Seltsam wie sehr der Klang eines bestimmten Wortes Assoziationen auslöst, deren Bilder weit in der Vergangenheit liegen.
Ein solches Wort ist für mich *Hinterhaus*.

Sofort fühle ich mich mehr als ein halbes Jahrhundert zurückversetzt und sehe mich mit sechs Jahren, auf den Fußballen wippend,
durch die Dachluke unseres Hauses in das Paradies spähen.

Das lag für mich auf der anderen Straßenseite und war der Hinterhof eines dreistöckigen weißen Hauses, das die
Wohlhabenheit der Bewohner so deutlich für die ganze Straße machte, dass es überall * das
Schlösschen* genannt wurde.

Dieses Haus schien Reichtum und Sorglosigkeit regelrecht aus den Mauerporen zu schwitzen.
Dort wohnte das Kind mit den schönen neuen
Kleidern.
Das kleine Mädchen mit den blonden Locken und einem Wipproller, nach dem sich alles in mir schmerzhaft sehnte.

Ich konnte nur einen Teil dieses Hinterhofes wirklich einsehen und stellte mir vor, was es alles in dem nicht einsehbaren,
geheimnisvollen Schatten dahinter geben mochte.

Der Hinterhof war eigentlich nicht mehr als ein von weißen Mauern umgebenes Viereck mit einigen blumengeschmückten Nischen.
Eine davon hatte sich der blonde Lockenkopf als Spielzimmer auserkoren, darin hielt sie Hof wie eine Prinzessin, umsorgte
Dutzende von Puppen, baute ihren Kaufladen auf und all dies tat sie in dem
Wissen, dass ihr ein weniger begütertes kleines Mädchen von der anderen Straßenseite neidvoll zusah.

Ich weiß nicht, wann sie mich entdeckt hatte, aber seit einiger Zeit war klar, dass sie genau wusste, wann ich meinen
Beobachtungsplatz bezog.

Natürlich würde sie mich niemals auffordern mit ihr zu spielen, ich war ein Stadtmauerkind.
Unser Haus war wie eine überdimensionale Wabe an die alte brüchige Stadtmauer geklatscht, die mit ihren Quadern
die Rückwand dieser Häuser bildete.

Da gabs keine so genannte Belletage, keine großräumigen Zimmer mit hohen stuckverzierten Decken, wie ich sie
durch die hohen Fenster des Schlösschens sehen konnte, sondern kleine, fast zellenähnliche Räume, eine steile Treppe
 ins Dachgeschoss und das Plumpsklo auf dem Hof.
Sogar mit sechs Jahren ahnte ich, wie unüberwindlich die Mauer zwischen ihr und mir sein musste, dazu hätte es nicht
des Zeremoniells bedurft, dass der Lockenkopf regelmäßig aufführte, sobald sie meiner
Anwesenheit sicher war.

Mit aufreizender Langsamkeit setzte sie alle ihre Puppen auf das Geländer der zum Souterrain führenden Treppe.
 Gut sichtbar für mich saßen dort an die 10 wunderschön gekleidete Puppen mit Echthaar und beweglichen Gliedern.
Ich wusste, ich würde niemals auch nur eine davon mein eigen nennen und mein Herz brannte vor Verlangen.
Aus den Augenwinkeln beobachtete die Puppenmutter die Dachluke hinter deren Fensterscheibe sie mich wusste
 und wenn ich die Luke nicht sofort weiter öffnete, um besser sehen zu können, dann verlor sie die Lust an dem Spielchen
 und schnallte sich zwei silbern blitzende Rollschuhe um.
In weitem Schwung sauste sie auf den glatten Steinfliesen umher, aber immer darauf bedacht, dass sie ihre Pirouetten
nicht außerhalb meines
Gesichtsfeldes drehte.

Diese Rollschuhe, damals noch ohne dämpfenden Gummibelag, machten einen infernalischen Lärm auf den Fliesen
des hochherrschaftlichen Hinterhofes und das war das übliche Zeichen für Lockenköpfchens
Mutter.
Clarissa, Clarissa, rief sie aus einem der Fenster und ihre Stimme war so sanft und lieblich, dass Clarissa eine Weile
so tat, als habe sie den mahnenden Ton darin überhört.

Sie würde doch nicht....nein, sie fuhr noch eine letzte lärmende Runde und glitt dann elegant innerhalb meiner Sichtweite
in eine Auslauffigur, wobei ihr weiter himmelblauer Organzarock wie der offene Kelch einer Glockenblume um ihre Beine schwang.

Ich seufzte tief und dachte an meinen ausgeleierten Rollschuh, es war nur einer und den musste ich mit meiner Schwester teilen,
was jedes mal einen erbitterten Kampf bedeutete, denn Marlene war zwei Jahre älter als ich und hatte nicht die Absicht,
irgendetwas in unserem kargen Leben kampflos aufzugeben.

