nicht besser zu sein als Deine Zeitgenossen, versuche nur
besser zu sein als Du selbst.
In diesem Fall hats funktioniert, heilige Gottesfurcht kann sehr
überzeugend wirken.

Ansonsten meine Liebe, Du weißt ja, auch wenn der Mensch nichts
besonders gut kann, sollte er sich dennoch alles zutrauen, das war
doch immer unser Grundsatz und wenn das vielleicht auch den Zustand
unserer Welt erklärt, in diesem Fall war der Gedanke mehr als nützlich
und nun lass uns endlich zwei Pensionäre sein, mit allem was dazu
gehört, vor allem aber, lass uns einander ohne Maske begegnen,
die meine ist ohnehin nicht mehr nötig.
Schau mir in die Augen Kleines"......

Und ich...schaute, zum erstenmal, ohne einen Gedanken an Konventionen,
Rücksichten oder Scham zu verschwenden.
Tom war bei mir und ich konnte mich ihm rückhaltlos öffnen