Na gut, wir waren beide daran gewöhnt, abwechselnd auf diesem einen Rollschuh balancierend, so was wie Professionalität
zu erreichen.
Sausten verwegen, mit dem freien Fuß Tempo machend, die asphaltierte Kirchstraße entlang und auch gelegentliche
Stürze konnten uns nicht davon abhalten, die Meisterschaft im Einerrollschuh bei den
Wettbewerben der Straßenkinder aus unserem Viertel anzustreben .

Aber dies hier, das war der Himmel. Ich stellte mir vor, wie ich mit diesen beiden Rollschuhen auftrumpfen würde.

Den widerlichen Gottfried aus dem Nachbarhaus, der auch nur einen Rollschuh hatte und mir jedes mal ein Bein stellte
wenn ich heransauste, den würde ich damit einfach an die Wand donnern, ich würde ihn zum Verlierer auf Lebenszeit
machen, allein der Gedanke ließ mein Herz höher schlagen.
Ein platt gewalzter Gottfried kam in meinen Wunschvorstellungen gleich hinter einem Paar Metall glänzender Rollschuhe
auf dem weihnachtlichen Gabentisch.

Natürlich würde sich beides nicht ereignen, ich konnte froh sein, wenn sich eine mitleidige Seele fand, die bereit war,
die Haltebolzen an unserem Rollschuh nachzuziehen, bevor er endgültig auseinander fiel.
Und was Gottfried betraf, den mussten Marlene und ich schon gemeinsam in die Mangel nehmen, was sich aber
wegen mangelnder Solidarität meiner Schwester auch nicht als sehr wahrscheinlich erwies.

Stattdessen *kriegte* er mich mal wieder an diesem Tag.
Diesmal hatte er direkt vor unserer Haustür auf mich gelauert und brachte mich zu Fall, bevor ich die Steinstufe vor
 unserem Haus übersprungen hatte.
Ich stürzte über sein ausgestrecktes Bein und knallte wie eine Flunder auf das Kopfsteinpflaster.
Irgendetwas knirschte erschreckend, jemand
schrie, ich glaube es war Marlene, aber mehr nahm ich nicht mehr wahr, ich trat ab ins Nirwana.

Über die Zeit danach habe ich nur noch eine verschwommene Erinnerung.

Es dauerte aus Kindersicht unendlich lange, bis mein gebrochenes Bein geheilt war und es dauerte noch länger,
bis es die alte Beweglichkeit zurück gewann. Noch heute, nach mehr als 50 Jahren, spüre ich beim
Wetterumschwung die Bruchstelle.

Mein letzter Blick auf Clarissa wurde es dennoch nicht.

Als ich aus der Klinik zurückkam, war sie ausgezogen und es hieß, der Vater sei in einen betrügerischen Bankrott verwickelt.
Ich hatte keine Ahnung, was das war, aber die Erwachsenen kriegten immer so einen abwertenden Zug um die Mundwinkel
wenn er erwähnt wurde.

Das *Schlösschen* wurde vermietet, Leute mittleren Alters zogen ein, sie hatten keine Kinder und so wurde aus der
Rückansicht ein ganz normaler gefliester Hinterhof, bar jeglichen Reizes für ein
neugieriges Nachbarskind.

Unser Dach hatte Opa längst repariert  und......Gottfried gabs auch nicht mehr, man hatte seine Verfehlungen aufgelistet
und befunden, er brauchte eine stärkere Hand, als die seiner etwas laschen Mutter.
Ein Onkel in der Eifel erbot sich, aus ihm einen tüchtigen Landwirt zu machen und ich hoffte lange Zeit, er würde Ställe
 ausmisten müssen, bis ihm der Dung aus den Ohren wuchs, aber....es kam ganz anders.

Ich war 28, längst Ehefrau und Mutter als ich Clarissa wieder sah.
Und zwar auf einem Kinoplakat.
Sie überstrahlte, rechts und links glühbirnenbeleuchtet, die gesamte Vorderwand des UNIVERSUM und war der
 viel bewunderte französische Star auf der Premierenfeier eines etwas kitschigen Liebesdramas.

Mein Herz klopfte, sollte ich sie um ein Autogramm angehen?
Es wäre ganz leicht gewesen, denn inzwischen gehörte ich durch meinen Mann zu den Honoratioren unserer Stadt
und hätte mir leicht eine Einladung verschaffen können.

Den Gedanken verwarf ich schon Sekunden später, es würde auch diesmal nicht zu einer Begegnung zwischen Clarissa
und mir kommen, denn in fast ebenso dicken Lettern stand unter ihrem Namen

**Regie Gottfried van Damm **

Gottfried Dammer aus der Kirchstraße war mir mal wieder zuvor gekommen.